Posts Tagged ‘Qualitätsjournalismus’

TV-Kritik: Facebook – Milliardengeschäft Freundschaft

14. Februar 2012

Es hätte so ein guter Beitrag werden können, aber die ARD hat die Chance vertan, etwas Sinnvolles zum Thema Medienkompetenz zu bringen, als der NDR die Dokumentation „Facebook – Milliardengeschäft Freundschaft“ ausstrahlte. Die wahnsinnige Erkenntnis: Facebook verdient Geld mit unseren Daten. Überraschung, das ist aber neu und das wusste noch keiner. Mich beschleicht das Gefühl: Die NDR-Kolleginnen Svea Eckert und Anika Giese finden Geld verdienen durch Werbung eine ganz üble Sache – logisch, wenn ich von GEZ-Gebühren lebe.

Die Beispiele des Beitrages waren so wie man es von klassischen Massenmedien gewohnt ist, jedes Klischee wurde bedient. Doch was sollte der Beitrag? Es war kein Wirtschaftsjournalismus, denn es waren zu wenig Finanzfakten genannt. Es war kein Enthüllungsjournalismus, denn dass Facebook an unseren Daten interessiert ist, ist auch nicht gerade neu. Vielleicht war es einfach der Versuch von alten Massenmedien die neuen Massenmedien in eine böse Ecke zu stellen. Was waren es noch für Zeiten, als nur (öffentlich-rechtliche) Journalisten Massenmedien bedienen durften.

Es hätte ein Beitrag über Medienkompetenz werden können, aber dafür waren die Herrschaften beim NDR wohl nicht in der Lage. Qualitätsjournalismus sieht anders aus. Der Beitrag bedient die Vorurteile, die Lieschen Müller hat, die schon immer wusste, dass Facebook was Böses ist. Es fehlten nur noch die Facebook-Parties, um das Maß voll zu machen.

In einem Interview geben sich die Autorinnen geheimnisvoll: „Doch je weiter wir vorgedrungen sind, desto mehr haben wir auch von der dunklen Seite des Geschäftsmodells gesehen.“

Ich verfolgte während der Ausstrahlung Twitter und Facebook und stelle fest: Die Nutzer der Netzwerke hatten nicht viel Verständnis für die Art des Beitrags. Die große Story war es nicht, neue Infos kamen auch nicht zu Tage. Auch aus dem Exklusiv-Interview mit Mark Zuckerberg kam mir zu wenig rüber. Die Erkenntnis, dass Facebook kostenlos ist, aber dennoch etwas kostet ist nicht gerade neu. Das Ganze war für mich ein hilfsloser Versuch die neuen Medien zu erklären, aber aus der Sicht der alten Medien. Zumindest Datenschützer Thilo Weichert hatte wieder einen guten Auftritt.

Netter Nebeneffekt: Schön, war es zu sehen, das die Freunde der Polizei Hannover anstiegen, als bekannt wurde, dass die Polizei über Facebook Bösewichter sucht.

 Hier ist die Doku in YouTube zu sehen:

Zu schnell und falsch: Zeitung veröffentlichte Artikel über gelungene „Wetten dass …“-Show

6. Dezember 2010

Was soll das ganze Gerede von Qualitätsjournalismus, wenn folgender Fall immer wieder vorkommt? Der Fall „Wetten das …“ hat gezeigt, unter welchen Bedingungen Tageszeitungsjournalismus heute produziert wird. Die österreichische Tageszeitung Österreich veröffentlichte eine TV-Kritik in einer Auflage von einer halben Millionen Exemplaren mit einer Geschichte über den TV-Auftritt von Take That bei „Wetten dass …“. Nur dumm, dass der Auftritt niemals stattfand. Die Show wurde nach einem Unfall abgebrochen. Der Artikel „So rockte Robbie Gottschalk“ erschien dennoch auf zwei Seiten, darunter die Seite 1. Bilder von dem Artikel gibt es hier bei Politikblogger.

Der Artikel war also vorproduziert und der Drucktermin war wohl lange vor Sendetermin und so kam eine absolut falsche Berichterstattung ins Blatt, eine Mischung aus Daily Mirror, Kronen Zeitung und Bild. Peinlich und zugleich ein Spiegelbild des aktuellen Printjournalismus, der gegen Online verliert, aber noch auf die Rezepte von gestern setzt. Die Zeitung Österreich ist oft schon übers Ziel hinausgeschossen. Mit der jüngsten Veröffentlichung zeigt man den Leser, wie gearbeitet wird.

Start der Digital Journalism Camp-Tour

15. Juni 2010

Ab heute bin ich für die SAE unterwegs, um den neuen Studiengang Digital Journalism an verschiedenen SAE-Standorten vorzustellen. Wir wissen alle: Journalismus im Online-Zeitalter funktioniert anders als das klassische Handwerk. Heute kommt kaum jemand daran vorbei, journalistische Inhalte auch in digitaler Form aufbereiten zu müssen. Jeder wurde schon mit den veränderten Anforderungen durch z.B. Blogs, Pod- und Videocasts und Soziale Netzwerke konfrontiert. Daher war es eine gute Idee, den Studiengang Digital Journalism an den Start zu bringen und eine noch bessere Idee war es, mich als Berater und Trainer zu engagieren (das aber nur am Rande). Wer einmal vorbeischauen will, hier geht es zur Anmeldung zu meiner Digital Journalism Camp-Tour.

In diesem Studiengang will ich Qualitätsjournalismus im digitalen Umfeld lehren. Ich habe den Verdacht bei meinen Diskussionen mit meinen Print-Kollegen, dass Online immer mit Mülljournalismus und Print immer mit Qualitätsjournalismus gleichgesetzt wird. So richtig spricht das keiner aus, doch ich werde den Verdacht nicht los. Dabei ist diese Differenzierung ein absoluter Quatsch. Sowohl im Print- als auch im Onlinebereich gibt es Juwelen und es gibt absoluten Dreck. Online ist nur schneller und dadurch besteht die Gefahr, schneller Müll zu verbreiten, wenn ich keine Ahnung davon habe, was ich eigentlich mache. Dieser Gefahr gilt es mit einer soliden Ausbildung vorzubeugen. Dazu wurde ein Lehrplan durch die SAE erarbeitet, der alle Facetten des heutigen Journalistenlebens abbildet. Ich durfte bei diesem Lehrplan mitarbeiten. Dies bedeutet klassische Tätigkeiten wie Recherche, Quellenpflege, Schreiben verknüpft mit technischen Fertigkeiten wie Video- oder Audioschnitt. Hinzu kommt ein hohes Maß an Infos über Marketing und Vertrieb, unter anderem durch Social Media-Techniken.

Ich freue mich schon auf die Diskussionen mit den potenziellen Studenten und mit Kollegen, die sich schon für die Digital Journalism Camp-Tour angemeldet haben. Natürlich werde ich auch über die Tour berichten in einem eigenen Blog und meinen Twitteraccount.

(Mein) Print-Journalismus der Zukunft

14. Juni 2010

Ich habe Zeit meines Lebens für Printobjekte gearbeitet und es geliebt: Tageszeitung, Wochenzeitung, Magazine, Special Interest und auch B2B-Produkte – das ganze Programm. Doch ich sehe Print in Gefahr, weil Papier nicht mit der Schnelligkeit von online mithalten kann oder Werbung in manchen Bereichen zu hohe Streuverluste hat. Daher habe ich mir ein paar Gedanken gemacht, die ich gerne teilen würde. Was braucht der neue (Qualitäts-)Journalismus im Print?

Zeitung muss mehr Orientierung geben. Die Zeitung als Nachrichtenplattform ist für mich nur noch begrenzt vorstellbar. Das war früher anders: Da kam ich aus der Redaktion und wusste, was morgen in der Zeitung steht und ich wusste es vor allen anderen. Die News erreichen mich heute auf anderem Wege, aber nicht mehr durch die gedruckte Zeitung. Die News, wie sie Agenturen liefern, sind austauschbar geworden. Das haben die Leser gemerkt und so wurden Zeitungen beliebig, weil sie alle die gleiche Quelle haben. Zeitungen müssen heute daher zum Navigator in der Informationswelt werden. Recherchieren, aufbereiten und bewerten – darum wird es Zukunft mehr gehen. Journalistische Darstellungsformen wie Reportage und vor allem der Kommentar werden wichtiger für die Orientierung. Und in Print gehören Themen, die den Leser auch wirklich interessieren, und nicht diejenigen, die der Journalist glaubt, was interessieren könnte. Die Zeitung der Zukunft wird schließlich vom Leser bezahlt und weniger vom Anzeigenkunden finanziert.

Nutzwert, Service und Identifikation sind die Schlüsselbegriffe. Dann weiß der Leser auch, wie die Zeitung ausgerichtet ist. Ich will keine Parteienpresse der Weimarer Zeit, aber ich will klare Standpunkte. Als Leser möchte ich mich mit meiner Zeitung identifizieren. Zeitung braucht Tendenz und muss dieser Tendenz treu bleiben.

Daher ist ein Leitbild eines Mediums wichtig. Früher fand ich Leitbilddiskussionen in der Branche schrecklich und heute weiß ich, wie wichtig eine Vision oder Leitbild ist.

In meiner Ausbildung, im Volontariat wurde mir eingetrichtert: Der Journalist ist der Gatekeeper. Das galt, aber es ist vorbei. Der Journalist der Zukunft ist Pathfinder und Gatewatcher. Ich recherchiere und ich beobachte und bringe das zu Papier für meine Zielgruppe. Das ist das Ende der klassischen Massenmedien, wie wir sie heute kennen. Ich schreibe für eine klar umrissene Zielgruppe und nicht für alle. Identifikation der Leser und der verbliebenen Anzeigenkunden mit dem Blatt werden die Folge sein. Das erhöht auch die Wertigkeit von Kommentaren. Ich werde damit zur Marke. Nicht nur die Publikation wird zu einer Marke, nein – auch ich werde zu einer Marke und Marken schaffen Identifikation und Reibung. Der Journalist als Marke gibt dem Medium ein Profil. Das bedeutet, dass der Schwerpunkt weniger auf Information, als vielmehr auf Emotion liegt. Und: Die Schreibe wird boulevard  – sie wird verständlicher, weil emotionaler.

Und das Wachstum hat ein Ende: Ich glaube nicht daran, dass Auflagen bis ins Unendliche gesteigert werden können. Vielmehr muss es gelingen, in meiner Zielgruppe eine Auflagensteigerung zu erreichen oder in der heutigen Zeit zumindest die Auflage zu stabilisieren. Das wäre ein Erfolg.

Für all diese Überlegungen braucht es eine neue Art von Journalisten. Denn es wird dadurch eine neue Art von Qualitätsjournalismus entstehen, für den die User auch bereit sind zu bezahlen. Aber nur für Qualität.