Posts Tagged ‘Landesverrat’

Filmtipp: Die Verlegerin von Steven Spielberg

12. Juli 2018

Es ist ein leiser Film mit leisen Tönen, aber die Sprengkraft der Aussage ist gewaltig. „Wir müssen die Kontrollinstanz für ihre Taten sein!“ Diese Aussage von Ben Bradlee, Chefredakteur der Washington Post, bringt den Film Die Verlegerin auf den Punkt. Der Film von Steven Spielberg ist ein großes amerikanisches Epos, ein Loblied auf den Journalismus der siebziger Jahre, der heute im Zeitalter von Trump und Putin dringender denn je ist. 

Im Film ging es um die Veröffentlichung der Pentagon Papiere, die zeigten, wie alle US-Regierungen seit Truman im Krieg in Südostasien verwickelt waren. Die Pentagon Papiere, die von Daniel „Dan“ Ellsberg zusammengetragen und von der New York Times veröffentlicht wurden, waren ein Glanzstück des investigativen Journalismus und schufen die Grundlage des späteren Watergate-Skandals um Richard Nixon. Im Grunde war Dan Ellsberg einer der ersten Whistleblower und dafür hat er meinen Respekt. 

Der leise Film Die Verlegerin von Spielberg zeigt die Entwicklung des Provinzblatts Washington Post zu einer der wichtigsten Zeitungen der USA, die später dank der Recherchen von Bob Woodward und Carl Bernstein den Watergate-Skandal aufdeckten. Auch hier griffen sie auf einen Whistleblower zurück: Den stellvertretenden Direktor des FBI. 

Das ist die eine Seite des Films. Auf der anderen Seite ist der Film ein Plädoyer für die Emanzipation. Der Film zeigt auch, wie schwer es Frauen in Führungspositionen haben. Katharine „Kay“ Graham führte nach dem Selbstmord ihres Mannes die Zeitung Washington Post in ein neues Zeitalter. Die Millionärserbin ist auf dem gesellschaftlichen Parkett zuhause und muss nun in die Männerdomäne des Verlagsgeschäfts vordringen. Meryl Streep spielt die Verlegerin fantastisch und Tom Hanks als Chefredakteur Ben Bradlee ist nicht minder genial. Kein Wunder, dass US-Präsident Trump die Schauspielerin Streep nicht ausstehen kann.

Als der Film beginnt, im Dschungelkrieg von Vietnam 1968, war ich an Spielbergs Einstieg in Sergant Private Ryan erinnert. Das Abschlachten am D-Day bei der Landung in der Normandie. Aber wir sind bei der Verlegerin nicht in einem Kriegsfilm, sondern in einem Polit-Krimi, der auf wahren Begebenheiten beruht. Der Film beginnt mit einer Lüge. Der Krieg in Vietnam ist nicht zu gewinnen. Die US-Regierung weiß es, schickt die Soldaten aber dennoch in den sinnlosen Krieg. Kein Präsident will die Schmach eines verlorenen Krieges verantworten. Erst Richard Nixon beendete den verlorenen Krieg, hatte außenpolitische Erfolge und musste innenpolitisch 1974 wegen üblen Machenschaften zurücktreten. US-Verteidigungsminister Robert McNamara lässt eine Studie mit 47 Bänden anfertigen, die das Engagement und den Krieg in Vietnam dokumentieren – für spätere wissenschaftliche Zwecke. Diese Studie ist unter Verschluss, wird aber von Ellsberg kopiert und in der New York Times Zug um Zug veröffentlicht. Auch die Post bekommen von den Pentagon Papieren etwas ab und veröffentlichen sie. Als die Times gerichtlich von Nixon und seinem Justizminister Mitchell gestoppt wird, greift die Post ein und zusammen mit anderen Zeitungen verteidigen sie die Pressefreiheit als hohes Gut in der US-Gesellschaft. 

Sind die Pentagon Papiere Landesverrat? Steht die nationale Sicherheit der USA auf dem Spiel? Was bedeutet die Veröffentlichung für die Zeitung? Fragen, die die Verlegerin Katharine „Kay“ Graham beantworten muss. Es ist großes Schauspiel, wie sich Merly Sleep windet und mich sich kämpft – und sich von ihrer alten Rolle verabschiedet. Endlich und endlich kommt die die Aussage: „Wir drucken – wir drucken!“

Neben den dramatischen Szenen liebe ich Steven Spielberg vor allem für eine kleine Einstellung, die mir zeigt, wie gut Spielberg auf der Klaviatur der Gefühlen spielen kann. Als die Pentagon Papiere von der Redaktion geordnet werden, verkauft die kleine Tochter von Ben Bradlee selbstgemachte Limo für 25 Cent pro Glas. Dann sind es 50 Cent und am Ende des Tages wenn die Redakteure ihre Geschichte fertig haben, da hat die Tochter ein fettes Bündel Dollarscheine verdient – das hat mir gefallen. Und klarer Tipp für den Film Die Verlegerin.

Am Mythos Franz Josef Strauß wird weiter gearbeitet

13. August 2015

Lange Zeit hing dieses Bild in Wildbad Kreuth bei der Hanns Seidel Stiftung.

Lange Zeit hing dieses Bild in Wildbad Kreuth bei der Hanns Seidel Stiftung.

Die CSU feiert ihren Übervater Franz Josef Strauß. Ich bin gespannt auf eine Podiumsdiskussion mit dem Weggefährten von FJS Wilfried Scharnagl, die nächste Woche bei der Hanns Seidel Stiftung in München stattfinden wird. Scharnagel war dicke mit Strauß: „Er schreibt, was ich denke, und ich denke, was Scharnagl schreibt“, soll Strauß gesagt haben. Kritisches wird bei der Veranstaltung zum 100. Geburtstag sicher nicht herauskommen. Wahrscheinlich aber viele kleine und große Geschichten, die den Ruhm des bayerischen Politikers mehren sollen.
Um mich den Phänomen FJS zu nähern, kramte ich in meiner Erinnerung. Ich war zu den Zeiten des Politikers noch ein Jugendlicher. In der Schule hatten ein paar Mitschüler die legendären Stopt Strauß Buttons auf ihren Bundeswehrparkas, die damals in Mode waren. Von Bayerns Finanzminister Markus Söder kursierte vor kurzem ein Jugendbild in Facebook. Söder hatte in seinem Jugendzimmer übers Bett ein FJS-Poster aufgehängt – Heldenverehrung der besonderen Art. Er bekam über 1400 Likes in Facebook und von mir ein Kopfschütteln für diese Glorifizierung.

Ich kann nur den Kopfschütteln bei dieser Heldenverehrung. Medial aber wieder ein Coup von Söder.

Ich kann nur den Kopfschütteln bei dieser Heldenverehrung. Medial aber wieder ein Coup von Söder.

Zwei Geschichten zu FJS, die mir eingefallen sind:
Bei uns in Fürstenfeldbruck, westlich von München, stand nach dem Volksfest das Festzelt leer und wurde von den Parteien zu politischen Veranstaltungen genutzt. Auch FJS hielt dort Hof. Es warben Plakate mit der Aufsschrift „Strauß spricht“ für den Event. Darunter das Datum, Zeit und Ort – mehr nicht. Keine Themen wurden proklamiert, sondern die Ankündigung allein reichte aus, das Festzelt zu füllen. Das war wahrlich eine starke Marke.
Zweite Geschichte: Bei einem Abendessen mit einem Freund meiner Eltern erinnerte er sich an seine Soldatenzeit, die in die Zeit der Wiederbewaffnung der Bundeswehr fiel. Dort lief er bei einem Manöver als einfacher Soldat auch FJS über den Weg. Minister Strauß setzte sich zu den einfachen Soldaten und speiste mit ihnen Erbsensuppe. Drei Wochen später traf bei einer anderen Veranstaltung der Soldat den Minister zufällig wieder. Strauß löste sich aus seiner Entourage und ging auf den Soldat zu, begrüßte ihn mit Namen. Für den Freund meiner Eltern war dieses Erlebnis prägend und zeigte das Namensgedächtnis von Strauß – Strauß ein Netzwerker.
Aber genug der Verklärung. Ich wollte mich mit der Person näher beschäftigen und besuchte die Ausstellung im Münchner Stadtmuseum Fanz Josef Strauß Die Macht der Bilder. Selten habe ich so ein Aufschaukeln von Gefühlen wahrnehmen können: Von seinen Freunden vergöttert, von seinen Gegnern verdammt, polarisierte er die öffentliche Debatte wie kein Zweiter. Wer sich durch YouTube klickt, wird diese Emotionen spüren.

Ein Besuch im Stadtmuseum brachte mich dem medialen Phänomen FJS näher.

Ein Besuch im Stadtmuseum brachte mich dem medialen Phänomen FJS näher.

Anhand von Fotografien, Plakaten, Zeitschriften und Filmdokumenten wurden Strategien der medialen Darstellung wie auch der visuellen Demontage aufgezeigt. Eine zentrale Bedeutung kam dabei den gestalterischen Mitteln zu, mit denen die inhaltlichen Aussagen transportiert werden. An ihnen ließen sich exemplarisch Fragen der Wirkungsästhetik und politischen Ikonografie behandeln, die weit über die Person Strauß hinausreichen. Ich platze bei Dreharbeiten von Erich Lejeune für tv München im Stadtmuseum herein, der Interview anlässlich FJS aufnahm. Auch hier zeigt sich, wie medial das Thema Strauß noch heute ist.

FJS_Ausstellung
Am politischen Lebensweg von Franz Josef Strauß lässt sich eindrücklich nachvollziehen, wie bereits seit den 1950er Jahren ein Trend zur Personalisierung einsetzte und sich dieser zunehmend verstärkte. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie wichtig die Imagebildung von Politikern für den Machterwerb und Machterhalt ist. Spätestens seit 1953, als Strauß in der Funktion eines Ministers für besondere Aufgaben dem Bundeskabinett angehörte, wurde das Interesse auch überregionaler und internationaler Medien an seiner Person geweckt. Es entstand eine Beziehung, die ihn zu einer öffentlichen Person machte und die sein gesamtes politisches Leben hindurch bis weit über seinen Tod hinaus andauern sollte. Viele der heute etablierten Bildstrategien der Repräsentation eines Politikers finden sich in den Darstellungen von Franz Josef Strauß wieder. Darunter klassische Rollen, wie die des Landesvaters, des „Mannes von nebenan“, die ihn in einer vorgeblich authentischen Privatsphäre bei einer Home Story zeigen, aber auch die des Visionärs und einflussreichen Staatsmanns.

IMG_2382
Nachdem die Vorwürfe gegen Netzpolitik.org wegen Landesverrat aufkamen, kommt natürlich die Spiegel-Affäre wieder auf den Tisch. „Bedingt abwehrbereit“ lautete der Titel eines Spiegel-Artikels, der den Zustand der Bundeswehr zeigte. Auf Initiative von Strauß und Adenauer wurden die Spiegel-Redakteure festgenommen und die Bundesrepublik gegen für die Pressefreiheit auf die Straße. Vor dem Bundestag log Strauß und musste zurücktreten. Strauß war ein Lügner, da gibt es nichts zu rütteln. Ja, die Sache mit der Wahrheit, damit hatte Strauß zeitlebens wohl seine Probleme.

Die Lektüre dieses Buches hat mich erschreckt,

Die Lektüre dieses Buches hat mich erschreckt,

Da ich viel für die bayerische Verwaltung arbeite, wählte ich aus den Unmengen von Strauß Biografien eine kritische Bestandsaufnahme aus: Macht und Missbrauch: Franz Josef Strauß und seine Nachfolger. Aufzeichnungen eines Ministerialbeamten von Wilhelm Schlötterer. Es ist die Autobiografie eines Finanzbeamten, der das Machtsystem Strauß darstellte. Die Lektüre hat mich erschreckt, denn wir alle sind vor dem Gesetz alle gleich, manche aber gleicher. Rechtsbeugung wirft das CSU-Mitglied Schlötterer dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten vor. Mit viel Zivilcourage warnt Schlötterer vor dem System Strauß: Filz und Korruption. Detailreich und mit viel Hintergrundwissen legt der Staatsbeamte Schlötterer seine Argumente dar und zeichnet ein anderes Bild als des treusorgenen Landesvaters. Ich rate unbedingt zur Lektüre des Buches, wenn man das politische System des damaligen Bayerns verstehen will. und viele, der damals handelnden Personen sind heute noch politisch aktiv.

IMG_2383
Letzte Geschichte zum Schluss: Ich erinnere mich an den Todestag und die Beerdigung in München. Ich hatte noch nie der Beerdigung eines Monarchen beigewohnt, aber eindruchsvoller hätte es nicht sein können. Sechs Pferde zogen die Lafette mit dem von einer bayerischen Fahne bedeckten Sarg von der Residenz über den Odeonsplatz und die Ludwigstraße zum Siegestor. Leider finde ich meine Fotos von damals nicht mehr. Am Mythos wird weiter gearbeitet – auch nach dem 100. Geburtstag von Franz Josef Strauß.