Posts Tagged ‘James Nachtwey’

Buchtipp: New York: Porträt einer Stadt von Reuel Golden

24. November 2021

Reisen in die USA sind grundsätzlich wieder möglich. Aufgrund von Corona war dies eine Zeitlang ja untersagt. Nun: Corona ist nicht besiegt, aber die Grenzen sind wieder offen. Ich habe für mich persönlich allerdings entschieden, mich mit dem Reisen erst noch zurückzuhalten. Aber ich schaue mir Übertragungen aus meiner Lieblingsstadt New York im Netz an und ich habe das Buch New York: Porträt einer Stadt von Reuel Golden zum Träumen gelesen. Gleich vorweg: Dieses Buch ist kein Reiseführer, sondern wirklich ein Porträt.

Und es ist schönes Storytelling. Es ist keine Bleiwüste an Geschichten, sondern die Geschichten werden anhand von Fotos eindrucksvoll erzählt. Ein Foto sagt eben mehr als 1000 Worte – so sagt das Sprichwort. Es bezieht sich darauf, dass komplizierte Sachverhalte oft mit einem Bild oder einer Darstellung sehr einfach erklärt werden können und ein Bild meist einen stärkeren Eindruck auf den Betrachter ausübt als ein umfangreicher Text. In der deutschen Sprache hat Kurt Tucholsky den Ausspruch 1926 als Überschrift zu einem fotoillustrierten Artikel in der Zeitschrift Uhu verwendet.

Und das weiß natürlich mein Lieblingsverlag: Der Taschen Verlag, der mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. Auf insgesamt fast 600 Seiten voller bewegender, atmosphärischer Bilder von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute präsentiert dieses Buch die Geschichte von New York. Die Bilder sind nach Dekaden geordnet und zeigen damit die Entwicklung dieser großartigen Zeit: Von blühenden Zeiten über zu Zeiten der Depression und des Niedergangs bis zum Aufblühen in der Gegenwart.

Hunderte von Zitaten und Zeugnissen aus einschlägigen Büchern, Kinofilmen, Shows und Songtexten ergänzen diesen Bilderschatz. Alle guten und schlechten Zeiten werden behandelt, von den wilden Nächten der Jazz-Ära und der hedonistischen Discozeit bis zu den bitteren Tagen der Wirtschaftskrise und dem Unglück vom 11. September und seinen Folgen. Und neben einer bebilderten Stadtgeschichte ist das Buch auch eine Reise durch das Who-is-who der Fotografenszene. Einige meiner Lieblingsfotografen sind hier vertreten wie Andreas Feininger, James Nachtwey und vielen anderen.
Also wer auf Reisen zum Big Apple geht oder zu Hause an New York denkt, der greife zu New York: Porträt einer Stadt.

Genesis 2.0 – Interview mit Regisseur Christian Frei

17. Februar 2019

Sehr gutes Gespräch: Matthias J. Lange mit Regisseur Christian Frei.

Sehr gutes Gespräch: Matthias J. Lange mit Regisseur Christian Frei.

Eigentlich dachte ich, das Thema ist irgendwie noch weit entfernt als ich den sehenswerten Dokumentarfilm Genesis 2.0 im Monopol Kino in München genoss. Mit Regisseur Christian Frei führte ich ein Interview, sah den Film, hörte das Filmgespräch und dann traf mich es massiv: Was in Genesis 2.0 thematisiert wurde, wurde inzwischen von der Realität eingeholt. 

In der Neuen Zürcher Zeitung NZZ las ich einen Bericht, dass chinesische Forscher die ersten Klone eines Affen präsentiertem, dessen Genom in einem frühen Embryonalstadium mithilfe der Genschere Crispr/Cas9 verändert wurde. Vor einem Jahr hatten die Chinesen  die Geburt zweier geklonter Affen bekanntgaben. Es waren die ersten geklonten Primaten; bis dahin hatten Forscher zwar Embryonen geklont, diese aber nie austragen lassen. Was im Film Genesis 2.0 von Christian Frei angesprochen wird, ist nun Realität. Mir läuft es kalt den Rücken herunter. 

Der Film Genesis 2.0 läuft in kleineren Kinos und auf zahlreichen Dokumentarfilm-Festivals und ist wirklich sehenswert. 

Als ich mitbekommen hatte, dass Christian Frei nach vier Jahren wieder einen Film gedreht hatte, war es für mich eine Selbstverständlichkeit, dass ich ihn mir ansah. War Christian Frei doch der Regisseur des bahnbrechenden Films War Photographer (2001), in dem er den Kriegsfotografen James Nachtwey begleitete. Damals ersann Frei eine Kamera, die auf dem Fotoapparat von Nachtwey angebracht war. Der Zuschauer erlebte die Eindrücke von Nachtwey aus seiner Perspektive als Fotograf. Da ich selbst viel fotografierte, schaute  ich mir nicht nur die erschreckend faszinierenden Fotos an, sondern nahm auch die Blenden- und Zeiteinstellungen wahr. In meinen Fotoseminaren war und ist War Photographer ein Lehrstück über Kriegsfotografie. Regisseur Frei wurde damals mit dem Oscar nominiert. 

Ein zweiter Film, der mich sehr beeindruckt hatte, war Im Tal der großen Buddhas (2005). Der Film handelt von den Buddha-Statuen von Bamiyan und deren Zerstörung am 12. März 2001 durch die Taliban. 

In meinem Interview sprachen wir zunächst über die Digitalisierung des Mediums Film sowie der Workflow der Filmentstehung. Bei Genesis 2.0 wurde aufgrund der digitalen Technik mehr Material vom Co-Regisseur Maxim Arbugaev gedreht. Arbugaev drehte für Frei in Sibirien, da Frei als Schweizer im russischen Militärsperrgebiet von der Regierung Putins keine Drehgenehmigung bekam. Frei selbst schneidet auf Avid und führt immer wieder Testscreenings durch. Bach Grading erfolgt ein sehr hoher Aufwand für den Ton. Gerade bei Genesis 2.0 ist der Ton enorm wichtig. Als Score wurde vorhandene Musik von Max Richter und Edward Artemyev herangezogen. 

Autogramm von Christian Frei.

Autogramm von Christian Frei.

Der Film dokumentiert den gefährlichen Alltag der Sammler von Mammutstoßzähnen, die sich alljährlich auf der abgelegenen Inselgruppe Neusibirische Inseln treffen und sich bei ihrer Suche durch den schmelzenden Permafrost graben müssen. Gleichzeitig porträtiert er Pioniere und Klonforscher, die sich an der neuen Grenze des Möglichen bewegen und aus dem schockgefrorenen genetischen Material das längst ausgestorbene Wollhaarmammut wieder zum Leben erwecken möchten. Die filmische Reise führt von der archaischen Landschaft der Inseln in ein Mammut-Museum in Jakutsk, zu Treffen von jungen Wissenschaftlern in Boston, zu einer kommerziellen Klon-Firma in Südkorea und zu einer Gen-Datenbank in China.

Als Reporterfilmer will sich Christian Frei mit seinem Filmrhythmus von vier Jahren nicht sehen. Sein Film Genesis 2.0 sieht er eher als Reisefilm. „Ich bin sehr interessiert am Realen“, gibt Frei in meinem Interview zu. Die Stilform des Doku-Dramas reizt Frei nicht. „Ich setze mehr auf die Authentizität des Realen.“ 

„Kino ist Emotion“, so Frei eindeutig. „Im Kino will man sich unterhalten lassen und man will etwas erleben.“ 

Schaut euch das Interview an. Es erzählt viel von Angst beim Drehen, von Verhältnis Bild und bewegtes Bild, von Richard Wagner, vom großen Kinoerlebnis in Afghanistan und natürlich eine Menge von Genesis 2.0: