Ich muss ehrlich zugeben, am Sonntagabend 13. Oktober war ich wirklich stocksauer. Als Wagner Fan wollte ich die Gelegenheit nutzen, erstmals online Karten für die Bayreuther Festspiele zu erwerben. Dies war uns Fans für 2013 als neuer Service für die Saison 2014 angekündigt worden.
Da ich am Sonntag arbeiten musste, habe ich mir für den Online Reservierung extra eine gewisse Zeit freigeschlagen. Um Punkt 18:00 Uhr rief ich die entsprechende Webseite in Bayreuth auf und musste feststellen, dass nichts, überhaupt nichts ging. Das selbstgestrickte PHP ist einfach zusammengebrochen. Irgend eine Agentur hat wohl schnell mal die Seite aufgesetzt, ohne sie unter Volllast zu testen. Volllast bedeutet, die gesamten Wagner-Fans weltweit sind um 18:00 Uhr auf diese Seite gegangen und siehe da, der Server ist zusammengebrochen. Ich kenne ja den Ansturm auf Websites, das letzte Mal beispielsweise auf die WWDC-Seite von Apple, wo innerhalb von 7 Sekunden alle Karten ausverkauft waren. Aber die Apple-Seite blieb am Netz und weiter, auch wenn die Karten innerhalb von sieben Sekunden verkauft waren. Vielleicht hätte die Familie Wagner einen Cloud-Dienst von Amazon bemühen können, die gewisse Erfahrung mit Ansturm auf Webseiten haben. In Bayreuth waren es wohl 5,3 Millionen Seitenaufrufe und ich war einer von ihnen.
Mit der Gattin in Tannhäuser 2013. Wie komme ich an Karten für 2014?
In den entsprechenden Wagner-Foren im Netz, auf Facebook und via E-Mail wurde auf den 18:00 Uhr Termin hingewiesen. Da ist es doch kein Wunder, dass bei einer selbst gestrickten Lösung der Server abschmiert muss. Und wie ein Depp sitze ich vor dem Rechner und versuche Karten für Tannhäuser, Parzival oder ein anderes Bühnenstück von Richard Wagner zu erhalten. Denkste, nix ging bei mir. Bei anderen Wagner-Kunden kam es zu einer eklatanten Datenpanne. Adressen anderer Kunden wurden eingespielt, falsche Rechnungen verschickt. Alles an allen ein Supergau in Sachen Datenschutz. Immer wieder wurde über Hackerangriffen und ähnlichen philosophiert, um einen Schuldigen zu finden. Dabei ist es wohl das eigene Unvermögen gewesen, den großen Datenmengen Herr zu werden. Liebe Familie Wagner, nehmt einfach mal Leute, die sich damit auskennen. Bei der Musik setzt ihr auch auf absolute Qualität. Bei der Online-Technik wohl nicht. Schade, Chance vertan. Es stellt sich mir die Frage: Wie komme ich an Bayreuth-Karten für 2014? Jemand eine Idee?
Ich fand Tannhäuser 2013 grausam, aber ich war dabei.
Der neue Ring kommt musikalisch hervorragend an, die Neuinszenierung musste dagegen massiv Kritik einstecken. Regisseur Frank Castorf ist gnadenlos ausgebuht und ausgepfiffen worden. Er nahm es locker, forderte sogar die Zuschauer auf lauter zu buhen und zeigte dem Publikum einen Vogel.
Was neben der Musik gut ankam, waren die Bühnenbilder der beiden ersten Ring-Teile. Diese stammten für Wagners Ring aus den Werkstätten von Studio Hamburg Media Consult International (MCI) GmbH. Zum ersten Mal vergaben die Bayreuther Festspiele die Bühnenbilder als komplette Auftragsarbeit. Die MCI baute die beiden Bühnenbilder in den Hamburger Werkstätten. Auf einer Drehscheibe im Durchmesser von 20,5 Metern und mit einer baulichen Gesamthöhe von bis zu 13 Metern ist das Ergebnis nicht nur in seinen Ausmaßen überzeugend: Bis zu 50 Mitarbeiter arbeiteten auf einer Vorbaufläche von 2.500 Quadratmetern auf dem Studio Hamburg-Gelände an der Realisierung. Das Ergebnis wurde schon im Frühjahr zu seinem Bestimmungsort auf den Grünen Hügel in Bayreuth transportiert. Dafür wurden die geteilten Bühnenelemente in den geeigneten Maßen auf 22 Trailer portioniert.
Die Mannschaft der Hamburger Werkstätten fügte dann vor Ort auf der Bühne im Festspielhaus in fünf Wochen das angelieferte Bühnenbild-Puzzle zusammen: Auf die eigens von der Planungsabteilung konzipierten, riesigen Drehscheibensegmente wurde die Bühnendekoration aufgebracht und zum Ganzen verbunden. Da der Festspielalltag einen täglich wechselnden Auf- und Abbau des jeweiligen Bühnenbildes vorsieht, war diese reversible Konstruktion eine Grundvoraussetzung für die Umsetzung.
Unter der Regie von Frank Castorf und nach dem Bühnenbildentwurf von Aleksandar Denic, wurden im „Siegfried“ vielfältige Motive realisiert, beispielsweise der Berliner Alexanderplatz mit einer funktionsfähigen, maßstabsgetreuen Nachbildung der Weltzeituhr oder die Darstellung eines kinetischen Fernsehturmfußes. Die Rückseite zeigt eine massive Felswand mit einer kommunistischen Karikatur des US-amerikanischen Mount Rushmore. In der „Götterdämmerung“ trifft als Szenerie das originalgetreue Portal der New Yorker Börse im Maßstab 1:3 auf eine Berliner Hinterhofwelt, sowie die 12 Meter hohe Neon-Reklamewand „Plaste und Elaste aus Schkopau“, ein Relikt aus DDR Zeiten.
In einer viermonatigen Konstruktionszeit und der effektiven Bauphase von zehn Wochen pro Bühnenbild ist es gelungen, ein beeindruckendes Resultat für die diesjährige Spielzeit im Wagner-Jubläumsjahr abzuliefern. Beide Produktionen werden in den kommenden vier Spielzeiten der Bayreuther Festspiele aufgeführt. Wer also dieses Mal keine Karten für Bayreuth bekommen hat, kann vielleicht 2014 die Inszenierung ausbuhen.
(c) der Fotos: Pressestelle Bayreuth Festspielhaus
Wagner im Kino – geht das überhaupt? Ich war sehr skeptisch, als ich den Anzug anzog und mich für die Premiere von Richard Wagners “Der fliegende Holländer” fertig machte. Ich hatte keine Karten für das Bayreuther Festspielhaus, sondern für das Scala-Kino in Fürstenfeldbruck. Die Premiere wurde in zahlreiche Kinos live auf die große Leinwand übertragen und mein Kino in Fürstenfeldbruck war auch mit dabei.
Aber da kam schon die erste Frage auf. Was zieht man für eine Festspielpremiere im Kino an? Normalerweise sind Jeans und T-Shirt die Bekleidung fürs Kino. Aber beim 200. Geburtstag des großen Richard Wagner gehen Jeans und T-Shirt gar nicht. Der Kompromiss war die Business-Klamotte mit Fliege und Einstecktuch. Die große Opernausstattung folgt dann, wenn ich in Bayreuth bin.
Viel Mühe haben sich die Mitarbeiter des Scala Kinos FFB gegeben.
Feierlich war das Ambiente im Scala Kino. Roter Teppich. Die Kino-Mitarbeiter haben sich in Abendkleid und Anzug gekleidet, es gab Sekt zur Begrüßung der rund 85 Wagner-Fans. Und ein kleines Menü für 7,50 Euro als Pausensnack hatte man vorbereitet. Nur dumm, dass es bei der Kurzoper Holländer keine Pause gibt. Aber egal, ich hab den Pausenimbiss einfach nachträglich gegessen.
Pausensnack – aber es gibt beim Holländer keine Pause.
Das Publikum war gemischt, meist ältere Herrschaften in siebziger Jahre Klamotte – nicht weil es Kult war, sondern weil man es noch im Schrank hatte. Und da waren sich auch, die Wagnerianer, die ihr Wissen um die Inszenierung zum Besten geben mussten. Leider benahmen sich einige Zuschauer auch so, als würden sie den neuen James Bond anschauen. Sie ratschten – und das bei Wagner. Frechheit! Da machte es eine ältere Dame besser, sie schlief beim ersten Aufzug gleich mal ein und wurde von ihrer Freundin aufgrund des Schnarchens wiederum geweckt. Ich muss auch zugeben, dass ich mir ein Bier mit in den Kinosaal nahm. In Bayreuth wäre ich des Festspielhauses verwiesen worden, aber in der Kreisstadt Fürstenfeldbruck geht so ein Kulturbruch.
Glas Sekt zur Begrüßung.
Dann begann die Übertragung mit einer Stunde Einführung. Musikjournalist Axel Brüggemann führte Interviews, verpasste die Ankunft von Horst Seehofer und Angela Merkel und wurde von Stardirigent Christian Thielemann zurechtgewiesen. Das Interview mit einem extrem lässigen Thielemann war super. Das iPhone auf dem Knie wies er den Schwätzer Brüggemann humorvoll zurecht.
Absolut cool: Christian Thielemann mit iPhone im Interview.
Die Inszenierung von Jan Philipp Gloger war keine Neuinszenierung, sie wurde bereits im vergangenen Jahr gezeigt. Der Holländer wurde von Samuel Yun wunderbar gesungen, der ja eigentlich vergangenes Jahr kurzfristig eingesprungen ist, nachdem der ursprüngliche Holländer-Bariton Evgeny Nikitin mit seinen Hackenkreuz-Tatoos für fetten Ärger sorgte und rausgeworfen wurde. Mir haben die Interpreten gefallen: Ricarda Merbeth als Senta, Tomislav Mužek als Erik, Benjamin Bruns als wunderbarer Steuermann und Franz-Josef Selig als Daland. Kritiker des Abends meinten, es sei zu wenig Kraftvolles dargeboten worden, ich fand es prima. In Bayreuth gab es Buh-Rufe für die Inszenierung von Gloger. Ich fand sie originell und humorvoll, die Kritiker fanden sie kindisch. Egal, mir hat es gefallen.
Nicht gefallen hat mir dagegen das Bild. Mehrere Bildausfälle in der Schaltung waren das eine, offene Kinotüren, weil sich Leute Pop Corn holen mussten, waren das andere. Wer aufs Klo muss, der bleibt draußen. So gilt es in Bayreuth und so sollte es auch im Kino gelten. Leute, geht vor der Vorstellung Wasser lassen und nicht während Wagner läuft. Banausen! Und ich tat mich anfangs schwer mit dem als Untertitel eingeblendeten Libretto. Ich brauchte einige Zeit, damit ich nicht lese, sondern höre. Aber für Wagner-Neulinge war es sicherlich eine Hilfe der Oper zu folgen.
Der Ton der Übertragung war nicht immer perfekt. In den stillen Parts hörte der Zuschauer Rauschen, die höhen Töne waren übersteuert. Die Akustik des Festpielhauses lässt sich eben doch nicht einfach ins Kino übertragen. Der Zauber von Bayreuth liegt in dem unsichtbaren Orchestergraben, in dem Thielemann seinen Job samt Festpielorchester wunderbar ableistet. Dafür waren die Kinokarten mit 30 Euro dann doch etwas billiger als die Karten in Bayreuth. Dort werde ich mir dieses Jahr den Tannhäuser anschauen, nachdem ich vergangenes Jahr Lohengrin genießen durfte.
Äh, äh. Edi Stoiber weiß nun wirklich nichts sinnvolles über Wagner zu sagen.
Heute jährt sich der 200. Geburtstag von Richard Wagner. Sollen wir diesen Geburtstag feiern? Ich meine ja. Für mich ist Wagner einer der wichtigsten Komponisten. Er hat bedeutende Klangwelten erschaffen, die in ein Gesamtkunstwerk münden. Musikalisch hat Wagner großartiges geleistet. Politisch ist Wagner aber abzulehnen.
Ich kann Leute verstehen, die Richard Wagner auch rundherum ablehnen. Politisch war der Mann ein Wirrkopf, der Feuer gelegt hat. Im Netz lese ich immer wieder: Kann man nach Auschwitz noch Wagner hören? Ich denke ja, werde aber hier die Diskussion nicht führen.
Das Interesse an Wagner wurde bei mir geweckt, als ich dem Begräbnis von Wagner-Biograf Martin Gregor Dellin beiwohnte. Ich habe darüber gebloggt, wie mich der Wagner-Virus gepackt hat. Wagner hat viele Fans, die keinen Spaß verstehen und energisch auf die hohe Kunst des Meisters beharren.
Ich begegnete über die Jahre aber auch unkomplizierten Wagner-Fans. Allen voran mein Ex-Kollege Gerhard, der leider 2012 verstorben ist. Er war in Bayreuth bei der Handwerkskammer beschäftigt und ich durfte als Pressereferent der HWK München und Oberbayern immer wieder zu Sitzungen mit ihm. Als wir eines Tages in Bayreuth tagten, lud er die Runde zu sich nach Hause ein. In seinem Wohnzimmer fanden wir sein Hobby vor: Er baute Wagner-Bühnenbilder mit Zinnfiguren detailgetreu nach. Jedes Jahr besorgte er sich die Bühnenbilder der aktuellen Inszenierungen und baute sie nach, stundenlang in Handarbeit Wie verrückt muss man denn sein? In feuchtfröhlicher Runde lauschten wir den Erklärungen und fanden einen unterhaltsamen und dennoch faszinierenden Zugang zu Richard Wagner. Danke dafür.
Wer heute nach Bayreuth kommt, wird von einer Wagner-Welle regelrecht überrollt. Zu Wagner komme ich wegen der Musik. Leider habe ich für dieses Jahr keine Karten bekommen. Vergangenes Jahr durfte ich Lohengrin auf dem grünen Hügel besuchen. Wie gesagt, dieses Jahr ging ich leer aus – schade. Aber vielleicht bekomme ich noch Fake-Karten geschickt: Tausende Haushalte haben gefälschte Freikarten für die Eröffnungsvorstellung der Bayreuther Festspiele erhalten. In den Umschlägen waren jeweils zwei Karten für den Holländer am 25. Juli. Wer den QR Code auf den Karten scannt, erkennt den Schwindel: Dann wird die Aufdruck „Ätsch, das Ticket ist falsch“ sichtbar.
Aber ich bin auch sauer: Mir nicht verständlich, warum das Festspielhaus im Jubiläumsjahr renoviert werden muss. Da hätte man doch ein Jahr früher beginnen können. Für mich eine komplette Fehlplanung und grausam, wie sich Bayreuth hier der Musikwelt präsentiert. In den Hotels entdecke ich Modelle des Festspielhauses, die mich an den Bühnenbilder meines Freundes Gerhard erinnern. Sehr schön finde ich auch eine Wand mit einem Wagnerkonterfei im Treppenaufgang beim Bayreuther Hugendubel. Aus Buchcovern wird das Gesicht von Richard Wagner gebildet. Also: Alles Gute Richard und danke für deine Musik.
Jede Zeit hat ihre Liebesbeweise. Einst waren es rote Rosen, dann ein Ring, dann ein Herz in die Baumringe geritzt und dann sind es Freundschaftsbänder. Im Moment sind es wohl Liebesschlösser. Ich meine nicht die stolzen Bauwerke mit Türmchen (obwohl sie sicherlich auch ein schöner Liebesbeweis wären), ich meine die kleinen Vorhängeschlösser.
Seit 2008 ist die Welle der Liebesschlösser in Deutschland zu finden. Hauptsächlich an Brücken oder Zäune hängen sie zu Dutzenden und sollen ein sichtbarer Liebesbeweis sein. Das Zeichen einer ewigen Liebe. Bei einem Aufenthalt in Bayreuth entdeckte ich eine kleine Brücke hinter der AOK über den roten Main mit zahlreichen Schlössern. Einige der Schlösser scheinen schon eine ganze Zeit dort zu hängen, denn der Rost hat ihnen zugesetzt. Wollen wir hoffen, dass die Beziehung nicht angerostet ist. Einige Schlösser sahen sehr neu aus. Der Brauch scheint also immer noch lebendig zu sein. Es gibt nette Sprüche wie „Liebelei – für immer nur wir zwei.“ Nach dem Motto reim dich oder ich fress dich.
Aber es hat Spaß gemacht, die Schlösser anzuschauen, irgendwie brach die romantische Ader beim Anblick der eisernen Vorhängeschlösser bei mir durch. Verschiedene Varianten konnte ich entdeckten: Vornamen oder Initialen, mit und ohne Datum – vollständige Namen sah ich allerdings keine. Interessant: Es gab auch drei Namen auf dem Schloss, oder Männlein/Männlein und Weiblein/Weiblein – unterschiedliche Konstellationen eben. Die Schlösser waren zum Teil klassische Vorhängeschlösser, zum Teil extra produzierte Liebesschlösser in Herzform. Das Schloss wird als Liebesbeweis an die Brücke gehängt und der Schlüssel dann in den dahinfließenden Fluss geworfen, damit die Bindung auch ewig hält. Wollen wir es mal hoffen. Im Fluss entdeckte ich keine Schlüssel mehr, der Rote Main hat sie davon getragen.
So sehr ich die Musik von Richard Wagner genieße, desto sehr verachte ich seine antisemitische Einstellung. Wagner politisch abzulehnen, fällt mir nicht schwer. Ich kann die Frage nicht beantworten, ob Wagner der Wegbereiter zu Auschwitz war. Wagner sah nicht nur die Musik und die „deutsche Kultur“, sondern die ganze Welt durch den „zersetzenden“ Einfluss des „Judentums“ im Zustand der Degeneration. Gegen diese Gefahr müsse man sich mit allen Mitteln zur Wehr setzen – soweit Wagner.
Daher: Wagner muss aufgearbeitet werden und daher begrüße ich ausdrücklich die Ausstellung „Verstummte Stimmen“, die im Festspielpark am Grünen Hügel auch noch 2013 zu sehen ist. Die Ausstellung arbeitet den braunen Spuk auf dem Grünen Hügel auf und geht auch auf die Zeit vor den Nazis ein. Die Stadt Bayreuth und die Richard-Wagner-Stiftung gratuliere ich für den Schritt in die richtige Richtung. Sehr gut ist, dass die Ausstellung im Wagner Jahr 2013 auch zu sehen sein wird. Chapeau.
Dabei ist die Ausstellung keine neue Konzeption. Die Ausstellung „Verstummte Stimmen. Die Vertreibung der ,Juden‘ aus der Oper 1933 bis 1945“ wurde 2006 von dem Historiker Hannes Heer, dem Musikpublizisten Jürgen Kesting und dem Gestalter Peter Schmidt erstmals Harnburg präsentiert. Danach wurde sie an den Staatsopern in Berlin, Stuttgart, Darmstadt und Dresden gezeigt. Die Ausstellung widmet sich einem kaum untersuchten und nie zusammenhängend dargestellten Kapitel aus der Nazizeit- der „Säuberung“ der deutschen Opernhäusern von jüdischen und „politisch untragbaren“ Ensemblemitgliedem. Dieser Eingriff bedeutete für Tausende Berufsverbot, Exil oder Deportation.
In schlichten Tafeln zeigt die Ausstellung, welche Künstler wegen ihres jüdischen Glaubens diffamiert und sogar umgebracht wurden. Auf silbergrauen Tafeln werden, nah an Brekers berühmter Wagner-Büste, 53 Sänger, Instrumentalisten, Dirigenten und andere Mitwirkende in Erinnerung gebracht, die während der braunen Diktatur in Bayreuth in Ungnade gefallen sind, 13 wurden ermordet. Antisemitismus war in Wagners Bayreuth von 1876 bis 1945 an der Tagesordnung, wie die Ausstellung von Hannes Heer zeigt. Herr war einst auch der Kurator der Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht. Während Wolfgang Wagner das Thema nicht im Fokus hatte, stellt sich Katharina Wagner am Grünen Hügel der Geschichte. Die ersten Schritte zur Aufarbeitung sind getan. Bei meinem Besuch in Bayreuth anlässlich des Lohengrin war die Ausstellung sehr gut besucht und wurde diskutiert. So muss es sein.
Wagner Opern gehören nicht gerade zur leichten Kost in der klassischen Musik. Je nachdem wer dirigiert, kann eine Oper in Bayreuth schon seine fünf bis sechs Stunden dauern. James Levine brauchte in seiner Bayreuther Zeit schon immer etwas länger. Die Zuhörer der Wagnerschen Kunst bringen daher Sitzpolster in das Festspielhaus mit. Ich habe mich gewundert, warum so mancher Konzertbesucher eine Plastiktüte verschämt mit sich herumträgt. Darin verpackt finden sich die Sitzpolster wieder, die den Allerwertesten beim Wagner Marathon schützen sollen. Der Innenraum des Festspielhauses besteht aus Holz wegen der genialen Akustik. Die Opernbesucher müssen sich in schmale Holzsitze pressen und ausharren. In jedem Kino würde der Zuschauer bei so wenig Komfort rebellieren, bei Wagner gehört Leiden einfach dazu. Mit den Sitzpolstern sieht es allerdings aus, als ob der Zuschauer zum Picknick erscheint.
Wer bei Wagner schnell Geld braucht, bekommt hier Hilfe.
Ein weiteres Ritual ist der Pausensnack. Während es überall bei Opernfestspielen überteuerte Schnittchen gibt, finden sich in Bayreuth neben diese Kulturkost auch ordinäre Bratwürste. Wir sind schließlich in Franken. Wer es nobel haben will, der greift zur Bratwurst mit Garneleneinlage. Guten Appetit.
Aber am meisten genieße ich in Bayreuth das Ende der Pausen. Das Musikvolk versammelt sich unter dem Balkon des Festspielhauses über dem die weiße Fahne mit dem W weht. Die Pausen auf dem grünen Hügel in Bayreuth werden von Bläsern beendet, die das Publikum wieder in den Festspielsaal rufen. Bei mir war es ein Motiv aus Lohengrin. Wunderbar, ich liebe Rituale.
Wagner-Fans unter dem Balkon. Gleich kommt das Pausenläuten.
Gleich vorweg: Es ist zulässig, Richard Wagner als Person und seine Musik abzulehnen. Ich habe mich aber vor langer Zeit entschieden, diesen Komponisten näher zu entdecken und beschränke mich dabei einzig auf seine Musik. Den Antisemiten Wagner lehne ich ab. Und wo lässt sich Wagner musikalisch besser erfahren als bei den Wagner-Festpielen in Bayreuth?
Und da stellt sich gleich das Problem: Zum grünen Hügel kann man nicht einfach hingehen, am Schalter eine Karte kaufen und dann die Musik im Festpielhaus Bayreuth genießen. Warten ist angesagt, jahrelanges Warten, um eine der begehrten Karten zugeteilt zu bekommen. Leider ist Warten ist nicht eine meiner Haupteigenschaften.
Durch einen glücklichen Zufall bekamen meine Frau und ich aber Karten für Lohengrin. Ein Kollege Peter Gress, hervorragender Friseurmeister aus Baden Württemberg, besaß zwei Karten, konnte aber nicht nach Bayreuth und bot via Facebook die Karten an. Ich griff sofort zu und bin Peter auf Knien dankbar. Vielen, vielen Dank.
Und was für Karten: 6 Reihe Mitte, ein absoluter Traum. Sitznachbarn um uns herum, erzählten, dass sie zwischen sieben und neun Jahren auf ihre Karten warten mussten. Ich habe ein Wochenende gewartet, bis die Post da war, aber das verriet ich den Wagnerianern besser nicht.
So ganz unbeleckt kam ich nach Bayreuth nicht. Ich erinnere mich an meine Wagner-Erweckung. Es war der Trauergottesdienst des großen Wagner-Biografen Martin Gregor-Dellin, der 1988 in Gröbenzell starb. Die Trauerrede hielt ein ergriffener Walter Jens, der immer wieder Wagner zitierte. Seitdem hat mich der Wagner-Virus infiziert. Ich las die Biografie von Gregor-Dellin und kaufte mir zahlreiche Wagner-Aufnahmen. Den Ring besitze ich in zwölf verschiedenen Einspielungen, wobei natürlich die Fassung von Loriot/Karajan wunderbar humorvoll ist. Den besten Zugang zur Musik von Wagner bekam ich durch den Holländer und Tannhäuser, sicherlich die besten Opern für Neulinge. Die beste Fassung von Lohengrin ist für mich die Einspielung von Rudolf Kempe mit den Wiener Philharmonikern.
Ich bin sicher kein Wagnerianer, war daher auf diese besondere Spezies von Menschen gespannt. Auf dem Festgelände auf dem grünen Hügel wird vor und nach der Aufführung gefachsimpelt. Dabei gehen die Zuhörer sehr kritisch mit den Interpretationen um. Nachdem Lohengrin von Altmeister Hans Neuenfels in diesem Jahr zum dritten Mal gegeben wurde, war das Publikum wohl an die Ratten auf der Bühne gewohnt. Laborratten stellten in der Inszenierung das Volk da und der Fötus am Ende war noch immer eine Provokation. Aber das Publikum wusste ja, auf was man sich einließ und reagierte gelassen. Die Bravo-Rufe galten vor allem der exzellenten Leistung des Schwanenritters Klaus Florian Vogt und der Sopranistin Annette Dasch.
Das Festspielhaus am grünen Hügel.
Ich genoss die Atmosphäre, scherzte mit meinen Nachbarn aus Japan. Vor mir verschonte uns ein übergewichtigter Herr nicht damit, sein Jackett auszuziehen und ans an seinem Schweißgeruch teilhaben zu lassen., der durch die Fächerbewegungen seiner Gattin auch in der Umgebung verteilt wurde. Jeder soll was davon haben. Aber das machte nichts, schließlich lauschten wir der reinen Musik von Wagner.
Aber es gibt auch ein überdrehtes Bildungsbürgertum. Ungefragt stellen sie ihr Wissen zur Schau, mischen sich auch gerne ein. Manche der Herrschaften kennen sich wirklich aus (einige von ihnen sind auch mit Libretto oder gar Partitur ausgestattet), andere sind einfach nur dumme Wichtigmacher. Immer wieder denke ich da an meinen Monaco: „Dankbar und glücklich müssen wir sein, dass wir hier dabei sein durften.“
Meine Frau und ich bei Richard Wagner.
Doch was zieht man nun zu so einem Weihespiel an? Für meine Frau und mich stand fest: Wenn wir schon mal die seltene Ehre haben und einer Wagner Oper in Bayreuth beiwohnen können, dann muss die Klamotte auch stimmen. Meine Frau erschien im neuen, langen Abendkleid, war aufwendig beim Friseur, ließ sich schminken – rundum eine schöne Frau. Ich band die Fliege um und erschien im maßgeschneiderten Gehrock, den die Münchner Designerin Svenja Jander für mich anfertigte, und holte einen antiken Spazierstock aus New Orleans heraus.
Ich war ein wohl wahrer Blickfang war. Die Damenwelt, zumeist ältere Semester drehten sich nach mir um. Einige Herren gaben leise Kommentare ab. Gut, dass ich sie nicht verstanden habe. Die meisten Herren waren in langweiligen schwarzen Businessanzügen erschienen, einige aber feierlich im Smoking. Viele Damen trugen schöne Kleider. Aber es gab auch andere Erscheinungen. Die Mode der siebziger Jahre mag wieder modern sein, aber dann bitte im Look der Neuzeit. Nur weil Kleidung 40 Jahre im Schrank hängt, ist sie nicht automatisch wieder up to date. Diese Art von Vintage ist nicht sonderlich originell. Zudem kam noch: Viele Friseuren waren einfach schauderhaft, Raspelschnitt, Topfschnitt, nicht gerade feierlich – vielleicht nützlich beim Marathonlauf oder Arbeit auf einer Bohrinsel. Hier hat die Friseurinnung Bayreuth durchaus eine Chance Flagge zu zeigen und das Publikum auf zu stylen. Vielleicht geht ein kleines Zelt mit ein paar Frisiertischen – ich sollte mal mit den Wagnererben sprechen. Jetzt bin ich kein Friseur, arbeite aber für die Branche und kann durchaus unterscheiden, was Style ist und was nicht. Dazu kamen Gesundheitsschuhe, Treter, Ballerinas. Nein, dieser Anblick enttäuschte mich in Bayreuth. Da muss ich zugeben, dass mir die Wagnerfestspiele in München von der Kleidung lieber sind, trotz des Münchner Publikums, wie es der Monaco sagen würde.