Archive for the ‘Aufgelesen’ Category

Wo der Wind Geschichten flüstert – der Glasgow Necropolis

2. Juli 2025

Über den Dächern Glasgows, wo der Wind die Geschichten der Vergangenheit mit sich trägt und die Sonne am Abend die Stadt in goldenes Licht taucht, erhebt sich ein Ort von erhabener Schönheit und stiller Würde: der Glasgow Necropolis.

Wie ein steinernes Gedicht liegt dieser viktorianische Friedhof auf einem Hügel, dem sogenannten „Cathedral Hill“, gleich neben der ehrwürdigen St Mungo’s Cathedral. Von hier aus schweift der Blick über die pulsierende Metropole, doch der Necropolis selbst scheint in einer eigenen Welt zu existieren – einer Welt, in der Zeit und Raum ineinanderfließen und die Stimmen der Geschichte niemals ganz verstummen. Meine Frau und ich wanderten einen halben Tag über diesen Ort der Ruhe und hingen unseren Gedanken nach.

Die Entstehung des Necropolis ist untrennbar mit dem Aufstieg Glasgows im 19. Jahrhundert verbunden. Die Stadt wuchs, getrieben von Handel, Industrie und Innovation, zu einer der wichtigsten Metropolen Großbritanniens heran. Mit dem Wohlstand kam auch der Wunsch nach einem würdevollen Ort, an dem die Bürger ihre letzte Ruhe finden konnten. Inspiriert vom Pariser Père Lachaise, wurde 1832 der Grundstein für den Necropolis gelegt. Schon bald entwickelte sich der Friedhof zu einem Spiegelbild der Gesellschaft: Hier ruhen Kaufleute und Industrielle, Künstler und Wissenschaftler, Geistliche und einfache Bürger – jeder Grabstein, jedes Mausoleum erzählt seine eigene Geschichte.

Mehr als 50.000 Menschen sind im Glasgow Necropolis begraben, doch nur etwa 3.500 Gräber sind durch aufwändige Monumente und kunstvolle Inschriften gekennzeichnet. Viele der Namen, die man hier liest, sind untrennbar mit der Geschichte Glasgows verbunden. Da ist zum Beispiel John Knox, der berühmte schottische Reformator, dessen imposantes Denkmal hoch oben auf dem Hügel thront – auch wenn er selbst nicht hier begraben liegt, sondern symbolisch für die protestantische Tradition Schottlands steht. In unmittelbarer Nähe finden sich die Gräber von William Miller, dem Dichter des berühmten Kinderliedes „Wee Willie Winkie“, und Charles Tennant, einem Chemiker und Industriellen, der mit seiner Erfindung der Bleichpulverproduktion Glasgows wirtschaftlichen Aufstieg maßgeblich mitprägte.

Auch Frauen, die in ihrer Zeit Herausragendes leisteten, fanden hier ihre letzte Ruhe, wie etwa Isabella Elder, eine der ersten Förderinnen der Frauenbildung in Schottland. Ihre Grabstätte ist ein stilles Zeugnis für Mut und Engagement in einer von Männern dominierten Welt.

Wer durch die gewundenen Pfade des Necropolis wandelt, begegnet einer Vielzahl architektonischer Stile: von neoklassizistischen Tempeln über gotische Türme bis hin zu ägyptisch inspirierten Obelisken. Die Monumente sind oft mit Symbolen geschmückt – Anker für Hoffnung, gebrochene Säulen für ein zu früh beendetes Leben, und Efeuranken als Zeichen unvergänglicher Erinnerung. Zwischen den Gräbern wachsen uralte Bäume, deren Wurzeln sich tief in die Erde graben, als wollten sie die Geschichten der Toten bewahren und weitertragen.

In den frühen Morgenstunden, wenn Nebel über den Hügel zieht und die Stadt noch schläft, scheint der Necropolis von einer fast überirdischen Stille erfüllt. Es ist eine Atmosphäre, die zum Nachdenken und Träumen einlädt. Viele Besucher berichten, dass sie hier eine besondere Nähe zur Vergangenheit spüren – als ob die Mauern und Statuen selbst Geschichten flüstern würden, von Liebe und Verlust, von Hoffnung und Vergänglichkeit. Ich muss zugeben, ich habe davon nichts gespürt. Ich war einfach nur überwältig von der Größe und der Pracht. Ich erinnerte mich an die Beerdigung meiner Eltern, hing diesen Gedanken nach.

Und wie es sich für einen Ort von solcher Geschichte und Aura gehört, ranken sich zahlreiche Märchen und Legenden um den Necropolis. In den Pubs der Stadt erzählt man sich, dass in mondlosen Nächten die Geister der alten Kaufleute und Dichter durch die Alleen wandeln.

Besonders bekannt ist die Sage vom „grauen Gentleman“, einem freundlich gesinnten Geist in viktorianischer Kleidung, der einsamen Spaziergängern Gesellschaft leisten und sie sicher durch das Labyrinth der Grabmale führen soll. Manche schwören, in windigen Nächten das leise Lachen von Kindern zu hören – vielleicht die Stimmen der kleinen Seelen, die hier ihre Ruhe fanden. Natürlich sind diese Erzählungen nichts als Märchen, geboren aus der Fantasie und dem Zauber dieses einzigartigen Ortes, doch sie verleihen dem Necropolis einen Hauch von Magie, der Besucher aus aller Welt in seinen Bann zieht. Ich habe bei meinen Spaziergängen durch die Gräberreihen nichts davon gespürt, obwohl ich für solche Spukgeschichten empfänglich bin.

Der Glasgow Necropolis ist mehr als ein Friedhof – er ist ein lebendiges Museum, ein Garten der Erinnerung, ein Ort, an dem die Geschichte Glasgows in Stein gemeißelt und doch voller Leben ist. Wer hier verweilt, spürt nicht nur die Ehrfurcht vor den Generationen, die vor uns gingen, sondern auch die Schönheit des Augenblicks. Zwischen den Gräbern, unter den alten Bäumen und im goldenen Licht der untergehenden Sonne wird der Necropolis zu einem Ort der Versöhnung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Leben und Tod, zwischen Realität und Märchen.

So bleibt der Glasgow Necropolis ein stiller, aber kraftvoller Zeuge der Zeit – ein Ort, der die Herzen seiner Besucher mit Staunen, Ehrfurcht und einer leisen Sehnsucht erfüllt. Wer den Mut hat, sich auf seine besondere Atmosphäre einzulassen, wird reich beschenkt: mit Geschichten, mit Inspiration und mit dem Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein, das über Generationen hinweg Bestand hat.

Im Glasgow Necropolis gibt es keine offiziell ausgewiesenen Bereiche, die ausschließlich für bestimmte Gruppen oder besonders viele Tote reserviert sind, wie man das von manchen Friedhöfen mit klar getrennten Sektionen kennt. Der gesamte Friedhof ist ein weitläufiges Gelände mit zahlreichen Grabstätten und Monumenten, die sich über die Hügel und Wege verteilen. Die meisten Gräber sind also anonym oder nur durch kleine, schlichte Markierungen sichtbar.

Glasgow tritt in die Pedale – und lässt die Vergangenheit hinter sich

1. Juli 2025

Mein letzter Besuch in Glasgow liegt rund 25 Jahre zurück und seitdem hat sich diese schottische Arbeiterstadt stark verändert. War Glasgow früher eine gefährliche Stadt, so hat die Stadtführung einiges getan, um das Verbrechen einzudämmen. Im Zentrum spürt man wenig vom rauen Ton der Vergangenheit.

Und als Studentenstadt hat Glasgow das Radfahren für sich entdeckt. Ich habe auf meiner Reise die meisten Radler in Glasgow entdeckt.

Glasgow entwickelt sich tatsächlich zunehmend zu einer Fahrradstadt, und diese Entwicklung ist sowohl in der Infrastruktur als auch im Nutzungsverhalten der Bewohnerinnen und Bewohner spürbar. Der Wandel wird durch eine Vielzahl von Maßnahmen und Investitionen vorangetrieben, die darauf abzielen, das Radfahren als alltägliches Fortbewegungsmittel zu etablieren und die Stadt lebenswerter sowie nachhaltiger zu machen.

Ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung ist die konsequente Ausweitung und Verbesserung der Radinfrastruktur. Glasgow hat in den vergangenen Jahren erhebliche Investitionen in sichere, getrennte Radwege getätigt – etwa durch Projekte wie den South City Way, der eine direkte, geschützte Verbindung zwischen dem Süden der Stadt und dem Zentrum schafft. Diese Routen werden sehr gut angenommen: So nutzen etwa 900 Menschen täglich die neue aktive Route im Südosten, und auf der Victoria Road sind bereits rund 13% aller Wege mit dem Rad zurückgelegt worden. Solche Zahlen zeigen, dass mehr Menschen das Fahrrad nutzen, wenn sie sich sicher fühlen und die Infrastruktur vorhanden ist.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die politische und gesellschaftliche Unterstützung. Die Stadtverwaltung, die schottische Regierung und lokale Organisationen fördern aktiv den Ausbau des Radnetzes und setzen auf eine integrative Mobilitätsstrategie, die auch andere nachhaltige Verkehrsmittel wie das Zufußgehen und öffentliche Verkehrsmittel einbezieht. Zudem werden gezielt Initiativen für unterrepräsentierte Gruppen wie Frauen, Menschen mit Behinderungen oder einkommensschwache Familien gefördert, um die Teilhabe am Radverkehr zu erhöhen.

Die Kombination aus moderner Infrastruktur, finanzieller Förderung, politischem Willen und gesellschaftlicher Akzeptanz führt dazu, dass immer mehr Menschen in Glasgow das Fahrrad als praktische, gesunde und klimafreundliche Alternative zum Auto nutzen. Die Stadt ist mit dem UCI Bike City Label ausgezeichnet worden und verfolgt ehrgeizige Ziele: Bis 2030 soll niemand weiter als 800 Meter von einer sicheren Radroute entfernt wohnen, und Schulen sollen maximal 400 Meter entfernt sein.

Insgesamt ist Glasgow auf dem besten Weg, eine der fahrradfreundlichsten Städte Europas zu werden – auch wenn noch einige Herausforderungen bleiben, etwa bei der weiteren Vernetzung der Radwege und der Integration des Radverkehrs in das gesamte Mobilitätssystem der Stadt.

Schönheit des Vergänglichen – Gothic-Träume auf dem Hügel der Toten

30. Juni 2025

Der Glasgow Necropolis übt auf Gothic-Fans eine ganz besondere Faszination aus, da er wie kaum ein anderer Ort die Ästhetik, Symbolik und Atmosphäre der Gothic-Kultur widerspiegelt. Bei meinem Streifzug durch diesen faszinierenden Friedhof traf ich verschiedene Gothic-Fans, die die Atmosphäre für fotografische Aufnahmen nutzen.

Ich sprach die Leute ohne Vorbehalte an. Die Schotten antworteten wir begeistert, nachdem wir auch ein bisschen über Gothic-Musik geplaudert hatten. Die asiatischen Frauen reagierten eher verschüchternd, sprachen aber dann auch, als sie etwas Vertrauen gewonnen hatten. Als Journalist war ich neugierig und wollte wissen, warum dieser Friedhof zu einem Magneten für Liebhaber des Düsteren und Romantischen ist. Hier die Antworten auf meine Fragen.

Architektur und Stilvielfalt
Die Necropolis ist ein Paradebeispiel viktorianischer Friedhofskultur und beeindruckt durch eine Mischung aus gotischer, ägyptischer und griechischer Revival-Architektur. Über 3.500 kunstvoll gestaltete Grabmäler, Mausoleen und Skulpturen verteilen sich über die Hügel und Terrassen. Besonders die zahlreichen spitzen Obelisken, verwitterten Engel, melancholischen Statuen und monumentalen Familiengräber schaffen eine Kulisse, die wie aus einem Gothic-Roman entsprungen scheint. Hier findet jeder schnell sein spezielles Fotomotiv.

Die Lage und Atmosphäre
Der Friedhof liegt auf einem Hügel östlich der St Mungo’s Cathedral, selbst ein Meisterwerk gotischer Baukunst. Die erhöhte Lage bietet dramatische Ausblicke über die Stadt und verstärkt das Gefühl, sich in einer eigenen, entrückten Welt zu befinden. Nebel, Wind und das wechselhafte schottische Wetter verleihen der Necropolis eine mystische, manchmal fast übernatürliche Stimmung – ideal für alle, die sich von der Melancholie und Schönheit des Vergänglichen angezogen fühlen.

Symbolik und Kunst
Die Grabmale sind reich an Symbolen, die für die Gothic-Szene eine besondere Bedeutung haben: gebrochene Säulen, Totenschädel, Efeuranken und Engel, die über die Toten wachen. Die kunstvollen Inschriften und die morbide Schönheit der verwitterten Steine regen die Fantasie an und laden zum Nachdenken über Leben, Tod und Unsterblichkeit ein.

Historische Bedeutung und Geschichten
Der Necropolis ist nicht nur ein Ort der Trauer, sondern auch ein „Museum unter freiem Himmel“, das die Geschichte Glasgows und seiner Menschen erzählt. Viele Persönlichkeiten, Künstler und Industrielle sind hier begraben, ihre Geschichten spiegeln sich in den Monumenten wider. Ich muss leider zugeben, dass ich die wenigsten Verstorbenen kannte. Aber die reiche Historie und die vielen Legenden, die sich um den Friedhof ranken, bieten Stoff für düstere Erzählungen und Inspiration für die Gothic-Subkultur.

Märchen und Legenden
Wie es sich für einen so alten und eindrucksvollen Ort gehört, ranken sich zahlreiche Märchen um den Necropolis. So wird erzählt, dass in nebligen Nächten Geister durch die Alleen wandeln – Geschichten, die von der Gothic-Szene gerne aufgegriffen und weitergesponnen werden. Diese Legenden sind natürlich als Märchen zu verstehen, tragen aber zur besonderen Aura des Ortes bei. Ich war bei strahlendem Sonnenschein vor Ort und traf auf keine Geister, sondern nur auf durstige Seelen.

Der Glasgow Necropolis vereint alles, was das Herz eines Gothic-Fans höherschlagen lässt: spektakuläre Architektur, düstere Symbolik, eine melancholische Atmosphäre und eine reiche Geschichte voller Geheimnisse und Geschichten. Wer sich für die Ästhetik des Morbiden und die Schönheit des Vergänglichen begeistert, findet hier einen der eindrucksvollsten Orte Europas. Und wer ohne Vorurteile auf die Gothic-Szene zugeht und das freundliche Gespräch sucht, der hat mehr vom Leben. Und die Toten hat die Fotosessions nicht mehr gestört.

Wenn die Highlands singen: Die ungebrochene Kraft der schottischen Musik

29. Juni 2025

Die Musik Schottlands ist eng mit der Geschichte und Kultur des Landes verbunden und zeichnet sich durch eine besondere Vielfalt aus. Neben traditionellen Volksliedern und Tanzmusik haben vor allem die Dudelsäcke, auch Pipes genannt, eine herausragende Bedeutung erlangt. Sie gelten weltweit als musikalisches Symbol Schottlands und sind untrennbar mit dem Bild der Highlands und der schottischen Identität verbunden.

Natürlich sind viele Pipes-Spieler für die zahlreichen Touristen da. Vor allem rund um das Edinburgh Castle. Auf dem Weg zum Schloss wird man immer wieder unterhalten. Trotz Touri-Attraktion, mir hat es gefallen, ich bin ja schließlich ein Tourist.

Die Faszination der Pipes liegt in ihrem einzigartigen Klang, der gleichzeitig kraftvoll, klagend und feierlich wirkt. Dieser Klang entsteht durch das Zusammenspiel mehrerer Pfeifen: einer Melodiepfeife (Chanter) und in der Regel drei Bordunpfeifen, die kontinuierlich einen tiefen, gleichbleibenden Ton erzeugen. Der konstante Klangteppich der Bordune bildet den charakteristischen Hintergrund, über den sich die Melodie mit rhythmischer Präzision und ornamentreicher Verzierung legt.

Besonders in der traditionellen Militär- und Zeremonienmusik spielen die Great Highland Bagpipes eine zentrale Rolle. Sie werden bei Paraden, Staatsakten, Begräbnissen und kulturellen Festen eingesetzt und erzeugen dabei eine eindrucksvolle emotionale Wirkung. Auch im zivilen Bereich, etwa bei den Highland Games oder regionalen Festivals, tragen Pipe Bands maßgeblich zur Atmosphäre bei und stärken das Gemeinschaftsgefühl. Am bekanntesten ist sicherlich das Royal Edinburgh Military Tattoo, vor dem Castle. Ich war gerade da als die Tribünen aufgebaut wurden.

Neben der traditionellen Verwendung finden Pipes zunehmend Eingang in moderne Musikgenres. Künstler integrieren den Dudelsack in Rock-, Pop- oder Folk-Produktionen und schlagen so eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Diese Vielseitigkeit sowie der unverwechselbare Klang machen die Pipes zu einem musikalischen Element, das weit über Schottlands Grenzen hinaus fasziniert. Es gab in verschiedenen Pubs so genannte Open Mics Veranstaltungen. Dort kommen Musiker mit ihrem Instrument und spielen zur Unterhaltung auf. Oft lassen sich dort wahre Perlen genießen.

Die traditionelle schottische Folkmusik bildet das musikalische Herz der schottischen Kultur und ist eng mit dem Alltagsleben, den Landschaften und der Geschichte des Landes verbunden. Sie umfasst ein breites Repertoire an Liedern und Instrumentalstücken, die oft mündlich überliefert wurden und von Generation zu Generation weitergegeben werden. Oft begegnete ich verschiedenen Straßenmusikanten. Interessant ist, dass man einen Obolus per eCash entrichten konnte. In die Gitarrenkästen wurden weiterhin Münzen geworfen, aber in einem digitalisierten Schottland konnte man überall elektronisch spenden, was auch gemacht wurde.

Ein zentraler Bestandteil der schottischen Folkmusik sind die Balladen – erzählende Lieder, die von historischen Ereignissen, tragischen Liebesgeschichten oder dem Leben der einfachen Leute berichten. Diese Lieder zeichnen sich durch ihre melodische Schlichtheit, eindringliche Texte und eine große emotionale Tiefe aus. Viele der Balladen stammen aus dem späten Mittelalter und spiegeln die mündliche Erzähltradition der Clans wider.

Instrumental spielt neben den Pipes besonders die Fiddle, eine dem klassischen Geigenbau ähnliche Violine, eine bedeutende Rolle. Sie wird oft virtuos gespielt und ist ein zentrales Instrument bei traditionellen Tänzen wie dem Reel, dem Jig oder dem Strathspey. Auch andere Instrumente wie die Tin Whistle, das Akkordeon, die Bodhrán (eine Rahmentrommel) oder die Harfe – insbesondere die keltische Clàrsach – tragen zum typischen Klangbild der schottischen Folkmusik bei.

Charakteristisch ist zudem das Zusammenspiel von Musik und Tanz: Die Musik dient nicht nur dem Zuhören, sondern ist eng mit geselligen Zusammenkünften, sogenannten Ceilidhs, verbunden, bei denen getanzt, gesungen und musiziert wird. Diese Abende sind ein lebendiger Ausdruck kultureller Identität und sozialer Verbundenheit.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die schottische Folkmusik eine Renaissance erlebt. Junge Musiker greifen traditionelle Stücke auf, interpretieren sie neu und verbinden sie mit zeitgenössischen Einflüssen. So bleibt die Folkmusik in Schottland nicht nur ein Zeugnis vergangener Zeiten, sondern auch ein lebendiger, sich stetig weiterentwickelnder Teil des kulturellen Lebens. Hier mal etwas aus meiner Jugend. An einem Abend im Juni trat der schottische Liedermacher Jim Murray in Glasgow in der Bar The Piper Bar auf und sang den Police Song Roxanne.

Trotz Trumps Schatten – Schottland strahlt in Regenbogenfarben

28. Juni 2025

Nachdem US-Präsident Trump gegen die LGBTQ+-Community zu Felde zieht und viele Firmen eingeknickt sind, wollte ich mal sehen, wie die Stimmung in Schottland zu diesem Thema ist. Ich persönlich halte es wie Friedrich II.: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden.“

In Schottland wird der Christopher Street Day (CSD), im englischsprachigen Raum meist als „Pride“ bezeichnet, in mehreren Städten groß und vielfältig gefeiert. Die beiden größten und bekanntesten Pride-Events finden in Edinburgh und Glasgow statt. Jedes Jahr ziehen diese Veranstaltungen tausende Menschen an und bieten ein buntes Programm mit Paraden, Musikfestivals, Partys und kulturellen Angeboten. Mein Eindruck: Die weltoffenen und sicherlich auch störrischen Schotten lassen sich von Trump nur wenig beirren. Überall wo ich in Schottland ein paar Tage unterwegs war, sind Regenbogenfahnen zu sehen. Und das nicht nur in Geschäften oder Kneipen, sondern auch auf Burgen und Schlössern.

Pride in Edinburgh und Glasgow
In Edinburgh findet die Pride seit 1994 statt und ist damit die älteste kontinuierliche kostenfreie LGBT-Feier Schottlands. Die Parade zieht durch die Innenstadt und wird von zahlreichen Veranstaltungen begleitet, darunter das „Pride Village“ mit Ständen, Diskussionsrunden und künstlerischen Darbietungen. Die Parade startet traditionell am Samstag, führt an zentralen Orten vorbei und endet mit großen Feierlichkeiten, bei denen sich die Community und ihre Unterstützer:innen versammeln. 2025 fand die Edinburgh Pride vom 20. bis 22. Juni statt, mit dem Hauptmarsch am 21. Juni, an dem über 10.000 Menschen teilnahmen.

Glasgow Pride ist ebenfalls ein großes und beliebtes Event, das als das größte LGBTQ+-Festival Schottlands gilt und jedes Jahr tausende Besucher anzieht. Die Parade in Glasgow zieht durch die Stadt und wird von einem zweitägigen Musikfestival begleitet, das nationale und internationale Acts bietet. 2025 beginnt die Glasgow Pride am 19. Juli. Besonders ist, dass auch in kleineren Städten und auf den Inseln Pride-Events stattfinden, was die breite Akzeptanz und Sichtbarkeit der Community in ganz Schottland unterstreicht.

Akzeptanz in der Bevölkerung
Schottland gilt als eines der tolerantesten Länder Europas für LGBTQ+-Personen. Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist hoch, was sich in der breiten Teilnahme an Pride-Events, der Unterstützung durch Politik und Wirtschaft sowie in gesetzlichen Fortschritten widerspiegelt. Seit 2014 wird die Gleichstellung von LGBTQ+-Personen aktiv gefördert, und 2021 führte Schottland als erstes Land weltweit LGBTQ+-inklusive Bildung landesweit in den Lehrplan ein. Die schottische Regierung hat zudem Maßnahmen ergriffen, um Barrieren für nicht-binäre und trans Menschen in Bereichen wie Gesundheitsversorgung und Recht abzubauen.

Die Pride-Events sind nicht nur Feiern, sondern auch politische Demonstrationen für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung. Sie werden von vielen Menschen unterschiedlicher Hintergründe besucht, darunter auch Familien, Jugendliche und ältere Menschen, was die breite gesellschaftliche Unterstützung unterstreicht.

Der Tanz der Quadrate – Wenn der Wind die Skulptur zum Leben erweckt

27. Juni 2025

Oft bleibe ich vor einer Installation stehen und lasse sie auf mich wirken. So auch hier, als ich bei strahlendem Sonnenschein auf ein Werk von George Rickey stieß. Zunächst verstört, aber mehr und mehr interessiert schaute ich mir die Installation an und recherchierte.

Die Installation Three Squares Gyratory des amerikanischen Kinetik-Künstlers George Rickey ist ein Beispiel für die Verbindung von Technik, Kunst und Natur. Sie befindet sich im West Quadrangle der University of Glasgow und wurde Anfang der 1970er Jahre installiert. Rickey, der bis 1913 selbst in Glasgow lebte, schuf mit diesem Werk nicht nur ein bewegliches Kunstobjekt, sondern ein subtiles Spiel mit Raum, Zeit und physikalischen Kräften, das seither Studierende und Besucher wie mich gleichermaßen fasziniert.

Die Skulptur besteht aus drei großen, frei schwebenden Quadraten aus glänzendem Edelstahl, die auf einem etwa drei Meter hohen Mast montiert sind. Jedes Quadrat ist über ein ausgeklügeltes Gelenksystem so befestigt, dass es sich unabhängig von den anderen im Wind bewegen kann. Bereits ein leichter Lufthauch genügt, um die Elemente in eine schwebende, fast meditative Drehung zu versetzen. Dabei wirken sie nie hektisch, sondern bewegen sich in langsamen, rhythmischen Abläufen, als tanzten sie nach einer unsichtbaren Choreografie. Rickey nutzte dabei die Prinzipien der Kinetik, nicht um Natur zu imitieren, sondern um deren physikalische Gesetze künstlerisch umzusetzen.

Durch die reflektierende Oberfläche des Edelstahls interagiert die Skulptur ständig mit dem Licht und der Umgebung. Die Bewegung der Quadrate erzeugt immer neue Formen und Schattenbilder, was dem Werk eine permanente visuelle Wandelbarkeit verleiht. Je nach Tageszeit, Wetterlage oder Standpunkt des Betrachters verändert sich seine Wirkung – es gibt keinen festen Blick, keinen endgültigen Eindruck. So schafft Rickey ein Werk, das mit dem Raum kommuniziert und sich stets neu erfindet.

Die Wahl des Standorts an einer Universität ist dabei besonders passend. Inmitten der historischen Architektur bildet das moderne, bewegliche Objekt einen bewussten Kontrast und gleichzeitig eine stille Einladung zum Innehalten, Beobachten und Nachdenken. Die Skulptur steht sinnbildlich für das Zusammenspiel von Stabilität und Wandel – ein Prinzip, das auch der Wissenschaft und dem Denken eigen ist.

Three Squares Gyratory ist damit nicht nur ein technisches Meisterwerk der kinetischen Kunst, sondern auch ein poetischer Impulsgeber im öffentlichen Raum. Es steht für eine stille, unaufdringliche Ästhetik, die sich nicht aufdrängt, sondern durch ihre Ruhe und Eleganz besticht. George Rickey hat hier ein Werk geschaffen, das seiner Umgebung nicht widerspricht, sondern sie bereichert – und das seit Jahrzehnten in sanfter Bewegung bleibt.

Ein Kegel für den Herzog – Glasgows rebellisches Wahrzeichen

24. Juni 2025

Die Schotten haben einen wunderbaren Humor. Und der Humor im rauen Glasgow ist nochmal besonders. Das zeigt an dem meistfotografierten Denkmal der Stadt. Die Statue von Herzog Wellington vor dem Museum of Modern Art (GoMA) in Glasgow trägt fast immer ein oder mehrere Verkehrshütchen auf dem Kopf – und das ist kein offizieller Teil des Denkmals, sondern eine Art inoffizielle Tradition.

Der Tourist bleibt stehen, staunt und fotografiert. Diese ungewöhnliche Verkehrskegel-Praxis begann vermutlich in den 1980er-Jahren. Der alkoholisierte Schotte setzte dem dem Duke-of-Wellington-Standbild einen Verkehrskegel auf den Kopf – aus Spaß und als ironische Geste oder auch als Protest gegen die Obrigkeit. Die Behörden entfernten ihn jedes Mal, aber er tauchte immer wieder auf. Mit der Zeit wurde das Hütchen zu einem beliebten Symbol für Glasgower Humor, Eigenwilligkeit und Anti-Autoritätsdenken.

Wie mir die Einwohner erklärten, ist die Statue mit dem Hütchen ist heute eine Art Markenzeichen von Glasgow. Sie steht für die Selbstironie und den Witz der Stadtbewohner. Viele Besucher fotografieren gezielt diese Statue – mit Hütchen. Auch ich musste mehrere Fotos schießen. Ohne Hütchen wäre die Statue wahrscheinlich nicht annähernd so bekannt.

Aber der Humor rief auch die Autoritäten auf den Plan. 2013 versuchte der Stadtrat, Maßnahmen zu ergreifen, um das ständige Besteigen der Statue zu verhindern. Der öffentliche Aufschrei war so groß, dass die Pläne fallengelassen wurden. Es gab sogar eine Online-Petition mit dem Titel „Keep the Cone“ („Lasst den Hütchenhut drauf!“), die tausende Unterstützer fand.

Der Verkehrskegel auf dem Kopf des Duke of Wellington ist zu einem inoffiziellen, aber weltweit bekannten Symbol des Glasgower Humors und der Stadtkultur geworden. Was als nächtlicher Streich begann, ist heute Teil der städtischen Identität.

Ein stählerner Zeuge vom Sterben der Wale

23. Juni 2025

Wie brutal der Walfang war und ist, zeigt sich für mich an einem Symbol im Stadtteil Leith in Edinburgh, direkt am Uferbereich „The Shore“. Dort steht eine auffällige Harpunenkanone, die an die lange und bedeutende Geschichte des Walfangs in Schottland erinnert. Sofort kommen wir Moby Dick und andere Geschichten über dieses grausame Unterfangen der Menschen an ihrer Umwelt in den Sinn.

Diese Kanone wurde einst für den industriellen Walfang verwendet und ist heute ein stummes Zeugnis einer vergangenen Epoche. Sie stammt aus der Zeit des modernen Walfangs und basiert auf dem norwegischen Modell von Svend Foyn, das ab 1870 durch den Einsatz von Treibladungen die Jagd auf Wale erheblich effizienter machte. Die industrielle Jagd begann. Der Mensch rüstete auf und die Wale hatten keine Chance.

Leith war seit dem 17. Jahrhundert ein Zentrum des Walfangs. Zunächst segelten Schiffe von hier aus in arktische Gewässer, insbesondere nach Grönland. Lokale Unternehmer wie Peter Wood betrieben dort Walfangstationen und errichteten Tran-Schmelzhütten im Bereich Timber Bush. Ein neuer Abschnitt begann im Jahr 1908, als das Unternehmen Christian Salvesen mit seiner antarktischen Flotte operierte. Die Firma entwickelte sich zum weltweit führenden Walfangunternehmen mit Hauptquartier in Leith und einer bedeutenden Basis in Leith Harbour auf der Insel Südgeorgien. Von dort aus wurden Wale im Südpolarmeer gefangen, zerlegt und verarbeitet – ein Geschäft, das bis 1965 andauerte.

Die heute in Leith sichtbare Harpunenkanone wurde 1996 von Christian Salvesen aufgestellt, als das Unternehmen seinen Hauptsitz verlegte. Sie dient als Mahnmal und Erinnerungsstück an die Rolle Schottlands in der weltweiten Walfangindustrie. Ergänzt wird dieses maritime Erbe durch weitere Denkmäler in der Umgebung, etwa das Merchant Navy Memorial, das der zivilen Handelsschifffahrt gewidmet ist. Das Denkmal ist ein paar Meter weiter zu sehen.

Die Harpunenkanone steht somit nicht nur für eine technologische und wirtschaftliche Blütezeit, sondern auch für den Wandel im gesellschaftlichen Umgang mit Natur und Tierwelt. Sie symbolisiert die industrielle Ausbeutung der Meere ebenso wie das zunehmende Bewusstsein für deren Schutz. Wenn sich dieser Gedanke wirklich durchsetzen würde und kein frommer Wunsch bleibt.

Wache bis in den Tod: Der Hundefriedhof von Edinburgh Castle

22. Juni 2025

Irgendwie habe ich es gerade mit Friedhöfen in Schottland. Einen besonderen Ort sah ich auf dem Edinburgh Castle. Dort befindet sich ein ganz besonderer „Hundefriedhof“ – offiziell als Cemetery for Soldiers’ Dogs bekannt. Der Friedhof liegt auf einem kleinen Rasenstück unterhalb der oberen Zugänge nahe der mittelalterlichen Bastion.

Nach ein bisschen Recherche stellte sich heraus, dass erstmal ein Hund um 1840/1847 hier beerdigt wurde. Es war wohl Fido, der Hund des Kommandanten. Insgesamt ruhen hier über 20 Hunde – sowohl Offiziers-Haustiere als auch Regimentsmaskottchen. Natürlich frage ich mich als Katzenfan, wo die Katzen begraben sind. Wahrscheinlich waren aber mehr Hunde bei den schottischen Militärs als Katzen.

Leider konnte ich an die Gräber nicht näher ran, so blieb nur die Recherche. Zu den bekanntesten Gräbern zählt Jess. Er war der Bandhund der Black Watch (42. Highlanders), verstorben 1881 und er hat einen der ältesten noch lesbaren Grabsteine. Dann liegt hier Winkle, gestorben 1980, ein treuer Begleiter von „Lady Gow und dem Gouverneur“, Pat, Maskottchen der 72nd Highlanders. Er war auf Auslandsmission und diente in Afghanistan und Ägypten – er erhielt eine besondere Ehrung durch seinen Regiment. Und dann wäre noch Dobbler, er begleitete die Argyll & Sutherland Highlanders auf Auslandseinsätzen bis zu seinem Tod 1893.

Es gibt ein schottisches Gedicht zu den Hunden: „Berkin dugs here lie at rest / The yappin worst, obedient best / Sodgers pets and mascots tae / Still the guard the castle to this day“. Es stammt nicht von Robert Burns, wie es die Schotten gerne hätten, sondern von Ali Strachan.

Das Castle von Edinburgh ist natürlich immer einen Besuch wert. Leider kann der Friedhof nicht betreten werden, sondern nur von einem Aussichtspunkt oberhalb des Rasenstücks angesehen werden, nahe der Argyle Battery und der St. Margaret’s Chapel. Die Grabsteine sind teilweise stark verwittert – leider lässt sich nicht immer entziffern, wer hier ruht. Das Tele der Kamera holte die Grabsteine zwar optisch heran, doch das Entziffern blieb ein Ratespiel. Nachdem ich zuvor das Kriegsmuseum auf dem Schloss besucht habe, entdeckte ich diesen Hundefriedhof. Es handelt sich um einen der wenigen Militär-Hundefriedhöfe in Schottland und ist ein bewegendes Zeugnis für die Achtung gegenüber treuen tierischen Begleitern. Es ist ein stiller, emotionaler Ort für die Tiere.

.

Zwischen Stein und Stille – Geschichten eines vergessenen Friedhofs

21. Juni 2025

Der North Leith Burial Ground in Edinburgh, gelegen an der Coburg Street im Stadtteil Leith, ist ein bemerkenswerter historischer Friedhof mit einer bewegten Geschichte, reichen Symbolik und tiefen kulturellen Wurzeln. Durch Zufall entdeckte ich den Friedhof. Es war heller Sonnenschein, eigentlich untypisch für die schottische Hauptstadt.

Der Friedhof wurde im Jahr 1664 angelegt, nachdem der ursprüngliche Friedhof der alten St-Nicholas-Kirche durch den Bau einer Zitadelle im Auftrag Oliver Cromwells zerstört worden war. Für rund acht Jahre war der Stadtteil Leith ohne eigene Begräbnisstätte, bis dieser neue Friedhof nahe dem Water of Leith als Ersatz eingerichtet wurde. Mit seiner Fläche von etwa 0,2 Hektar war er über Jahrhunderte der Hauptbegräbnisplatz der Gemeinde North Leith.

Der Friedhof ist eng mit der Geschichte der North Leith Parish Church verbunden. Diese befand sich ursprünglich neben dem Friedhof, zog aber 1815 an die Madeira Street um. Trotz dieses Umzugs blieb der North Leith Burial Ground lange Zeit in Benutzung. Erst im 20. Jahrhundert wurde er für neue Bestattungen geschlossen. In den 1980er-Jahren wurde ein Teil des Geländes für den Ausbau des Water of Leith Walkways zerstört, was einige Gräber unwiederbringlich verlorengehen ließ.

Besonders eindrucksvoll sind die zahlreichen historischen Grabsteine aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Sie sind reich verziert mit klassischen Motiven der Vergänglichkeit: Totenschädel, gekreuzte Knochen, Sanduhren, Engelsköpfe, Spaten, Herzen, Anker und sogar der sogenannte „Green Man“ – eine mythische Figur der Naturverbundenheit, die in einem Fall mit einem Anker im Mund dargestellt ist. Viele dieser Symbole deuten nicht nur auf den Tod hin, sondern erzählen auch von den Berufen und Lebensumständen der Verstorbenen, etwa durch eingemeißelte Werkzeuge oder Berufszeichen. Die Gestaltung ist oft barock, theatralisch und voller religiöser Anspielungen.

Unter den hier Bestatteten befinden sich einige bemerkenswerte Persönlichkeiten. Einer der bekanntesten ist Pfarrer David Johnstone (1734–1824), der über 59 Jahre lang der Gemeinde als Geistlicher diente und das Blindenasyl von Edinburgh mitbegründete. Auch Robert Nicoll, ein junger Dichter und Journalist mit politischem Engagement, fand 1837 hier seine letzte Ruhe. Umstritten ist die tatsächliche Grabstätte von Colonel Anne Mackintosh, einer Unterstützerin des Jakobitenaufstands von 1745, die möglicherweise ebenfalls auf dem North Leith Burial Ground liegt. Eine weitere historische Figur ist die Großmutter des späteren Premierministers William Ewart Gladstone, die ebenfalls in Leith begraben wurde. Ihre Grabstätte gilt als ein Hinweis auf die Verbindung der Familie zum kolonialen Plantagenhandel.

Heute ist der Friedhof ein öffentlich zugänglicher Ort der Erinnerung und Reflexion. Er dient nicht nur der Ahnenforschung, sondern wird auch im Rahmen von Führungen, Theaterprojekten und historischen Stadtspaziergängen belebt. So widmen sich Veranstaltungen wie „Ghosts of North Leith“ der szenischen Darstellung der hier begrabenen Persönlichkeiten, wobei Geschichte auf kreative Weise erfahrbar gemacht wird.

Der North Leith Burial Ground ist somit mehr als ein Friedhof – er ist ein Geschichtsspeicher, ein Spiegel religiöser und gesellschaftlicher Vorstellungen vergangener Jahrhunderte und ein inspirierender Ort, der bis heute zum Nachdenken anregt. Seine Lage am Fluss, umgeben von alten Gebäuden und modernen Entwicklungen, macht ihn zu einem einzigartigen Zeugnis der Wandlung Edinburghs – ruhig, eindrucksvoll und voller Geschichten. Mal sehen, wann ich mal in den Abendstunden hinkomme.