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Konzertkritik: Kraftwerk in München 2025

21. Dezember 2025

Kraftwerk in München und es ist für mich eine Selbstverständlichkeit hier dabei zu sein. Begleitet wurde ich von einer begeisterten Tochter, die Ehefrau blieb navh verschiedenen Kraftwerk-Konzerte zu Hause beim Plätzchenbacken.

Der Sound im Zenit war großartig, ebenso wie bei meinem letzten Konzert von Kraftwerk in Stuttgart. Kraftwerk gelten seit Jahrzehnten als Pioniere der elektronischen Musik, die Klang und Technologie zu Kunst verschmolzen haben. Gegründet 1970 in Düsseldorf, schuf das Kollektiv um Ralf Hütter und (bis zu seinem Austritt) Florian Schneider visionäre elektronische Klangwelten in ihrem legendären Kling-Klang-Studio. Bereits Mitte der 1970er erlangten sie internationale Anerkennung für ihren revolutionären Sound und ihre Experimente mit Robotik und neuen technischen Innovationen. Alben wie Autobahn (1974) brachten deutsche Elektronik-Klänge unerhört in die internationalen Charts, Radio-Aktivität (1975) thematisierte das Thema Kernkraft, Trans Europa Express (1977) feierte futuristische Mobilität, und Die Mensch-Maschine (1978) definierte das Bild der Symbiose von Mensch und Technik in der Popkultur. Mit Computerwelt (1981) antizipierten Kraftwerk die digitale Gesellschaft und übten subtile Kritik an der Datenüberwachung – lange bevor diese Themen Mainstream wurden.

Jeder dieser musikalischen Meilensteine transportierte Ideen ihrer Zeit und prägte künftige Musikergenerationen. So wurde etwa der treibende Beat von „Trans Europa Express“ zur Blaupause für Afrika Bambaataas Hip-Hop-Klassiker Planet Rock, und sogar Coldplay entlehnten sich eine Melodie von Kraftwerk für ihren Hit „Talk“. Diese Beispiele verdeutlichen, wie musikalische Ideen von Kraftwerk weit über ihr eigenes Schaffen hinaus weitergetragen wurden – ein direkter Beleg für das Motto „Musik als Träger von Ideen“.

„Musik als Träger von Ideen“
Und es erwischte mich am Konzertende wieder voll. Die Zeile „Es wird immer weitergehn: Musik als Träger von Ideen“ stammt ursprünglich aus dem Song „Techno Pop“ (1986) und ist weit mehr als ein Liedtext – sie ist zu einem Leitsatz des Kraftwerk’schen Schaffens geworden. Wie der Musikjournalist Michael Döringer anmerkt, „sagt diese Textzeile alles aus über das Musikverständnis der Düsseldorfer Elektronikpioniere“.

Ich stehe in der Halle und mir wieder schlagartig wieder bewusst, welche enorme künstlicherische Kraft von Kraftwerk ausgeht. Kraftwerk wussten genau um die gesellschaftliche Kraft der Musik und darum, „was Kunst alles sein kann“. In ihrer Vision ist Musik kein bloßer Hintergrundklang, sondern ein Medium für Ideen, Botschaften und Visionen. Der Ausspruch impliziert, dass musikalische Innovation und Inspiration niemals stagnieren – Ideen werden immer weitergetragen, von einer Generation zur nächsten, von einem Genre ins nächste.

Diese Haltung spiegelt sich im Werk der Band wider. Kraftwerk haben konsequent den Zeitgeist reflektiert und in ihren Stücken verarbeitet. Oft wirkten ihre Songs wie klangliche Essays zu Themen der modernen Zivilisation: „Radioaktivität“ etwa beleuchtete 1975 wissenschaftlich-neutral die Wunder der Kernenergie, wurde aber später – nach Tschernobyl und Fukushima – live in einen eindringlichen Appell gegen radioaktive Gefahren umgewandelt (“Stoppt die Radioaktivität!”). Hier zeigt sich Musik als Träger einer sich wandelnden Idee: von naiver Faszination hin zu mahnender Verantwortung.
Ähnlich verknüpfte „Trans Europa Express“ Fortschrittseuphorie mit kultureller Reflexion, wenn Europas neue Verbundenheit im Hochgeschwindigkeitszug besungen und zugleich der Bogen zu Kunstikonen wie Iggy Pop und David Bowie geschlagen wird. Kraftwerk demonstrieren damit, dass Musik Bedeutung transportiert – sei es als Feier technologischer Utopien, als Kritik an gesellschaftlichen Entwicklungen oder als Bewahrer kultureller Erinnerungen.

Philosophisch knüpft diese Sichtweise an den Gedanken an, dass Kunst eine transformative Kraft besitzt. Seit jeher haben Denker Musik eine besondere Fähigkeit zugeschrieben, Ideen auszudrücken und Menschen innerlich zu bewegen. Kraftwerk führen dies im Kontext des elektronischen Zeitalters fort: Ihre Musik, so minimalistisch die Texte oft sind, vermittelt Konzepte von Fortschritt und Mensch-Maschine-Beziehung, von Urbanität und Natur, von Euphorie und Nachdenklichkeit. Die Textzeile „Musik als Träger von Ideen“ unterstreicht, dass jeder Klang, jeder Beat mehr bedeuten kann – nämlich eine Idee transportieren, die beim Hörer resoniert und einen Denkprozess auslöst. Gerade in der heutigen digitalen Welt – der Welt, die Kraftwerk mit ihren „Zukunfts-Visionen“ gewissermaßen den Soundtrack geliefert haben – behält diese Maxime ihre Gültigkeit.

Musik bleibt ein Vehikel, um Ideen in die Zukunft zu tragen. Und Kraftwerk selbst sind der lebende Beweis: Noch 50 Jahre nach Bandgründung lässt ihr Gesamtkunstwerk keinen Zweifel daran, dass diese Überzeugung Bestand hat. Ihre Klänge und Botschaften haben Generationen von Künstlern beeinflusst und ganze Genres hervorgebracht, von Synth-Pop über Techno bis Industrial und Hip-Hop .

Technologie, Kunst und kulturelle Entwicklung in Einklang
Schon früh erhoben Kraftwerk Technologie und moderne Ästhetik zur Kunstform. In einer Zeit, als Rock und Jazz dominierten, suchten sie bewusst nach einer neuen, deutschen Klangsprache jenseits angloamerikanischer Vorbilder. Sie integrierten technische Geräte – Synthesizer, Drum-Computer, Vocoder – als gleichberechtigte kreative Instrumente und gestalteten damit einen völlig neuartigen, minimalistisch-präzisen Sound. Damit wurden sie nicht nur Musiker, sondern Ingenieure einer audiovisuellen Zukunftsvision. Die Verbindung von elektronischer Musik mit visueller Kunst ist ihnen inhärent: Kraftwerk-Konzerte sind legendär für ihre streng durchgestalteten Projektionen, Computeranimationen und die ikonische Roboter-Ästhetik. Jede Show wird zum Gesamtkunstwerk aus Klang und Bild, in dem die Grenzen zwischen Konzert und Kunstinstallation verschwimmen. Diese multimediale Präsentation knüpft an das Konzept der Gesamtkunstwerk-Idee an, wie sie in der europäischen Kunsttradition (etwa bei Wagner) formuliert wurde, und übersetzt es ins digitale Zeitalter.

Damit schlagen Kraftwerk eine Brücke von der Popkultur zur Hochkultur. Längst werden sie in einem Atemzug mit bildenden Künstlern genannt – ihre minimalistische, konstruktivistische Gestaltung von Klang und Auftreten brachte ihnen Ausstellungen in Museen und Kunsthallen weltweit ein . Vom New Yorker MoMA (2012) über die Tate Modern bis zur Neuen Nationalgalerie Berlin haben Kraftwerk ihre Werke in renommierten Kunststätten präsentiert  – Anerkennung dafür, dass ihre audiovisuelle Performance als kulturelles Erbe und Kunstform anerkannt ist. Die Band selbst inszeniert sich dabei als Teil ihrer Kunst: anonymisierte Akteure in identischen Anzügen, die Idee der „Mensch-Maschine“ verkörpernd. Ralf Hütter und seine Kollegen sprechen oft von sich als Musik-Arbeiter; der individuelle Künstler tritt zurück hinter die Konzeptfigur des avancierenden Technikers-Musikers. Hier manifestiert sich der philosophische Gedanke, dass in einer technologischen Welt die traditionelle Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwimmt – ein Leitmotiv, das Kraftwerk künstlerisch durchdekliniert haben.

Die kulturelle Entwicklung, die Kraftwerk angestoßen haben, ist kaum zu überschätzen. Indem sie elektronische Klänge salonfähig machten und deren ästhetische Tiefe aufzeigten, ebneten sie den Weg für ganze Subkulturen. Ihre Musik war Träger einer Idee von Zukunft, die in unterschiedlichen Regionen auf fruchtbaren Boden fiel – Detroit etwa empfing via Radio Kraftwerks maschinelle Rhythmen als Inspirationsquelle und gebar daraus den Techno der zweiten Generation. In Europa wie in den USA veränderten junge Künstler ihr Schaffen, nachdem sie Kraftwerk gehört hatten – viele nennen es bis heute ein Erweckungserlebnis. So gesehen, fungierte Kraftwerks Œuvre selbst als Träger von Ideen, die andere weiterführten. Technologie, Kunst und Kultur sind in ihrem Werk untrennbar verwoben: Jedes Kraftwerk-Album reflektiert technische Errungenschaften und deren Einfluss auf den Menschen, präsentiert in künstlerischer Form, und beeinflusst wiederum die Kultur, indem es neue Denkanstöße liefert. Im Zeitalter von KI wäre ein weiteres Statement von Kraftwerk wünschenswert.

Live-Performance als Vision
Besonders deutlich erfahrbar wird Kraftwerks Motto im Live-Konzerterlebnis – etwa beim jüngsten Auftritt der Band in München im Zenith. Wenn die vier Musiker in ihren futuristischen Anzügen hinter Pulten stehen und die ersten elektronischen Klänge ertönen, verwandelt sich der Ort in einen anderen Raum: Als die Lichter erlöschen, ist es, als würde eine Zeitmaschine anspringen. Das Publikum taucht ein in eine digitale Kathedrale aus Klang und Licht. Die Bühne erweckt den Eindruck einer Zeitreise durch Kraftwerks Gesamtkatalog und darüber hinaus – eine Reise durch Vergangenheit und Zukunft, in der nostalgische Elemente nahtlos in eine immerwährende Gegenwart übergehen. Hier wird keine müde Nostalgie gefeiert; stattdessen entfaltet sich eine musikalische Vision, „die nie an Aktualität verloren hat“. Die Beats kommen glasklar und präzise aus den Boxen, doch trotz aller elektronischen Kühle schwingt eine gewisse Wärme und Menschlichkeit mit, die Kraftwerks Sound zeitlos faszinierend macht.

Kraftwerks Live-Performance ist streng durchchoreografiert und doch emotional mitreißend. Die Musiker selbst agieren betont statisch – Interaktion in klassischem Rock-’n’-Roll-Sinn findet kaum statt; die wenigen gesprochenen Worte (etwa die Begrüßung oder eine Widmung) kommen verzerrt aus dem Vocoder. Weil es Weihnachten ist, gab es eine Widmung an Ryūichi Sakamoto mit Merry Christmas Mr. Lawrence. Sakamoto lieferte auch den japanischen Text zu Radioaktivität. Was für eine Verbeugung von dem 2003 verstorbenen Sakamoto, den Kraftwerk 1981 bei ihrem ersten Tokyo-Konzert trafen.

Diese demonstrative Unnahbarkeit lenkt den Fokus ganz auf die Inhalte, die visuell und akustisch vermittelt werden. Über riesige Projektionsflächen laufen synchronisierte 3D-Animationen: leuchtend grüne Zahlenkolonnen bei „Nummern“, eine endlose Autobahn bei „Autobahn“, DNA-Helices bei „Vitamin“ oder Geigerzähler-Symbole bei „Radioaktivität“. Zu letzterem Song etwa wechseln die Warnzeichen auf den Bildschirmen bedrohlich von Gelb auf Rot und mahnen vor atomarer Gefahr, während die Musik düster und eindringlich wird – ein Gänsehautmoment der Reflexion über Verantwortung in der Technikwelt. Man spürt, wie politisch und relevant Kraftwerk immer noch sind, wenn plötzlich inmitten der mitreißenden Elektronik solche nachdenklichen Töne angeschlagen werden. Das Publikum verstummt in diesen Augenblicken spürbar, bevor es im nächsten Moment von hypnotischen Rhythmen wieder mitgerissen wird.

Auffällig ist die generationenübergreifende Wirkung der Show. Im Zenith stehen bei einem Kraftwerk-Konzert Menschen jeden Alters nebeneinander: grauhaarige Ersthörer der 70er neben jungen Techno-Fans, Familienväter neben ihren staunenden Kindern (so einer war ich). Diese Vielfalt im Publikum – „von jung bis alt, von Nerd bis Tänzer“ – zeigt, wie zeitlos und verbindend Musik sein kann. Für die Dauer des Konzerts verschwinden die Unterschiede: Musik als universeller Träger verbindet die Menschen direkt. Man beobachtet, wie bei Klassikern wie „Computerwelt“ oder „Autobahn“ die Menge unwillkürlich im Takt schwingt – die Menge wiegt sich im Takt, von den ersten Reihen bis zu den hinteren Stehplätzen. Es ist, als verschmelze der Puls der Stadt mit dem der Musik: Die Live-Elektronik wird zum kollektiven Herzschlag aller Anwesenden. Hier erfüllt sich spürbar, was der Kraftwerk-Slogan verheißt – eine Idee vereint durch Musik.

In den ekstatischen Momenten, etwa wenn in der Zugabe „Die Roboter“ ertönt, steigert sich dieses Gemeinschaftsgefühl weiter. Obwohl die Musiker selbst fast regungslos bleiben, ist plötzlich alles in Bewegung: „Visuals, Musik, Publikum – für einen Moment scheint es, als wären wir alle Teil einer großen Choreografie – Mensch und Maschine, vereint im Rhythmus“ . Diese Szene lässt erahnen, was Kraftwerk mit der Mensch-Maschine-Idee künstlerisch intendieren: Die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum, zwischen Performer und Publikum, verschwimmt. Im Gleichschritt mit den Maschinenrhythmen tanzen alle als Einheit – ein symbolischer Augenblick, in dem Musik buchstäblich zur gemeinsamen Sprache wird, welche die Trennung zwischen Mensch und Technologie aufhebt. Man kann hier von einer fast rituellen Erfahrung sprechen, in der die Transformation unmittelbar erlebt wird: Musik transformiert die Menschenmenge zu einem Kollektiv, die Konzerthalle zum visionären Raum.

Am Ende des Abends schließlich wird das Motto „Es wird immer weitergehen…“ in einer letzten Geste greifbar. Nach rund zwei Stunden verabschieden sich die Musiker nämlich während noch der Sequencer pulsiert: Bei „Musique Non Stop“ verlässt einer nach dem anderen mit einer Verneigung die Bühne, doch die Musik läuft weiter. Die Maschine spielt unbeirrt alleine weiter, als hätte sie ein Eigenleben: Die Maschine spielt weiter, auch wenn der Mensch die Bühne verlässt. Dieser Schlussmoment, in dem die letzten Projektionen flimmern und Kraftwerk im Dunkel verschwinden, lässt das Publikum mit einem tiefen Eindruck zurück. Viele Zuschauer bleiben noch eine Weile stehen, benommen und erfüllt von dem Erlebten. Die Botschaft ist klar spürbar: Die Ideen, die Kraftwerk durch ihre Musik in die Welt gesetzt haben, klingen über den Auftritt der physischen Personen hinaus fort. Die Musik als Träger von Ideen setzt ihren Weg fort – zeit- und ortsunabhängig.

Visionäres Vermächtnis im Konzertformat
Der Auftritt von Kraftwerk – sei es im Münchner Zenith 2025 oder an einem anderen Ort – erweist sich als weit mehr als nostalgische Konzertreise. Er gleicht eher einer kulturellen Reflexion in Echtzeit, einem Nachdenken über Technik, Kunst und Menschlichkeit, verpackt in mitreißende audiovisuelle Performance. Kraftwerk demonstrieren mit jedem Track, dass ihre Maxime „Musik als Träger von Ideen“ gelebte Realität ist: Musik kann unterhalten und zugleich tiefgründige Ideen vermitteln, sie kann Vergangenheit und Zukunft verknüpfen und Menschen jeden Hintergrunds zusammenbringen. Die philosophische Tiefe des Kraftwerk-Zitats zeigt sich nicht nur in ihren Studioalben, sondern intensiv auf der Live-Bühne – dort, wo das Publikum Teil des Gesamtkunstwerks wird und am eigenen Leib erfährt, was die Mensch-Maschine-Symbiose bedeutet.

Noch heute, nach über fünf Jahrzehnten, wirkt Kraftwerks Kunstvision frisch und zukunftsgewandt. Ihr Konzertabend in München führte das eindrücklich vor Augen: Hier stand ein Stück Musikgeschichte in Form von vier regungslosen Gestalten auf der Bühne – doch was aus den Lautsprechern und Leinwänden strömte, war lebendige Gegenwart und vorweggenommene Zukunft zugleich. Es ging immer weiter: von den experimentellen Anfängen bis in die digitale Gegenwart hat Kraftwerks Musik Ideen transportiert und Transformation bewirkt. Und es wird immer weitergehen – denn die Ideen leben in der Musik weiter, ob auf Vinyl, in digitalen Samples oder in den Köpfen und Herzen eines begeisterten Publikums. Kraftwerk haben der Welt eine Philosophie des Klangs hinterlassen, die in jedem Konzert neu aufblüht: Musik als Träger von Ideen, gestern, heute und morgen.

Musiktipp: Kraftwerk: Trans Europa Express auf weißem Vinyl

17. November 2020

Bis Corona war ich ein ausgiebiger Nutzer der Deutschen Bahn und legte meine Fahrten grundsätzlich mit der Bahn zurück, weil ich es für sinnvoll halte und den Individualverkehr vermeiden möchte. Und die Musik, die ich beim Bahnfahren im Ohr hatte, war natürlich Kraftwerk mit ihrem Trans Europa Express. Jetzt ist dieses legendäre Album wieder auf Vinyl veröffentlicht worden – in einer Sonderauflage Trans-Europa Express in weißem 180 Gramm Vinyl. Es ist die musikalische Fassung von 2009. Und als Fan musste ich hier zuschlagen und erwarb die deutsche Ausgabe der Schallplatte.

Über den Einfluss auf die Musikwelt muss ich nichts mehr schreiben. Die Band Kraftwerk hat nach eher experimentellen Alben nun 1977 ihre Stil gefunden und die Musik auf den Kopf gestellt. Hip-Hop, Techno und Electronic wären ohne Kraftwerk unmöglich. Ich persönlich verbinde mit Trans Europa Express immer einen Besuch im Cafe Hawelka in Wien. Wie es die Legende will, war Kraftwerk auch einstmals dort und verewigte das Kaffeehaus mit den Zeilen „In Wien sitzen wir im Nachtcafé“.

Nun, ich werde mir einen schöne Tasse Bohnenkaffee machen und dem Trans-Europa Express lauschen und mich an die Fahrten mit der Bahn vor Corona erinnern. Meine Lieblingssongs sind Trans Europa Express, Schaufensterpuppen und Europa Endlos.

Eine Wiener Institution: Das Cafe Hawelka

29. Januar 2020

„Neilich sitz i umma hoiba zwa im Hawelka
Bei a poa Buchteln und bei an Bier
Auf amoi gibts beim Eingang vuan an Mordstrara
Weu a Nackerter kummt eine bei der Tür“
Na, wer erinnert sich noch an diese Zeilen des österreichischen Sängers Georg Danzer? Sie stammen aus dem Ohrwurm „Jö schau“ aus dem Jahre 1975 und sind eine Verbeugung vor dem Wiener Kaffeehaus Hawelka. Hier hing Danzer mit seinen Künstlerfreunden ab, hier hängt heute gegenüber der Theke eine Zeichnung mit Widmung Danzers.

Widmung Georg Danzer

Widmung Georg Danzer

Wer ein wenig Kultur im Sinn hat, der muss zum Hawelka hereinschauen. So tat ich es, um mit meiner Familie eine Melange zu trinken, Apfelstrudel und Sachertorte zu essen und vor allem Atmosphäre zu genießen. Buchteln gab es erst abends. Innerhalb von Sekunden sog ich die Atmosphäre auf. Und ich finde es genial, dass ein Kaffeehaus so im kulturellem Interesse steht.

Meine Kinder saßen in der Sitzgruppe, auf der damals auch Georg Danzer in seinem Musikvideo saß. Und so hatten wir den Raum des Kaffeehauses im Blick. Es hatte sich eigentlich nicht viel seit 1975 verändert. An den Wänden Fotos, Bilder, Zeichnungen, am Eingangsbereich Plakate und die Stühle/Tische konnten so geschoben werden, wie die Gäste Platz brauchten. Renoviert wurde im Kaffeehaus nur das nötigste. Es gibt das Zitat des Gründers, das die Situation beschreibt. „Der Kaffee wär’ ned besser, wenn das Lokal moderner wär.“ Heute stehen Leopold und Josefine Hawelka mit zwei Büsten an der Seite und wachen über ihr Kaffeehaus.

Wir trafen auf Günter Hawelka, dem Sohn des legendären Cafetier Leopold Hawelka, der 2011 verstarb. Günter hat das Kaffeehaus inzwischen an seine Söhne übergeben, nimmt aber gerne die Rolle des Cafetier ein, wie einst sein Vater. Er begrüßt die Gäste, oftmals mit Handschlag, spricht, scherz, erzählt. Auch wir haben das kurze, aber intensives Gespräch mit der Wiener Legende genossen.

Ich hab ihn gefragt, wo denn Kraftwerk saß, als sie im Hawelka weilten. Da wurde er etwas verlegen und deutete in den Raum. Nicht nur Danzer, sondern auch die wichtigste Elektroband überhaupt erwähnten das Hawelka in dem Song Trans Europa Express, wenn auch nur indirekt in den Zeilen „In Wien sitzen wir im Nachtcafé.“ In einem Interview von 2004 sagte Kraftwerk-Gründer Ralf Hütter: „Wir machen Alltagsmusik. »Trans-Europa-Express«, »Autobahn«, »In Wien sitzen wir im Nachtcafé« – das ist übrigens das Café Hawelka, den Namen haben wir nie genannt, 1976 war das. Musik zum Alltag.“ In einem frühen Video von Kraftwerk gibt es eine Aufnahme der Band vor dem legendären Café Hawelka.

Hier noch ein paar Eindrücke aus dem wunderbaren Café.

Konzertkritik: Kraftwerk in Essen

26. November 2015
Ein Jugendtraum wird wahr - Kraftwerk in Essen. Ein Jugendtraum wird wahr – Kraftwerk in Essen.

Ehrfürchtig nehme ich auf dem Gangplatz in der zweiten Reihe im Essener Traditionskino Lichtburg Platz. Vor mir ein mächtiger roter Vorhang. Hinter diesem Vorhang soll sich gleich ein Jugendtraum von mir verwirklichen. Ich darf Kraftwerk live sehen – endlich.


Als Jugendlicher hatte ich diese Band für mich entdeckt und war durch all die Jahre ein Verehrer der deutschen Elektronikband. Kraftwerk war anders als die Bands meiner Jugend. Es waren keine Gitarrenhelden, sondern Techniker in den Kling-Klang-Studios, die einen ungewöhnlichen Sound heraufbeschwörten. Ich kaufte die Platten in Vinyl, Langspielplatten und Singles, dann später die Musik als CD. Der Katalog in schwarz und weiß sind für mich wichtige Boxen. Doch Kraftwerk habe ich noch nie live erlebt. Bei den Münchner Konzerten hatte ich keine Karten bekommen, das Event im ZKM habe ich verbummelt und für die Auftritte in der Londoner Tate Gallery habe keinen Flug bekommen, den ich mir leisten wollte. Aber in Essen soll es jetzt sein. Kraftwerk live auf der Bühne.


Die Faszination, die ich für diese Musik empfinde, sprach und spricht bei mir alle Sinne an: Den Kopf, den Bauch, die Seele. Ich gehe gerne auf Konzerte und freue mich auf die Künstler, die ich dort sehe. Es ist Unterhaltung pur, wenn die Künstler mir eine gelungene Show abliefern. Aber bei Kraftwerk bin ich nervös. Ich nahm eine stundenlange Reise von München nach Essen mit dem ICE auf mich, wurde nach den Terroranschlägen in Paris professionell und ausgiebig beim Betreten der Lichtburg gefilzt und sitze jetzt in meinem Kinosessel in der zweiten Reihe, nah, ganz nah an der Bühne. Ich geb es zu, ich war nervös. Ich spüre die gleiche Unruhe in mir wie vor einer Wagner-Aufführung in Bayreuth. Wie wird es werden? Wird mein Jugendtraum gleich zerplatzen? Kraftwerk ist nicht einfach eine Musikkonzert, es ist Kunst, ein Kunstgenuss pur. Für mich ist Kraftwerk ein Gesamtkunsterlebnis.

Um mich herum ziehen die Fans aus dem Ruhrpott ihre 3D-Brillen auf, denn Kraftwerk hatte für uns eine Multimedia-Show in Stereoskopie im Gepäck. Die Gespräche verstummen. Aufgrund meines Augenleidens lasse ich meine 3D-Brille in der Tasche.

3D-Brillen am Eingang. 3D-Brillen am Eingang.

Jeder Konzertbesucher bekam am Eingang eine polariserte Brille im Kraftwerk-Look überreicht. Auch ich nahm eine, ziehe die 3D-Brille aber nicht auf. Ich will nur die Band hinter ihren Pulten betrachten und genießen. Punkt 0 Uhr geht es los. Meine Frau hatte mir eine Karte für die zweite Show des Abends gekauft und ich bin ihr über ihre Platzwahl ganz vorne zutiefst dankbar. So nah dran an der Band und den Boxen.


Der Vorhang öffnet sich. Auf der Bühne stehe die legendären vier Pulte. Der Applaus ist gewaltig, ich klatsche, um meine Spannung abzubauen. Es geht los. Der Surround-Sound drückt mich in den Sessel der Lichtburg. Glasklarer fetter Sound, der Bass haut rein. Das größte deutsche Filmtheater mit 1500 Plätzen ist komplett ausverkauft. Die Mensch-Maschine nimmt ihren Verlauf. Die Kraftwerk-Performer betreten in ihren Neopren-Anzügen die Bühne. Die Audio Operatoren (netter Name für die Musiker) Ralf Hütter, Fritz Hilpert, Hennig Schmitz und Video Operator Falk Grieffenhagen. Von der Originalbesetzung ist nur Ralf Hütter übrig geblieben. Klaus Dingler ist leider verstorben und Karl Bartos macht sein eigenes Ding und ich werde ihn mir auch noch ansehen, irgendwann, irgendwo. Bartos macht Kraftwerk-Musik, wie sie im 21. Jahrhundert klingen sollte. Ralf Hütter ist eher der Bewahrer – also genauso ein Streit wie um Wagner. Geblieben ist die Musik, Elektropop mit und fürs Köpfchen. Für mich ist Kraftwerk die Urband der elektronischen Musik – vor Kraftwerk gab es im elektronischen Bereich nichts, was von irgendwie Bestand hatte. Kraftwerk hat meine musikalische Welt umgestaltet, eingerissen, komplett neu definiert. Und jetzt sehe ich diese Pioniere, diese Revolutionäre ein paar Meter vor mir auf der Bühne. Obwohl sich Kraftwerk die Entpersonalisierung der Musiker auf die Fahnen geschrieben hat, war ich auf die Musiker neugierig. Hinter ihnen läuft eine beeindruckende 3D-Show auf, doch ich konzentriere mich auf die Musiker. Ralf Hütter singt die legendären Zeilen, die jeder in der Lichtburg mitsingen kann. Ja, wir sind alle Textsicher bei Kraftwerk-Songs. Bei dem Song Computerwelt sah Kraftwerk die totale Digitalisierung und Überwachung voraus. Nie zuvor war Kraftwerk aktueller denn je – NSA, Snowden, Vorratsdatenspeicherung. „Interpol und Deutsche Bank, FBI und Scotland Yard – Flensburg und das BKA, haben unsere Daten da“. Für die Zeilen muss man Kraftwerk einfach lieben: „Automat und Telespiel – Leiten heute die Zukunft ein – Computer für den Kleinbetrieb – Computer für das eigene Heim“.


Als die Klänge von Autobahn erklangen, bekomme ich meinen persönlichen Flashback. Ich erinnere mich, wie ich diese Musik das erste Mal gehört habe. Was war das? Es waren keine drei-Minuten Hitsingle wie bei anderen Künstlern, sondern die Komposition entfaltete eine intensive hypnotische Kraft. Die Redundanz prägte sich ein. Als Jugendlicher kam nur noch Brian Eno und David Bowie mit der Berliner Phase an diese Musik heran, alles andere war oberflächliches Gedudel.


Im Grunde läuft ein Kraftwerk-Konzert computergesteuert wie ein Uhrwerk ab. Ein Absturz wie auf dem Düsseldorfer Konzert in der Philipshalle am 31. Oktober 1991 gab es in Essen nicht. Die Showmaschinerie der Mensch-Maschine lief perfekt. Ab und zu wippt Ralf Hütter mit den Füßen, aber die Musiker halten sich meist zurück. Als gegen Ende der Show nach einem Vorhang die Roboter auf die Bühne kommen, bringen die mechanischen Gesellen in einem Song mehr Bewegung auf die Bühne als die menschlichen Musiker während des ganzen Konzerts. Als Kind habe ich die Roboter mit den roten Hemden und schwarzen Krawatten im Fernsehen gesehen und wusste nicht, ob die Band nun echt oder mechanisch war. Heute weiß ich, dass Kraftwerk menschlich ist, denn Ralf Hütter grinst von der Bühne.
Eindrucksvoll waren Tour de France, das Model und immer wieder Radioaktivität mit überarbeiteten Texten. Beim Trans Europa Express denke ich an meine Zugfahrt und freue mich, dass Europa zusammengewachsen ist. Ich gerate immer tiefer in den Song der Musik und als die Klänge von Elektro Kardiogramm erklingen, drückt es mich in meinen Kinosessel hinein. Die legendären Textzeilen „Music non stop, techno pop
Es wird immer weitergehen – Musik als Träger von Ideen“ haben mich wieder gepackt. „Es wird immer weitergehen – Musik als Träger von Ideen“ genau das ist es – bravo.


Nach zwei Stunden verabschieden sich Kraftwerk mit Improvisationen auf ihren Software-Synthesizern und -Sequencern, gehen Mann für Mann an den Rand der Bühne und verbeugen sich artig. Ralf Hütter ist der letzte, der von Bord geht. „Gute Nacht, bis morgen“ lauten seine Worte an uns.

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Nein, für mich heißt es bis gleich. Ich bleibe noch ein wenig im Kinosaal sitzen und schaue mir im Vorraum den Verkaufsstand mit T-Shirts und Mauspads an. Ich muss vier Stunden überbrücken, bis mich mein ICE wieder nach Bayern bringt. Ein wenig spaziere ich durch die Innenstadt von Essen und lande in einer Kneipe. Ich höre dort Kraftwerk über das iPhone. Mein Leben ist schön.

Der Kraftwerk-Katalog liegt vor

12. November 2009
Der Kraftwerk Katalog
Endlich, nach fünf Jahren Ankündigungszeit liegt der Katalog von Kraftwerk vor. Und das Warten hat sich gelohnt. Das Kompendium enthält acht Kraftwerk-Alben im zeitgemäßen Sound. Die Musik wurde überarbeitet und remastered.Ich bin eigentlich jemand, der Probleme mit überarbeiteten Versionen hat und höre die Beatles auch lieber in Mono als in Stereo. Aber die Neuauflage von Kraftwerk ist ein Ohrenschmaus allererster Güte.
Über die musikalische Qualität brauchte ich nichts zu schreiben. Kaum eine Band, die ihrer Zeit soweit voraus war und den Weg für Elektropop und Techno ebnete. Die Liste der beeinflussten Musikanten ist enorm. Die Musik aus dem Düsseldorfer Kling-Klang-Studio hat Geschichte gemacht. Kritiker werden jetzt einwerfen: Schade, dass die ersten drei Kraftwerk-Platten nicht Teil des Katalogs sind. Vielleicht liegt es daran, dass sie noch mit analogen Equipement eingespielt wurden und die Zeit noch nicht reif war. Vielleicht will die Kapelle später noch ein paar Euro verdienen. Egal, es ist, wie es ist. Die Veröffentlichung von Der Katalog (German Box Set) ist genial
Die überarbeiteten Aufnahmen klingen frischer, klarer und geben den Songs mehr Tiefe. Überrascht bin ich bei einigen Titeln über den neuen Klang und entdecke neue Tiefen. Ich dachte, dass das Rauschen und Knacken wohl bei einigen Songs zum Sound gehörte. Aber es waren wohl einfach nur Aufnahmestörungen. Schon alleine dafür hat sich die Anschaffung des Katalogs gelohnt.
Die acht Alben sind: Autobahn, Radio-Aktivität, Die Mensch-Maschine, Trans Europa Express, Computerwelt, the Mix, Techno Pop, Tour de France.
Natürlich kann man jetzt meckern, denn fein wären noch Maxi-Versionen, Videos oder Demos. Aber was soll es? Ich schätze Kraftwerk, mag sie sehr gerne, aber jeden Piep muss ich auch nicht besitzen. Die Perlen der Musikgeschichte hab ich jetzt im neuen Sound und das ist gut so.
Zur Auswahl stehen die englische und die deutsche Version des Katalogs, wobei ich persönlich die deutsche bevorzuge. Hier gehört der Gesang einfach zum Programm.
Ein Lob auch an die Ausstattung des Katalogs. Dem Schuber liegen in LP-Größe die Booklets der damaligen Langspielplatten bei. Das macht Spaß beim Blättern und beim Erinnern. Schlicht die Verpackung der Box: Weiß, Band-Icon und innen die Abfolge, 1,2,3… Mastermind und Radfahrer Ralph Hütter gab den Kollegen vom Stern ein schönes Interview, um den Verkauf des Katalogs anzukurbeln. Schöner Ausspruch: „Statik passt einfach nicht zu unserer Musik.“ Zur Veröffentlichung sagte Hütter: „Das war einfach lange fällig. Die Qualität, die bisher auf dem Markt ist, stammt aus der Zeit der Vinylalben. Da mussten wir einfach mal in die KlingKlang-Archive und das alles aufarbeiten.“ Damit ist eigentlich alles gesagt.