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Film- und Buchtipp Chernobyl und Tschernobyl

11. Dezember 2019

Nachdem die Sky-/HBO-Serie Chernobyl bei den 2019 Emmys mit 10 Auszeichnungen und 19 Nominierungen der große Abräumer war, kaufte ich mir die sechs Teile Chernobyl auf Bluray und schaute sie mir gefesselt in einem Rutsch durch. Spannend und erschreckend und eine klare Empfehlung von meiner Seite.
Das Thema Reaktorunfall in der Ukraine hat mich sehr betroffen gemacht, damals und heute. Ich hatte die Vorfälle um Tschernobyl als Jugendlicher hautnah miterlebt, ich spielte draußen als der große Regen kam. Die Angst ging um, obwohl doch laut Politik „zu keiner Zeit die Bevölkerung gefährdet war“. Alles Lüge.
Die Mini-Serie brachte nur die Hilflosigkeit der Sowjets an den Tag. Der große Reformer Michail Gorbatschow reagierte zunächst nach alter sowjetischer Devise: Alles leugnen und klein reden, so wie es Apparatschiks in Diktaturen gerne machen. Es ist im Film nur die Sichtweise der Sowjets dargelegt, vielleicht etwas eindimensional, aber so ist nun mal Hollywood.
Natürlich handelt es sich bei Chernobyl um eine Unterhaltungsserie, da muss schon ein wenig Dramatik rein. Schöpfer war Craig Mazin und Regie führte Johan Renck und entstand Fernsehunterhaltung mit viel Realität und viel Fiktion.
Aber ich wollte mich nicht mit der Serie zufriedengeben und suchte nach mehr Stoff. Dr. Johannes Grotzky, ein Bekannter über all die Jahre, schickte mir sein Buch Tschernobyl: Die Katastrophe samt Widmung. Grotzky war Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks, lange Jahre Moskaukorrespondent und ist heute für mich immer noch der Russland-Experte schlechthin. Ich durfte als junger Journalist den Auslandskorrespondenten Johannes Grotzky bei seiner Arbeit begleiten und habe sehr, sehr viel von ihm gelernt. Vielen Dank dafür. Immer wieder kreuzen sich unsere Wege und so schickte er mir sein Buch Tschernobyl – die Katastrophe.

Mittlerweile gibt es viel Literatur zum Thema Tschernobyl, aber interessant für mich war, wie ein Journalist hinter dem eisernen Vorhang über den Reaktorunfall berichten konnte. Es gab kein Internet, keine sozialen Netze. Die Kommunikation war streng überwacht. Die Berichte über die Reaktorkatastrophe waren wie die Berichte über einen Krieg. „Die wirkliche Berichterstattung findet erst nach Abschluss des Krieges statt, wenn alle Quellen zugänglich sind und alle Seiten gehört wurden“, so Grotzky. Mich haben die Dokumente der damaligen Zeit besonders interessiert. Grotzky hat viele davon gesammelt: Ticker-Meldungen unterschiedlicher Sichtweisen, Zeitungsausschnitte, Briefe, Fernschreiben und vieles mehr. Russische Quellen werden übersetzt. Grotzky erläutert die Dokumente und setzt sie ins Verhältnis zueinander – und das hat der Journalist gelernt. Dabei fließt viel Hintergrundwissen über die handelnden Personen ein, denn Grotzky ist lange im Nachrichten- und Berichterstatttergeschäftund weiß, über was er spricht. Genau diese Infos haben für mich das Buch Tschernobyl lesenswert gemacht. „Die Zurückhaltung sowjetischer Medien bei Katastrophen im eigenen Land ist typisch. Meist werden nur solche Ereignisse gemeldet wie Erdbeben oder größere Umweltverschmutzungen, die ohnehin durch internationale Messungen erkennbar sind. Dagegen gibt es in der Regel keine Hinweise auf Flugzeug- oder Bahnunglücke“, beschreibt Grotzky die Situation.

Widmung im Buch.

Widmung im Buch.

Wie eine Art Tagebuch stellt der Journalist den Informationsfluss dar, der von sowjetischer Seite geliefert wurde. Er zeigt, wie Zug um Zug, Andeutung um Andeutung das Unglück durchsickert, das aus sowjetischer Sicht noch als „lokaler Unfall“ dargestellt wird. Interessant auch die Reaktionen von offizieller sowjetischer Seite auf westliche Berichterstattung. Man sprach vom „Gefühl der Bitterkeit“ beispielsweise von einem sowjetischen Ingenieur. Die westlichen Berichte wurden als „reine Provokation“ bezeichnet. Eine Berichterstattung von westlichen Medien, wie Journalist Johannes Grotzky in der Sowjetunion war zudem stark von offizieller Seite eingeschränkt.
Interessant war auch die Informationspolitik der deutschen Botschaft an die deutschen Landsleute in Moskau, „deutsche Kolonie“ genannt. Grotzky hat die Originaldokumente aufgehoben und abgedruckt. Es dreht sich dabei vor allem, welche Obst- und Fleischprodukte man essen kann und wie hoch die Verstrahlung war. er zeigt, wie Amerikaner und Engländer in Moskau reagierten und welche Maßnahmen sie trafen.
Ich möchte dieses Buch allen Medieninteressierten empfehlen. Es zeigt hervorragend, wie schwierig die Berichterstattung in einer Diktatur ist und wie genau sich man als Journalist an die Faktenlage halten muss. Ich bin wieder Johannes Grotzky dankbar, denn ich habe durch sein Buch Tschernobyl wieder viel gelernt.

Erinnerungen an das Hochwasser in Passau 2013

30. Oktober 2019

Über das dramatische Hochwasser in Niederbayern 2016 habe ich schon mal aus der Sicht von Simbach am Inn geschrieben. Bei meinem jüngsten Besuch in Passau mit dem PresseClub München wurde mir wieder bewusst, welche Naturgewalten hier aufgetreten und wieder auftreten werden. Ich hörte in Passau viele Geschichten vom Hochwasser des Jahres 2013.

12,89 Meter stand das Wasser hoch

12,89 Meter stand das Wasser hoch

Bereits 1954 hatte Passau mit einem so genannten Jahrhunderhochwasser zu kämpfen, aber es dauerte kein Jahrhundert bis die Flut brutal wieder nach Passau kam und die Stadt versank. Am 3. Juni 2013 erreichte das Wasser seinen Höchststand in der drei Flüsse Stadt. Aus dem bayerischen Venedig wurde ein Katastrophengebiet.
Als ich vor der Markierung am Rathausplatz stand, dem ehemaligen Fischmarkt, reichte mir die Wasserstandsmarkierung weit über meinen Kopf hinaus. Durch Passau wälzte sich damals eine Lawine von Wasser, Schlamm und Dreck. Hinzu kam Diesel und Heizöl aus den überfluteten Kellern. Auch am Ort, so heißt die Stelle, war die Markierung an einem Haus weit oben. Insgesamt reichte das Wasser an der höchsten Stelle 12,89 Meter hoch – es gilt als zweitschlimmste Hochwasserkatastrophe der Stadt. Nur das Wasser von 1501 war mit 13,20 Meter noch etwas höher.
Eine Schulfreundin von mir wohnte einstmals in der Höllgasse im Zentrum von Passau. Sie machte den Witz, dass sie Sachen, die sie nicht mehr braucht, einfach in den Keller stellen würde. Das Wasser würde schon kommen und die Sachen unbrauchbar machen, so dass es einem leichter fiel, sie wegzuwerfen. Sie hatte mit ihrem Spruch recht, aber 2013 war es nicht nur Müll, sich die Flut holte, sondern viel Hab und Gut von Passauer Bewohnern.

Unsere Stadtführerin Anneliese Hertel erzählte uns viele Geschichten vom Kampf gegen das Wasser. Hauptamtliche und ehrenamtliche Hilfe standen zusammen im Kampf gegen das Wasser. Studenten organisieren sich und halfen mit ihre Studentenstadt zu retten. Es war eindrucksvoll, wie in der Not diese Stadt zusammenstand. Ich habe damals in den sozialen Netzwerken den Kampf der Bürger beobachtet. Was mich bei all der Not faszinierte, war der Zusammenhalt einer Gemeinschaft in einer Notsituation. Und es waren viele ehrenamtliche Helfer im Einsatz, die von hauptamtlichen Helfern ergänzt wurden. „Helfer sind meine Helden“, meinte der damalige Bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer und er hat recht.

Wasserstandsmarkierungen am Passauer Fischmarkt.

Wasserstandsmarkierungen am Passauer Fischmarkt.

Um ein Gefühl für die Situation zu bekommen, habe ich mir einen Sonderband der Passauer Neuen Presse mit dem schichten Titel „2013 Hochwasser in Passau und Deggendorf“. Hier hat das Team der PNP mit ihren zahlreichen Lokalausgaben einzigartiges Bildmaterial zusammengetragen, um die Flut von 2013 zu dokumentieren. Ich habe den Bildband 2013 Hochwasser: in Passau und Deggendorf in unseren Hotel gesehen und mir spontan einen bei Amazon geordnert. Als ich von der Reise zurückkam, konnte ich gleich das Buch lesen.

Interessanter Bildband zum Passauer Hochwasser.

Interessanter Bildband zum Passauer Hochwasser.

Nun, die Stadt ist heute wieder aufgebaut. Doch ist das Hochwasser gebannt? Ich denke nicht. Sicherlich hat man den Hochwasserschutz optimiert, doch wenn es wieder so stark regnen sollte wie 2013, dann wird Passau oder andere Städte überflutet. Mich würde interessieren, wie die Passauer über den Hochwasserschutz in ihrer Stadt denken.

Buchtipp: Das Jahrtausendhochwasser Simbach am Inn

11. Juli 2018
Interessante Dokumentation über das Hochwasser in Simbach am Inn.

Interessante Dokumentation über das Hochwasser in Simbach am Inn.

Vor kurzem hatte ich ein Seminar in Niederbayern und eine Teilnehmerin berichtete mir vom Hochwasser in ihrer Heimat Simbach. Am 1. Juni 2016 zerstörte ein Hochwasser Teile der Ortschaft. Der kleine Fluss Simbach verwandelte die gleichnamige Ortschaft zu einem Chaos.
Die Seminarteilnehmerin zeigte mir zusammen mit ihrem Mann einen selbstgefertigten Fotoband, wie die Flut die Heimat zerstörte. Innerhalb von Minuten kam das Wasser und der Schlamm. Keller und Erdgeschoss wurden innerhalb von Minuten überschwemmt. Der Mann, der zufällig zu Hause war, packte seine Kamera und dokumentierte die Katastrophe. Er flüchtete ins Obergeschoss und wurde nach Tagen von Helfern von THW und Feuerwehr gerettet. Alles im Keller und Erdgeschoss wurde vernichtet, darunter ein wertvoller Steinway-Flügel, der gerade erst gekauft wurde. In Simbach kam es zu sieben Todesopfern, die in den Fluten ums Leben kamen, weil sie sich unter anderem nicht mehr aus dem Keller retten konnten. Die Erzählungen des Ehepaars haben mich berührt.
Leider kann ich die persönlichen Bilder von der Flut der Familie nicht zeigen, aber ich habe mir ein Buch gekauft: „Das Jahrtausendhochwasser“. Es wurde von der Stadt Simbach herausgebracht. Das Titelfoto von Walter Gering ist das Bild, das um die Welt ging. Der freie Fotograf drückte ab und die PNP veröffentlichte das Foto. Dann wurde es von den Massenmedien und den sozialen Netzwerken aufgegriffen und weiterverbreitet. Innhalb eines Tages war das sehr gute Reportagefoto in allen Köpfen. Und auch ich verbinde das Hochwasser in Simbach mit diesem Foto.
Das Buch ist eine Dokumentation der Ereignisse. Es zeigt, wie es zur Flut kommen konnte, wie das Wasser sich seinen Weg bahnte und wie die Bevölkerung zusammenhielt, um Folgen der Katastrophe zu bewältigen. Ergänzt werden die umfangreichen Fotos von Statements von Politiker, Helfern und Betroffenen. Die Schicksale haben mich berührt. Von Gesprächen habe ich gehört, dass die Entschädigung der Familien noch lange nicht geklärt ist. Das ist für mich ein Skandal.
Und es wundert mich, dass erst jetzt, zwei Jahre nach Flut der Ausbau des Hochwasserschutzes in Simbach am Inn beginnt. Das hat die Stadtverwaltung mitgeteilt. So rollen im Moment die Bagger an. Damit das Wasser bei Starkregen in Zukunft besser abfließen kann, soll der Bach, der mitten durch die Stadt fließt, ein breiteres Bett bekommen.