Archive for Dezember 2023

Filmtipp: Godzilla Minus One

4. Dezember 2023

Was für ein Brett! Godzilla Minus One hat für mich das Kinojahr gerettet. Nach der Pleite von Napoleon ist der neue Godzilla ein wirklicher Film für die große Leinwand.

Ich hab den neuen Streifen auf der großen Leinwand im Scala Fürstenfeldbruck gesehen und mich haute den Streifen von regelrecht vom Hocker. Er unterscheidet sich von vielen Godzilla-Filmen der alten Zeit und auch von den US-amerikanischen Produktionen, denn Godzilla Minus One hat eine Tiefe an den Tag gelegt, wie man selten bei Monsterfilmen findet. Regisseur Takashi Yamazaki weiß, wie man Godzilla in Szene setzt. Das Vieh ist ein badass schlechthin und walzt alles platt, kennt kein Pardon und enthält nicht eine Spur von Humor. Ein würdiges Geburtstagsgeschenk an die Fans von der traditionellen Produktionsfirma Toho zum 70. Geburtstag.

Und Godzilla trifft die japanische Seele. Das Ganze spielt vor dem offiziellen Godzilla, der ja 1954 das Filmleben erblickte. Godzilla Minus One spielt in Japan 1945 kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Tokyo ist zerstört, der Wiederaufbau beginnt langsam. Wir kennen solche Wiederaufbaubilder aus Europa nach dem Ende der Hitler-Dikatur. Die Gespräche der Akteure drehen sich immer wieder um den großen Krieg, um Verantwortung, Verführung und Niederlage, allerdings wird der Abwurf der Atombomben auf Japan nicht wörtlich thematisiert. Allerdings fällt ein schwarzer Regen nach einem Angriff von Godzilla zu Boden, eine klare Anspielung auf den Atombombeneinsatz der Amerikaner über Hiroschima und Nagasaki. Dieser schwarze Regen berührt die japanische Seele und wird vom europäischen Zuschauer wohl nur am Rande wahrgenommen. Im Film wird – und das ist ungewöhnlich – Kritik an der japanischen Regierung geäußert. Das kommt in Nebensätzen durch und ist ein wahrer Kulturbruch, denn der Staat hat immer recht.

Der Film ist die persönliche Geschichte vom Kamikaze-Pilot Koichi Shishima (Ryunosuke Kamiki), der das Leben dem Freitod für Kaiser und Vaterland vorzieht. Er landet mit seinem Flugzeug auf der Insel Odo und trifft mit einem Reparaturtrupp auf Godzilla. Koichi Shishima stellt sich wieder nicht seiner Aufgabe und kneift beim Kampf gegen das Monster – was auch aussichtslos gewesen wäre. Koichi Shishima und ein Mechaniker überleben den brutalen Angriff von Godzilla, der unter der Menschen wütet. Mit dem Trauma des Versagens lebt der Mann sein Leben, trifft auf die junge Frau Noriko Ōish (Minami Hamabe) und das Kind Akiko (Sae Nagatani). Alle sind Gestrandete nach dem Krieg und versuchen im neuen Japan klarzukommen. Sie gründen eine Zweckgemeinschaft und Koichi Shishima nimmt den gutgezahlten Job auf den Minenräumer Shinsei Maru aus Holz an. Dort trifft er wieder und wieder auf Godzilla, denn das Monster hat Tokyo im Visier. Mehr sei nicht verraten.

Doch eines sei noch gesagt: Godzilla ist gewaltig und gnadenlos gegenüber der Menschheit und ihren technischen Errungenschaften. Wenn der Hitzestrahl von Godzilla eingesetzt wird, dann rieselt es von der Decke, so gewaltig ist das Gebrüll. Und auch hier beweist sich Takashi Yamazakis Talent. Bevor der Strahl vom Monster abgefeuert wird, herrscht Stille im Kino wodurch die Gewalt der Verwüstung noch gewaltiger ausfällt – genial gemacht. Es ist als würde der Kinozuschauer die Druckwelle der Explosion am eigenen Körper verspüren. Godzilla kennt keine Gnade, verwüstet mit seinem gewaltigen Schwanz die Städte, zerquetscht Menschen als seien es Insekten und ist absolut in schlechter Gemütsstimmung.

Die Japaner müssen Godzilla alleine bekämpfen. Die Besatzungsmacht USA hält sich raus, um nicht einen Konflikt mit der Sowjetunion zu provozieren. Elegant von Regisseur Takashi Yamazaki eingefädelt, so bleiben die Amerikaner und ihre Waffentechnik wie die H-Bombe außen vor.

Und dann verbeugt sich Godzilla Minus One vor den alten Filmen, bei denen der schlauer Wissenschaftler Kenji eine Idee hat, um das Monster zu bekämpfen. Statt der Super X (auch Super X1) der frühen Filme ist es nun ein Kyushu J7W Shinden. Das Flugzeug war Ende des Zweiten Weltkriegs die modernste Konstruktion eines japanischen Jagdflugzeuges, kam aber wie die deutsche Me262 nicht zum Einsatz.

Ein Wort zum Soundtrack. Ich kannte Naoki Satō als Komponist von Anime-Scores und als Schöpfer der Siegeshymde der 2020 Olympischen Spiele in Tokyo. Ich hab leider nur die japanische CD ergattert, es soll noch eine limierte Vinyl geben. Und die Fans im Kino klatschten als Akira Ifukube Godzilla-Thema erklang von King Kong vs. Godzilla (1962) sowie Mothra vs. Godzilla (1964).

Zur Statistik: Für die Hardcore-Fans: Es ist der 37. Film im Godzilla Franchise und Tohos 33. Godzilla und der 5. Film in der Reiwa Ära. Zuvor gab es die Shōwa Ära (1954–1975), Heisei Ära (1984–1995), Millennium Ära (1999–2004) und nun seit 2016 Reiwa Ära

Meine bunten Socken

3. Dezember 2023

Sprechen wir mal heute über Socken, genauer über die gemeine Herrensocken. Vorbei sind die Zeiten als ich wahrlos in einem Schuhgeschäft noch zu einem Zehnerpack Herrensocken in Schwarz gegriffen hab, weil ich dachte: Socke ist Socke. Denkste – viele der Billigsocken passen nicht wirklich und sind von minderer Qualität.

Im Laufe der Jahre des Sockenkaufs haben sich bei mir zwei Firmen herauskristallisiert, in deren Socke sich mein Herrenfuß wohlfühlt. Es sind die Socken von Burlington mit ihren bekannten Mustern und es sind Socken von von Jungfeld aus Mannheim.

Bei von Jungfeld haben es mir vor allem die farbigen Socken angetan, die ich auch gerne zu offizielleren Anlässen anziehe. Sie haben auch klassisch schwarze Socken, wenn es mal ganz offiziell wird oder eine Beerdigung ansteht. Aber sonst spaziere ich mit den bunten Socken durch die Welt. Die Qualität überzeugt mich absolut, die Passform ist für meine Füße optimal und die Dinger fallen auf. Neulich war ich für einen Kunden bei einem politischen Event unterwegs und beim Gang Richtung Waschraum sah ich, dass der Herr vor mir, auch rote von Jundfeld Socken trug. Ich machte ihm ein Kompliment, er bedankte sich und erklärte mir, dass die Socke eben von von Jungfeld stammte, europäische Produktion und so. Wie er so schwärmte, lupfte ich mein Hosenbein und meine rote Socke kam zum Vorschein. Gelächter – zwei Markenbotschaften auf dem Weg zur Toilette.

Ja, die Socken sind deutlich teuerer als die Zehnerpack Socken aus dem Supermarkt, haben aber mehr Klasse und ich persönlich habe mehr Freude und Lebensqualität. Und das ist mir wichtig, auch bei der Herrensocke.

Persönlicher Nachruf auf Shane MacGowan

2. Dezember 2023

Ich habe kein irisches Getränk im Hause, dann nehm ich halt einen Schotten von Ardbeg und stoße auf den verstorbenen Shane MacGowan an. Der Trinker und Sänger oder Sänger und Trinker ist unlängst im Alter von 65 Jahren verstorben. Ich mochte seine Aufnahmen und verbinde mit den Liedern meine Liebe zur Insel.

Es war 1984 als ein Schulfreund die Schallplatte Red Roses for Me anschleppte. Ich war damals als braver Schujunge in einer selbstverordneten Punk-Phase und schwankte zwischen Clash, Ramones und Sex Pistols. Ich sollte unbedingt mal in die Pogues reinhören, bei denen Shane MacGowan als Sänger agierte. Die Musikrichtung sei Folkpunk, wurde mir erklärt.

Ich höre hinein und war sofort begeistert. Für mich stand fest: Es sind die Dublingers mit ein paar Drinks zuviel und provokanten Texten. Shane MacGowan war mit seinen schlechten Zähnen wahrlich keine Schönheit für ein Poster an der Wand meines Jugendzimmers, aber singen konnte der Typ. Ich nahm ihn sein Aufbegehren und seinen Protest sofort ab, aber die Pogues waren auch für mich eine Partyband, zu deren Musik ich die geistigen Getränke probierte, meist billiger Blend.
Man konnte schön mitgröhlen und das nächste Album Rum, Sodomy & the Lash war mein persönlicher Favorit. Hier stimmte für mich einfach alles, tolle Verbindung von Folk und Punk.

Später kaufte ich mir noch ein paar Pogues-Scheiben, natürlich auch das unvermeidliche Fairytale Of New York, das mir auf Christkindl- und Weihnachtsmärkten bis zur Besinnungslosigkeit eingehämmert wurde. If I Should Fall From Grace With God hieß das dritte Album der Truppe und danach hatte ich irgendwie keinen großen Bock mehr auf die Pogues.

Ich wollte mal die Band live sehen, aber dazu kam es nicht mehr. Shane MacGowan war mehr mit dem Alkohol als mit der Interpretation seiner Lieder beschäftigt. Organversagen hieß es am Schluss. Es tut mir leid um diesen talentierten Songwriter und Sänger seiner Lieder. Die Musikwelt verliert ein weiteres Original.

Konzertkritik: Martin Kohlstedt live in Augsburg

1. Dezember 2023

Vielleicht ist es wirklich so, dass die Umgebung die Atmosphäre eines Konzerts beeinflusst. Diesen Eindruck hatte ich als ich dem Auftritt von Martin Kohlstedt im traditionsreichen Parktheater Göggingen besuchte. Die hypnotische, zeitweise fast meditative Klangwelt Kohlstedts wirkte hervorragend in diesem nach einem Brand von 1972 wieder aufgebauten Pachtbau.

Auf der Bühne mit Flügel und Mini Moog sowie Sequenzer veranstalte der Thüringer Musikkünstler seine fast zweistündige Show aus Musik und Licht vor ausverkauftem Hause. Martin Kohlstedt beherrscht die hohe Kunst der Improvisation von analogen und digitaler Musik. Das Ganze kann komplett in die Hose gehen oder sich zu einem einmaligen Kunstgenuss entwickeln.

Über die meiste Zeit war es ein musikalischer Genuss, unterbrochen von kleinen Ansprachen des Künstlers, Er sprach zumeist über die Chancen und Risiken der Improvisation und hatte sein Publikum absolut im Griff. Ich habe die Schlussansprache und das finale Stück hier angefügt.

Ich kannte Martin Kohlstedt meist nur von Vinyl-Aufnahmen. Kennengelernt habe ich den Musiker in der Pandemie als ich auf der Suche nach neuen musikalischen Horizonten war. Ich kam von der Berliner Schule wie Klaus Schulze, Tangerine Dream oder Edgar Froese und wollte in Wogen aus Musik ertrinken. Die ersten Aufnahmen von Kohlstedt sind Klavierimprovisationen, dann kam mehr und mehr Elektronik dazu. Ich sah mir seine Albenvorstellungen als Live-Stream-Übertragungen im Netz an und wurde ein Fan des Musikers.

Nach Corona ging er auf große Tour und schloss eine kleine Reihe von Konzerten, die so genannten B-Tour an. Hier machte er auch in Bayern Station. Ich war schnell und kaufte Karten für das wunderschöne Kurhaus in Göggingen. Die Abstimmung von Musik und Licht wirkte in diesem historischen Raum besonders gut. Ob es in einem modernen Zweckbau oder einen klassischen Konzerthalle ebenso einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt, kann ich nicht sagen. Die Wahl der Location war auf jeden Fall die richtige Wahl sowohl für Künstler und Publikum.

Nach der Show präsentierte sich Martin Kohlstedt als Künstler zum Anfassen. Er stand am Merch-Stand für kurze Gespräche mit Fans bereit. Auch ich holte mir Autogramme auf meine Vinyl-Alben und nutzte die Gelegenheit während der Abbauarbeiten zu einem kleinen improvisierten Interview. Vielen Dank dafür.