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Ein Häuschen, ein Mythos, eine Lüge – wie das „Kampfhäusl“ zur Bühne nationalsozialistischer Propaganda wurde

14. Januar 2026

Die Geschichte des sogenannten Kampfhäusl gehört zu jenen Legenden, die weniger über historische Realität aussagen als über die Funktionsweise nationalsozialistischer Propaganda. Diese Geschichte wird in der hervorragenden Ausstellung des Dokumentationszentrum am Obersalzberg in einer Vitrine aufgegriffen und zeigt, wie perfide die nationalsozialistische Propaganda funktionierte und bis heute sogar noch wirkt.

Behauptet wurde, Adolf Hitler habe sich in einem kleinen, abgelegenen Holzhaus am Obersalzberg zurückgezogen und dort Teile seines Buches Mein Kampf verfasst. Das Häuschen wurde dabei als karger, nahezu asketischer Ort inszeniert, an dem der spätere Diktator als einsamer Ideologe und unbeirrbarer „Kämpfer“ an den geistigen Grundlagen der Bewegung gearbeitet habe. Diese Erzählung ist jedoch historisch nicht haltbar.

Am 12. Oktober 1926 sprach Hitler in Berchtesgaden. Manche Anhänger waren sogar aus Salzburg angereist, um Hitler über sein Programm reden zu hören. Für die Arbeit am zweiten Band von „Mein Kampf“ hatte er sich immer wieder auf den Obersalzberg zurückgezogen.
Dort konnte er konzentriert arbeiten – abseits der Tagespolitik, aber keineswegs im Verborgenen: Die Polizei hatte ein Auge auf den radikalen Parteiführer. Nach 1933 förderte dies den Mythos von Hitlers Wahlheimat. Einheimische Fotografen machten Bilder vom „Kampfhäusl“ – so hieß jetzt die Holzhütte oberhalb des Platterhofs, die der Wirt Bruno Büchner Hitler zur Verfügung gestellt hatte. Die benachbarte Pension Steiner verkaufte davon Postkarten. Tatsächlich arbeitete Hitler nur selten in der Blockhütte, sondern meist in komfortablerer Umgebung: Er diktierte den zweiten Band einer Sekretärin vor allem in der Pension Moritz und im Hotel Deutsches Haus.

Ursprünglich bestand die Herzschrift, mein Kampf aus zwei Teilen und wurde später erst in einem Band zusammengefasst.

Quellenlage und Chronologie sprechen eindeutig gegen diese nationalsozialistische Darstellung. Die wesentlichen Teile von „Mein Kampf“ entstanden in den Jahren 1924 und 1925 während Hitlers Haft in Landsberg am Lech, wo er den Text überwiegend diktierte. Für eine Entstehung oder auch nur wesentliche Mitarbeit am Buch im sogenannten Kampfhäusl existieren keinerlei zeitgenössische Belege. Auch Hitlers Aufenthalte am Obersalzberg in den frühen 1920er-Jahren waren kurz und unregelmäßig und lassen sich nicht mit einer intensiven schriftstellerischen Arbeit in Verbindung bringen. Das Gebäude selbst war ein unauffälliges, funktionales Häuschen ohne besondere politische oder biografische Bedeutung. Aber es hatte eine enorme propagandistische Wirkung.

Dass die Geschichte dennoch Verbreitung fand, ist vor allem mit ihrer propagandistischen Wirkung zu erklären. Ab dem Aufstieg der NSDAP wurde Hitlers Lebenslauf systematisch mythologisiert. Orte spielten dabei eine zentrale Rolle, weil sie abstrakte Ideologie emotional greifbar machen konnten. Das Kampfhäusl passte ideal in dieses Muster: klein, schlicht, abgeschieden, eingebettet in eine vermeintlich „urdeutsche“ Berglandschaft. Es diente als Projektionsfläche für das Bild des aus einfachen Verhältnissen stammenden Führers, der fernab der Großstadt seine weltanschauliche Mission formt.

Aus heutiger historischer Sicht ist das Kampfhäusl daher kein authentischer Entstehungsort nationalsozialistischer Ideologie, sondern ein nachträglich konstruierter Erinnerungsort. Seine Bedeutung liegt nicht in dem, was dort tatsächlich geschah, sondern in dem, was man ihm andichtete. Gerade darin liegt sein Erkenntniswert: Die Legende zeigt exemplarisch, wie politische Mythen erzeugt werden, wie Orte instrumentalisiert werden können und wie sich erfundene Geschichten durch Wiederholung und emotionale Aufladung im kollektiven Gedächtnis festsetzen.
Ich empfehle ausdrücklich den Besuch des Dokumentationszentrums am Obersalzberg.

ChatGPT im Interview

11. März 2023

Die KI-Chatbot ChatGPT bewegt die Gemüter weltweit und hat die Chance, die Kommunikation und Wissensvermittlung auf den Kopf zu stellen. Seitdem OpenAI die KI ChatGPT im Research Preview Mode kostenfrei zur Verfügung gestellt hat, erstaunt das Tool mit seiner vielfältigen Einsetzbarkeit und dem Umgang mit Sprache, Texten und Aufgaben, die Nutzer an die Künstliche Intelligenz (KI) stellen. Und was diese lernende KI nicht alles kann: In Sekunden Aufsätze und Reden schreiben, Texträtsel lösen, Programme entwickeln, Referate entwickeln, Lebensläufe vorschlagen und vieles mehr. In einer Online-Schulung des Instituts für politische Bildung wurden rund 60 Teilnehmer auf den aktuellen Stand der Technik gebracht. Ein Teilnehmerkommentar angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen: „Ich bin platt, das muss man erst einmal verarbeiten.“

ChatGPT in der Version 3 ist die Abkürzung für Generative Pretrained Transformer, Version 3. Entwickelt wurde sie von dem Non-Profit-Unternehmen OpenAI Inc, das auch die Bild-KI DALL E2 entwickelt hat. Microsoft sicherte sich die Rechte an der Vermarktung des Systems und setzt es probeweise in seiner Suchmaschine Bing ein. Eine akute Gefahr für den Suchmaschinenriesen Google, der mit dem eigenen Chat-Bot BARD die Aufholjagd aufgenommen hat, bisher aber noch nicht so richtig überzeugen konnte. Der Datenbestand von ChatGPT stammt aus dem Jahre 2021. Das bedeutet, dass aktuelle Ereignisse von dem Bot im Moment nicht bearbeitet werden.

Es zeigt sich, dass die Software noch Fehler macht, aber in der Lage ist, zu lernen und sich zu optimieren. Daher ist bei all der Euphorie über ChatGPT vor allem Medienkompetenz beim Nutzer angesagt. Absolut verlässlich sind die Ergebnisse des KI (noch) nicht. Quellenkritik ist angesagt und dennoch sind die Ergebnisse faszinierend.

Was liegt bei einem Seminar der HSS näher, als mit dem Chat-Bot ein Interview über politische Bildung, die HSS und ihre Leitung zu machen.

Auf die Frage: „wie wichtig ist politische Bildung?“ gibt der Bot eine zufriedenstellende Antwort. Dort heißt es unter anderem: „Politische Bildung ist äußerst wichtig für eine funktionierende Demokratie und eine aktive
Bürgerschaft. Sie befähigt Menschen, an politischen Entscheidungsprozessen teilzunehmen und sich für ihre Interessen und Anliegen einzusetzen.“

Auch die Frage nach der Arbeit der Hanns-Seidel-Stiftung konnte der Bot korrekt beantworten. „Ja, die Hanns-Seidel-Stiftung ist mir bekannt. Es handelt sich um eine politische Stiftung, die der Christlich-Sozialen Union (CSU) nahesteht und sich für eine freie und demokratische Gesellschaft einsetzt. Die Stiftung fördert Bildung, Wissenschaft und Forschung sowie internationale Zusammenarbeit und Entwicklungszusammenarbeit.“

Aber im Laufe des Interviews beginnt das System Fehler zu machen und gibt falsche Informationen aus. Auf die Frage nach dem Vorsitzenden und dem Generalsekretär werden Fehlinformationen präsentiert. ChatGPT behauptet, dass der aktuelle Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung Markus Söder sei, der auch Ministerpräsident des Freistaats Bayern in Deutschland ist. Der Generalsekretär der Hanns-Seidel-Stiftung sei aktuell Johannes Hintersberger. Beide Informationen sind falsch.

Als ChatGPT auf den Fehler hingewiesen wird und mit Markus Ferber als Vorsitzenden und Oliver Jörg als Generalsekretär konfrontiert wird, weicht die Software zurück und erfindet Informationen. „Es tut mir leid, mein vorheriger Antwort war nicht auf dem neuesten Stand. Tatsächlich war Markus Ferber bis April 2021 der Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung und Oliver Jörg war bis Ende 2020 Generalsekretär. Ich bitte um Entschuldigung für die Verwirrung.“ SIEHE SCREENSHOT4
Als eindeutig die Position der Herren Ferber und Jörg vom Menschen klargestellt wird, nimmt der Bot die neuen Informationen in seine Datenbank auf. „Vielen Dank für die Korrektur. Es tut mir leid, dass meine vorherige Antwort nicht auf dem neuesten Stand war. Markus Ferber ist in der Tat der aktuelle Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung und Oliver Jörg ist der Generalsekretär. Ich werde meine Datenbank aktualisieren, um sicherzustellen, dass ich korrekte Informationen habe. Nochmals vielen Dank für Ihre Korrektur und Entschuldigung für etwaige Unannehmlichkeiten.“

Erstes Fazit nach der Online-Schulung. Die Möglichkeiten von ChatGTP sind enorm, das System macht Fehler und der bedienende Mensch muss über Medienkompetenz verfügen. Ein alleiniger Verlass auf die KI wäre fatal. Die HSS wird sich in weiteren Seminaren des Instituts für politische Bildung mit den Herausforderungen der KI-Systeme beschäftigen. Die nächsten Seminare sind in Planung.

Der Artikel erschien ursprünglich auf der Website der HSS.