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Musiktipp: Triplicate von Bob Dylan

31. März 2017
Das erste Dreifach-Album von Bob Dylan mit Namen Triplicate.

Das erste Dreifach-Album von Bob Dylan mit Namen Triplicate.

Um genau 1:07 Uhr erreichte mich die Mail von Amazon, dass das neue Bob Dylan Album Triplicate zum Download bereit steht. Was heißt da neues Album? Es handelt sich um ein Dreifach-Album von His Bobness mit 30 Aufnahmen klassischer amerikanischer Songs. Hier führt Bob Dylan die Serie fort, die er mit seinen beiden Vorgängeralben „Shadows in the Night“ (2015) und „Fallen Angels“ (2016) begonnen hat.
Der heute 77jährige Bob Dylan macht alles richtig. Erst bekommt er den Literaturnobelpreis zugesprochen und ist in den Medien. Dann schickt er seine alte Freundin, die wunderbare Patti Smith, um seinen Dank auszusprechen und ist in den Medien. Dann gibt er bekannt, dass er am 1. oder 2. April im Rahmen seiner Never Ending Tour in Schweden ist, den Preis in Empfang nehmen wird und er ist in den Medien. Und er wird im Juni seine vorgeschriebene Dankesvorlesung halten und er wird in den Medien sein. Und heute veröffentlicht er auf wundersame Weise sein Album Triplicate und ist wieder in den Medien. Bob Dylan weiß, wie PR in eigener Sache geht. Chapeau.
Zurück zum neuen Album Triplicate. Wenn ich nachdenke: So richtig viele Dreifach-Alben besitze ich gar nicht: Spontan fallen mir die Yessongs von Yes und Welcome back my friends … von ELP ein – beides Meisterwerke. Von Dylan besitze ich noch ein altes Dreifach-Album auf Vinyl – Masterpieces, eines der vielen Best-of Alben mit einem Foto aus Rolling Thunder-Zeiten auf dem Cover. Das ist aber ein Album, dass seine Plattenfirma veröffentlichte. Jetzt legt der Meister sein erstes richtiges Dreifach-Album vor, zehn Songs pro Album – insgesamt 90 Minuten. Und was für Klassiker sind zu finden! Dylan hat im Moment die Maske der großen amerikanischen Musiker auf. Er öffnet das große amerikanische Songbook und singt Standards. Ja, die alte Übelkrähe Bob Dylan mit einer Stimme aus käme sie über die Mauern eines Tuberkulose-Zentrums, wie es das Time Magazin einst schrieb, singt ewige Standards. Er krächzt nicht, er dehnt keine Wörter, er nuschelt nicht einmal – er singt für seine Verhältnisse lumpenrein und verbeugt sich vor der großen amerikanischen Kultur. September of My Years, As Time Goes By, Day In, Day Out, Stardust – diese Liga von Klassiker.
Und was machen die Medien? Großes Geheule – der Meister habe seine Kreativität verloren. Blabla, erinnert euch doch an die vergangenen Zeiten: Come writers and critics
Who prophesize with your pen
And keep your eyes wide
The chance won’t come again
And don’t speak too soon
Natürlich werden die alten Fans mal wieder herumjammern. Die alten Folkies, die alten Rocker, die alten Cowboy-Hüte-Träger, die Religionsjünger usw. – seit drei Veröffentlichungen liefert Bob Dylan nur seine Art von Easy Listening-Songs ab. Seine Interpretationen von den goldenen Zeiten als Frank Sinatra noch die Massen an Backfischen begeisterte. Und ja, ich mag Frank Sinatra sehr und damit mag ich auch das neue Dylan Album Triplicate sehr.
Und für mich kam es genau zur richtigen Zeit als Download. Nachts, ich kam von einer Geschäftsreise – ich reduzierte die Beleuchtung im Wohnzimmer, verkostete ein Glas wunderbaren Ardbeg Whisky und lauschte den neuen, alten Songs. Bob Dylan, das hast du wieder gut gemacht. Und beim nächsten Mal bitte wieder mehr Rock’n Roll.

Meine Meinung: Bob Dylan erhält den Literaturnobelpreis 2016

14. Oktober 2016

Die Nachricht erreichte mich als Breaking News während meines Referats bei einer Lehrerfortbildung. Bob Dylan erhält den Literaturnobelpreis 2016. Ich musste grinsen, ich freute mich. Nach all den Jahren in denen Dylan immer wieder im Gespräch war, wurde ihm nun von den Schweden die Ehre zu Teil. Seine Reaktion würde mich interessieren. Wahrscheinlich war er wie seit Jahren mit seiner Band auf seiner Neverending Tour und ihm wurde hinter der Bühne die Nachricht zugesteckt. Und wahrscheinlich genuschelt zugestimmt und hat dann seine Show als Song- and Danceman weitergeführt.
Und das bringt mich auch zum Thema. Ich freue mich wirklich, das Bob Dylan diesen Literaturnobelpreis erhalten wird. Er hat es absolut verdient und ich habe gestern mit einem Glas Wein auf diese Auszeichnung angestoßen und ein paar Dylan Songs gehört.
Als erstes dachte ich, Dylan bekommt den Preis für sein gedrucktes Werk. Ich holte mal wieder sein Buch Tarantula aus dem Jahr 1971 hervor und versuchte sein Buch zu lesen. Ich hangelte mich von Wort zu Wort, von Absatz zu Absatz, aber mir erschloss sich diese Lyrik nur schwer. Die gedruckten Gedichte von Leonard Cohen liebe ich, aber diese Lyrik von Dylan? Ich fragte mich, sollte Dylan dafür ernsthaft den Literaturnobelpreis bekommen? Tarantula ist für mich absolut schwer verdauliche Kost. Und so schaute ich nach, wie die Begründung der Jury lautete. Und diese Begründung versöhnte mich: The Nobel Prize in Literature for 2016 is awarded to Bob Dylan „for having created new poetic expressions within the great American song tradition“. Der Nobelpreis in Literatur des Jahres 2016 wird Bob Dylan verliehen „für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition“.

Die Website der Schweden.

Die Website der Schweden.

Doch welcher Bob Dylan-Maske wird eigentlich dieser Preis verliehen? Das ist doch die Frage. Dylan hat so viele Phasen, so viele Gesichter, so viele Masken, dass der Mensch dahinter nicht greifbar wird. Wer ist dieser Bob Dylan eigentlich? Seine Lyrik zieht sich durch Jahrzehnte, aber er hat sich immer wieder radikal verändert. Begonnen als Rock’n Roller, dann erfolgreich als Folkie, dann wieder elektrisch Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit epochalen Alben. Es folgte die Hinwendung zum Country, die Erschaffung des Folk Rocks, dann des Country Rocks, und dann wieder ein Abdriften in puren reaktionären Country. Auch dabei war ein Exkurs Richtung Schlager, mit musikalische Hochphasen während seiner Scheidung, ein Ausflug nach Las Vegas und dann entwickelte er eine Power als reisender musikalischer Zigeuner. Oder bekommt Dylan den Preis für seine Maske, als er überraschend eine Hardliner Phase als religiöser Prediger und wiedergeborener Christ annahm? Sie wiederum wurde gefolgt von den Phasen als Rocker, dann als Blueser, dann wieder als Rocker. Heute ist Bob Dylan ein Gesamtkunstwerk, das auf der Bühne kaum aktiv zum Publikum spricht. Seine einzige Kommunikation sind seine Lieder, die inzwischen fast zum Volkslied mutierten. Aber Dylan ist weit entfernt vom Best-of-Musikant, sondern er interpretiert seine Lieder und Texte neu, variiert, streckt, zerreißt die Lieder. Mal bellt er sie als Punk heraus, dann interpretiert er sie herzzerreißend. Ein Dylan-Konzert ist immer ein Erlebnis, so oder so.
Ich bin sehr gespannt, wie und ob Dylan den Preis entgegen nehmen wird. Außer Thank you wird er nix sagen und so die vorangegangenen Literaturen bloßstellen, die lange Plädoyers über ihr jeweiligen Werk abgegeben haben. Als ihm sein Präsident Obama einen der höchsten Ordnen der USA umhängt, trug der Meister eine dunkle Sonnenbrille und sagte nichts. Oder er karikiert seinen Auftritt wie 1991 beim Grammy Lifetime Achievement Award mit einer vermeintlich wirren Rede, deren Gehalt erst viel später erkannt wurde. Wir können gespannt sein. Gewiss ist nur, dass Bob Dylan anschließend weiter auf Tour gehen wird, um seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition weiter zu pflegen. Herzlichen Glückwunsch Bob Dylan.

 

Hier nochmal die offizielle Verkündigung: Applaus für Dylan