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Buchstabier-ABC in aller Welt

25. Juli 2022

Mein Lieblingsbuch als Kind war „Mein allerschönstes Buchstaben-Bilderbuch“ von Richard Scarry. Dieses Buch brachte mir neben meinen Eltern und der Schule das Buchstabieren bei. Ich nehme das Buch immer wieder gerne in die Hand, um in Erinnerungen zu schwelgen und mich mit dem Alphabet wieder vertraut zu machen (Witz).

Da kommt eine aktuelle Meldung von Babbel genau zur richtigen Zeit. Damit es beim Telefonieren nicht zu abenteuerlichen Rechtschreibfehlern bei Namen oder Anschrift kommt, gibt es das sogenannte Buchstabier-ABC: „M wie Martha, nicht N wie Nordpol!“. Und es stellt sich die Frage: Wie lautet das Buchstabier-ABC in anderen Ländern und warum?
„Die Buchstabier-ABCs sind auch geprägt von der Kultur und den Besonderheiten der jeweiligen Sprache und Nation und sind daher durchaus auch eine Art gesellschaftlicher Spiegel”, so Maren Pauli, Head of B2B Didactics bei Babbel. Die Babbel-Sprachexperten haben einen näheren Blick auf die Buchstabiergepflogenheiten in Deutschland und weltweit geworfen und einige spannende Fakten zusammengetragen. Hier mal die Übersicht.

Deutschland (Deutsch):
Das deutsche Buchstabieralphabet wurde kürzlich aufgrund einer öffentlichen Debatte geändert, die schon einige Jahre schwelt. Das bisherige Alphabet (A wie Anton, B wie Berta…) wurde in Deutschland vielfach für seine fehlende Diversität, die ungerechte Geschlechterverteilung sowie aufgrund des Erbes der NS-Zeit kritisiert.
Dass das bisherige Buchstabieralphabet noch von der NS-Propaganda durchdrungen sei, fußt auf der Tatsache, dass während der NS-Zeit die vermeintlich jüdisch klingenden Namen David, Jakob, Nathan, Samuel und Zacharias durch Dora, Jot, Nordpol, Siegfried und Zeppelin ersetzt wurden. Einige dieser Namen wurden nach Kriegsende zwar offiziell wieder eingeführt, tatsächlich verwendet wurden sie aber kaum noch.
In den vergangenen Jahren stand der Vorwurf im Mittelpunkt, dass die ausschließlich deutsch klingenden Namen die kulturelle Vielfalt Deutschlands nicht ausreichend widerspiegeln.
Das Deutsche Institut für Normung (DIN) unterbreitete Anfang 2022 aus all diesen Gründen den Vorschlag die Namen des Buchstabier-ABCs durch deutsche Städtenamen zu ersetzen. Bei der Auswahl der Wörter waren zwei Faktoren ausschlaggebend: eine gerechte Aufteilung durch Einbeziehung aller Bundesländer (bis auf Bremen sind alle dabei) sowie eine einfache Aussprache.

Schweden
In Schweden, wo das seit etwa 1891 genutzte Buchstabieralphabet ausschließlich aus männlichen Namen besteht, wurde 2018 eine ähnliche Änderung angestrebt wie in Deutschland – einen stärkeren Ausdruck der kulturellen und ethnischen Vielfalt sowie eine gerechtere Verteilung der Geschlechter. Die Aktion sorgte für Aufmerksamkeit, brachte aber kaum nachhaltige Veränderung.

Österreich (Deutsch):
Das österreichische Alphabet ist sehr eng mit seinem deutschen Pendant verwandt, bevor dieses 2022 geändert wurde. Es gibt nur einige wenige Buchstaben, die sich unterscheiden, wie Zürich statt Zacharias, Übel statt Übermut, Xaver statt Xanthippe – und das Ö steht natürlich für Österreich.

Portugal und Brasilien (Portugiesisch):
Am Beispiel von Portugal und Brasilien, die mit Portugiesisch die gleiche Sprache teilen, wird deutlich, dass jedes Land Besonderheiten hinsichtlich des Buchstabieralphabets mit sich bringt, denn trotz gleicher Ausgangssprache haben Portugal und Brasilien unterschiedliche Versionen des Buchstabieralphabets.
Die portugiesische Version bezieht sich auf Orte und Städte innerhalb des Landes und kann so fast als kleiner Reiseführer durchgehen: C für Coimbra, die Universitätsstadt am Rio Mondego, deren barockes Universitätsgebäude zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. P für Porto, die portugiesische Stadt am Meer, die für Kunst, großartiges Essen und ihre Sehenswürdigkeiten berühmt ist. R für Rosso, den ikonischen und historisch wichtigen Platz in Lissabon.
In Brasilien verweist das Alphabet inhaltlich stärker auf Gefühle, aber auch Dinge: A für Amor (Liebe), E für Estrela (Sterne) und L für Lua (Mond). Aber auch interessante Fakten zur Geschichte des Landes kann man sich über das Buchstabieralphabet erschließen: So steht der Buchstabe Q steht für Quilombo, eine brasilianische Siedlung, die von Menschen afrikanischer Herkunft gegründet wurde, die sich gegen die Versklavung wehrten.

USA / UK (Englisch):
Das englische Buchstabieralphabet, das heute in den USA und UK, in Abwandlung aber auch in einigen skandinavischen Ländern wie Dänemark verwendet wird, ist auch der internationale Standard für die Funkkommunikation, bekannt als NATO-Alphabet. Es wurde vom sogenannten Able-Baker-Alphabet abgeleitet, das vom US-Militär während des Zweiten Weltkriegs entwickelt wurde.
Während und nach dem Krieg entstand Bedarf an einem internationalen Standard eines Buchstabieralphabets, das Able-Baker-Alphabet wurde jedoch kritisiert, weil es zu Englisch klang. Um auch spanisch und französisch klingende Wörter zu berücksichtigen, wurde beispielsweise das Wort Easy durch das Wort Echo ersetzt. Da der Buchstabe E im Englischen und in anderen romanischen Alphabeten unterschiedlich ausgesprochen wird, war Echo für Nicht-Muttersprachler einfacher zu verstehen. Für den Buchstaben H wurde How durch Hotel ersetzt, da es in allen drei Sprachen das gleiche Wort ist. Dies war die Geburtsstunde des NATO-Alphabets im Jahr 1956.
Fun Fact: Vor der Vereinheitlichung gab es allein in den USA etwa 203 Alphabete mit mehr als 1600 verschiedenen Wörtern.

Maren Pauli ordnet ein: „Buchstabieralphabete werden zwar in der Regel nicht in der Schule gelehrt, sie sind aber Teil des impliziten Alltagswissens einer Kultur, das wir uns mit der Zeit aneignen. Sie erleichtern uns die Kommunikation im Alltag und helfen uns auf effiziente und zum Teil auch charmante Weise über Verständnisprobleme hinweg. Wir beobachten aber, dass zumindest das deutsche Buchstabier-ABC überwiegend in bestimmten Kontexten verwendet wird (telefonische Kommunikation mit Behörden, Gesundheitseinrichtungen usw.) und natürlich fast ausschließlich am Telefon. Da jüngere Generationen viel weniger telefonieren und mehr texten als Ältere, sind Hilfen wie das Buchstabier-ABC dort weniger bekannt und weniger in Verwendung.”