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Was macht ein zerstörtes Rettungsboot in einer Kirche?

6. September 2019
Was macht ein zerstörtes Rettungsboot in der Kirche St. Jakobi in Lübeck?

Was macht ein zerstörtes Rettungsboot in der Kirche St. Jakobi in Lübeck?

Lübeck ist die Stadt der sieben (Kirchen-)Türme und das Gotteshaus St. Jakobi ist die Kirche der Seefahrer und Fischer. Und hier liegt in einem Seitentrakt ein zerstörteres Rettungsboot. Was verbirgt sich dahinter?

 

Im Norden der Stadt lebten seit der Zeit der Hanse nahezu alle, die zur See fuhren. Auch die Schiffe der Fernhandelskaufleute lagen hier, worauf Straßennamen wie Engelsgrube („Englische Grube“) hinweisen. So entwickelte sich St. Jakobi zur Kirche der Seefahrer, Bootsleute und Fischer. Wer die schöne Kirche besichtig, stößt auf eine ungewöhnliche Gedenkstätte in Form eines zerborstenen Rettungsbootes. Seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts liegt in der nördlichen Turmkapelle das Rettungsboot 2 des 1957 untergegangenen Großseglers Pamir als ein Mahnmal.So wurde St. Jakobi in den Rang einer Nationalen Gedenkstätte der zivilen Schifffahrt erhoben.

Die Pamir-Katastrophe
Am 21. September 1957 kam zu einer Katastrophe. Es war das letzte große Unglück eines Großseglers – der außerdem der letzte gewesen ist, der Kap Hoorn umrundete. Die stolze Viermastbark Pamir sank südlich der Azoren. Von den 86 Mann Besatzung, darunter 68 Kadetten zwischen 16 und 18 Jahren, überlebten nur sechs Seeleute einen Hurrikan. Die 3100 BRT große Pamir war am 10. August 1957 aus Buenos Aires ausgelaufen. Am 21. September traf der Hurrikan Carrie auf das Schiff. Die Pamir lag ohne gesetzte Segel mit zunehmender Krängung auf Backbord-Bug. Die Situation des Schiffes ließ ein Zuwasserbringen der Boote, die ohnehin durch Seeschlag in ihren Halterungen stark beschädigt waren, nicht zu. Boot Nummer 6 war zuvor schon verloren gegangen. Viele Seeleute gingen über Bord oder wurden unter Wasser gedrückt. In Boot Nummer 5 überlebten nur fünf Seemänner, in Boot Nummer 2 nur ein Seemann. Ihre Namen: Karl-Otto Dummer, Klaus Fredrichs, Karl-Heinz Kraatz, Volkert Anders, Hans-Georg Wirth und Günter Haselbach. Am 23. September um 05:38 Uhr wurde vom New Yorker Dampfschiff Saxon eines der schwer beschädigten Rettungsboote mit fünf Überlebenden gefunden. Ein letzter Überlebender wurde nach 72 Stunden durch die US Coast Guard Absecon gerettet.

Die Kirche St. Jakobi beherbergt nun das leckgeschlagene Rettungsboot Nr. 2 der Pamir, von dem ein Überlebender gerettet wurde, sowie Informationen zum Unglück einschließlich Aufzeichnungen eines Überlebenden. Die Kapelle erinnert außerdem an den Verlust weiterer Lübecker Schiffe und ihre Besatzungen. An den Kapellenwänden hängen Kränze und Schleifen von deutschen und ausländischen Seeleuten und Abordnungen, die die Kapelle besuchten. Am 21. September 2007 wurde die Kapelle zur Nationalen Gedenkstätte der zivilen Seefahrt erklärt.