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Kein Buchtipp: Unter Bayern, Glossen der SZ von 2004 bis 2006

11. Januar 2023

Ich bereite mich gerade auf einen Kurs über Glossen als journalistische Darstellungsform vor. Glossen zu schreiben ist schwierig, sehr schwierig sogar. Denn anders als für die berichtende Form im Journalismus wie beispielsweise Nachricht, Bericht oder Interview brauche ich für die Glosse eines unbedingt: Talent. Was für den einen witzig ist, ist für den anderen kompletter Blödsinn.

Und da Glossen in der Zeitungswelt irgendwie selten geworden sind, habe ich zu einer alten Sammlung Streiflichter der Süddeutschen Zeitung gegriffen: Unter Bayern ist eine Sammlung von Glossen der SZ der Jahre 2004 bis 2006 mit dem Thema Bayern. Mit Bayern kenn ich mich aus und der politischen Lage der damaligen Zeit ebenso. Und was soll ich sagen? Diese Sammlung ist einfach nicht witzig, nicht humorvoll, vielleicht in Teilen satirisch, nicht allzusehr überspitzt – ich wage sogar zu sagen: Die meisten der Glossen langweilen mich. Und das liegt nicht an dem Alter der Geschichten der SZ-Edelfedern, sondern es ist wohl einfach nicht mein Humor.

Als Münchner amüsiere ich mich, wenn wir Bayern auf den Arm genommen werden und uns der Spiegel vorgehalten wird. Ich hab kein Problem, wenn die Bundesrepublik über uns lacht, denn ich weiß ja, dass viel Neid darin verborgen ist. Aber bitte nicht in so einem Oberlehrerton der SZ-Schreiber. Dass wir uns richtig verstehen: Ich mag die Süddeutsche für ihre Berichterstattung, vor allem für die investigativen Geschichten. Die SZ bereichert den sterbenden Blätterwald in Deutschland. Aber ich mag diesen Glossenstil einfach nicht, der so belehrend, so bildungsbürgerhaft ist, wenn nicht sogar etwas eingebildet daherkommt. Und das sage ich, obwohl ich für diesen süddeutschen Konzern gerne und gut gearbeitet habe. Aber wie heißt es bei uns: Leben und leben lassen.

Den Umschlag des Buch zieren Karikaturen von Dieter Hanitzsch („gut, besser Paulaner“), der seit 2018 bei der SZ aus gutem Grund in Ungnade gefallen ist und dann zur Abendzeitung wechselte. Ich habe einige Bücher von ihm über Franz Josef Strauß und konnte sehr lachen. Heute lache ich über Dieter Hanitzsch nicht mehr. Er leugnet jeglichen Einfluss des CO2 auf das Weltklima und diffamiert Greta Thunberg als „geistig gestörtes Kind“. Nein danke.

Buchtipp: Corona ante portas von Isolde Stöcker-Gietl

15. Juli 2021

Als langjähriger Tageszeitungsjournalist weiß ich, wie schwer es ist, eine Glosse zu schreiben. Ich konnte meinen Volontären alle journalistischen Darstellungsformen beibringen, doch für die Glosse muss der Verfasser Talent haben. Die einen haben es, die anderen – und das sind die meisten, – haben es eben nicht. Mit dieser Tatsache müssen sich der Journalist und der Leser abfinden.

Daher war ich entsprechend nervös und neugierig zugleich, als mir der battenberg gietl Verlag mir das Buch Corona ante portas – eine Redaktion lüftet durch zur Verfügung stellte. Das Buch Corona ante portas: Eine Redaktion lüftet durch, herausgegeben von Isolde Stöcker-Gietl, umfasst Glossen aus der Mittelbayerischen Zeitung zum Thema Corona. Also nicht berichtende Artikel über Infektionszahlen und Intensivbetten, sondern meinungsbildende Geschichten aus dem Alltag im HomeOffice mit Familie, Arbeit und Alltag.

Von den schreibenden Kollegen kenne ich leider keinen persönlich. Aber durch ihre kurzen Geschichten bin ich ein Stück näher an ihren Alltag und ihr Leben herangerückt. Bei einigen der Geschichten musste ich schmunzeln, bei anderen lachte ich sogar laut auf. Aber bei wiederum anderen verstand ich die Glosse und das dahinterstehende Weltbild nicht. Es kann eben nicht jeder ein begnadeter Glossist und Edelfeder sein.
Ich stelle mir bei der Lektüre die Frage: Darf man sich über Corona lustig machen? Darf man über die Pandemie lachen? Ja, ein klares Ja, denn diese Glossen nehmen Corona ernst, halten uns aber einen Spiegel vor unser Leben. Wir glauben und auch die Autoren des Buches glauben, dass wir einfach so weitermachen können, trotz dieser Einschnitte. Das alte Leben muss auch unter neuen Voraussetzungen weiterlaufen und dies muss zwangsläufig scheitern. Diese Einstellung vermitteln diese Geschichten und daraus kommt der Wortwitz: Weitermachen, aber unter anderen Umständen. Jeder kommt mit Corona anders zurecht.
Jetzt ist eine Glosse nicht das Medium für nachdenkliche Zeilen wie Ausführungen in einem Kommentar oder einem Essay. Vielmehr überzeichnet die Glosse den Alltag des Einzelnen mit der Jagd nach Toilettenpapier oder Hefe.

Ich habe mich bei vielen Geschichten dieses Büchleins Corona ante portas: Eine Redaktion lüftet durch amüsiert, aber auch Systemkritik gefunden: Digitalisierung ist bei vielen noch ein Fremdwort, HomeOffice am Küchentisch funktioniert nur bedingt. HomeSchooling zeigt die brutalen Lücken in unserem Bildungssystem. Die familiären Situationen, die zwar hier humorvoll beschrieben sind, zeigen aber auch die angespannte soziale Situation der Familien. Und auch das Thema Tod wird nicht ausgespart.
In dem Moment, wenn ich diese Zeilen schreibe, gehen die Infektionen wieder hoch. Wenn wir nicht aufpassen, dann droht uns die vierte Welle. Sind wir denn dafür gerüstet?