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Deep Purple in München

2. Dezember 2012

Das digitale Zeitalter macht es notwendig, dass Musiker mehr auf Tour gehen, um ihre Einnahmen und ihren Lebensstandard zu sichern. Da machen die alten Herren von Deep Purple keine Ausnahme: Seit über 40 Jahren sind die Großväter des Hardrocks in unterschiedlichen Formationen unterwegs. Jetzt lieferten sie das vorletzte Konzert ihrer Deutschlandtour 2012 in der Münchner Olympiahalle ab. Und wir stellen fest: Die Rentnerband hat es noch voll drauf. Das meist ältere Publikum kam entweder in Lederkluft oder im Kamelhaarmantel, brachte aber den Nachwuchs mit. Das Motto lautete „Schau, diese Band war toll als Papa jung war“ und ich ergänze; „diese Band ist es auch als Papa alt war“. Zur Einstimmung gab es einen Ausschnitt aus Prokofieffs „Romeo und Julia“, vielleicht als Erinnerung an den verstorbenen Jon Lord, der sich Zeit seines Lebens der Klassik widmete. Dann begann es in voller Wucht mit „Fireball“.

Bei über 40 Jahren Musikgeschichte brauchen Deep Purple auf keine zweitklassigen Songs zurückgreifen und so war es zeitweise eine Best-of-Show. Die wilden Zeiten sind vorbei. Es gibt keine Bühnenexzesse mehr, die Band liefert eine solide Leistung ab. Die wilden Männer sind weiser geworden, aber nicht ruhiger.

Warten auf den Deep Purple Auftritt in der Olympia-Halle in München

Warten auf den Deep Purple Auftritt in der Olympia-Halle in München

Lief es zu Beginn noch etwas stockend, nahm die Band im Laufe des Gigs richtig Fahrt auf. Das ist vor allem der Kraft von Steve Morse zu verdanken. Der Jungspund in der Kapelle mit seinen 58 Jahren gibt mit der Gitarre den Ton an. Soll Ritchie Blackmore doch seine Mittelaltermucke spielen, Steve Morse ist mehr als ein Ersatz. Er entwickelt die Band weiter, lässt Jazz und Country einfließen. Für den verstorbenen Jon Lord ist der ehemalige Whitesnake-Mann Don Airey (64) mit von der Partie. Sein Solo war klassisch geprägt, mit „Muss i denn“ bewies bei all der Tastenkunst sogar ein Stück Humor. Einstmals konnten wir aggressive Kämpfe zwischen Blackmore und Lord auf der Bühne erleben, die auch mal mit den Fäusten ausgetragen wurden. Heute werden diese Kämpfe zwischen Airey und Morse nur noch musikalisch ausgeführt. Hut ab, vor der Leistung von Ian Paice. Mit seinen 64 Jahren ist er das einzige lebende Gründungsmitglied von Deep Purple.

Sänger Ian Gillan hatte durch die zahlreichen Solos seiner Bandmitglieder die notwendigen Pausen, um seine Stimme zu schonen. Trotz der Stimmband-Schonung kam es in München auch wieder nicht zum legendären „Child in Time“. Diese Zeit ist wohl endgültig vorbei.

Roger Glover bedankt sich für das Ständchen zu seinem 67. Geburtstag.

Roger Glover bedankt sich für das Ständchen zu seinem 67. Geburtstag.

Hervorragend waren vor allem die Zugaben, begonnen mit einem Geburtstagsständchen für Bassist Roger Glover, der an dem Abend seinen 67. Geburtstag feierte und bei dem ersten Purple-Hit „Hush“ von 1968 sein Bass-Solo ablieferte. Jetzt drehte DP voll auf: Das relativ neue „The Battle Rages On“ kam gut an, doch richtig ab ging es bei den Klassikern „No One Came“ oder „Space Truckin“. Dass Hardrock auf Blues und Rock´n Roll aufbaut, zeigte ein wunderbares Medley alter Rock´n Roll-Songs, die um „Speed King“ eingebaut wurden: Jerry Lee Lewis, Buddy Holly – das war Emotion pur. Das Publikum wippte mit.

Richtige Glückseeligkeit in den Gesichtern erschien als die ersten Noten von „Smoke on the water“ erklangen. Das zumeist ältere Publikum freute sich, diesen Rockklassiker noch einmal live erleben zu dürfen und sang die Zeilen lauthals mit. Letztes Lied des Abends und Rausschmeißer war der alte Hitsingle „Black night“.

Nächstes Jahr werden Deep Purple wohl wieder auf Tour gehen, um das Einkommen zu sichern. Wenn sie wieder so eine Show abliefern, dann ist der Ruhestand noch eine Zeit entfernt.