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Buchkritik: Ausgerechnet Kabul. 13 Geschichten vom Leben im Krieg von Ronja von Wurmb‑Seibel

26. Februar 2026

Gerne lese ich als Journalist Bücher von Kollegen. Die Klassiker haben es mir angetan: Peter von Zahn, Lothar Loewe, Gerd Ruge, Peter Scholl-Latour. Und natürlich auch moderne Reportagenbücher, weil sie mir auf einen Land oder Konflikt anders näher bringen als klassische Sachbücher. Und als ich hörte, dass die Zeit-Kollegin Ronja von Wurmb‑Seibel bei uns im Landkreis als Land- und Kreisrätin antritt, holte ich ein Buch von ihr aus dem Archiv und ließ es mir in meinem zweiten Wohnzimmer im Bistro Sixtyfour signieren. Dabei habe ich ihr Buch „Ausgerechnet Kabul. 13 Geschichten vom Leben im Krieg“ wieder gelesen.

Ronja von Wurmb‑Seibel legte mit „Ausgerechnet Kabul. 13 Geschichten vom Leben im Krieg“ ein erzählerisch starkes, politisch kluges und formal sehr zugängliches Buch vor, das sich bewusst gegen die gewohnten Afghanistan‑Bilder von Anschlägen, Burka und Bundeswehr stellt. Es war 2015 weniger Kriegsreportage als dichte Alltagschronik, die den Blick auf Afghanistan leiser, persönlicher und zugleich politisch schärfer justiert.

Die Autorin zog 2013 mit 27 Jahren für rund anderthalb Jahre nach Kabul, um als Reporterin für deutsche Medien über das Land zu berichten, in dem zeitgleich Tausende Zivilisten durch Anschläge sterben und westliche Soldaten im Einsatz waren. Statt einer linearen Frontberichterstattung gliederte sie ihre Erfahrungen in 13 Episoden, die jeweils um eine Begegnung, einen Ort oder eine Situation kreisen – vom Yoga‑Kurs über den Holzofenkauf bis hin zum Frauengefängnis.

Die Texte kombinieren atmosphärische Szenen mit Hintergrundinformationen zum deutschen Afghanistan‑Einsatz, zu Sicherheitslage und Alltag der Bevölkerung. Dadurch entstand ein Mosaik, das den Krieg permanent im Hintergrund präsent hält, aber konsequent über die Perspektive der Menschen vor Ort erzählt.

Für mich ist die Stärke des Buchs der konsequente Fokus auf das normale Leben im Ausnahmezustand: Gespräche über Pesto‑Rezepte, Yoga‑Stunden, private Einladungen und berufliche Routinen stehen neben Alarmzustand und latentem Bedrohungsgefühl. Gerade diese Reibung zwischen Alltagsbanalität und abstrakter Gefahr – Anschläge als Statistik in einer Vier‑Millionen‑Stadt – gibt dem Buch seine Spannung.

Besonders eindrücklich sind die Passagen, in denen von Wurmb‑Seibel die Lebensrealität von Frauen beschreibt, etwa beim Besuch eines Frauengefängnisses, in dem Insassinnen in pinken Kleidern mit offenen Haaren auftreten. Sie kritisiert die westliche Fixierung auf Burka und Kopftuch als Verkürzung und betont, dass strukturelle Gewalt, fehlende Rechte und ökonomische Abhängigkeit die eigentlichen Konfliktlinien sind – auch, wenn viele der von ihr porträtierten Frauen selbstverständlich Kopftuch tragen.
Das Buch erschien 2015 und ich denke nach der erneuten Machtübernahme der Taliban wird es heute anders aussehen. Heute wäre so ein Einblick in das Land nicht mehr so möglich. Daher ist das Buch auch eine Art Geschichtsbuch.

Sprachlich arbeitet die Autorin mit einer nahen Ich‑Perspektive, die ihre eigene Angst, Überforderung und Faszination nicht ausblendet. Sie reflektiert offen, wie negative Geschichten sie „leer“ machen und ihr die Lebenskraft entziehen, und wie sie gelernt hat, gezielt nach Momenten der Zuversicht zu suchen, ohne die Gewalt zu beschönigen.

Der Ton ist reportagehaft, aber nicht nüchtern; Szenen werden präzise beobachtet und dialogisch zugespitzt, jedoch ohne literarische Überinszenierung. Man merkt, dass die Texte aus journalistischer Praxis kommen: klar strukturierte Episoden, pointierte Beobachtungen, kluge Verdichtungen – und immer wieder klare, aber unpathetische Wertungen zum Sinn und Unsinn der westlichen Intervention.

„Ausgerechnet Kabul“ ist explizit als Gegenbild zur stereotypen Kriegsberichterstattung angelegt: Die Autorin formuliert als Ziel, nicht „noch mehr von Anschlägen zu berichten“, sondern die Wahrnehmung Afghanistans in Deutschland zu verändern. Darin steckt ein sehr bewusstes politisches Projekt: Sie will zeigen, dass Afghanistan nicht nur Kulisse für sicherheitspolitische Debatten ist, sondern ein komplexes gesellschaftliches Gefüge mit eigenen Dynamiken, Hoffnungen und Widersprüchen. Nun, die Geschichte hat gezeigt, dass die Entwicklung in diesem Land anders verlaufen ist.

Gleichzeitig blendet das Buch die Verantwortung des Westens nicht aus; etwa wenn von Wurmb‑Seibel Recherchen zu von der NATO hinterlassenen Blindgängern beschreibt, die schließlich dazu beitragen, dass die Bundesregierung zumindest ein Minenfeld räumen lässt. Die politische Analyse tritt nie als trockenes Essay auf, sondern ist immer in Szenen eingelassen – das macht die Lektüre zugänglich, birgt aber auch das Risiko, dass strukturelle Zusammenhänge eher angedeutet als systematisch ausgeführt werden.

Das Buch ist sehr gelungen mit dem Perspektivwechsel weg von der Front hin zu Alltagsmikroszenen, die den Leser in Ambivalenzen halten: Sicherheitsappelle, Normalität, Angst, schwarzer Humor und Hoffnung liegen dicht beieinander.
Seine Stärke liegt im Konkreten – Figuren, Orte, Situationen – geht mit einer gewissen Zurückhaltung bei der großen geopolitischen Analyse einher; wer einen umfassenden Überblick über Geschichte und Politik Afghanistans erwartet, wird eher punktuell als systematisch bedient. Heute ist die Situation sowieso komplett anders.
Interessant für mich: Die selbstreflexive Haltung der Autorin, inklusive Zweifel an der Wirksamkeit des eigenen Journalismus, ist ein großes Plus, weil sie das übliche Heroen‑Narrativ des Kriegsreporters unterläuft. Auch hier hat sich gezeigt, dass die Geschichte eine andere Entwicklung eingeschlagen hat.
Formal ist das Buch zugänglich, gut lesbar und für ein breites Publikum geeignet; literarisch ambitionierte Leser könnten sich gelegentlich mehr formale Experimentierfreude oder essayistische Tiefenbohrungen wünschen, aber für mich ist es ein prima Reportagebuch und Zeitdokument.

Insgesamt ist „Ausgerechnet Kabul“ ein eindringliches Stück erzählter Zeitgeschichte, das Afghanistan nicht erklärt, sondern erfahrbar macht – über Gesichter, Stimmen und Körper in einer Stadt im Ausnahmezustand. Für Leser, die kriegsmüde sind und doch verstehen wollen, was Krieg mit einer Gesellschaft macht, ist dieses Buch eine sehr empfehlenswerte Lektüre.