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Stimmungsbild in der Tourismusbranche

19. Juli 2021

Eine Branche, die durch Corona massiv getroffen wurde, ist der Tourismus. Das Stimmungsbild ist verheerend. Und ich merke es an mir selbst: Während ich vor Corona vor allem beruflich unterwegs samt, bin ich jetzt kaum auf Reisen, ein bisschen geschäftlich, aber gar nicht privat. Meine BahnCard ist im vergangenen Jahr ausgelaufen und ich werde sie dieses Jahr nicht erneuern, obwohl die Deutsche Bahn mir wunderbare Angebote macht. Ich warte 2021 ab.

In meinem Umfeld ist es anders: Dort wird Reisen wieder großgeschrieben – irgendwie glauben alle, Corona sei vorbei. Nein, ist es nicht. Aufgrund von Abi-Fahrten ist in meiner direkten Umgebung Corona wieder ausgebrochen. Die Abi-Feier an der Schule meiner Kinder wurde gestrichen. Kinder an anderen Schulen haben sich angesteckt – nein, Corona ist noch nicht vorbei, auch wenn es die Tourismusbranche gerne so darstellt und ein Gefühl der Sicherheit vermitteln will. Dabei muss ich genau unterscheiden, wohin und zu wem ich fahren würde, wenn ich urlauben würde.

Eine neue Studie zur Branche gibt ganz gut Anhaltspunkte zum Zustand der Tourismusbranche. Die Reiseindustrie steht nach den langen Monaten des Lockdowns vor enormen wirtschaftlichen Herausforderungen. In einer aktuellen Branchenumfrage des asr Allianz selbständiger Reiseunternehmen – Bundesverband e.V. bewerteten zwei Drittel der Befragten die Situation ihres Unternehmens als schlecht oder existenzbedrohend. Ähnlich düster sieht demnach die Lage in Urlaubsdestinationen aus. Vor allem Entwicklungs- und Schwellenländer kämpfen um ihr touristisches Überleben. Die Ergebnisse der Umfrage, die in Kooperation mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Ravensburg (DHBW) erstellt wurde, belegen auch die große Verunsicherung, die derzeit unter Verbrauchern herrscht. Und meines Erachtens ist die Verunsicherung gerechtfertigt. Die vierte Welle baut sich auf.

Knapp 250 Expertenaussagen unter Reisebüros, Reiseveranstaltern und weiteren touristischen Leistungsträgern in Deutschland hat der asr zusammen mit dem DHBW ausgewertet. Deutlich wird dabei, dass das Vertrauen in politische Institutionen und Medien als sehr gering eingeschätzt wird.
Warum? Weil nicht alles freigegeben wird? Weil die Menschen keine Lust mehr auf Corona haben? Die jüngsten Corona-Ansteckungen geben Politik und Medien recht und den Lobbyverbänden eben nicht. Ich bin kein Virologe, aber ich sehe, dass die Impfmüdigkeit und gar die Impfverweigerung nicht dafür sorgen, dass wir so etwas wie einen Normalzustand erreichen. Auch wenn der Wuschelkopf von der Insel Johnson erklärt, alles sei wieder gut.

Zudem haben wir ein massives Problem. Nicht wegen des Tourismus, sondern wegen des Aufkommens von Verschwörungsmythen und Schwurblern, die unsere Demokratie destabilisieren, schwindet das Vertrauen „in die da oben“. Die Politik hatte es noch nicht mit einer solchen Krise zu tun gehabt. Eine weltweite Pandemie verändert die Welt und bedroht Existenzen und sorgt für Furcht. Die Lobbyverbände und Interessenvertretungen heizen die Stimmung an, sähen Zweifel und vertreten die Interessen ihrer Mitglieder.
Und so heißt es in der Studie auch: „Touristische Verbände genießen dagegen bei rund 40 Prozent ein hohes Vertrauen.“ Zeigt sich ja an den steigenden Ansteckungen – ok, das war jetzt böse.

Zahlreiche Maßnahmen zur Bekämpfung des Covid-19 sind laut Aussagen der Umfrageteilnehmer nicht nachvollziehbar. So bewerten knapp 35 Prozent Ausgangssperren und 29 Prozent Reiseverbote für Freizeitreisen als gar nicht verständlich, während sich rund die Hälfte für einen sogenannten „Grünen Pass“ und etwa 48 Prozent für Testmöglichkeiten für Reisende aussprechen.

Fehlende Ausgaben in Milliarden-Höhe
In Destinationen weltweit hat sich die Lage nach Kenntnis der Reiseexperten dramatisch verschlechtert. Für das südliche Afrika prognostizieren etwa 63 Prozent eine existenzbedrohende Situation. Moment, drehen in Südafrika nicht alle gerade am Rad – bürgerkriegsähnliche Zustände in Teilen des Landes, weil der Verbrecher Zuma in den Knast wandert. Da muss ich echt nicht mach Südafrika zum Urlauben. Aber as hat mit Corona nichts zu tun, sondern weil sich ethnische Gruppen die Köpfe einhauen.

Auch für Mittel- und Südamerika sowie die Türkei und Nordafrika stimmen rund die Hälfte der Befragten dieser Aussage zu. Vielleicht setzt sich bei dem einen oder anderen aber auch die Erkenntnis durch, dass ich Despoten wie den türkischen Machthaber nicht mit meinen Reiseetat unterstützen will.

Mit Blick auf die touristischen Anbieter halten die Umfrageteilnehmer vor allem Nationalparks für gefährdet, denn der Stellenwert von Naturschutz sinkt in Zeiten der wirtschaftlichen Krise rapide. „In Entwicklungs- und Schwellenländern fehlen derzeit touristische Ausgaben in Höhe von 19 Milliarden US-Dollar“, warnt Prof. Dr. Alexander Dingeldey, Studiengangsleiter an der DHBW für Reiseverkehr und Reisevertrieb. „Die Einkommenssituation der im Tourismus beschäftigten Bevölkerung ist katastrophal und gefährdet akut das Gleichgewicht aus Ökologie, Sozialem und Ökonomie.“ Das glaube ich gerne.

Reisebüros als wichtiger Anker für Urlauber
Die Sehnsucht nach Urlaub und einer Auszeit ist bei Gästen spürbar, gaben 92 Prozent der Befragten an. Trotz der gegenwärtigen Öffnungen sind viele Menschen noch stark verunsichert und sehen von Buchungen ab, so 86 Prozent der Experten. Wertvolle Hilfestellung leisten hier die Reisebüros, die aufgrund des gestiegenen Informationsbedürfnisses der Kunden durchschnittlich 31 Minuten länger für ein Beratungsgespräch aufwenden müssen als vor der Pandemie. Kann ich mir auch vorstellen, aber Zeit ist ja vorhanden, wenn kaum Kunden den Laden betreten.
Interessante Frage an mich: Wann habe ich das letzte Mal ein Reisebüro genutzt? Bei einem Besuch in einem Reisebüro in meiner direkten Umgebung war ich entsetzt, wie wenig Wissen bei den Mitarbeitern vorhanden ist. Ins Internet blicken, das kann ich auch. Eine gute Freundin meiner Frau betreibt dagegen ein gut geführtes Reisebüro und wir hatten über sie einst ein Hotel in London gebucht und waren zufrieden. Da fühlte ich mich im Reisebüro gut aufgehoben. Es wird sich die Spreu vom Weizen trennen.
In meinem geschäftlichen Umfeld stelle ich fest: Die größeren Firmen verzichten oft auf Geschäftsreisen. Der Mittelstand will dagegen wieder auf Geschäftsreisen gehen. Allerdings: Für 20 PowerPoint-Folien eignen sich ideal virtuelle Treffen. Auch auf Messeteilnahme wird verzichtet – warum soll ich eigentlich noch eine Messe besuchen? Ein wichtiger Grund kann vielleicht das Netzwerken sein – und hier entstehen gerade interessante digitale Alternative.

„Durch ihre kompetente Beratung vermitteln Reisebüros ihren Kunden eine enorme Sicherheit“, erklärt Anke Budde, Geschäftsstellenleiterin asr Allianz selbständiger Reiseunternehmen – Bundesverband e.V. „Pauschalreise-Urlauber können sich auf ihren Reiseveranstalter verlassen, der sich bei Problemen um sie kümmert und im Notfall auch in die Heimat zurückholt.“ Für einen gelungenen Neustart wünschen sich mit etwa 98 Prozent der befragten Touristiker klare Regeln in Bezug auf Risikogebiete und Quarantäne sowie 95 Prozent langfristige Planungssicherheit. „Die Branche ist auf den Neustart bestens vorbereitet. Hygiene und Sicherheit waren bereits vor Corona unverzichtbar für ein gelungenes Urlaubserlebnis“, erläutert Jochen Szech, Präsident asr Allianz selbständiger Reiseunternehmen – Bundesverband e.V. „Reiseveranstalter haben sich in der Krise immer wieder als wichtige Stützpfeiler erwiesen, die ihrer Verantwortung nachkommen und ihre Kunden nie allein gelassen haben.“ War da nicht 2019 die Pleite von Thomas Cook? Im ersten Halbjahr 2020 war es bereits zu einer Verdoppelung der Insolvenzen kleiner Reiseveranstalter gekommen, weiß die R+V Versicherung. Und die große Welle werde erst noch erwartet.

Preiskampf bedroht Qualität der Urlaubsreisen
Für die Zukunft rechnen rund 88 Prozent der Umfrageteilnehmer mit höheren Preisen für Urlaubsreisen. Beratung und Sicherheit sprechen dabei etwa 91 Prozent einen höheren Stellenwert zu. „Auch wenn der Preiskampf härter wird, dürfen touristische Produkte auch in Zukunft nicht unter Wert verkauft werden“, fordert Prof. Dr. Alexander Dingeldey. „Geschäftsmodelle, die nur auf Schnäppchen aufgebaut sind, erhöhen den Druck auf Anbieter und Mitarbeiter massiv und führen zu einer gefährlichen Preisdumping-Spirale. Letztlich leidet darunter vor allem die Qualität der Reiseangebote.“ Urlauber tragen eine wichtige Mitverantwortung und unterstützen mit ihrer Buchungsentscheidung die faire Bezahlung der Leistungsträger im Tourismus. Geiz ist geil.

Auch wenn Urlaub in Deutschland seit Beginn der Pandemie einen Boom erlebt hat und die aktuellen Öffnungen den Tourismus in der Heimat ankurbeln: Die fehlende Planungssicherheit wirkt sich weiter negativ auf das Buchungsverhalten aus. Rund 42 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, dass Deutschlandurlaub lediglich aufgrund der fehlenden Alternativen beliebt war und die Nachfrage wieder nachlassen werde, sobald Reisen in andere Länder wieder möglich sind. Um nachhaltig vom Urlaub in Deutschland profitieren zu können, benötigt der Reisevertrieb passgenauere Informationen und einfach buchbare Angebote zu marktfähigen Konditionen.