Posts Tagged ‘Vampyr’

Buchkritik – Carl Th. Dreyer (Museum of Modern Art New York, 1988)

2. März 2026

Einer meiner Lieblingsfilme ist Vampyr von Carl Theodor Dreyer, ein albtraumhafter Vampirfilm von 1932. Und seitdem ich diesen Streifen das erste Mal gesehen habe, bin ich ein Fan von diesem dänischen Regisseur. Vor kurzem fiel mir ein wunderbares Buch über ihn in die Hände. Das im Jahr 1988 vom Museum of Modern Art (MoMA) in New York veröffentlichte Buch Carl Th. Dreyer erschien anlässlich einer großen Retrospektive zum 100. Geburtstag des dänischen Regisseurs Carl Theodor Dreyer.

In einem Begleittext zum Ausstellungsprogramm beschreibt das MoMA Dreyer als „einen der Meister des Kinos“, dessen Werke durch eine universelle Darstellung der menschlichen Erfahrung geprägt seien. Die Publikation umfasst 96 Seiten und enthält Essays von Jytte Jensen, Carren O. Kaston und James Schamus sowie ein Vorwort von Ib Monty, dem damaligen Direktor des Dänischen Filmmuseums. Zu den Besonderheiten zählen eine englische Übersetzung von Dreyers Drehbuch Medea, eine Filmografie, eine ausgewählte Bibliografie und 60 schwarz‑weiße Produktionsfotos. Hier eine Sammlung von Dreyer Filmen.

Die Retrospektive, für die das Buch konzipiert wurde, zeigte nicht nur die berühmten Werke The Passion of Joan of Arc (1928), Day of Wrath (1943), Ordet (1955) und Gertrud (1964), sondern auch Frühwerke wie Leaves From Satan’s Book (1919–21), The Parson’s Widow (1920), das pastorale Melodram The Bride of Glomdal (1925) und die Märchenadaption Once Upon a Time (1922). Damit sollte der ganze Bogen von Dreyers satirischem Humor bis zu seinen psychologischen Dramen sichtbar werden. Hier eine wunderbare Zusammenfassung:

Die drei Essays im Buch widmen sich unterschiedlichen Aspekten von Dreyers Schaffen. Jytte Jensen, Kuratorin der Ausstellung, zeichnet die Entwicklung des Regisseurs nach und betont die Konsequenz, mit der er seine Filme als intime „Kammerspiele“ konstruierte. Der Filmwissenschaftler David Bordwell spricht im Kontext von Dreyer von „chamber cinema“ – einem Kino, das sich auf purifizierte Innenräume konzentriert und unter engen räumlichen Bedingungen eine große emotionale Tiefe entwickelt . Bordwell weist darauf hin, dass Dreyer in frühen Filmen wie Mikael (1924) und Master of the House (1925) mit dieser Form experimentierte und sie in späteren Meisterwerken wie Vampyr (1932) oder Gertrud (1964) verfeinerte. Dreyers Strategie bestand darin, ein weitgehend funktionierendes Apartment‑Set zu bauen und durch bewegliche Wände und fließende Kameras bewegte „Rundumräume“ zu schaffen  – Elemente, die Jensens Essay laut Ankündigung des Buches beleuchtet.

Carren O. Kastons Beitrag richtet den Blick auf Dreyers Inszenierung von Glaube und Spiritualität. Die MoMA‑Retrospektive betonte, dass seine Filme zwischen satirischem Humor und „tief gehendem psychologischem Drama“ pendeln. Kaston untersucht, wie diese Pole vor allem in den 1940er- und 1950er‑Jahren (etwa in Day of Wrath und Ordet) verschmelzen und zu filmischen Meditationen über Schuld, Erlösung und die Macht der Liebe werden. Das Buch vermittelt dadurch, dass Dreyers scheinbar strenge Askese nicht kühl, sondern humanistisch motiviert ist.

Am theoretischsten ist James Schamus’ Essay Dreyer’s Textual Realism. Er analysiert Dreyers Umgang mit Quellen und weist nach, wie der Regisseur Texte in Bilder übersetzt. Bei Die Passion der Jungfrau von Orléans (1928) basierte Dreyer nicht auf einem fiktiven Drehbuch, sondern auf den historischen Protokollen des Jeanne‑d’Arc‑Prozesses. Der Regisseur selbst betonte, er habe „vor allem die Technik des offiziellen Berichtes“ verwendet und versucht, das Verfahren filmisch zu übertragen. Dieses sogenannte „textual realism“ zeigt sich auch in der starken Verwendung von Zwischentiteln, die als „wahrheitsgetreue Auswahl des historischen Dialogs zwischen Jeanne und ihren Richtern“ präsentiert werden. Schamus’ Analyse verknüpft diese dokumentarische Strategie mit Dreyers visuellen Mitteln – etwa dem engen Framing, das Gesichter isoliert und den Raum zu einem expressiven Umfeld macht, in dem der Zuschauer emotional mitleben kann.

Übersetzung des Drehbuchs „Medea“
Ein besonderes Merkmal des Buchs ist die englische Übersetzung von Dreyers Drehbuch zu Medea. Dreyer hatte in den 1960er‑Jahren eine eigenständige Adaption des Euripides‑Stoffs entwickelt, die er aber nicht mehr verfilmen konnte. Der dänische Regisseur Lars von Trier realisierte das Projekt 1988 als Fernsehfilm. Laut der Encyclopædia Britannica (Wikipedia) basiert sein Film auf Dreyer’s Adaption von Euripides’ Tragödie. Die Aufnahme des Skripts in die MoMA‑Publikation machte das Werk für ein breites Publikum zugänglich. Mit der Übersetzung eröffnet das Buch einen faszinierenden Einblick in Dreyers Arbeitsweise und bietet zugleich eine Vorlage, an der sich von Triers filmische Umsetzung messen lässt.

Fotografien, Filmografie und Bibliografie
Die Publikation enthält 60 schwarz‑weiße Produktionsfotos aus Dreyers Filmen. Diese Bilder veranschaulichen die in den Essays beschriebenen ästhetischen Strategien: die auf das Gesicht konzentrierte Bildgestaltung und die Reduktion des Raums auf wenige Objekte. Bordwell beschrieb Dreyers Methode, den Raum weitgehend leer zu lassen, sodass der Zuschauer „keine Hinweise auf die Distanz zwischen Figuren und Hintergrund“ erhält und der Film durch mangelnde Tiefeninformation einen eigentümlichen „exzentrischen Raum“ erzeugt. Die Fotobeigaben machen diese Beobachtung anschaulich. Eine Filmografie und eine Bibliografie runden das Buch ab und verweisen auf weiterführende Literatur.

Kritische Würdigung
Das MoMA‑Buch Carl Th. Dreyer erfüllt trotz seines geringen Umfangs mehrere Funktionen. Als Begleitpublikation führt es in Leben und Werk eines Regisseurs ein, der Kino als moralische und spirituelle Kunstform verstand. Die Essays zeigen, dass Dreyers Askese keine formale Manieriertheit, sondern eine Folge seiner Suche nach der „universellen menschlichen Erfahrung“ ist. Die Beiträge von Jensen, Kaston und Schamus ergänzen sich: Sie beleuchten die Entwicklung vom satirischen Frühwerk zum transzendentalen Spätwerk, analysieren Dreyers Inszenierung von Glaube und Psychologie und untersuchen die Verbindung zwischen Text und Bild. Durch Bordwells Konzept der „Kammerkunst“ erhält der Leser einen zusätzlichen Schlüssel zu Dreyers Raumverständnis, das auch im Bildteil sichtbar wird.

Schamus’ Essay beeindruckt besonders, weil er Dreyers dokumentarisches Vorgehen entschlüsselt. Dass Dreyer sich bei Die Passion der Jungfrau von Orléans auf die historischen Protokolle stützte und das Verfahren mit Zwischentiteln als „offiziellen Bericht“ inszenierte, erklärt die hypnotische Wirkung des Films: Der Zuschauer wird in einen „exzentrischen Raum“ versetzt, der durch enge Bildausschnitte, fehlende Tiefeninformationen und eine flächige Dekoration entsteht, sodass er ständig zwischen Identifikation und Distanz schwankt.

Kritisch kann man einwenden, dass die Publikation mit 96 Seiten relativ knapp ausfällt. Für Leser, die eine vollständige analytische Monografie erwarten, dürfte die Tiefe der Essays nicht ausreichen; viele Themen – etwa Dreyers Verhältnis zur dänischen Kultur, seine Rezeption oder seine Rolle im europäischen Autorenkino – werden nur angerissen. Zudem bleibt unklar, wie stark das Buch auf die frühen dänischen Stummfilme eingeht, da der Schwerpunkt meist auf den kanonischen Werken liegt. Dennoch macht die Kombination aus kompakten, gut lesbaren Texten, einer selten zugänglichen Drehbuchübersetzung und hervorragenden Bilddokumenten die Publikation zu einem wertvollen Einstieg in Dreyers Universum.

Carl Th. Dreyer (MoMA 1988) ist weniger eine umfassende Filmmonografie als eine liebevoll gestaltete Hommage an einen der radikalsten Regisseure des 20. Jahrhunderts. Die Essays vermitteln anschaulich, wie Dreyer mit knappen filmischen Mitteln universelle Themen wie Glaube, Schuld und Erlösung verhandelt und wie sein „Kammerkino“ Spannung aus räumlicher Beschränkung erzeugt. Das beiliegende Drehbuch Medea erweitert den Blick auf seine unverwirklichten Projekte und stellt eine Verbindung zu Lars von Triers späterer Verfilmung her. Für Filmhistoriker und Studierende der Filmwissenschaft ist die Publikation ein nützliches Nachschlagewerk, für interessierte Laien bietet sie einen sorgfältig kuratierten Einstieg in Dreyers Werk.

Graf Zaroff – Genie des Bösen (1932) und Vampyr (1932) – Rückblick auf meine Matinee

17. März 2025

Zwei Klassiker des phantastischen Film präsentierte ich als Double Feature in meiner phantastischen Matinee im Scala Fürstenfeldbruck: Graf Zaroff – Genie des Bösen (1932) und Vampyr (1930).

Die erste Menschenjagd
Der Film The Most Dangerous Game (dt. Graf Zaroff – Genie des Bösen) aus dem Jahr 1932 ist ein wegweisender Thriller, der auf der Kurzgeschichte The Most Dangerous Game (1924) von Richard Connell basiert.

Mit seiner düsteren Atmosphäre, der packenden Handlung und den intensiven Charakteren hat der Film bis heute einen bedeutenden Einfluss auf das Thriller- und Horrorgenre. Besonders bemerkenswert ist, dass viele Elemente dieses Films in späteren Werken wiederaufgenommen wurden, sei es in modernen Survival-Thrillern oder in Variationen des „Menschenjagd“-Motivs.

Die Geschichte dreht sich um den berühmten Großwildjäger Bob Rainsford (gespielt von Joel McCrea), der nach einem Schiffsunglück auf einer abgelegenen Insel strandet. Dort trifft er auf den exzentrischen russischen Aristokraten Graf Zaroff (Leslie Banks), der ihn in sein luxuriöses Schloss einlädt. Rainsford entdeckt bald, dass er nicht der einzige Schiffbrüchige ist: Die schöne Eve (Fay Wray) und ihr betrunkener Bruder Martin (Robert Armstrong) wurden ebenfalls von Zaroff aufgenommen. Hier mein Vortrag:

Vampyr (1932) von Carl Theodor Dreyer
Für mich ist der Film neben Nosferatu von 1922 einer der besten Vampyr-Filme überhaupt.

Carl Theodor Dreyers Vampyr aus dem Jahr 1932 ist ein bedeutender Filmklassiker des frühen Tonkinos, der zwischen Stummfilm-Ästhetik und experimentellen Tonsequenzen changiert. Obwohl der Film seinerzeit bei Kritik und Publikum eher verhalten aufgenommen wurde, gilt er heute als wegweisendes Werk des Horror- und Fantasy-Genres. Hier mein Vortrag:

Übergang vom Stumm- zum Tonfilm
Vampyr entstand in einer Phase des Umbruchs in der Filmindustrie. Der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm war Ende der 1920er-Jahre bereits in vollem Gange. Viele Regisseure, die sich künstlerisch im Stummfilm etabliert hatten, standen nun vor der Herausforderung, die Möglichkeiten des Tons entweder behutsam oder radikal einzusetzen. Carl Theodor Dreyer, der bereits mit Werken wie Die Passion der Jungfrau von Orléans (1928) großes Ansehen erlangt hatte, musste nun neue Wege der filmischen Erzählung beschreiten.

Dracula im Film (37): Vampyr (1932)

6. März 2025

Nein, Dracula taucht in diesem Klassiker nicht auf. Der Vampir ist auch kein Mann im Umhang, sondern eine alte Frau. Für mich ist dieser Film einer der besten Vampir-Filme überhaupt und er ist schwere Kost.

Carl Theodor Dreyers Vampyr aus dem Jahr 1932 ist ein bedeutender Filmklassiker des frühen Tonkinos, der zwischen Stummfilm-Ästhetik und experimentellen Tonsequenzen changiert. Obwohl der Film seinerzeit bei Kritik und Publikum eher verhalten aufgenommen wurde, gilt er heute als wegweisendes Werk des Horror- und Fantasy-Genres. Im Folgenden sollen Entstehung, Inhalt, formale Merkmale, thematische Schwerpunkte und der Einfluss des Films auf das spätere Kino beleuchtet werden. Hier ein Vortrag von mir zum Film:

Übergang vom Stumm- zum Tonfilm
Vampyr entstand in einer Phase des Umbruchs in der Filmindustrie. Der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm war Ende der 1920er-Jahre bereits in vollem Gange. Viele Regisseure, die sich künstlerisch im Stummfilm etabliert hatten, standen nun vor der Herausforderung, die Möglichkeiten des Tons entweder behutsam oder radikal einzusetzen. Carl Theodor Dreyer, der bereits mit Werken wie Die Passion der Jungfrau von Orléans (1928) großes Ansehen erlangt hatte, musste nun neue Wege der filmischen Erzählung beschreiten.

Ermöglicht wurde die Realisierung von Vampyr unter anderem durch die finanzielle Unterstützung des Aristokraten Nicolas de Gunzberg, der unter dem Pseudonym „Julian West“ auch die Hauptrolle in dem Film übernahm. Gedreht wurde in Frankreich (unter anderem in Courtempierre) und in Deutschland, was für eine internationale Koproduktion typisch war. Auch bei der Besetzung griff Dreyer auf ein größtenteils europäisches Ensemble zurück, darunter professionelle Schauspieler und Laien.

Literarische Vorlage
Der Film orientiert sich lose an den Erzählungen von Sheridan Le Fanu, insbesondere an der Sammlung In a Glass Darkly (1872). Dreyer nutzte die Motive des Vampir-Mythos’, um weniger eine stringente Narration zu entwickeln, als vielmehr eine rätselhafte, traumartige Atmosphäre zu erzeugen. Dadurch unterscheidet sich Vampyr deutlich von anderen Vampirfilmen seiner Zeit (etwa Murnaus Nosferatu, 1922 oder Tod Brownings Dracula, 1931).

Zusammenfassung der Handlung
Die Geschichte kreist um den Protagonisten Allan Gray (gespielt von Julian West), einen jungen Reisenden mit einer Vorliebe für Okkultes. Gray quartiert sich in einem abgelegenen Gasthof ein, wo er sogleich von unheimlichen Begebenheiten heimgesucht wird: Schatten bewegen sich scheinbar verselbstständigt, gespenstische Gestalten huschen durch die Flure. Eines Nachts taucht ein alter Mann in Grays Zimmer auf, der ihm ein Paket mit der Aufschrift „Öffnen Sie nach meinem Tod“ übergibt und verschwindet.

Als Gray dem Geheimnis auf den Grund gehen möchte, trifft er auf das nahegelegene Schloss, in dem der alte Mann scheinbar lebte. Dort findet er den Schlossherrn tödlich verletzt vor. Dessen Töchter, Léone und Gisèle, sind in Gefahr. Die mysteriöse Krankheit von Léone deutet bald auf eine vampirische Ursache hin: Eine alte Frau namens Marguerite Chopin und ein unheimlicher Arzt scheinen ein Komplott zu schmieden, um die Familie mit vampirischer Präsenz zu bedrohen. Im weiteren Verlauf muss Gray nicht nur dem Vampir zur Strecke helfen, sondern sich auch selbst in einem labyrinthischen Spiel aus Traum und Wirklichkeit zurechtfinden.

Traumlogik und zerrissene Erzählstränge
Typisch für den Film ist eine episodische, fast bruchstückhaft wirkende Erzählweise. Viele Szenen wirken wie ein Zustand zwischen Wachen und Schlafen, was durch ungewöhnliche Montagen und Bildkompositionen unterstrichen wird. Die Figur Allan Gray gerät ständig in Situationen, in denen nicht klar ist, ob er träumt oder ob das Gezeigte real ist. Diese Ambivalenz verstärkt den Eindruck eines unentrinnbaren Albtraums.

Wichtige Schlüsselmomente
Das Paket des alten Mannes: Hier legt Dreyer früh den Grundstein für das Motiv von Vorbestimmung und Schicksal; Gray erhält ein Buch über Vampirismus, das eine Art Leitfaden durch die Ereignisse wird.

Grays Nahtoderfahrung: In einer der berühmtesten Sequenzen des Films verlässt Gray scheinbar seinen Körper und beobachtet sein eigenes Begräbnis aus einer sargartigen Perspektive. Diese Szene spiegelt Dreyers Interesse an spirituellen, metaphysischen Themen und macht den Film zu einem Pionierwerk surreale Traumsequenzen betreffend.

Der Tod des Arztes: Gegen Ende wird der bösartige Arzt, der mit der Vampirin zusammenarbeitet, von einer Mühle erdrückt. Dreyer inszeniert diesen Tod als klaustrophobisches Ersticken in einem Mahlwerk, was stark kontrastiert zu den zuvor eher schwebend-entrückten Bildern.

Kameraarbeit
Die Kameraarbeit (u. a. durch den Kameramann Rudolph Maté) ist ein zentrales Element für die eigenwillige Atmosphäre des Films. Dreyer setzt eine Vielzahl visueller Effekte ein, um den Zuschauenden in einen traumartigen Zustand zu versetzen:

Weichzeichner und Nebel: Viele Außenszenen spielen in einem dunstigen Halbdunkel oder Morgengrauen. Durch geschickte Belichtung und Nebeleinsatz entstehen surreale Landschaften, die die Grenzen zwischen Realität und Irrealität verwischen.

Doppelte Belichtungen und Überblendungen: Um die Präsenz der Schatten und Gespenster zu verstärken, kommen gelegentlich Mehrfachbelichtungen zum Einsatz. Diese Techniken betonen die Spukhaftigkeit und Verunsicherung der Wahrnehmung.

Subjektive Kamera: Mehrfach wechselt Dreyer in Grays subjektive Perspektive, insbesondere in den traumartigen Sequenzen. Diese Ich-Perspektive lässt das Publikum die Geschehnisse aus Grays Blickwinkel erleben und unterstreicht das Gefühl, in einen Albtraum einzutauchen.

Montage
Während Dreyers Die Passion der Jungfrau von Orléans für seine radikalen Close-ups und das klare Kontinuum der Handlung bekannt ist, zeigt sich in Vampyr eine Vorliebe für abrupte, teils desorientierende Schnitte. Der Erzählfluss wird durch Einschübe von symbolträchtigen, rätselhaften Bildern immer wieder unterbrochen. Diese Form des Erzählens gleicht eher einer inneren Assoziationskette als einem linearen Plot.

Ton und Musik
Obwohl Vampyr ein Tonfilm ist, kommt die Tonspur eher spärlich und experimentell zum Einsatz. Längere Strecken des Films wirken beinahe stumm, was die unheimliche Grundstimmung verstärkt. Stimmen sind oft verzerrt oder wirken gedämpft, während Musik hauptsächlich als atmosphärisches Element fungiert. Die Musik stammt in weiten Teilen von Wolfgang Zeller und unterstreicht mit dissonanten Klängen und leisen Schwelgerien die surreale Qualität der Bilder.

Darstellerische Leistung
Julian West (Nicolas de Gunzberg) als Allan Gray agiert eher zurückgenommen und rätselhaft. Seine beinahe lethargische Spielweise unterstreicht den Charakter der traumhaften Orientierungslosigkeit. Auch die weiteren Darsteller – viele von ihnen waren nicht hochprofessionelle Filmschauspieler – verleihen dem Film eine eigenwillige Stimmung. Dreyers Fokus lag weniger auf einer prägnanten psychologischen Führung der Schauspieler als auf dem Gesamtbild der Szenen, sodass die Figuren oft wie Fremdkörper in einer irrealen Kulisse wirken.

Der Vampirmythos als Metapher
Obwohl Vampyr formal als Vampirfilm gelistet wird, nutzt Dreyer das Motiv des Vampirs weniger als Schocker, sondern eher als Symbol für eine metaphysische Bedrohung. Diese Bedrohung kann für Themen wie Angst vor dem Unbekannten, Seelenraub oder Schuld und Sühne stehen. In der Figur der Marguerite Chopin zeigt sich ein altes, verbittertes Wesen, das sich von Lebenskraft nährt – ein Bild, das sowohl für Unterdrückung als auch für die Zersetzung der menschlichen Existenz stehen kann.

Traum, Tod und Transzendenz
Zentral ist die wiederkehrende Frage, ob Allan Gray die Ereignisse tatsächlich erlebt oder ob er sich in einem (Todes-)Traum befindet. Die berühmte Sargszene spiegelt ein zentrales Motiv: das Bewusstsein des eigenen Todes und den Versuch, diesem Schicksal zu entkommen. Dreyer zeigt hier eine unscharfe Linie zwischen Leben und Tod, zwischen Realität und Halluzination, die sich durch den gesamten Film zieht.

Einsamkeit und Entfremdung
Allan Gray ist als ruheloser Wanderer gezeichnet, der rastlos durch fremde Gefilde streift. Seine Isolation spiegelt sich nicht nur in der kaum vorhandenen Interaktion mit anderen Figuren, sondern auch in der Inszenierung der Schauplätze: menschenleere Korridore, verwilderte Gärten, stille Nebellandschaften. Die Vampirthematik wird so auch zu einer Geschichte über Vereinsamung und das Gefühl, die eigene geistige und körperliche Gesundheit zu verlieren.

Religiöser und spiritueller Subtext
Carl Theodor Dreyer war bekannt für seine tiefgründigen, oft religiösen Themen, am prominentesten in Die Passion der Jungfrau von Orléans. Auch Vampyr lässt sich in eine spirituelle Dimension rücken: Die Konfrontation mit dem Vampir kann analog zur Konfrontation mit dem Bösen oder dem Dämonischen gelesen werden. Die Rettung der leidenden Figur (Léone) und die Bestrafung des korrupten Arztes weisen auf die Möglichkeit einer moralischen Erlösung hin. Dreyers Stil, der oft an mittelalterliche Mystik und protestantische Strenge erinnert, verleiht dem Film eine zeitlose, sakrale Aura.

Zeitgenössische Kritik
Bei seiner Premiere im Mai 1932 stieß Vampyr auf gemischte Reaktionen. Viele Zuschauer fanden die Erzählstruktur zu verwirrend, die Tonspur zu unkonventionell und das Spiel der Schauspieler zu minimalistisch. Auch das Werbekonzept des Films (die Vermarktung als Schauerfilm) stand in einem gewissen Missverhältnis zu Dreyers künstlerischer Ambition, wodurch das Publikum andere Erwartungen mitbrachte.

Spätere Anerkennung
In den folgenden Jahrzehnten wurde Vampyr von Filmhistorikern, Cineasten und Regisseuren neu entdeckt und als visionäres Werk gewürdigt. Insbesondere in der europäischen Filmliteratur gilt der Film als frühes Beispiel eines „poetischen Horrors“, der weniger auf Schockeffekte als auf Stimmungen und Andeutungen setzt. Regisseure wie Jean Cocteau (Orphée, 1950) oder David Lynch (Eraserhead, 1977) wurden später für ihre surreale Filmsprache mit Vampyr verglichen.

Einfluss auf das Horrorkino
Die experimentellen Bild- und Tonmischungen, das Spiel mit Schatten, Spiegelungen und dem Ungewissen machten Vampyr zu einem Vorläufer zahlreicher späterer Horrorwerke. Filme, die Horror ins Artifizielle, Traumartige überführten – etwa Die Stunde, wenn Dracula kommt (1960) von Mario Bava oder manche Werke des europäischen Horror-Avantgardefilms der 1970er-Jahre – stehen in der Tradition von Dreyers Herangehensweise. Auch in den modernen, eher psychologisch konnotierten Horrorfilmen (z. B. bei Regisseuren wie Roman Polanski oder Ingmar Bergman in Schreie und Flüstern) ist eine gewisse Nähe zu Dreyers introspektivem, albtraumhaften Stil festzustellen.

Double Feature der phantastischen MatineeGraf Zaroff – Genie des Bösen (1932) und Vampyr (1932)

28. Februar 2025

Zwei Klassiker des phantastischen Film präsentiere ich als Doule Feature in der phantastischen Matinee am Sonntag, 2. März, im Scala Fürstenfeldbruck: Graf Zaroff – Genie des Bösen (1932) und Vampyr (1930). Beginn ist 10:45 Uhr und Karten gibt es hier.

Die erste Menschenjagd
Der Film The Most Dangerous Game (dt. Graf Zaroff – Genie des Bösen) aus dem Jahr 1932 ist ein wegweisender Thriller, der auf der Kurzgeschichte The Most Dangerous Game (1924) von Richard Connell basiert.

Mit seiner düsteren Atmosphäre, der packenden Handlung und den intensiven Charakteren hat der Film bis heute einen bedeutenden Einfluss auf das Thriller- und Horrorgenre. Besonders bemerkenswert ist, dass viele Elemente dieses Films in späteren Werken wiederaufgenommen wurden, sei es in modernen Survival-Thrillern oder in Variationen des „Menschenjagd“-Motivs.

Die Geschichte dreht sich um den berühmten Großwildjäger Bob Rainsford (gespielt von Joel McCrea), der nach einem Schiffsunglück auf einer abgelegenen Insel strandet. Dort trifft er auf den exzentrischen russischen Aristokraten Graf Zaroff (Leslie Banks), der ihn in sein luxuriöses Schloss einlädt. Rainsford entdeckt bald, dass er nicht der einzige Schiffbrüchige ist: Die schöne Eve (Fay Wray) und ihr betrunkener Bruder Martin (Robert Armstrong) wurden ebenfalls von Zaroff aufgenommen.

Inhalt von Graf Zaroff
Doch bald offenbart sich Zaroffs dunkles Geheimnis: Der Graf hat die Jagd auf Tiere satt und hat ein neues, viel gefährlicheres Wild entdeckt – den Menschen. Er entlässt seine Gäste in den Dschungel der Insel und gibt ihnen eine kurze Frist, sich zu verstecken. Danach beginnt seine mörderische Jagd. Wer es bis zum Morgengrauen überlebt, darf gehen – doch bisher ist niemand entkommen. Es folgt ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel.

Vampyr (1932) von Carl Theodor Dreyer
Für mich ist der Film neben Nosferatu von 1922 einer der besten Vampyr-Filme überhaupt.

Carl Theodor Dreyers Vampyr aus dem Jahr 1932 ist ein bedeutender Filmklassiker des frühen Tonkinos, der zwischen Stummfilm-Ästhetik und experimentellen Tonsequenzen changiert. Obwohl der Film seinerzeit bei Kritik und Publikum eher verhalten aufgenommen wurde, gilt er heute als wegweisendes Werk des Horror- und Fantasy-Genres. Im Folgenden sollen Entstehung, Inhalt, formale Merkmale, thematische Schwerpunkte und der Einfluss des Films auf das spätere Kino beleuchtet werden.

Inhalt von Vampyr
Die Geschichte kreist um den Protagonisten Allan Gray (gespielt von Julian West), einen jungen Reisenden mit einer Vorliebe für Okkultes. Gray quartiert sich in einem abgelegenen Gasthof ein, wo er sogleich von unheimlichen Begebenheiten heimgesucht wird: Schatten bewegen sich scheinbar verselbstständigt, gespenstische Gestalten huschen durch die Flure. Eines Nachts taucht ein alter Mann in Grays Zimmer auf, der ihm ein Paket mit der Aufschrift „Öffnen Sie nach meinem Tod“ übergibt und verschwindet.

Als Gray dem Geheimnis auf den Grund gehen möchte, trifft er auf das nahegelegene Schloss, in dem der alte Mann scheinbar lebte. Dort findet er den Schlossherrn tödlich verletzt vor. Dessen Töchter, Léone und Gisèle, sind in Gefahr. Die mysteriöse Krankheit von Léone deutet bald auf eine vampirische Ursache hin: Eine alte Frau namens Marguerite Chopin und ein unheimlicher Arzt scheinen ein Komplott zu schmieden, um die Familie mit vampirischer Präsenz zu bedrohen. Im weiteren Verlauf muss Gray nicht nur dem Vampir zur Strecke helfen, sondern sich auch selbst in einem labyrinthischen Spiel aus Traum und Wirklichkeit zurechtfinden.

Unentrinnbaren Albtraum
Typisch für den Film ist eine episodische, fast bruchstückhaft wirkende Erzählweise. Viele Szenen wirken wie ein Zustand zwischen Wachen und Schlafen, was durch ungewöhnliche Montagen und Bildkompositionen unterstrichen wird. Die Figur Allan Gray gerät ständig in Situationen, in denen nicht klar ist, ob er träumt oder ob das Gezeigte real ist. Diese Ambivalenz verstärkt den Eindruck eines unentrinnbaren Albtraums.

Ich freue mich sehr, diese seltenen Filme besprechen und zeigen zu können und hoffe auf ein interessiertes Publikum. Karten gibt es hier.