Posts Tagged ‘Protestsong’

Vom Protest zur Klage: Wie Dylan und Springsteen Amerika den Spiegel vorhalten

8. Februar 2026

Als Bruce Springsteen bei seinem ersten Auftreten als Zukunft des Rock’n Roll bezeichnet wurde, sahen viele in ihn den Nachfolger von Bob Dylan. Das war natürlich Nonsens, aber dieser Gedanke kam mir wieder, als ich seinen Song Streets of Minneapolis hörte. Das Lied entstand kurz nach der ICE-Schüssen in Minneapolis und wurde in 19 Ländern Nummer eins bei den iTunes-Charts. Dieser Ohrwurm in Form eines Protestsongs erinnerte mich dann doch wieder an den frühen Bob Dylan der Bürgerrechtsbewegung. Ich dachte an das Lied The Lonesome Death of Hattie Carroll.

Was für ein schönes, trauriges Paar von Liedern das ist: Auf der einen Seite Dylan, der 1963 den Mord an Hattie Carroll akribisch dokumentiert und in eine balladenhafte, fast protokollarische Form bringt, die das amerikanische Klassen‑ und Rassensystem vorführt wie einen Angeklagten im Zeugenstand. Auf der anderen Seite Springsteen, der 2026 in Streets of Minneapolis die Tötungen von Alex Pretti und Renée Good durch ICE‑ und CBP‑Beamte aufgreift und daraus einen wütenden, hymnischen Protestsong macht, der direkt „King Trump“, seine „Privatarmee“ und den „Staatsterror“ gegen Migrantinnen und Migranten adressiert.

Beiden Liedern gemeinsam ist, dass sie nicht „über“ Politik reden, sondern konkrete Körper und konkrete Tode in den Mittelpunkt stellen: Hattie Carroll, die Hotelangestellte, die von William Zantzinger erschlagen wird und deren Tod von einem milden Urteil entwertet wird; Alex Pretti und Renée Good, die im Winter ’26 im Schneematsch von Minneapolis liegenbleiben, während die offizielle Darstellung der Behörden von Handyvideos widerlegt wird. Dylan arbeitet mit der strengen Form der Erzählballade und treibt den Hörer immer wieder mit „now ain’t the time for your tears“ vor sich her, bis die Farce des Urteils offenliegt; Springsteen setzt auf den kollektiven Refrain „We’ll remember the names of those who died / On the streets of Minneapolis“ und verwandelt individuelle Trauer in eine singbare Bürgerrechts‑Litanei, die aus der Menge kommen könnte.

Interessant ist, wie stark Streets of Minneapolis Dylans Tradition bewusst aufnimmt und ins Heute zieht: Die ersten Zeilen über „winter’s ice and cold“ und eine „city aflame“ unter „an occupier’s boots“ knüpfen an das klassische Protestsong‑Vokabular an, während die direkte Anklage gegen ICE, DHS und „Miller and Noem‘s dirty lies“ die Zurückhaltung früherer Springsteen‑Texte hinter sich lässt. Gleichzeitig bleibt seine Erzählweise zutiefst springsteensche Empathiearbeit: Die Stadt hat ein „heart and soul“, das „through broken glass and bloody tears“ weiterlebt, die Stimmen der Demonstrierenden („ICE out“) werden zum moralischen Zentrum, nicht der Sänger selbst. Dylans Lied, das aus der Perspektive eines empörten, aber distanzierten Beobachters den Fall Carroll aufrollt, und Springsteens Song, der mitten in der heißen Gegenwart einer traumatisierten Stadt steht, wirken wie zwei Kapitel derselben langen Geschichte von amerikanischem Unrecht – nur dass das zweite Kapitel ausdrücklich zeigt, dass Dylans alte Warnungen nicht Geschichte geworden sind, sondern Gegenwart.

Konzertkritik: Roger Waters: The Wall – Frankfurt 2013

29. Dezember 2013

 Die vollbesetzte Commerzbank-Arena in Frankfurt.


Die vollbesetzte Commerzbank-Arena in Frankfurt.

Das Jahr 2013 brachte für mich ein paar Konzerte, aber wirklich in Erinnerung blieb mir die gigantische Show von Roger Waters. Mit modernster Technik umgesetzt konnte ich die Wall-Show des Egomanen Waters bestaunen und mich haute es regelrecht von den Socken. Als das letzte Mauerteil gefallen ist, konnte ich es noch gar nicht glauben, welches Spektakel ist gerade erlebt habe. Roger Waters präsentiert den Pink Floyd-Klassiker The Wall in Frankfurt vor 28000 begeisterten Fans und ich bin einer von ihnen.

Mit dem explodierenden Flieger ging es los.

Mit dem explodierenden Flieger ging es los.

Als Pink Floyd in den 80er Jahren in der Dortmunder Westfalenhalle gastierten, durfte ich nicht hinfahren. Meine Mutter hatte es verboten. Ich hatte als Floyd-Fan immer über die damaligen Show gelesen und ärgerte mich, dass ich sie nie selbst erleben durfte. Wir Fans wissen ja: Eigentlich war The Wall ja kein Gemeinschaftswerk der Band mehr, sondern der Beginn des Egotripps von Roger Waters, der dann in The final Cut enden sollte. Die Rest-Floyds waren eigentlich nur noch Gastmusiker. Dann kam der Bruch und Jahre später die Reunion von Pink Floyd ohne Waters. The Wall blieb Geschichte. Es gab die extrem katastrophale Aufführung von Waters zur Deutschen Wiedervereinigung in Berlin, über die hüllen wir besser den Mantel des Vergessens. Songs von The Wall wurden von David Gilmour und Roger Waters immer wieder vorgetragen, aber nicht mehr die komplette Show.

Als der 69jährige Rogar Waters angkündigte, die komplette Show noch einmal mit heutigen technischen Mitteln auf die Bühne zu bringen, musste ich dabei sein. Es wird wohl aufgrund des Alters des Musikers das letzte Mal sein, die Bombast-Show zu erleben. Und es war ein Erlebnis. Ich habe die Genesis gesehen, ich habe die Stones gesehen und ich habe U2 gesehen und habe jedes Mal geglaubt, es geht nicht größer. Doch! Es geht! Roger Waters hat es mit The Wall bewiesen. Er zeigt wo der Bombast-Hammer hängt und hat die Besucher in Frankfurt von den Stühlen gerissen.

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Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Mehr als 1000 Steine bilden die zwölf Meter hohe, bis zu 150 Meter breite Mauer. Der Aufbau mit Hilfe von zwei Autokränen braucht vier Tage und es werden 32187 Meter Kabel verlegt und 82 Scheinwerfer installiert, 41 Projektoren werfen die Bilder, Filme und Effekte auf die Mauer und Leinwand. Zwei Terabyte Daten verbrauchen die Effekte, 730 Pyro-Effekte werden verballert und natürlich kommen die Show-Elemente der alten Show zum Einsatz: Überlebensgroße Marionetten, das Flugzeug und das fliegende Schwein.

Das Motto ist heute aktueller denn je.

Das Motto ist heute aktueller denn je.

Aber nur Effekte machen noch keine gute Show aus. Die Musik gehört dazu. Und was soll ich nach all den Jahren noch über die Musik sagen? Ja, es ist ein schreckliches Selbstmitleid und ein Egotrip von Herrn Waters, eine Anklage gegen Krieg und Gewalt. Und natürlich kommt im ersten Drittel gleich der legendäre Hit We don’t need no education! Musikalisch hat sich The Wall nicht weiter entwickelt, aber das wollen wir auch nicht. Wir wollen die Schau, die wir 1980 verpasst haben, aber mit der Technik von heute. Die Musiker, die Herrn Waters begleitet haben, waren alle samt hervorragend. Aber natürlich hätte ich gerne die alten Recken von Floyd gesehen, allen voran natürlich David Gilmour. Aber in Frankfurt mussten wir auf Herrn Gilmour verzichten. Auch gut.

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Nicht verzichten müssen wir gottseidank auf die Puppen, Marionetten und Ballons aus dem Jahre 1980. Die Show beginnt mit dem Abfackeln eines eindrucksvollen Feuerwerks. Hinzu kommt der Flieger, der sich durch die Halle der Commerzbank Arena in Richtung Bühne bewegt und dort mit lauten Bum explodiert. Ja, so wird Bombastrock der Superlative eingeleitet. Was bei anderen Shows am Ende steht, kommt bei Waters gleich zu Beginn. Aber es geht noch mehr. Und weiter ging es Schlag auf Schlag.Der Lehrer, der den bekannten Schüler-Protestsong einleitet, war für mich einer der ersten Höhepunkte.

Ich kann mein Glück kaum fassen, als ich endlich im zweiten Teil der Show das legendäre fliegende Schwein erblicke. Im Vorfeld der Show gab es Diskussionen, warum Roger Waters auf das Schwein verschiedene Symbole gekritzelt hat. Es kam zum Vorwurf des Antisemitismus an Waters, da er auch den Davidstern auf das Schwein malte. Das halte ich für Quatsch. Ja, Roger Waters war immer ein politischer Musiker. Erinnert sei nur an seine Positionen gegenüber Margaret Thatcher – Maggie what have we done? Aber ich glaube nicht, dass er antisemitisch ist. Im Konzert in Frankfurt war auf jeden Fall nichts davon zu bemerken.

Zu bemerken war eine offene Politik des Veranstalters. Die Zuschauer wurden nahezu dazu aufgefordert vom Konzert Fotos zu machen. Einzige Bedingung: kein Blitz. Das ist für mich ein absolutes Novum. Ich kenne noch Konzerte, wo ein absolutes Fotografierverbot herrschte. Zuletzt bei Dylan, wo es Greiftrupps unter dem Publikum gab, um illegale Fotografen aufzubringen. Aber der Konzertveranstalter weiß genau, dass er Smartphones im Konzert nicht verbieten kann. Und er nutzt die Chance der neuen Kommunikation. Viele der Bilder von the Wall landen mit dem Hashtag #Wall auf Facebook oder Twitter. Der Radiosender hr1 macht daraus sogar eine hervorragende Social Media-Aktion und bringt die Wall-Show ins Netz. So geht Cross Media.

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Hier mein Fazit gleich nach der Show – die Dame, die sich ins Bild drängt, gehört nicht zu mir. Aber so ist nun mal Berichterstattung: