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Glanz, der blendet: Wie „Melania“ an der Wirklichkeit vorbeifilmt

30. Januar 2026

„Melania“ ist kein Film, der leise in den Kinos verschwindet – er steht da wie ein gleißender Scheinwerfer, den niemand bestellt hat, und beleuchtet gnadenlos eine Präsidentschaft, die längst aus den Fugen geraten ist. Drinnen laufen hochglänzende Bilder einer First Lady, die in zwanzig Tagen angeblich Geschichte schreibt, draußen zählen Menschen jeden Dollar, stehen vor leeren Kühlschränken, arbeiten sich in Krankenhäusern kaputt – und irgendwo dazwischen feiert das Weiße Haus Premierenabend, als wäre das Elend nur ein dekorativer Hintergrund für eine perfekt ausgeleuchtete Nahaufnahme.

Auf der Oberfläche funkelt alles: Amazon-Millionen, ein Budget, das mit rund 75 Millionen Dollar mehr nach Superhelden-Blockbuster als nach Dokumentarfilm klingt, rote Teppiche, schwerelose Kamerafahrten, ein Regisseur wie Brett Ratner, zurückgeholt aus dem Exil der MeToo-Vorwürfe, um genau jenen Film zu drehen, der nichts dem Zufall überlassen will – außer der Wahrheit. „Melania“ verspricht Intimität, einen „privaten, unzensierten Blick“, eine Reise durch die 20 Tage vor der zweiten Amtseinführung Donald Trumps, doch je länger man hinschaut, desto deutlicher spürt man, wie sich der Vorhang nicht öffnet, sondern schwerer vor die Realität legt, samten, dick, gemacht dafür, alles zu verschlucken, was weh tun könnte.

Und dann sind da diese Bilder, die nicht im Film vorkommen, sondern in den Kinosälen: eine Nachmittagsvorstellung in London mit einem einzigen verkauften Ticket, zwei am Abend, ganze Reihen, die niemand jemals berührt, Kassensysteme, die nichts zu tun haben – während der Präsident im Netz „MUST WATCH“ schreibt und behauptet, die Tickets seien „selling out FAST“. Die Wirklichkeit antwortet mit einem beinahe grausamen Schweigen, mit leeren Sälen in Boston, Jacksonville, Los Angeles, mit Zahlen, die den teuer verkauften Mythos in Echtzeit zerbröseln lassen. Es wirkt, als hätte das Publikum instinktiv verstanden, dass hier nicht erzählt, sondern ausgelöscht werden soll – Zweifel, Verantwortung, die Kälte eines Systems, das sich selbst wie mit Weichzeichner überzieht.

Die Reaktionen draußen klingen wie ein zersprungener Chor: Auf der einen Seite Influencer und Anhänger, die den Film als überwältigenden Geschichtsakt feiern, als längst fälligen Liebesbrief an eine Frau, die sie zur makellosen Heldin stilisieren; auf der anderen Seite Kritiker, die von einem 40-Millionen-Liebesbrief sprechen, von Reputationswäsche, von einem politischen Geschäft, bei dem Amazon weniger einen Film als Zugang und Einfluss gekauft hat. In ihren Worten liegt Wut, Ekel, aber auch eine tiefe Ermüdung: „Niemand hat nach diesem Film gefragt“ – und doch ist er da, schwer, teuer, laut, als würde ein ganzes Machtgefüge verzweifelt um eine neue Erzählung kämpfen.

Besonders schneidend sind jene Stimmen, die aufzählen, was gleichzeitig passiert: ein erschossener Veteranenpfleger, ein geschwächtes Katastrophenschutzsystem, Menschen, die sich vor einer Eissturmfront fürchten – und dann die Frage, fast ein Schrei: „Und was macht der Präsident? Er veranstaltet einen Filmabend im Weißen Haus.“ In diesem Moment reißt „Melania“ aus der Komfortzone von Popcorn und Kritiksternen heraus: Es geht nicht mehr um Geschmack, sondern um Moral, um die Zumutung, dass ein Filmabend zur Priorität wird, während ein Land taumelt.

Gleichzeitig breitet sich über allem eine bittere, ironische Stille aus: Memes über leere Säle, Spott über Karten, die niemand kaufen will, Screenshots von Sitzplänen, auf denen das Nichts fast schmerzhaft sichtbar wird. In dieser Häme steckt etwas Trauriges, denn Bilder haben Macht, selbst wenn kaum jemand sie sieht – für jene, die sie brauchen, erfüllt „Melania“ längst seinen Zweck: als Prestigeobjekt, als Signal der Loyalität, als weiterer Baustein in einem Netz aus Deals, Zugängen und stillen Abhängigkeiten.

Und dann sitzt man gedanklich doch in diesem dunklen Saal, umgeben von leeren Reihen, und sieht auf der Leinwand ein Leben, das plötzlich zur Opfergeschichte ummontiert wird – ein Leben, das zugleich Teil jener Macht war, die so viele Risse, Verletzungen, Spaltungen in dieses Land getrieben hat. In diesem Moment ist „Melania“ weniger Film als Spiegel, aber keiner, der sie zeigt, sondern uns: wie bereitwillig wir glatte Erzählungen akzeptieren, wie sehr wir uns nach einfachen, schönen Bildern sehnen, selbst wenn sie uns eine alternative Wirklichkeit verkaufen. Dass dieser Film nun an den Kassen scheitert, ist kein Happy End, sondern ein leiser, schmerzhafter Hinweis darauf, dass sich Wahrheit nicht unbegrenzt überstrahlen lässt – und dass die eigentliche Frage nicht ist, ob wir dieses Mal wegsehen, sondern wie viele solcher Bilder wir uns noch leisten wollen, bevor etwas in uns endgültig sagt: genug.

Filmkritik: A Rainy Day in New York von Woody Allen

30. Dezember 2019

Endlich ist Woody Allen wieder in New York.

Endlich ist Woody Allen wieder in New York.

Er ist wieder in New York und hat damit ein Heimspiel. Gemeint ist Woody Allen in seinem neuesten Film. Nach Ausflügen nach Europa ist der Regisseur wieder in seiner alten Heimat angekommen und liefert mit A Rainy Day in New York eine neuerliche Version des Stadtneurotikers ab – allerdings in einer seichten Variante.
Dabei stellt sich zunächst die Frage: Was finden Frauen eigentlich an älteren Männern? Die 21jährige Studentin Ashleigh (Elle Fanning) verfällt Regisseur Roland Pollard (Liev Schreiber, 52), dem Drehbuchautor Ted Davidoff (Jude Law, 46) und dem Francisco Vega (Diego Luna, 39). Dabei wollte sie, begleitet von ihrem Freund Gatsby (Timothée Chalamet), nur ein Interview für eine Provinzzeitung ihrer gemeinsamen Uni machen. Während Gatsby auf sie wartet und den Tag mit ihr ge- und verplant hat, vertreibt sich Ashleigh die Zeit bei den Stars. Der junge Mann hat gegen die älteren Männer keine Chance, vielleicht auch, weil er zu besitzergreifend und bestimmend ist. Die etwas naive Ashleigh ist fasziniert, geblendet und schwärmt für die alten reifen Herren. Aus dem Scheitern erwächst was neues. Hier hat sich Allen von seinem Vorbild Bergman weiterentwickelt. Während bei Bergman alles in Depression versinkt, gibt es bei Allen einen romantisch, verklärten Neuanfang.
Immer wieder kommt der alte Wortwitz von Allen in A Rainy Day in New York durch. Kein Klamauk wie in den frühen Filmen und auch die intellektueller Humor wie bei Hannah – es ist eher wie die berühmten New York Filme Manhattan oder Stadtneurotiker, ohne aber die Eleganz und Tiefe zu erreichen. Aber Woody Allen ist wieder in New York, eine Stadt, die von Gatsby verklärt und romantisiert wird. Und natürlich fängt Gatsby auch etwas mit einer jungen Frau an.
Vielleicht ist das Problem von A Rainy Day in New York gar nicht die Frauen, vielleicht sind es die Männer.

MeToo-Affäre
Eine Parallele zu Woody Allens Privatleben will ich nicht ziehen – das Urteil sollen die Gerichte fällen. Allerdings hat der Film viele Seitenhiebe auf Allens Privatleben. Die Geschichte ist ja bekannt. Amazon beendete die Zusammenarbeit mit Allen aufgrund der MeToo-Anschuldigungen. Die Schauspieler Griffin Newman, Timothée Chalamet, Rebecca Hall und Selena Gomez spendeten ihre Gagen, während Jude Law weiterhin Woody Allen unterstützt. Der Film A Rainy Day in New York wurde nicht in den USA gezeigt und bereits 2018 gedreht. Premiere hatte er im Juli 2019 in Polen und kam jetzt Weihnachten zu uns. Nicht der beste Woody Allen, aber ganz so schlecht ist er auch nicht.