Posts Tagged ‘Kriegsjournalismus’

Persönlicher Nachruf auf Reporterlegende Peter Arnett

24. Dezember 2025

Peter Arnett, 91, ist tot. Die US-Reporterlegende ist vor kurzem in einem Hospiz in Kalifornien an einer Krebserkrankung gestorben. Für seine Arbeit im Vietnamkrieg gewann er 1966 den Pulitzer-Preis. Weltweit bekannt wurde er 1991 als CNN-Reporter im ersten Golfkrieg. 1997 interviewte er als erster TV-Journalist Terroristenführer Osama bin Laden.

Ich habe ihn als junger Zeitungsreporter 1994 im Amerika-Haus München getroffen. Der Mann hat mich fasziniert. Ich war ein Fan von CNN und er berichtete anschaulich die Arbeit bei diesem Newssender. Dabei stellte er das Buch „Unter Einsatz des Lebens: Der CNN-Reporter live von den Kriegsschauplätzen der Welt“ vor.

Ich kannte bisher Journalistenbücher aus Deutschland, Helden wir Peter von Zahn, Dieter Kronzucker oder Peter Scholl-Latour. Nun bekam ich Infos aus erster Hand von einem US-Journalisten. Die Amerikaner haben das Talent Fakten unterhaltsam darzubieten. Da hab ich mir einiges abgeschaut für meine späteren Vorträge.

Ich erinnere mich noch an seine Interviews mit Saddam Hussein und Osama bin Laden. Ich war live vor dem TV dabei, als der Krieg im Irak losbrach. Er sei damals „Augen und Ohren von Millionen Menschen weltweit“ gewesen, schieb einst die New York Times.

Ich hab anlässlich seines Todes das Buch „Unter Einsatz des Lebens: Der CNN-Reporter live von den Kriegsschauplätzen der Welt“ wieder aus dem Archiv geholt. Das Buch ist weniger „Kriegsgeschichte“ als Berufsbiografie im Ausnahmezustand: eine Autobiografie, die Arnetts Weg als Reporter von den frühen Jahren (u. a. Vietnam) bis zu den großen CNN-Momenten (u. a. Golfkrieg/Bagdad) nachzeichnet. Die deutsche Ausgabe ist als autobiografischer Erlebnisbericht eingeordnet und umfasst Arnetts Reporterjahre etwa von 1962 bis 1993.

Worum es geht
Arnett erzählt nicht in erster Linie Schlachtenverläufe, sondern wie Kriege „journalistisch“ funktionieren: Zugang zu Frontlinien, Abhängigkeit von Fixern und Militärbriefings, Konkurrenzdruck, technische Limitierungen, Zensur, politische Erwartungshaltungen – und vor allem das permanente Abwägen zwischen Nähe zur Geschichte und persönlicher Sicherheit. Sein Markenzeichen ist der Blick auf die Mechanik des Reportierens: Wer lässt dich wohin? Was kannst du überprüfen? Was bleibt Gerücht? Was wird Propaganda?

Was ich aus dem Buch gelernt habe?
Innenansicht eines Medienzeitalters. Arnett steht für eine Phase, in der „live“ noch spürbar Risiko bedeutete: Kabel, Satellit, knappe Zeitfenster, Improvisation – und die Frage, ob man als Reporter vor Ort bleiben darf oder muss. Gerade seine berühmte Rolle als CNN-Stimme aus Bagdad macht klar, wie sehr Fernsehnachrichten damals in Echtzeit zu einem Teil des Ereignisses wurden.

Der Ton ist nüchtern – und dadurch eindringlich. Arnett moralisiert selten plakativ. Er beschreibt, beobachtet, ordnet ein, lässt Situationen stehen. Das kann kühl wirken, hat aber eine Wirkung: Die Gewalt wird nicht „veredelt“, sondern als Arbeitsumfeld sichtbar – und das macht die Lektüre oft beklemmender als pathetische Kriegsprosa.

Journalistische Ethik als roter Faden. Ein zentrales Thema ist Arnetts Beharren darauf, zu berichten, „was ist“, selbst wenn es politisch unerwünscht ist. Seine Karriere war immer wieder von Kontroversen begleitet – etwa wegen Berichten, die offiziellen Lesarten widersprachen. Die Obituaries erinnern u. a. an Debatten um seine Golfkriegsberichterstattung und spätere Kritik an Interviews/Statements.

Der Stil ist reportagehaft, klar, oft episodisch. Es liest sich wie eine lange Serie aus Front-Notizen, Produktionsproblemen, Begegnungen und Situationen, in denen sich plötzlich entscheidet, ob man eine Geschichte bekommt – oder nicht lebend herauskommt. Der Titel ist dabei nicht nur Dramatisierung: Arnetts Biografie ist tatsächlich von der Grundannahme geprägt, dass Berichterstattung im Krieg immer auch körperliches Risiko bedeutet.

Ich werde Arnett sehr positiv in Erinnerung behalten, vor allem auch, weil sich dieser große Journalist mit mir als Nachwuchs abgab und ihn ernst nahm.

Buchtipp: „Bilderkrieger“ von Michael Kamber: Eine eindrucksvolle Dokumentation des Kriegsjournalismus

13. November 2023

Als Fan der Pressefotografie sauge ich alles auf, was die Kolleginnen und Kollegen auf Film oder Chip bannen. Eine Sonderform der Pressefotografie ist die Kriegsfotografie. Diese Kunstform ist erschreckend und die Fotografen hinter dem Auslöser sind eigenartige Vertreter der menschlichen Spezies.
Und hier steigt das Buch „Bilderkrieger“ von Michael Kamber ein. Er konzentriert sich auf die Kriegsberichterstatter des 21. Jahrhunderts.

Das Buch ist eine tiefgreifende und beeindruckende Darstellung des Kriegsjournalismus im 21. Jahrhundert. Das Buch wurde 2013 veröffentlicht und ist für mich ein wichtiges Werk, das die Erfahrungen und Herausforderungen der Journalisten während bewaffneter Konflikte beleuchtet.

Kamber, selbst ein erfahrener Fotojournalist, hat über ein Jahrzehnt in Konfliktgebieten auf der ganzen Welt gearbeitet. In „Bilderkrieger“ präsentiert er nicht nur seine eigenen Erfahrungen, sondern auch die Geschichten und Bilder von zahlreichen Kollegen, die sich in gefährlichen und oft lebensbedrohlichen Situationen befanden, um die Realität des Krieges der Öffentlichkeit näherzubringen. Der Schwerpunkt des Buches sind aber weniger die grausamen und bedrückenden Fotos, sondern vielmehr Interviews und Gespräche mit dem Fotografen.
Die Struktur des Buches ist gut durchdacht, mit Kapiteln, die verschiedene Aspekte des Kriegsjournalismus behandeln. Kamber beginnt mit einer Einführung in die Geschichte des Kriegsjournalismus und erläutert, wie sich die Rolle der Kriegsberichterstatter im Laufe der Zeit verändert hat. Er geht auf die technologischen Entwicklungen ein, die es Journalisten ermöglichen, immer näher am Geschehen zu sein, aber auch ihr Leben noch stärker zu gefährden.

Ethik des Kriegsjournalismus
Ein wichtiger Aspekt des Buches ist die Ethik des Kriegsjournalismus. Kamber spricht ehrlich über die moralischen Dilemmata, vor denen Kriegsberichterstatter stehen. Sie müssen entscheiden, wann sie eingreifen und Hilfe leisten sollen und wann sie als neutrale Beobachter agieren müssen. Dies ist eine zentrale Frage, da die Berichterstattung oft in extremen Notsituationen stattfindet.

Besonders faszinierend sind die Geschichten und Bilder, die im Buch präsentiert werden. Kamber und die von ihm interviewten Journalisten haben unermüdlich daran gearbeitet, die Grausamkeit des Krieges in Bildern und Worten festzuhalten. Die visuelle Darstellung der Konflikte, sei es im Irak, in Afghanistan oder anderswo, ist oft schockierend und bewegend. Die Bilder illustrieren nicht nur die Zerstörung und das Leiden, sondern auch den Mut und die Entschlossenheit der Kriegsberichterstatter, die sich trotz der Gefahren in die Frontlinien wagen.

Traumatische Auswirkungen
Das Buch wirft auch einen Blick auf die traumatischen Auswirkungen, die dieser Beruf auf die Journalisten hat. Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) ist in dieser Branche weit verbreitet, und Kamber geht einfühlsam auf die psychischen Belastungen ein, denen Kriegsberichterstatter ausgesetzt sind. Er zeigt, wie wichtig es ist, dass die Medienunternehmen und die Gesellschaft insgesamt die Unterstützung und Behandlung für diese Journalisten bereitstellen.

Unabhängiger Journalismus
Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt des Buches ist die Betonung der Bedeutung von unabhängigem Journalismus in Zeiten des Krieges. Kamber argumentiert überzeugend, dass der Zugang zu unabhängigen Informationen in Konfliktsituationen von entscheidender Bedeutung ist, um die Öffentlichkeit und die internationale Gemeinschaft über die Ereignisse auf dem Laufenden zu halten und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Insgesamt ist „Bilderkrieger“ von Michael Kamber für mich eine bemerkenswerte und bewegende Auseinandersetzung mit dem Kriegsjournalismus im 21. Jahrhundert. Das Buch bietet einen Einblick in die Welt der Kriegsberichterstatter und in die Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert sind. Es erinnert uns daran, wie wichtig unabhängiger Journalismus in Zeiten des Konflikts ist und verdeutlicht die Notwendigkeit, diejenigen zu unterstützen, die bereit sind, ihr Leben zu riskieren, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. „Bilderkrieger“ ist ein fesselndes und erhellendes Werk, das sowohl für Journalisten als auch für Leser, die sich für die Realität des Krieges interessieren, von großem Interesse ist.