Ein Wanderweg, der an die Grenze geht – und weit darüber hinaus führt: Wenn Aktion PiT – Togohilfe e.V. zum Megamarsch aufruft, dann geht es nicht nur um Kilometer, Blasenpflaster und persönliche Rekorde, sondern um eine stille, zähe Rebellion gegen den Skandal des Hungers im 21. Jahrhundert.

100 Kilometer in 24 Stunden, so kündigt es die Organisation Aktion PiT Togohilfe an, will der stellvertretende Vorsitzende Andy Kopp im Rahmen des Megamarsch München nach Garmisch zurücklegen – mit einem Satz, der zugleich Programm ist: Kein Kind soll hungrig in die Schule gehen. Ich habe einen Videopodcast mit Andy Kopp aufgenommen.
Hinter dieser schlichten Formulierung steht ein Verein, der seit 1980 in Togo aktiv ist und sich vom privaten Hilfsprojekt zum wohl größten Togo-Hilfsverein Deutschlands entwickelt hat. Aus dieser Geschichte speist sich der Charakter des Megamarschs: Er ist weniger Event als Verdichtung dessen, wofür Aktion PiT steht – langfristige Verantwortung statt schneller Bilder, konkrete Projektarbeit statt abstrakter Spendenaufrufe. Während kommerzielle Megamärsche mit Fitness, Challenge-Rhetorik und Abenteuer werben, verwandelt die Togohilfe das Prinzip der Extremwanderung in ein moralisches Statement: Wer sich freiwillig an seine körperlichen Grenzen bringt, will jenen helfen, denen täglich das Nötigste fehlt.
Die Dramaturgie dieses Projekts folgt der Logik eines Langstreckenlaufs: Je länger der Weg, desto klarer wird, worum es wirklich geht. Der Megamarsch steht dabei exemplarisch für eine neue Form von Spendenkultur, in der sich individuelle Sinnsuche und globale Verantwortung überlagern: Menschen buchen eine Veranstaltung, trainieren, dokumentieren ihren Weg – und verknüpfen jeden Schritt mit einem Versprechen an Kinder in einem Land, das in deutschen Nachrichten nur selten vorkommt. Dass Aktion PiT sich gerade auf diese Art der Mobilisierung einlässt, passt zur eigenen Geschichte: Der Verein setzt auf Patenschaften, Bildungsprojekte, Gesundheitsversorgung und Dorfentwicklung – Bereiche, in denen schon vergleichsweise kleine Summen spürbare Veränderungen ermöglichen.


In diesem Spannungsfeld gewinnt der Megamarsch eine fast symbolische Schärfe. Während in Europa Ausdauer als Lifestyle gepflegt wird, ist sie in Togo häufig bloße Überlebensstrategie – der weite Weg zum Brunnen, die tägliche Unsicherheit, ob das Essen reicht. Auf den Plakaten hierzulande stehen Startzeit, Streckenlänge, Höhenmeter; unausgesprochen mitmarschieren die Realität überfüllter Klassenzimmer, mangelnder Gesundheitsversorgung und die Frage, wie eine Generation lernen soll, wenn sie den Unterricht mit leerem Magen beginnt. Gerade weil der Megamarsch äußerlich so schlicht daherkommt – 100 Kilometer, ein Zeitlimit, eine Spendenbitte –, entfaltet er seine Wirkung: Er zwingt dazu, den eigenen Komfort mit der Lebensrealität in Togo zu konfrontieren, Schritt für Schritt.
So wird aus einer Extremwanderung ein stiller politischer Kommentar. Aktion PiT nutzt die medienaffine Form des Megamarschs, um etwas ins Licht zu rücken, das sonst allzu schnell im Schatten bleibt: die Beharrlichkeit lokaler Partner, die Langsamkeit nachhaltiger Entwicklung, die unbequeme Tatsache, dass globale Gerechtigkeit nicht in 24 Stunden „durchgelaufen“ ist. Wer sich auf diesen Marsch einlässt, sammelt nicht nur Spendenquittungen, sondern Erfahrungen – über den eigenen Körper, über Grenzen und darüber, wie nah ein weit entferntes Land kommen kann, wenn man lernt, seine Schritte zu zählen.
Andy Kopp dazu: „Mit jedem Schritt möchte ich dafür sorgen, dass ein Kind satt wird und lernen kann. Je mehr Schritte und je mehr Kilometer ich schaffe, um so mehr Hoffnung können wir schenken. Doch das schaffe ich nicht allein – dafür brauche ich Sie!“
Er erklärt den Megamarsch: „Sie Spenden einen festen Betrag pro Kilometer. Wenn ich 50 Kilometer schaffe, ziehen wir diesen Betrag 50 mal bei Ihnen ein. Wenn ich 80 Kilometer weit komme, dann 80 mal und wenn ich die 100 Kilometer in 24 Stunden tatsächlich bewerkstelligt bekomme, dann spenden Sie 100 mal Ihren Betrag. Ihr Spendenbetrag wird also erst nach meinem Marsch fällig.“
