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Die Geburt eines Visionärs: Eine berührende Reise in HR Gigers frühe Welt

12. Februar 2026

Das Buch „HR Giger – Die frühen Jahre“ von Charly Bieler ist weit mehr als nur eine Ergänzung der umfangreichen Giger-Literatur. Erschienen zum zehnten Todestag des Künstlers, öffnet es einen bisher verschlossenen Teil seiner Biografie: die Jahre von 1940 bis 1962, also seine Kindheit und Jugend in Chur und Flims. Bieler – unterstützt von Gigers erster Ehefrau Mia Bonzanigo und dem Sammler Walter Schmid – nutzt neu entdeckte Fotografien und Zeichnungen aus dem Ferienhaus der Familie, um zu zeigen, wie der junge Hansruedi Giger aufwuchs und welche Einflüsse seine späteren, surrealistisch-biomechanischen Traumwelten prägten.

Das im Verlag Scheidegger & Spiess veröffentlichte Werk ist eine hochwertige, mehrsprachige Ausgabe (Deutsch/Englisch/Französisch) in Leinenbindung. Auf 192 Seiten finden sich 82 farbige und 153 schwarzweiße Abbildungen, die liebevoll reproduziert sind. Besonders faszinierend sind die privaten Fotos: der junge Hansruedi in den Bergen von Graubünden, im Elternhaus, bei ersten Zeichenversuchen – Bilder, die Gigers künftige künstlerische Kraft bereits erahnen lassen . Begleitet werden sie von kurzen Texten und Zeitzeugenberichten aus Gigers Umfeld, etwa von Schulkameraden, Freundinnen und Nachbarn, die ein lebendiges Bild der Jugendkultur im Nachkriegs-Chur zeichnen . Dieses Mosaik aus Erinnerungen verleiht dem Buch eine intime, fast familiäre Atmosphäre und lässt die Leserinnen und Leser tief in Gigers Welt eintauchen.

Bieler macht deutlich, dass Gigers Faszination für das Unheimliche nicht aus dem Nichts kam. In der dichten katholischen Umgebung von Chur entwickelte sich schon früh sein Interesse für mystische, morbide Themen – befeuert durch das konservative Elternhaus und die strenge Schule. Aus diesen Wurzeln erwuchs später die visionäre Kraft, die ihm 1980 einen Oscar für die Gestaltung des „Alien“ einbrachte und ihn zum weltweit gefeierten Künstler machte . Gleichzeitig zeigt das Buch einen sensiblen, manchmal schüchternen Jungen, der sich in der Natur und in seinen Zeichnungen versteckte. Diese Gegenüberstellung von früh erkennbarer Kreativität und persönlicher Verletzlichkeit vertieft das Verständnis für Gigers Werk.

Als Leser spürt man beim Durchblättern die Faszination für Gigers Kosmos und das Staunen darüber, wie sich sein Stil bereits in den frühen Zeichnungen andeutet. Die hochwertigen Reproduktionen und das sorgfältige Layout machen das Buch zu einem ästhetischen Erlebnis. Besonders dankenswert ist der reiche Fundus an Hintergrundwissen über Gigers Familie: Man erfährt von den Eltern, die einerseits seine Neigungen unterstützten und ihm andererseits klarmachten, dass Kunst kein „richtiger Beruf“ sei; von seiner Schwester und seinen Jugendfreunden, mit denen er erste Filme drehte; und von der Bedeutung des Ferienhauses in Flims, wo viele der hier gezeigten Fotos entstanden.

Insgesamt gelingt es Charly Bieler, eine Lücke in der Giger-Biografie zu schließen und die frühen Jahre eines außergewöhnlichen Künstlers liebevoll und informativ zu beleuchten. Für Giger-Fans bietet das Buch eine Fülle bisher unbekannter Einblicke; für Kunstinteressierte liefert es ein beeindruckendes Zeitdokument der Schweizer Nachkriegsjahre. Man legt es mit dem Gefühl beiseite, den Menschen hinter den ikonischen Alien-Kreaturen näher kennengelernt zu haben – und mit einer erneuerten Bewunderung für sein spätes Werk, das ohne dieses lebendige Fundament nicht zu denken wäre. Meine Empfehlung für das Buch.

Buchkritik: Das Drehbuch zum Drehbuch von Albert Heiser

19. Juli 2010

Das Drehbuch zum Drehbuch von Albert Heiser

Das Drehbuch zum Drehbuch von Albert Heiser

Diese Art von Buch habe ich lange auf Deutsch gesucht. In den USA habe ich immer wieder filmtheoretische Werke zum Thema „Storytelling in Ads“ gesehen, doch ernsthafte Literatur zu diesem Thema ist hierzulande Fehlanzeige. Da ist dieses Buch ein absoluter Gewinn. Das Büchlein „Das Drehbuch zum Drehbuch“ liefert mir theoretisches Hintergrundwissen für Erzählstrategien für Werbespots, -filme und Virals. Es ist meines Wissens das erste deutschsprachige Buch zu diesem Thema und es ist großartig, bis auf ein paar Kleinigkeiten. Der filminteressierte Leser erfährt, wie und warum eine gute Geschichte in einem Spot funktioniert. Und das Buch schreibt ein Loblied auf die Story. Nur wenn die Story stimmt, dann funktioniert der Film auch. Dies ist eine banale Weisheit, wird aber oft genug ignoriert.

Das Buch Das Drehbuch zum Drehbuch: Erzählstrategien für Werbespots, -filme und Virals widmet sich an den ernsthaften Filmer und Produzenten, der sich theoretisch dem komplexen und psychologischen Thema nähern will. Wobei der klare Schwerpunkt auf Theorie liegt. Schade: Hier werden leider keine bekannten Werbespots besprochen, die leider auch nicht auf einer beiliegenden DVD vorhanden sind. Der Leser muss sein neu erworbenes theoretisches Wissen auf die seine individuelle Praxis anwenden oder seine Fantasie zu Rate ziehen. Wie und warum funktioniert mein Spot und warum eben nicht?

Somit wird die Zielgruppe für dieses wichtige Büchlein leider eingeschränkt. Nicht jeder Leser kann mit den Basiserzählstrukturen in einem Film etwas anfangen. Der Filmstudent, der Theoretiker oder der mit Hintergrundwissen ausgestattete Praktiker wird allerdings fündig und das haufenweise. Manch oberflächlicher Werbeheini bleibt außen vor – Film ist eben doch eine Art von Wissenschaft und nicht nur ein Handwerk, bei dem man Knöpfe an der Kamera drückt. Anschaulich wird das Buch gegen Ende, als der Autor Albert Heiser verschiedene Erzähl- und Plausibilitätsmuster anfügt, die auf Spielfilm- oder TV-Genre basieren. Hier kommen Strukturen aus Krimi, Fantasy, Western, Action- oder Gangstermovies zum Einsatz.

Das Satz und die Typo des Buches sind sehr gelungen und geben dem Werk eine gewisse Wertigkeit. Ich hätte mir allerdings noch ein paar anschauliche Illustrationen bzw. Bildzitate gewünscht. Film ist ein optisches Medium und hier wären Bilder die richtige Ergänzung.