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Werner Herzog im Filmgespräch zu Nosferatu: Eine Hommage an das untote Kino

3. Januar 2026

Schon vor längerem kam es im Filmmuseum München zu einem besonderen Abend: Regisseur Werner Herzog sprach über seinen Film Nosferatu – Phantom der Nacht (1979), einen der eindrucksvollsten deutschen Filme der Nachkriegszeit. Im Gespräch mit dem Publikum offenbarte Herzog nicht nur Hintergründe zur Entstehung des Films, sondern gab auch faszinierende Einblicke in seine Arbeitsweise, seine Inspiration – und seine Haltung zur Filmgeschichte. Jetzt endlich ist der Film auf 4K UDH erschienen und es ist Zeit, sich an dieses Gespräch mit Herzog wieder zu erinnern. In wenigen Tagen soll die Scheibe bei mir eintreffen.

Der Ursprung: Von Lotte Eisner zu Murnau
Die Idee zu Nosferatu entstand nicht aus einer konkreten Filmplanung, sondern aus einer Phase des Zweifels. Zehn Jahre lang fand Herzog mit seinen frühen Filmen kaum Beachtung. Erst in Frankreich wurden seine Werke wahrgenommen. In dieser Zeit war es die Filmhistorikerin Lotte Eisner, die ihm riet, sich der deutschen Filmgeschichte zuzuwenden – insbesondere Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilm Nosferatu von 1922.

Herzog erkannte in dieser Empfehlung nicht nur eine Rückbesinnung, sondern auch eine Verpflichtung: „Wir sind eine Generation von Waisenkindern“, sagt er mit Blick auf die deutsche Filmgeschichte, die nach der Weimarer Zeit durch die NS-Barbarei jäh unterbrochen wurde. Nosferatu sollte eine Verbindung zwischen den Generationen schaffen – ein künstlerischer Brückenschlag.

Kinski als leidender Vampir
Für die Rolle des Vampirs war Herzog von Beginn an klar: „Das kann nur Kinski sein.“ Trotz warnender Stimmen aus dem Umfeld, die vor der schwierigen Zusammenarbeit mit Klaus Kinski warnten, entschied sich Herzog bewusst für den kompromisslosen Schauspieler. Er veränderte jedoch grundlegend die Natur der Figur: Während Murnaus Vampir Max Schreck „blutlos, seelenlos, wie ein Insekt“ wirkte, interpretierte Herzog den Vampir als tragische Figur, als Wesen, das an seiner Unsterblichkeit leidet.

Kinski wurde stilistisch in die Länge gezogen – mit hohen Absätzen und überlangen Kostümen wirkte er fast wie eine Giacometti-Figur. Die Maske, die vier Stunden tägliche Vorbereitung erforderte, sowie das genaue Spiel mit Händen, Blicken und Bewegungen, erschufen ein gespenstisches, aber gleichzeitig menschliches Wesen.

Isabelle Adjani und Bruno Ganz
Die weibliche Hauptrolle spielte Isabelle Adjani, die Herzog als „unsichere junge Frau“ beschreibt, der man ein „Korsett des Selbstvertrauens“ geben musste. Sie agierte fast wie eine Stummfilmfigur, was der stilisierten Ästhetik des Films zugutekommt. Bruno Ganz überzeugte in der Rolle des Harker – ebenso wie viele der Crewmitglieder, die in kleinen Nebenrollen auftraten, etwa Henning von Gierke, der für Szenenbild und Ausstattung verantwortlich war.

Drehorte, Ratten und Realismus
Gedreht wurde u. a. in Delft, wo Herzog 11.000 Ratten für die ikonische Szene mit den Pesthorden einsetzte – ein logistisches Meisterwerk. Die Tiere wurden extra aus Ungarn importiert, eingefärbt und streng kontrolliert eingesetzt. Die Geschichten rund um die Dreharbeiten mit den Ratten gehören mittlerweile zur Medienfolklore – viele davon übertrieben oder schlicht falsch, wie Herzog betonte.

Die Eröffnungsszene mit den Mumien wurde in Guanajuato, Mexiko, gedreht – ein Ort, den Herzog schon als junger Mann auf seiner Flucht vor den US-Behörden kennengelernt hatte. Die dort gefundenen Mumien beeindruckten ihn tief, weshalb sie später ihren Weg in den Film fanden.

Eine durchkomponierte Welt
Herzog betonte, wie minutiös durchgeplant der Film war – von der Ausstattung über Kostüme bis hin zur Farbpalette. Jedes Detail – etwa die 150 Jahre alten Akten im Büro von Renfield – sei sorgfältig vorbereitet worden. Selbst die ikonische Kuckucksuhr mit dem Todesskelett war eine Spezialanfertigung von Henning von Gierke und dem Spezialeffekte-Experten Cornelius Siegl. Sie befindet sich heute in der Sammlung der Deutschen Kinemathek in Berlin.

Musik als unsichtbares Narrativ
Die Musik – von Wagner bis zur Cäcilienmesse – sei nie bloßer Effekt, sondern integraler Bestandteil der filmischen Erzählung, betont Herzog. Musik verändert für ihn die Wahrnehmung der Bilder – sie darf sich nicht in Vordergründigkeit verlieren, sondern soll das Unsichtbare in den Szenen hörbar machen.

Das Vermächtnis von Nosferatu
Auf die Frage, warum der Vampirfilm bis heute so faszinierend ist, antwortete Herzog mit einem kulturgeschichtlichen Blick: Nosferatu sei eine „große Metapher“, die sich durch Jahrhunderte ziehe – von Bram Stoker bis Murnau, von Shelley bis Eggers. „Das ist nicht totzukriegen“, so Herzog. Und selbst wenn neue Versionen erscheinen, bleibe die Figur des Vampirs kulturell unsterblich – wie der Vampir selbst.

Das Gespräch im Filmmuseum war weit mehr als eine nostalgische Rückschau. Es war ein kraftvolles Zeugnis dafür, wie vielschichtig, leidenschaftlich und präzise Werner Herzog seine Filme konzipiert – und wie sehr Nosferatu für ihn ein Brückenschlag zur deutschen Filmgeschichte darstellt.

Ein Abend voller Anekdoten, Reflexionen und kluger Einsichten – und ein würdiger Blick zurück auf einen Film, der das Untote im Kino lebendig gemacht hat.

Am gleichen Ort, an dem Werner Herzog über Nosferatu – Phantom der Nacht sprach, fand er Worte zu seinem Kameramann: Es war eine Würdigung des Kameramanns Jörg Schmidt-Reitwein, der am 21. August 2023 verstorben war – ohne öffentliche Nachricht, ohne Anzeige. „Wenn wir das gewusst hätten, hätten wir ihn längst geehrt“, so Herzog sichtlich bewegt. Mit der Vorführung von Nosferatu holte man diese Ehrung nun nach – für einen Mann, dessen Kameraarbeit nicht nur das Kino Werner Herzogs prägte, sondern auch die deutsche Filmgeschichte.

Die leise Größe eines Kameramannes
„Seine Arbeit altert nicht“, sagt Herzog über Schmidt-Reitwein. Ob in Herz aus Glas, Woyzeck oder Land des Schweigens und der Dunkelheit – Schmidt-Reitwein war nicht nur der Mann hinter der Kamera, sondern eine Art visuelles Gewissen. Er verstand es, Licht, Schatten und Stille filmisch zu gestalten wie kaum ein Zweiter. Besonders beeindruckend: seine Fähigkeit, mit wenig Licht, etwa bei Kerzenschein, intensive Bildwelten zu erschaffen. Herzog vergleicht ihn in dieser Hinsicht mit Meistern wie Henri Alekan (La Belle et la Bête) oder Karl Freund (Murnaus Nosferatu).

Herzog beschreibt ihn als „loyalsten und mutigsten von allen“. Bei den Dreharbeiten zu Fata Morgana in der Wüste zerschmetterte sich Schmidt-Reitwein einen Finger – und drehte am nächsten Tag weiter. In der Zentralafrikanischen Republik wurde er verhaftet, in der Karibik erklomm er mit Herzog einen aktiv drohenden Vulkan, trotz seismischer Krisen. In Mexiko, Südamerika, Afrika und Europa – überall, wo Herzogs Kamera hinsah, war Schmidt-Reitwein sein „verbrüderter Begleiter“.

Eine Biografie voller Brüche – und Haltung
Herzog erzählt auch von Schmidt-Reitweins dunkler Vergangenheit: In den 1960er Jahren versuchte dieser, eine Freundin aus Ostberlin zu befreien, wurde verhaftet und in das berüchtigte Zuchthaus Bautzen gesperrt. Sechs Monate verbrachte er in einer unterirdischen „Hitzekammer“, ehe er im Schauprozess verurteilt wurde. Nach dreieinhalb Jahren wurde er gegen zwei Güterwaggons Butter von der BRD freigekauft. Diese Erfahrung, so Herzog, habe ihn gezeichnet – aber auch gestärkt.

„Er hat sich in die Seele der Menschen hineingearbeitet“
In Filmen wie Land des Schweigens und der Dunkelheit oder Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner war Schmidt-Reitwein nicht nur Techniker, sondern empathischer Mittler zwischen Kamera und Mensch. Er lernte für die taubblinde Protagonistin ein taktiles Handalphabet – und diktierte es ihr manchmal sogar mit den Zehen. Herzog erinnert sich, wie Schmidt-Reitwein den scheuen Skiflieger Walter Steiner mit einem spontanen körperlichen „Überfall“ auf die Schultern nahm – eine Geste, die die Beziehung zwischen Kamera und Mensch öffnete.

Die visuelle Tiefe von Nosferatu
Herzog würdigte besonders die gemeinsame Arbeit an Nosferatu, der an diesem Abend gezeigt wurde. Die visuelle Dichte des Films – von nebelverhangenen Straßen über spärlich beleuchtete Innenräume bis zur ikonischen Kuckucksuhr mit dem Knochenskelett – trägt unverkennbar Schmidt-Reitweins Handschrift. „Er war ein Meister des Lichts – vor allem dann, wenn kaum Licht vorhanden war“, so Herzog.

Dabei ließ sich Schmidt-Reitwein von barocken Malern wie Caravaggio und Georges de La Tour inspirieren – eine Schule der Dunkelheit, die er gemeinsam mit Herzog studierte, bevor sie drehten. „Er brachte mich zu diesen Bildern – und seither sind sie Teil meiner visuellen Kultur.“

Hier nochmal ein Vortrag von mir über Nosferatu

Persönliche Geburtstagswünsche an Hans-Jürgen Syberberg zum 90. Geburtstag

8. Dezember 2025

Einer meiner filmischen Helden wird heute 90. Jahre alt und ich gratuliere tief bewegt zum Geburtstag: Hans-Jürgen Syberberg. Bis auf ein kurzes Hallo habe ich Hans-Jürgen Syberberg nie persönlich kennengelernt. Ich war einmal bei der Tochter mit Freunden zu Gast als der Meister hereinschaute und ich zu doof war, ihn zu erkennen. Jahre später besorgte mir ein Kumpel über seine Tochter ein Autogramm, was in meinem Arbeitszimmer hängt. Für mich ist Hans-Jürgen Syberberg ein wirklicher Held des Kinos. Er hat viele Filme gedreht. Persönlich sind für mich Parsifal und Winifred Wagner und die Geschichte des Hauses Wahnfriedd seine Meisterwerke.

Parsifal
Hans-Jürgen Syberbergs Parsifal ist ein filmisches Monument, ein Werk, das sich jeder einfachen Einordnung entzieht und gerade deswegen so überwältigend wirkt. In diesem Film bündelt Syberberg all das, was sein Schaffen seit den 1970er-Jahren geprägt hat: den Mut zur ästhetischen Radikalität, die kompromisslose Auseinandersetzung mit deutscher Kultur und Geschichte, und den Glauben daran, dass Film mehr sein kann als Illusion – nämlich ein metaphysischer Raum, ein innerer Kontinent. Leider ist der Film nur auf DVD erschienen. Ich habe noch die signierte Langspielplatte und das Filmbuch.

Sein Parsifal aus dem Jahr 1982 ist keine Verfilmung der Oper Richard Wagners im klassischen Sinne. Es ist vielmehr eine Beschwörung, ein rituelles Sich-Hineinbewegen in den Kern des Mythos. Syberberg hebt die Oper nicht nur ins Filmische, er seziert und überhöht sie zugleich. Bühnenbilder werden zu Symbolwelten, Requisiten zu Metaphern, und die Kamera wird zum schweifenden Blick eines Wanderers, der durch eine Traumlandschaft aus deutscher Kulturgeschichte streift. Figuren sind weniger Charaktere als Archetypen, und mittendrin entfaltet sich Parsifals Reise – eine Seelenwanderung, die sich vor den Augen des Publikums fast wie ein Gebet entwickelt.

Syberberg schafft Bilder, die nicht nur gesehen, sondern empfunden werden wollen: das Dunkel, aus dem plötzlich Lichtkegel schneiden; die ikonischen, manchmal verstörenden Arrangements; die stille Größe der Tableaux, die lange im Gedächtnis nachhallen. In einer Zeit, in der sich der Film mehr und mehr von großen symbolischen Erzählungen entfernte, wagte Syberberg das Gegenteil: Rückkehr zum Mythos, zur großen Form, zur metaphysischen Frage nach Schuld, Erlösung, Identität. Parsifal wird dadurch zu einem Film über Deutschland – und über den Menschen überhaupt.

Doch Syberbergs Leistung erschöpft sich nicht in diesem Werk. Sein Gesamtœuvre erzählt von einer beharrlichen Suche nach dem Umgang mit Geschichte und Erinnerung. Bereits Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König (1972) war ein filmischer Traum, ein elegisches, fast schwebendes Porträt des Märchenkönigs, das historisches Material und poetische Vision miteinander verbindet. Mit Hitler – Ein Film aus Deutschland (1977) schuf er ein gigantisches, siebenstündiges opus magnum, das als eines der mutigsten, kontroversesten und zugleich bedeutendsten filmischen Projekte der Nachkriegszeit gilt. Hier verschränkt er Theater, Puppenspiel, Archivmaterial, Bühnenmagie und symbolische Überfrachtung zu einer radikal subjektiven Begegnung mit dem deutschen Trauma. Kein Regisseur zuvor oder danach hat es gewagt, Hitler so zu „inszenieren“ – nicht als Person, sondern als kulturellen Schatten, der das kollektive Gedächtnis durchdringt.

Sein Werk folgt dabei nie den Regeln des Mainstream-Kinos. Syberberg ist ein Solitär – ein Künstler, der unbeirrt seinen eigenen Weg verfolgt, auch wenn dieser steinig ist. Seine Filme sind Kunstinstallationen, Gedankenräume, ästhetische Expeditionen. Sie fordern Geduld, Aufmerksamkeit, Hingabe. Und sie belohnen mit Momenten von atemberaubender Schönheit und geistiger Tiefe.

Wenn man Syberbergs Leistung würdigt, würdigt man nicht nur einen Regisseur, sondern einen Visionär. Einen Künstler, der sich weigert, einfache Antworten zu geben. Der den Mut hat, das Dunkle zu zeigen, um das Helle überhaupt sichtbar zu machen. Der glaubt, dass Film heilen kann – nicht durch Vergessen, sondern durch Anschauen, durch Bewusstwerden, durch das schmerzhafte, aber notwendige Hinsehen.

Parsifal ist in diesem Sinne vielleicht sein reinster, poetischster Film. Ein Werk, das tröstet und gleichzeitig verstört. Ein Film, der von der Sehnsucht nach Erlösung erzählt – und von der unerschütterlichen Hoffnung, dass Kunst ein Weg dorthin sein kann.

Winifred Wagner und die Geschichte des Hauses Wahnfried
Hans-Jürgen Syberbergs Dokumentarfilm „Winifred Wagner und die Geschichte des Hauses Wahnfried“ ist eines der eindringlichsten, mutigsten und zugleich intimsten filmischen Zeitzeugnisse des 20. Jahrhunderts. Mit derselben schonungslosen Offenheit, derselben poetischen Wucht und demselben melancholischen Blick auf die deutsche Kulturgeschichte, die sein Gesamtwerk durchzieht, wagt Syberberg sich hier an eine Person, deren Name wie kaum ein anderer im Spannungsfeld zwischen Genieverehrung, politischer Blindheit und moralischem Abgrund steht.

Winifred Wagner, Schwiegertochter des Komponisten Richard Wagner und Hüterin des Hauses Wahnfried, öffnet Syberberg im Film eine Tür, die man kaum für möglich hält. Über Stunden hinweg spricht sie – frei, ungeschützt, ohne das Bedürfnis nach Rechtfertigung. Und Syberberg hört zu. Er bedrängt nicht, er verurteilt nicht; er lässt einen Raum entstehen, in dem Winifreds Erinnerungen, Verdrängungen, Treuebekundungen und unerschütterliche Überzeugungen sichtbar werden. Ihr ungebrochener Glaube an Adolf Hitler, ihre Verklärung einer Zeit, die millionenfaches Leid brachte – all das legt sich offen vor die Kamera. Es ist kein Porträt der Anklage, sondern eines der entwaffnenden Selbstdarstellung.

Syberbergs Leistung besteht in dieser besonderen Art des Zuhörens. Er erlaubt der Protagonistin, sich selbst zu zeigen – und darin zeigt sich alles. Der Film wird so zu einem moralischen Brennspiegel, der nicht durch Agitation, sondern durch das gesprochene Wort erschüttert. Da sitzt eine Frau, die sich ihr Leben lang als Hüterin eines künstlerischen Erbes verstand, als Vermittlerin zwischen Vergangenheit und Zukunft, und die gleichzeitig einem politischen Wahn verfallen war, dessen Tragweite sie nie begriff. Syberberg macht diese Ambivalenz nicht erklärbar – er macht sie erfahrbar.

In den langen Einstellungen, in der ruhigen Kamera, in der ungefilterten Präsenz Winifreds entsteht ein Gefühl, das selten im Dokumentarfilm gelingt: Man betritt eine Atmosphäre. Das Haus Wahnfried wird darin zum Symbol – ein Ort, an dem Kunst, Ideologie, Sehnsucht und Irrtum untrennbar miteinander verwoben sind. Syberberg verknüpft die Geschichte des Hauses mit der Stimme Winifreds, mit den Schatten der Vergangenheit, die über Bayreuth liegen, und mit den Fragen, die auch sein übriges Werk durchziehen: Was macht der Mythos aus dem Menschen? Und was macht der Mensch aus dem Mythos?

Wie schon in Hitler – Ein Film aus Deutschland oder seinem Parsifal arbeitet Syberberg nicht mit klassischen dokumentarischen Methoden. Er will nicht erklären – er will offenlegen. Er nimmt das Publikum mit hinein in die innere Welt seiner Figuren und in die symbolische Landschaft, die sie umgibt. Winifred Wagner wird dadurch nicht entschuldigt, aber verständlich gemacht: als Teil eines historischen Gefüges, als Trägerin eines Erbes, als Mensch in einer Mischung aus Stolz, Verblendung und ungebrochener Verehrung.

Die Dokumentation ist dadurch ein erschütterndes, gleichzeitig faszinierendes Werk. Sie trägt jene emotionale Intensität, die Syberbergs Filmkunst auszeichnet: ein langsames, aber gnadenlos ehrliches Sezieren der Vergangenheit. Und sie ist ein wichtiger Baustein in seinem Gesamtwerk, das immer wieder darum kreist, wie Deutschland mit seinen Mythen, seinen Künstlern, seinen Ideologien und seinen eigenen Schatten umgeht.

Syberbergs Film über Winifred Wagner ist ein Dokument der Wahrheit – nicht im journalistischen, sondern im tief existenziellen Sinne. Ein Werk, das zeigt, dass Erinnerung kein einfaches Terrain ist. Und dass der Mut, jemanden wirklich aussprechen zu lassen, manchmal die brutalste Form der Aufklärung sein kann.

Hans-Jürgen Syberberg bleibt für mich eine der großen, unbeugsamen Stimmen des deutschen und europäischen Kinos. Eine Stimme, die man nicht überhören kann – und nicht überhören sollte.