Posts Tagged ‘1980’

The Shining (1980) – Rückblick auf die Matinee

23. Januar 2026

Stanley Kubricks „Shining“ von 1980 ist weniger klassische Stephen‑King-Gruselgeschichte als ein kalter Blick auf Familie, Männlichkeit, Geschichte und Raum – ein Horrorfilm, der sein eigentliches Grauen in Struktur, Bildgestaltung und Atmosphäre verbirgt. Ich besprach und zeigte den Film in meiner Matinee im Scala Fürstenfeldbruck. Die nächste Matinee befasst sich am Sonntag, 1. Februar mit John Carpenters Film „Sie leben“. Karten für das Scala Fürstenfeldbruck gibt es hier.

Das Werk Shining entfaltet sich wie ein Labyrinth aus Bedeutungen, in dem der Zuschauer sich ebenso verirrt wie Jack Torrance im Schnee – und genau darin liegt seine anhaltende Faszination. Hier meine Aufzeichnung des Vortrags:

Handlung als Kammerspiel der Zersetzung
Im Zentrum steht der gescheiterte Lehrer und Möchtegern-Schriftsteller Jack Torrance, der mit Frau Wendy und Sohn Danny den Winter über als Hausmeister im abgelegenen Overlook Hotel arbeitet. Aus der scheinbar idealen Gelegenheit zum Neuanfang wird ein schleichender Albtraum, in dem Isolation, Alkoholismus, unterdrückte Gewaltfantasien und die Geister des Hotels sich gegenseitig verstärken.

Der Film verweigert einen klaren Verursacher des Schreckens: Die übernatürlichen Erscheinungen können gleichermaßen als reale Geister, als Projektionen psychischer Abgründe oder als Bild gewordene Gewaltgeschichte des Ortes gelesen werden. Dadurch bleibt das Grauen strukturell „offen“ – ein Horror, der sich eher in Andeutungen und Mehrdeutigkeiten als in eindeutigen Erklärungen organisiert.

Themen: Familie, Wahnsinn, Vergangenheit
„Shining“ ist ein Film über die Zerbrechlichkeit der bürgerlichen Kleinfamilie, der das Ideal der „intakten“ Familie systematisch zerlegt. Jack erscheint von Beginn an als innerlich leerer, frustrierter Mann, der den Hoteljob als Flucht vor einem Leben begreift, das ihn demütigt und das er zugleich nicht verantwortungsvoll gestalten kann. Die Gewalt, die sich im Overlook Bahn bricht, ist dabei weniger plötzliches Böse als Eskalation bereits angelegter Aggression – das Hotel verstärkt, was schon da ist.

Zugleich verhandelt der Film die Macht der Vergangenheit: Die Geister des Overlook sind Manifestationen einer Geschichte von Mord, Ausbeutung und kollabierter Männlichkeitsfantasien. Die berühmten Blutwellen aus dem Fahrstuhlschacht lassen sich als Bild einer verdrängten Gewaltgeschichte lesen, die immer wieder in die glatte Gegenwart einbricht.

Raum, Labyrinth und Blick
Kubrick baut das Overlook Hotel als labyrinthischen Raum, dessen Architektur bewusst inkonsequent ist: Korridore führen ins Nichts, Fenster liegen an unmöglichen Stellen, räumliche Kontinuität löst sich auf. Diese räumliche Unlogik erzeugt ein permanentes Unbehagen, weil der Zuschauer sich nie sicher orientieren kann – ein filmischer Zustand, der Jacks mentaler Desorientierung entspricht.

Der Außen-Labyrinthgarten spiegelt diesen inneren Architektur-Wahnsinn: Tagsüber wirkt die Hecke wie ein touristischer Gag; in der Nacht wird sie zum Schauplatz eines existenziellen Verfolgungsspiels, bei dem Danny den Vater nur durch kluge Spurentäuschung austrickst. In der berühmten Vogelperspektive, in der die Kamera über das Modell der Hecke fährt und nahtlos in die „realen“ Figuren übergeht, verschmelzen Miniatur, Plan und Wirklichkeit – der Mensch als Figur in einem längst vorgezeichneten Plan.

Zentral ist auch Kubricks Einsatz der Steadicam: Die scheinbar schwebende Kamera, die Danny auf seinem Dreirad durch die Gänge verfolgt, gibt dem Hotel eine unheimliche Subjektivität, als würde der Raum selbst blicken. Dieses „gleitende Sehen“ macht das Overlook zum eigentlichen Protagonisten – ein Ort, der die Figuren beobachtet, prüft und schließlich verschlingt.

Ambivalentes Übernatürliches
Kubrick übernimmt zwar zentrale übernatürliche Elemente der Vorlage – das „Shining“ Dannys, die Geister, die Visionen –, weigert sich aber, diese eindeutig zu verankern. Viele Erscheinungen lassen sich als subjektive Halluzinationen deuten, andere (etwa das geöffnete Kühlhaus) scheinen eine objektive Existenz der Geister nahezulegen, ohne sie zu bestätigen.

So entsteht ein Schwebezustand zwischen psychologischem und metaphysischem Horror, in dem das Übernatürliche ebenso psychische Metapher wie reale Bedrohung sein kann. Das macht „Shining“ schwer einzuordnen: Er erfüllt die Kriterien eines Horrorfilms und unterläuft sie zugleich, indem er nie die eine, endgültige Erklärung anbietet.

Stil, Rezeption und Nachwirkung
Stilistisch bevorzugt Kubrick kalte Kompositionen, strenge Symmetrien und eine Musikgestaltung, die mehr verstört als „emotionalisiert“. Die langen, gleitenden Einstellungen, die minimalistische Montage und der Einsatz atonaler Klänge erzeugen eine distanzierte, fast klinische Atmosphäre, in der Affekte nicht ausgestellt, sondern wie unter einem Glassturz beobachtet werden.

Bei seiner Premiere stieß „Shining“ auf gemischte bis ablehnende Reaktionen; Kritiker warfen dem Film Überlänge, emotionale Kälte und Unklarheit vor, selbst Stephen King distanzierte sich deutlich von der Adaption. Inzwischen gilt der Film als Schlüsselwerk des modernen Horrorkinos, dessen experimentelle Verbindung von Raumarchitektur, psychologischer Zersetzung und offener Bedeutung eine ganze Generation von Filmemachern geprägt hat.

In dieser Spannung aus Eindeutigkeit und Rätsel, aus familiärem Drama und ungreifbarer Bedrohung liegt die besondere Qualität von „Shining“: Der Film erklärt seinen Horror nie, sondern lässt ihn als unabschließbares Echo in Bildern, Räumen und Blicken weiterarbeiten.

Die nächste Matinee befasst sich am Sonntag, 1. Februar mit John Carpenters Film „Sie leben“. Karten für das Scala Fürstenfeldbruck gibt es hier.

Shining (1989) – phantastische Matinee am 16. November im Scala Fürstenfeldbruck

14. November 2025

Mit The Shining schuf Stanley Kubrick 1980 einen der stilprägendsten Horrorfilme der Kinogeschichte – ein Meisterwerk, das bis heute nichts von seiner verstörenden Faszination verloren hat. Ich bespreche und zeige den Film in meiner phantastischen Matinee am Sonntag, 16. November, um 10:45 Uhr im Scala Fürstenfeldbruck. Karten gibt es hier.

In der atemberaubenden Kulisse des abgelegenen Overlook Hotels entfaltet sich ein psychologischer Albtraum, der mit seiner beklemmenden Atmosphäre und ikonischen Bildern Kinogeschichte schrieb. Jack Nicholson liefert in seiner Paraderolle als Jack Torrance eine unvergessliche Darstellung zwischen Wahnsinn, Isolation und unheimlicher Gewalt, während Shelley Duvall und Danny Lloyd als Familie am Rand des Zusammenbruchs brillieren. Kubricks präzise Kameraarbeit, die hypnotische Musik und die meisterhafte Inszenierung erzeugen eine Spannung, die unter die Haut geht – subtil, elegant und unerbittlich. The Shining ist mehr als ein Horrorfilm: ein visuelles Erlebnis, ein psychologischer Trip und ein zeitloser Klassiker, der Zuschauerinnen und Zuschauer immer wieder in seinen Bann zieht – “for ever and ever and ever.”

Lübeck – meine Suche nach dem Grab von Marianne und Anna Bachmeier

16. September 2025

Bei einem entspannten Abendessen in Lübeck mit meiner Redakteurskollegin Susanne Peyronnet von Lübecker Nachrichten kamen wir auf den Lübecker Burgtorfriedhof zu sprechen. Im Volksmund gilt man als echter Lübecker, wenn man dort Vorfahren in dritter Generation zu Grabe getragen hat. Es ist ein schöner Friedhof mit zahlreichen alten Grabstellen.

In ihrem wunderbaren Blog schreibt Susanne, dass sie das Grab von Marianne und Anna Bachmeier nicht gefunden hat. Das reizte mein journalistisches Ego und die Spürnase meiner Gattin, eine routinierte Geocacherin. Wir machten uns auf, um diese Grabstelle zu finden.

Die Älteren kennen die Geschichte: In der Nacht nach dem Abendessen beschäftigte mich der Fall Bachmeier. Die Selbstjustiz von Marianne Bachmeier, die 1981 im Gerichtssaal in Lübeck den mutmaßlichen Mörder ihrer siebenjährigen Tochter Anna erschoss, ist einer der spektakulärsten und bis heute kontrovers diskutierten Fälle in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Wir irrten bei der Suche nach dem Grab über den wunderschönen Burgtorfriedhof. Anhand von Bildern des Grabes orientierten wir uns, vergleichen Steine und Hecken. Die KI lieferte mir Geokoordinaten, die nicht schlecht waren. Meine Gattin befragte Google und zu guter Letzt sprachen wir mit Spaziergängern der Friedhofsanlage. Und siehe da: In Kombination mit allen Quellen fanden wir die Grabstätte.

Auf dem Burgtorfriedhof in Lübeck wurde Marianne Bachmeier im Grab ihrer Tochter Anna beigesetzt. Um 2014 wurde das Grab eingeebnet. 2017 wurde es mit einer neuen Grabplatte versehen, die die Vornamen und Lebensdaten von Mutter und Tochter trägt.

Wir stehen vor der Grabstelle. Der Grabstein ist rechteckig und aus hellem Stein gefertigt. Darauf sind die beiden Namen eingraviert: Anna (1972 – 1980) und Marianne (1950 – 1996). Rechts auf dem Stein befindet sich ein ovales Porzellanbild der beiden Frauen.

Vor dem Grabstein steht eine kleine Figur, ein kleiner Zwerg und ein kleines Schild in einer Hand mit der Aufschrift „Ich vermisse Dich“. Zudem gibt es eine kleine Igel-Figur. Links daneben befindet sich ein runder Blumentopf mit grünem Bewuchs. Im Hintergrund ist dichter Efeu zu sehen, der den oberen Rand des Grabes einrahmt.

Ich erinnere mich, dass meine Eltern und ich 1981 über den Fall beim gemeinsamen Abendessen sprachen. Meine Eltern verstanden die Selbstjustiz, ich plädierte für das Gewaltmonopol des Staates. Heute als Papa von zwei Kindern schwanke ich in meiner Meinung: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Erinnern wir uns: Am 5. Mai 1980 wurde Anna ermordet, und während des Prozesses gegen Klaus Grabowski, den Angeklagten, zog Marianne Bachmeier am dritten Verhandlungstag eine Pistole und schoss achtmal, sechs Schüsse trafen Grabowski. Die Tat war ein tiefgreifender Akt persönlicher Verzweiflung und Rache, der gesellschaftlich und juristisch auf großes Echo stieß.

Die öffentliche Meinung zu ihrer Tat war gespalten: Viele sahen in ihr das verzweifelte Handeln einer Mutter, die auf das Versagen des Rechtssystems reagierte, während andere die Notwendigkeit betonten, das staatliche Gewaltmonopol zu schützen und Selbstjustiz strikt abzulehnen. Das Gericht bewertete den Fall so, dass es die Tat nicht als Mord, sondern als Totschlag im Affekt ansah und verurteilte Marianne Bachmeier zu sechs Jahren Haft, von denen sie zwei Jahre verbüßte.

Für mich steht fest: Die Selbstjustiz hier steht exemplarisch für die tiefen Spannungen zwischen persönlichem Gerechtigkeitsempfinden und dem gesetzlichen Rechtssystem. Marianne Bachmeier agierte in einem moralisch höchst belasteten Kontext, in dem sie für viele Opfer von Gewalt symbolisch handelte, aber gleichzeitig ein Verstoß gegen rechtsstaatliche Prinzipien begangen wurde. Sie selbst bedauerte die Tat nicht, sondern betrachtete sie als letzten Ausdruck ihrer Trauer und ihres Schutzwillens für ihre Tochter. Der Fall löste intensive Debatten darüber aus, wie Gesellschaft und Rechtstaat mit extremen Fällen von Selbstjustiz umgehen sollten und reflektiert die Grenzen des Rechtsstaats in Momenten tiefster persönlicher Katastrophe.

Bei meiner Recherche als Journalist stelle ich fest: In der medialen und gesellschaftlichen Reflektion wird Marianne Bachmeier oft als eine Frau gesehen, die den archaischen Racheinstinkt zeigt, der mit staatlicher Rechtsprechung in Konflikt steht. Ihre Tat war ein Symbol für das Versagen der Institutionen, dem Verbrechen angemessen zu begegnen, und hat das Thema Selbstjustiz bis heute im kulturellen und juristischen Diskurs lebendig gehalten. Der Fall verdeutlicht die komplexen moralischen, rechtlichen und emotionalen Facetten von Selbstjustiz, die bis heute unterschiedliche Bewertungen und starke Emotionen hervorrufen.

Es gab auch 1984 zwei Spielfilme, die die Tat thematisierten: Der Fall Bachmeier – Keine Zeit für Tränen von Hark Bohm und Annas Mutter von Burkhard Driest.

Hier noch ein paar Bilder vom Friedhof: