Ich weiß, ich oute mich als Langweiler und kann mir die entsprechenden Kommentare schon vorstellen, aber ich kann es nicht mehr sehen: Weiße Sneakers zum Anzug sind der modische Endgegner jeder Würde. Sie sind das, was passiert, wenn ein Mann geschniegelt wirken möchte, aber innerlich nicht bereit ist, sich auch nur bis zur Fußsohle auf einen feierlichen Anlass einzulassen. Oben Maßanzug, unten Turnbeutel-Mentalität. Man sieht solche Gestalten inzwischen überall: bei Hochzeiten, Preisverleihungen, Empfängen, Firmenjubiläen. Der Sakko sitzt, die Krawatte ist geschniegelt, das Einstecktuch wurde mit jener angestrengten Nachlässigkeit drapiert, die Männer für Eleganz halten – und darunter leuchten zwei weiße Treter, als wäre nach dem Sektempfang noch Brennball geplant.

Früher trug man zu besonderen Anlässen Schuhe, die ein Mindestmaß an Respekt vor dem Moment erkennen ließen. Lederschuhe, deren größter Beitrag zur Ästhetik darin bestand, nicht unangenehm aufzufallen. Heute hingegen muss jeder zweite Möchtegern-Stilikone mit seinen weißen Sneakers demonstrieren, dass er zwar geschniegelt auftritt, sich aber nicht vereinnahmen lässt von Begriffen wie Etikette, Form oder Geschmack. Er will geschniegelt rebellieren. Das ist ungefähr so eindrucksvoll wie ziviler Ungehorsam mit Fußmassagefunktion.
Besonders unerquicklich ist die Selbstgefälligkeit, mit der dieser modische Unfall präsentiert wird. Da steht einer geschniegelt wie ein Vorstandsvorsitzender auf Probe, geschniegelt wie ein Bräutigam mit Styling-Berater, geschniegelt wie ein Mann, der sehr gern für geschniegelt gehalten werden möchte – und darunter grinsen zwei Schuhe hervor, die aussehen, als hätte er kurz vor Beginn noch im Elektromarkt nach einem Ladekabel gesucht. Der weiße Sneaker ist nicht der große stilistische Befreiungsschlag, als der er verkauft wird. Er ist die Kapitulation des Dresscodes vor dem Innenleben des durchschnittlichen Bequemlichkeitsneurotikers.

Natürlich wird das Ganze dann als „modern“, „urban“, „stilbewusst“ oder, Gott bewahre, „smarter Bruch“ etikettiert. In Wahrheit ist es bloß die ästhetische Version von „Ich wollte mich nicht komplett anstrengen“. Diese Schuhe sagen nicht: „Ich kenne die Regeln und breche sie bewusst.“ Sie sagen: „Ich habe die Regeln gesehen und mich dann für das entschieden, was sich leichter putzen lässt.“ Der weiße Sneaker zum Anzug ist kein Statement, sondern ein Ausweichmanöver. Er ist das modische Äquivalent zu einem Mann, der beim Candle-Light-Dinner ein Wasser ohne Kohlensäure bestellt und sich dafür für wild hält.
Am schönsten ist allerdings die Tragik dieser Schuhe. Denn der weiße Sneaker lebt von einer Reinheit, die ungefähr bis zur ersten Bordsteinkante hält. Einmal durch eine Pfütze, einmal ein Hauch von Staub, einmal unachtsam am Buffet entlanggestreift – und schon sieht die große Stilrevolution aus wie ein verlorener Ausflug zur Restmülltonne. Während klassische Lederschuhe mit dem Alter Charakter entwickeln, entwickeln weiße Sneakers zum Anzug in erster Linie Schamspuren. Die große Rebellion endet dann nicht mit einem modischen Paukenschlag, sondern mit einem grauen Knick über der Zehenkappe und der Erkenntnis, dass man nun zugleich geschniegelt und verwahrlost aussieht.

Und damit sind diese Schuhe vielleicht tatsächlich das vollkommenste Symbol unserer Zeit. Sie wollen geschniegelt sein, aber nicht verbindlich. Elegant, aber nicht ernsthaft. Auffällig, aber bitte ohne Risiko. Sie sind geschniegelt bis zur Knöchelhöhe und darunter nichts als Feigheit auf Gummisohle. Wer weiße Sneakers zum Anzug trägt, möchte kein Stilgefühl beweisen, sondern sich vor ihm drücken – geschniegelt, versteht sich.
Die Pointe ist also einfach: Der weiße Sneaker ist nicht das Ende der alten Kleiderordnung. Er ist ihr beleidigter Nachruf in Turnschuhform.
