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Kommentar zum geplanten Social Media Verbot: Vergesst die Wirtschaft nicht

24. Februar 2026

Bei der erhitzen Debatte um ein mögliches Social Media Verbot bringe ich eine andere Perspektive ein, die es auch zu berücksichtigen gilt: Der Nachteil für die klein- und mittelständische Wirtschaft, die bei einem Verbot mehr Schwierigkeiten haben, geeigneten Nachwuchs zu finden und das in einer Zeit, in der die Wirtschaft geeigneten Nachwuchs braucht.

Ein mögliches Social-Media-Verbot für Jugendliche in Deutschland würde nicht nur den Kinder- und Jugendschutz betreffen, sondern hätte auch spürbare Folgen für mittelständische Unternehmen, die soziale Netzwerke in der Nachwuchsgewinnung einsetzen. Gerade in Zeiten, in denen klassische Medien bei Jugendlichen an Reichweite verlieren, droht hier eine zentrale Kommunikationsachse wegzubrechen.

Ausgangspunkt der aktuellen Debatte sind Vorschläge aus SPD und Union, die Social-Media-Nutzung für Kinder unter 14 Jahren weitgehend untersagen und für 14- bis 16-Jährige stark einschränken wollen, etwa durch spezielle „Jugendversionen“ ohne algorithmische Feeds, Suchtmechanismen und personalisierte Empfehlungen. Die CSU setzt dagegen auf Medienkompetenz.
Die EU-Kommission prüft parallel, ob ein europaweites Verbot oder starke Einschränkungen für Jugendliche eingeführt werden sollen. Begründet wird dies mit Studien, die auf problematische oder krankhafte Nutzung bei einem erheblichen Teil der 10- bis 17-Jährigen hinweisen, etwa in Bezug auf Suchtverhalten, Essstörungen oder psychische Belastungen.

Dennoch fehlt mir der Blick auf die Wirtschaft: Für mittelständische Betriebe, insbesondere Ausbildungsbetriebe, ist Social Media inzwischen zu einem zentralen Werkzeug im Azubi-Recruiting geworden. Plattformen wie Instagram, TikTok oder YouTube ermöglichen es ihnen, mit vergleichsweise geringen Budgets authentische Einblicke in den Arbeitsalltag zu geben, das Arbeitgeberimage zu schärfen und Jugendliche dort abzuholen, wo sie sich ohnehin täglich informieren und unterhalten lassen. Viele Unternehmen reagieren damit auch auf den Rückgang klassischer Bewerbungswege: Printanzeigen, Messeauftritte oder Stellenanzeigen in Lokalzeitungen erreichen die „Digital Natives“ deutlich schlechter, weil diese Medien im Alltag der Jugendlichen kaum noch vorkommen. Kaum ein junger Mensch schaut in bedruckes Papier.

Ich will die Studien zur Abhängigkeit von TikTok und Co nicht leugnen, aber ich arbeite fürs Handwerks und hier hat sich Social Media als ideale Möglichkeit der Nachwuchsarbeit herausgestellt, um den Nachwuchs zu erreichen.

Wenn Social Media für unter 14-Jährige komplett wegfallen und für 14- bis 16-Jährige nur noch in stark reduzierter Form nutzbar wären, könnte diese Zielgruppe für mittelständische Unternehmen nur noch eingeschränkt sichtbar und ansprechbar sein. Durch das Wegfallen algorithmischer Empfehlungen und typischer Interaktionsfunktionen würden gerade kleinere Betriebe an organischer Reichweite verlieren und müssten mit höheren Kosten oder einem Wechsel auf andere Kanäle reagieren. Hinzu kommt, dass viele Jugendliche sich heute fast ausschließlich über Social Media über Berufe, Ausbildungswege und Arbeitgeber informieren und klassische Informationskanäle wie Tageszeitungen, gedruckte Berufebroschüren oder lineares Fernsehen kaum noch nutzen.

Für die Besetzung von Ausbildungsstellen könnten die vorgeschlagenen Einschränkungen daher vor allem für kleine und mittlere Unternehmen das Matching von Angebot und Nachfrage erschweren. Ohne die gewohnten digitalen Kontaktpunkte wird es schwerer, spontan Interesse zu wecken, niedrigschwellige Erstkontakte zu ermöglichen oder Schülerinnen und Schüler mit kurzen, emotionalen Inhalten zu erreichen, die über einen formalen Berufsorientierungsunterricht hinausgehen. Umgekehrt würden Betriebe gezwungen, alternative Wege zu finden – etwa über Schulkooperationen, lokale Veranstaltungen, spezialisierte Plattformen oder Messenger-Dienste –, doch diese erfordern mehr Ressourcen, sind weniger skalierbar und erreichen nicht automatisch die gleiche Breite der Zielgruppe.

Damit verschärft sich ein ohnehin vorhandenes strukturelles Problem: In vielen Regionen klagen mittelständische Betriebe schon heute über unbesetzte Ausbildungsplätze und einen Mangel an geeigneten Bewerbungen. Werden Social-Media-Kanäle als wichtigste Schnittstelle zur Generation Z eingeschränkt, droht eine weitere Lücke zwischen jungen Menschen, die sich zwar informieren wollen, und Unternehmen, die genau diesen Nachwuchs brauchen, um langfristig ihre Fachkräftebasis zu sichern.

KI am Arbeitsmarkt: Risiko oder Chance für Berufseinsteiger?

13. November 2025

Nach Abschluss der Schule begann für meine Kinder eine ernsthafte Diskussion. Welchen Weg sollen sie einschlagen, der in einem Beruf endet, der von Digitalisierung und KI nicht ersetzt werden kann. Berufe in Verwaltung, Finanzen oder ähnliches kamen nicht in Frage, denn das Handling mit Daten wird über kurz oder lang von der KI ersetzt.

Der Arbeitsmarkt sucht Mitarbeiter, doch die Türen für Einsteiger schließen sich oft. Zwei gegenläufige Entwicklungen prägen die aktuelle Lage in Deutschland, so hat auch Freshworks in einem Beitrag erkannt:

Einerseits droht bis 2040 ein Fachkräftemangel von rund 660.000 Stellen, andererseits verschwinden traditionelle Einstiegspositionen, weil einfache Tätigkeiten immer mehr automatisiert werden. Für Berufseinsteiger wird der Weg in den Job zum Balanceakt zwischen Unsicherheit und neuen Perspektiven.

Vor allem junge Talente erleben diesen Wandel direkt. Während sie den ersten Schritt ins Berufsleben suchen, verlieren klassische Junior-Positionen an Bedeutung. Dabei sind Unternehmen langfristig genau auf diesen Nachwuchs angewiesen, um Führungspersönlichkeiten der Zukunft zu entwickeln.

Zwischen Risiko und Aufbruch
Der Berufseinstieg verändert sich. Feste Rollenbeschreibungen verlieren an Bedeutung, weil sich Anforderungen schneller verändern und neue Technologien neue Fähigkeiten erfordern. Der neue Freshservice Benchmark Report 2025 von Freshworks zeigt, wie stark KI den Arbeitsalltag bereits prägt:

Unternehmen, die mit KI-Agenten arbeiten, konnten ihre Lösungszeit im Schnitt um 76.6 % senken und die Antwortzeiten um 41.1 % verkürzen. Auch in Deutschland liegt der Anteil gelöster Anfragen beim Erstkontakt bereits bei 77.6 %.
KI-Agenten bearbeiten eigenständig bis zu 65.7 % aller Anfragen und entlasten Teams um mehr als 430.000 Arbeitsstunden.
70 % der Befragten die größte Stärke in der schnelleren Bearbeitung, 54 % schätzen die Automatisierung von Routinetätigkeiten und 53 % berichten von verbesserter Servicequalität.
Diese Entwicklungen schaffen Raum für anspruchsvollere Aufgaben und mehr Verantwortung, gerade für Berufseinsteiger. Solche Effizienzgewinne verdeutlichen, dass Einstiegsrollen nicht verschwinden dürfen, sondern neue Schwerpunkte brauchen. Mit KI-Unterstützung übernehmen junge Fachkräfte früher Verantwortung, lösen komplexere Aufgaben und leisten schneller einen sichtbaren Beitrag.

Skills, die den Unterschied machen
Während einfache Tätigkeiten zunehmend automatisiert werden, wächst der Bedarf an Menschen, die diese Systeme verstehen, kritisch hinterfragen und kreativ weiterentwickeln können. Gerade Berufseinsteiger rücken dadurch stärker in den Fokus: Ihre Fähigkeit, früh Kompetenzen im Umgang mit KI aufzubauen, entscheidet nicht nur über ihre eigene Karriere, sondern auch über die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen, in denen sie arbeiten. Wer solche Fähigkeiten mitbringt, ist nicht ersetzbar, sondern gestaltet neue Rollen und erschließt zusätzliche Wertschöpfung.

Damit junge Talente KI souverän nutzen können, müssen Unternehmen allerdings die richtigen Voraussetzungen schaffen. Dazu gehören praxisnahe Trainings, klare Informationen über Möglichkeiten und Grenzen sowie eine Kultur, die Mitgestaltung ermöglicht. Vertrauen ist dabei keine Option, sondern Voraussetzung. Nur wer die Technologie versteht und ihr vertraut, wird sie aktiv einsetzen und nicht bloß passiv bedienen.