Nennen wir es virtuelle Realität, VR oder Metaverse, egal. Ich bin sehr an dieser Thematik interessiert und bin gespannt, ob die Apple Vision Pro die Welt verändern wird. Zunächst in den USA und vielleicht irgendwann mit einem Consumer-Produkt bei uns.
Ich muss zugeben, ich war mit den Aufnahmen meiner 360 Grad VR-Kameras in den vergangenen Wochen ein wenig nachlässig. Aber ich bin auf ein interessenten Experiment in München gestoßen: The Tapestry of Spaces, also locker übersetzt ein Wandteppich an Räumen – im engeren Sinne das Lied der Räume.
Es soll ein Gesamtkunstwerk darstellen aus klassischer Musik, KI Komposition, StreetArt und immersiver Audio-und Videotechnologie alles unter dem Dach der Münchner Symphoniker. The Tapestry of Spaces sind sieben Räume einer Ausstellung des KUNSTLABOR 2 in München als Ausgangspunkt für dieses Projekt.
Ich traf das Projekt in Räumen unterhalb des Wurmecks im Münchner Rathaus. Dort war das Projekt samt VR-Brillen zum Ausprobieren.
Herzstück ist die spielerisch-kreative Auseinandersetzung mit ChatGPT als klassischem Komponisten, der anhand von Fotos der von den Künstlern gestalteten Räume das melodische Material für ein Ensemble der Münchner Symphoniker erstellt hat. Klingt verwirrend und sollte daher unbedingt einmal ausprobiert werden. Denn im Gegensatz zu den bislang verfügbaren Musik-KI-Modellen lässt sich die Entstehung der KI-Komposition transparent mitverfolgen. Eine sehr ausführliche und interessante Zusammenfassung des Projektes gibt es auf einer speziellen Website. Sie zeigt das Vorgehen von KI-Promter und Musiker.
Und immer wieder stellt sich mir die Frage in wieweit kann KI Kunst ermöglichen oder ist es nur eine Reproduktion von Trainingsdaten? Kunst bedeutet für mich etwas Neues zu schaffen, allenfalls ist es nur eine schnöde Variante des Bestehenden. Die Auseinandersetzung der Bearbeiter Adrian Sieber und Jakob Haas mit den Vorgaben von ChatGPT beleuchtet, inwiefern die GPT-Kl als Inspirationsquelle und thematische Ideengeberin dienen kann, und wo die Grenzen der Technologie für die künstlerische Verarbeitung musikalischer Ideen liegen.
Brain Salad Surgery von 1973 ist nicht nur eines der besten Alben von Emerson, Lake and Palmer (wenn nicht sogar das beste), sondern auch eines der Alben mit dem höchsten Wiedererkennungswert der Band. Und es ist eines meiner Lieblingsalben. Jetzt kam es als Picture Disc heraus und ich musste zuschlagen.
Die Bekanntheit liegt zum großen Teil an dem beeindruckenden Artwork, das das Album ziert. Es ist das Werk des Schweizer surrealistischen Malers, Bildhauers, Filmregisseurs und Bühnenbildners Hans Ruedi Giger, der später für seine einzigartige Arbeit an der Alien-Filmreihe bekannt ist. Ich verehre Giger.
Wie kam es zu diesem Cover? Als ELP auf der Suche nach einem neuen Artwork für ihr viertes Studioalbum waren, schlug ihr Schweizer Promoter Gustav Zumsteg seinen Freund HR Giger vor. „Mein Promoter-Freund bestand darauf, mich zu Gigers Haus zu fahren“, erinnert sich Keith Emerson. „Ich erinnere mich, dass es von außen ein ziemlich bescheidener Bungalow war – bis man hineinging. Das Innendekor war überwältigend, gotisch bis zum Äußersten. Vom Boden bis zur Decke hatte seine einzigartige Airbrush-Technik einen einfachen Raum in eine Kathedrale verwandelt.
Die ursprüngliche Hülle war in der Mitte geteilt, beide Seiten öffneten sich nach außen und enthüllten darunter ein menschliches Frauengesicht mit außerirdisch anmutendem Haar und verschiedenen Markierungen im Gesicht – vermutlich Narben. Für mich ist es Gigers damalige Frau, der Schauspielerin Li Tobler, die später aus dem Leben geschieden ist, Der damalige Arbeitstitel für die LP Whip Some Skull On Ya, ein Euphemismus für Fellatio. Das gefiel Giger natürlich sehr gut.
„Es war naheliegend, Lippen, Penis und Schädel zu kombinieren“, erklärte er damals 1991. „Diese Elemente flossen in das Bild ein. Trotzdem teilte mir Keith plötzlich mit, dass der Titel des Albums Brain Salad Surgery lauten würde. Ich war konsterniert, bis er mir erklärte, dass dieser Ausdruck ebenfalls Fellatio bedeutet.“
Mit der Welttournee „Brain Salad Surgery“ und dem daraus resultierenden Dreifach-Live-Album „Welcome Back My Friends…“ feierten ELP weitere Erfolge. Gigers wurde bekannt. Im Jahr 1977 veröffentlichte er sein erstes Buch, Necronomicon. Regisseur Ridley Scott war so begeistert dass Giger schließlich das Alien entwerfen durfte und den Oscar bekam.
Gigers Arbeit auf dem Gebiet der Musik ging ebenfalls unvermindert weiter. Er arbeitete an Magmas Album Attahk von 1978, Debbie Harrys Album Koo Koo, Danzigs Danzig III: How The Gods Kill und Stevie Stevens Atomic Playboys und entwarf Mikrofonständer für Jonathan Davis von Korn. Er arbeitete auch eng mit Thomas Gabriel Fischer zusammen und entwarf das Cover für das 1985 erschienene Album To Mega Therion von Celtic Frost sowie für das in diesem Jahr erschienene Album Eparistera Daimones von Triptykon.
Doch das Cover von ELP verschwand: Die Ausstellung Giger in Prag lief vom 14. April bis zum 31. August 2005. Nach dem Ende der Ausstellung wurde das Werk für die Rückreise in die Schweiz verpackt und über das Wochenende im Museum verschlossen. Das Werk kam am Dienstag, den 6. September, wieder in Zürich, in Gigers Haus, an und wurde von zwei Assistenten Gigers auf einen anderen Lastwagen umgeladen, der es zum Museum in Gruyeres fuhr, wo man feststellte, dass die beiden einflussreichen Werke fehlten. Ich hab sie nicht.
Bei meinem jüngsten Besuch in Hersbruck traf ich auf allerlei Kunst. Beim Spaziergang durch die pittoreske fränkische Stadt entdeckte ich in einem ehemaligen Schaufenster eines Fotogeschäfts kleine Welten in Streichholzschachtel.
diese entzückenden Welten gebastelt hat, weiß ich nicht. Sie standen in der Auslage und sprachen mich sofort an. Kleine Welten mit kleinen Details, die mir ein Lächeln ins Gesicht zauberten. Es war eine Tafel zur Erklärung aufgestellt. Darauf stand: „Die Welt ist klein in diesen Tagen … klein und überschaubar. Doch mit ein bisschen Fantasie werden selbst deine vier Wände zu deinem eigenen kleinen Wunderland.“ Wahrscheinlich entstammten die kleinen Kunstwerke noch aus der Corona-Zeit als man beim Lockdown zu Hause bleiben musste. Es waren die entsprechenden Hashtags dahammbleim stayhome angefügt.
Ich möchte dem Künstler oder Künstlerin danke sagen. Mir haben Dino, Hello Kitty, Love und viele Welten mehr sehr , gefallen. Es ist halt manches Mal die kleine Dinge, die einen Freude machen können. Danke.
Zigaretten sind tödlich, Kunst dagegen nicht. Zigaretten benebeln den Kopf, Kunst befreit den Kopf. Was liegt es da näher als Zigarettenautomaten in Kunstautomaten umzuwandeln? Dies haben sich Ehrenamtliche im fränkischen Hersbruck gefragt und kurzerhand einen Kunstautomaten gegenüber dem Rathaus bei Post/Bürgerbüro zu schaffen. Der Automat selbst ist auch ein Kunstwerk und ist interessant zu betrachten.
Statt Zigaretten gibt es nun Kunst aus den Fächern, geschaffen von regionalen Künstlern. Mit 5 Euro in Münzen ist man dabei und kann sich Kunst ziehen. Nachdem der Automat über drei Jahrzehnte als Zigarettenautomat sein Dasein fristete, tut sich die Mechanik mit der Kunst manches Mal ein wenig schwer. Die Münzen fallen durch und es klemmt mal hier und dort. Aber beim wiederholten Geldeinwurf kommen kleine Kunstwerke heraus.
Wenn eine Schublade blockiert, dann ist das Kunstwerk ausverkauft – das war bei den Zigaretten so und ist bei der Kunst genauso. So gibt es im Moment zum Beispiel niedlichen Ohrhänger von Emsomatic. Der Kunstautomat gefällt mir gut und hat mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.
Wer auf dem Laufenden sein will, der kann bei Facebook und Instagram schauen, welche neuen Kunstwerke es gibt
Telefonzellen gehören nunmehr der Vergangenheit an. Zunächst die gelben geschlossenen Häuschen, dann waren sie violett und dann waren es nur noch Ständer – aber nun ist es vorbei. Die letzten öffentlichen Fernsprecher werden nun von der Telekom abgeschaltet und gehen in die Geschichte ein. Kein Anschluss unter dieser Nummer.
Die 12.000 verbliebenen Telefonzellen in Deutschland schlucken kein Kleingeld mehr. Die Telekom deaktiviert die Münzzahlung an den Telefonsäulen und -häuschen, Ende Januar funktionieren dann auch keine Telefonkarten mehr. Damit endet nach 142 Jahren die Ära des öffentlichen Fernsprechers.
Im Zeitalter des Mobiltelefons sind Telefonzellen ein Anachronismus. Die letzten Telefonzellen, die ich gesehen habe, waren Kunstobjekte wie Death of a Phone Booth bei Banksy. Die Transformation der Telefonzelle zum WLAN-Hotspot sah ich zum ersten Mal in New York als die Zellen abgebaut und dafür an gleicher Stelle WLAN-Hotspots errichtet wurden.
Mit WLAN hat man es in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker nicht so. Statt Hotspots mögen wir lieber bedrucktes Papier. Ich habe öfters zu Bücherschränken umgewidmete Telefonzellen gesehen, auch eine gute Idee.
Das letzte Telefonat an einem öffentlichen Münzfernsprecher führte ich übrigens in New York. Ich war begeistert, dass man einen Fernsprecher anrufen an – so wie in den Ami-Filmen.
Ein Erlebnis mit einer Telefonzelle bleibt mir in Erinnerung. Es war die Zeit des Akustikkopplers. Man musste den Telefonhörer auf den Akustikkoppler fest auflegen und diesen mit dem Rechner verbinden. So konnte ich mich in Mailboxen einwählen und erste Schritte im Datennetz machen. Weil meine Eltern genervt waren, dass ich zu Hause die Leitung blockierte und zudem enorm Gebühren verursachten, suchte ich einen Ausweg. In meiner Heimatstadt Fürstenfeldbruck gab es das Kaufhaus X und davor eine gelbe Telefonzelle. Ich versorgte mich mit Unmengen von 10 und 50 Pfennig-Münzen, packte eine Kabeltrommel, mein Macintosh PowerBook und meinen Akustikkoppler ein und radelte zu dieser Telefonzelle. Da der Akku des PowerBooks nicht lange hielt, fragte ich im Laden, ob ich Strom bekommen könnte und schloss mein System in der Telefonzelle an. In den 1980er-Jahren war der Betrieb von selbst gebauten Akustikkopplern im Telefonnetz der Deutschen Bundespost illegal und mit hohen Geldstrafen belegt, aber ich wurde nie erwischt. Den illegalen Akustikkoppler besorgte mir ein Schulfreund, der in der IT-Szene deutlich tiefer verwurzelt war als ich. Der Akustikkoppler der Deutschen Bundespost kostete ein Vermögen, das ich aber bereits für Apple Hardware ausgegeben hatte.
So saß ich an manchen Wochenenden in dieser Telefonzelle. Andere Leute, die telefonieren wollten, hatten keine Chance. Sie mussten sich ein anderes Häuschen suchen. Ich sah auch irgendwie offiziell in meiner Telefonzelle aus mit den ganzen Kabel und der Kabeltrommel.
Ende Januar 2023 werden dann die Telefonkarten abgeschaltet. Ich hatte mir mal überlegt, ob ich Telefonkarten sammeln sollte. Dieser Kelch ist an mir vorüber gegangen. Ich habe Karten aufgehoben, aber nicht professionell gesammelt. Ob ich etwas von Wert habe, weiß ich nicht.
Nachdem ich im Moment Pink Floyds geniales Album Animals höre, stattete ich den blauen Schafen vor dem Rathaus meines Wohnorts Maisach einen Besuch ab.
Die Kunstinstallation Blaue Schafe von Rainer Bonk stehen im Rathausgarten und sind sehr schön anzusehen. Diese Blauen Schafe möchten Denkanstöße geben, auf das Verbindende hinweisen und für ein friedliches Miteinander und Toleranz werben – auf der Basis von Wertschätzung des Anderen.
Und nein: Die Schafe sind kein Symbol für die Corona-Maßnahmen. Gegner und Schwurbler bezeichneten die Masse der Bevölkerung als Schafe, die endlich aufwachen müssten. Das ist nicht gemeint.
Als serielles Kunstwerk wurde das Blauschaf vom Aktionskünstler Rainer Bonk 2001 geschaffen. Im Rahmen einer europaweiten Ausstellungstour wirbt die „Blaue Herde“ für eine tolerante Geisteshaltung. Die Signalfarbe Blau steht für das Verbindende – es ist die Farbe der EU, der UNO sowie von UNESCO und Unicef.
Anfangs standen die Schafe als Kunstwerk im Rathausgarten. Mittlerweile sind sie mit einem kleinen, niedrigen Weidezaun eingezäunt. Wahrscheinlich damit sich kein Kind auf das Kunstwerk setzt.
Gerade noch konnte ich die Ausstellung von Fujiko Nakaya im Haus der Kunst in München erleben. Immer wieder kam was dazwischen und am letzten Ausstellungstag Ende Juli konnte ich die famose Installation Nebel Leben erleben. Ich hätte mich wahnsinnig geärgert, dieses Ereignis verpasst zu haben.
Fujiko Nakaya wurde 1933 in Sapporo / Japan geboren. 1957 schloss sie hr Kunststudium an der Northwestern University in Illinois / USA ab. Anschließend studierte sie Malerei in Paris und Madrid. 1960 kehrte sie nach Tokio zurück, wo sie bis heute lebt und arbeitet. Neben Malerei, Zeichnung und Video umfasst ihr Werk über 90 Nebelskulpturen, mit denen sie traditionelle Vorstellungen von Skulptur infrage stellt.
Die Videoinstallationen im Haus der Kunst waren interessant, aber die Nebel-Installation war einfach grandios.
Installation Pond (1976) Faszinierend, was mit der Videotechnik von 1976 möglich war. Heute wäre es eine klassische Cloud-Tcehnologie. In der damaligen Closed-Circuit-Installation Pond von 1976 wird das stetige Tropfen zum Symbol für Kontinuität und das ewige Fortschreiten der Zeit. Zwei Kameras übertragen Bilder in Echtzeit, die sich in nur einem Monitorbild überlagern: Eine Kamera filmt die Gesichter der Betrachter, die in den Monitor schauen, die andere überträgt das Bild der Wellen, die stetig herabfallende Tropfen in einem Wassereimer schlagen.
Das Abbild der Betrachter wird eins mit dem fiktiven Wasser-Spiegel im Monitorbild. Die visuelle Erfahrung ähnelt der Reflexion des Himmels in einer Pfütze, wobei realer und virtueller Raum auf einer Ebene erscheinen. Nakayas Installation zeigt die Dualität zwischen Welt- und Selbstbeobachtung auf und schafft eine sensorische Spannung zwischen der Immaterialität des virtuellen und der Materialität des realen Körpers. Die Besu cher innen sind Betrachter innen, aber gleichzeitig wesentlicher Bestandteil der Installation.
Das Highlight: Der Nebel Im Zentrum der Ausstellung im Haus der Kunst stand aber der Nebel. In einem Rhythmus von einer halben Stunde wurde in einem großen Raum die Installation präsentiert. Ich war so angetan, dass ich mich in drei Durchläufen inspirieren ließ – jede Installation von einer anderen Ecke des Raumes und einmal im Zentrum. Entstanden sind daraus drei unterschiedliche VR 360 Grad Aufnahmen, die nicht nur die Installionen von Fujiko Nakayas Nebelskulpturen zeigen, sondern die Reaktionen des staunenden Publikums. Natürlich waren vor allem die Kinder vom heraufsteigenden Nebel begeistert.
Der Nebel haute mich um Fujiko Nakayas Nebelskulpturen sind natürlich und künstlich zugleich. Der Nebel besteht aus purem Wasser, das unter hohemDruck aus winzigen Düsen spritzt. Diese sind mit mikroskopisch kleinen Stiften ausgestattet, die das Wasser in ultrafeine Tröpfchen zerstäuben. Durch die Anordnung und Intervalle der Düsen choreographiert Nakaya die Form ihrer Nebelskulpturen. Dabei ist sie sich bewusst, dass die Natur und die Umgebung Einfluss auf die Skulptur nehmen und umgekehrt. Der Nebel verdunstet schließlich und wird draußen Teil des natürlichen Wasserkreislaufs.
Im Innenraum wird er von großen Wasserbecken aufgefangen. Jeder Skulptur ging eine intensive Planungsphase voraus, so das Haus der Kunst. Systematisch erforscht Nakaya die meteorologischen Daten vor Ort wie Luftfeuchtigkeit, Windrichtung und -geschwindigkeit sowie Temperatur. Die jeweilige Umgebung ist nicht nur Ausstellungsraum, sondern ein Ort, der mit dem Kunstwerk interagiert.
Für mich erweiterte ich das Kunstwerk. Als Banause probierte ich etwas aus und spielte mir den Score von John Carpenters The Fog – Nebel des Grauens via AirPods ein. Die Musik von Nakaya war experimentale Klangmusik, die wunderbar gewirkt hatte. Ich versuchte es mit den Synthi-Klängen von Carpenter, die auch eine starke Wirkung auf mich als Filmfan hatte. So wurde das Kunstwerk für mich greifbar. Ich hing meinen Gedanken nach und bin dankbar für diese Erfahrung.
Wer nach Würzburg kommt, der stellt vor allem fest: Diese Stadt hat Kirchen, ganz viele Kirchen. Eine Besonderheit ist hier die Marienkapelle. Es ist eine bürgerliche Kirche, das bedeutet, sie wurde von einem aufstrebenden Bürgertum in Auftrag gegeben und nicht von der Kirche.
Daher ist der gotischer Kirchenbau auch nur eine Kapelle. Trotz ihrer Größe ist sie kirchenrechtlich eine Kapelle, da der von der Bürgerschaft errichtete Bau nicht mit pfarrkirchlichen Rechten ausgestattet wurde. Die Architektur der rot-weißen Marienkapelle ist eine hauptsächlich in der Spätgotik verbreitete Mischform zwischen Basilika und Hallenkirche. Die Kirche steht auf den Ruinen der ehemaligen Synagoge, nachdem die Würzburger die Juden im Mittelalter aus der Stadt vertrieben haben und ein Pogrom an der jüdischen Bevölkerung verübten.
Interessant für mich war das Südportal am Marktplatz. Dort sind die zwölf Apostel aus der Werkstatt von Tilman Riemenschneider zu sehen. Der Meister selbst schuf die beiden Figuren Adam und Eva – die Originale sind heute in der Veste Marienberg im Museum für Franken.
Und eben diese Figuren Adam und Eva sind kunstgeschichtlich etwas Besonderes. Es werden nackte junge und unsichere Figuren gezeigt. Nicht wie sonst im Mittelalter ein Adam mit langem Bart und in Fell gekleidet. Die Sandsteinfiguren Adam und Eva am Südportal sind heute Kopien des Werks von Tilman Riemenschneider, der 1490 vom Stadtrat einen der letzten großen Aufträge in der Tradition der Kathedralskulptur erhielt. Der Stadtrat forderte von ihm eine „meysterliche“, sprich eigenhändige Fertigung.
Die Mühsal des irdischen Lebens sieht man den Figuren Adams und Evas von Tilman Riemenschneider nicht an. „Jugendlich und unschuldig erscheinen sie, weich modelliert, mit sanftmütigen, von gelockter Haarpracht gerahmten Gesichtern und labilen Stand wirken sie wie aus einer anderen Welt“, so das Museum für Franken. Die Aktfiguren sind nicht anatomisch korrekt gestaltet, es sind Idealgestalten. Es sind auch Bauchnabel vorhanden, was natürlich der Bibel widerspricht. Adam aus Lehm geschaffen und Eva aus der Rippe Adams geschaffen.
Das Darben hat ein Ende. Die ARTMUC, eine der schönsten Kunstevents in München, hat nach Corona an diesem Wochenende wieder auf der Praterinsel geöffnet. Neben mehr als 75 Künstler aus ganz Europa stellen auch 25 Galerien und internationale Projekte in den Räumen aus. Auf Einladung des PresseClubs München durfte ich die Ausstellung einen Tag vor Eröffnung besichtigen und ich habe gemerkt, wie sehr mir Kunst und damit neue Ideen gefehlt haben. Hier ein Interview von mir mit dem Veranstalter Raiko Schwalbe.
Die ARTMUC positioniert als Entdeckermesse und Verkaufsplattform für zeitgenössische Kunst, die man sich auch leisten kann. „Der Kunstmarkt hat trotz einzelner Auktionsrekorde nach wie vor mit einer hohen Volatilität zu kämpfen. Das Positive daran ist jedoch, dass alle Protagonisten selbst aktiv werden und neue Wege und Ansätze für eine eigene Präsentation und Vermarktung entwickeln – darauf setzen wir u.a. mit unserem DIGITAL.LAB Projekt.“, erklärt der Veranstalter Raiko Schwalbe. Hier ein kleiner Rundgang in VR 360 Grad. Leider harmoniert die Framerate der Kamera nicht unbedingt mit der Beleuchtung der Ausstellungsräume – ein Manko vieler Galerien.
360 Grad Rundgang durch einen Teil der Ausstellung
Die rein weibliche Jury mit Dörthe Bäumer, Uta Römer und Anabel Roque Rodríguez hat eine beeindruckende Auswahl an Künstlern getroffen. Beim Gang durch die Ausstellungsräume traf ich auf eine Palette unterschiedlicher Richtungen. Sofort kam die Neugierde vermischt mit Inspiration auf.
Kunst aus der Ukraine von Katia Vozianov
Kunst aus der Ukraine von Katia Vozianov
Natürlich darf heute auch das Thema Ukraine-Krieg nicht fehlen. Die ARTMUC unterstützt bei der aktuellen Ausgabe zwei Kunstprojekte aus der Ukraine mit freien Flächen: die Galeristin Katia Vozianova von der Galerie Teskh und die Künstlerin Irina Fedorenko, beide aus Kiew. Vor dem Fall von Mariupol packte Katia Vozianova noch einige Bilder zusammen, verstaute sie in Rollen und brachte sie nach München.
Die Fliege von Brandy Brandstätter
Die Fliege von Brandy Brandstätter
Bei verschiedenen Künstler blieb ich länger stehen, weil die Werke mich auf die eine oder andere Art ansprachen. Humorvoll war die Fliege von Brandy Brandstätter. Es handelt sich um eine Kuh in Originalgröße von 2019, die mit 50.000 Maiskörner beklebt wurde. Gezählt habe ich die Körner nicht, wohl aber die Fliege auf der Nase der Kuh.
Hong Kong Noon I von Martin Köster
Hong Kong Noon I von Martin Köster (rechts unten).
Immer wieder habe ich die Bilder von Martin Köster gesehen und bewundert. Auf der ARTMUC habe ich endlich am Stand der Galerie an der Zitadelle die Bilder im Original gesehen und sie haben mich umgehauen. Marita Loren hat vier Bilder von Köster dabei, darunter Hong Kong Noon I. Ich habe mich sofort (in das Bild) verliebt. Martin Köster hat seine Faszination für Städte und seine Liebe für die Symmetrie in seinen Bildern vereint. Seine Öl-auf-Holz-Gemälde zeigen Stimmungen von typischen Stadtlandschaften, wo Menschen auf engstem Raum zusammenleben, aber doch einsam/fremd bleiben, wo Gebäude gleich und symmetrisch wirken, aber abstrahiert dargestellt sind.
Schalen und blauer Engel von Isabel Ritter
Beim Streifzug durch die Ausstellung blieb ich an den Bronzeskulpturen von Isabel Ritter stehen. Sie macht in Schalen: Bananenschalen, Orangenschalen, Zitronenschalen und mehr. Humorvoll und wunderschön anzusehen. Aber Isabel Ritter hat mich auch fasziniert mit ihrer Skulptur Blue Angel, die auch als digitaler Zwilling im Bereich digitale Kunst zu sehen und zu erfahren ist.
MODERN.POP.RAM von Fabian Seifried
MODERN.POP.RAM von Fabian Seifried
Fabian Seifried aus München faszinierte mich mit seinen Geweihen im Rahmen von KunstWild. Hier trifft sich Kunst und Tradition. Entstanden ist die Idee aus dem Nachlass der Grosseltern und der damit verbundenen schönen Erinnerungen. KunstWild soll Spass machen und positive Gefühle wecken. Manche Objekte passen einfach nicht in einem Rahmen. Sie brauchen Platz um von allen Seiten bewundert zu werden. Diese Blickfänge stehen auf soliden Metallständern und strahlen im natürlichen Sonnenlicht genauso schön wie in gemütlichem Kunstlicht. MODERN.POP.RAM war ein tolles Geweih in Pop-Art-Design.
Hunter & Prey von Tobias Frank
Hunter & Prey von Tobias Frank
Als Anime-und Cosplayer-Fan fiel mir sofort Hunter & Prey von Tobias Frank auf. Der aus München stammende Künstler zeigt viel Humor und hat wohl in diesem Bild seine Erfahrungen in Japan einfließen lassen. Das Bild hat mich spontan begeistert.
Und weitere Eindrücke von der sehenswerten ARTMUC.
Beim Herumschlendern in Augsburg traf ich auf eine Ausstellung, die genau meine Stimmung widerspiegelte. Ich blickte durch die Fenster der neuen Galerie im Höhmannhaus und sah die interessanten Bilder von Kerstin Skringer. Wanderers lautet die Ausstellung, die noch bis 13. Februar 2022 zu sehen ist. Die Werke zeugten von einer enormen Emotionalität und trafen genau die Stimmung an diesem Tag.
Ich trat ein. Bis auf die freundliche Aufpasserin war kein Interessierter in den großartigen Räumen der Galerie, die ich als Nichtaugsburger bisher nicht kannte. Das Werk von Skringer erinnert mich an den Südafrikaner Philip Barlow. Unschärfe überall. Während Barlows Bilder eine warme Unschärfe ausstrahlen, ist sie bei Kerstin Skringer eher kalt. Vor allem ihre Reihe Pure White Snow haben es mir angetan.
Ich lese: „Die Motive ihrer Bilder sucht und findet Kerstin Skringer beim Schlendern durch Städte oder Spaziergängen in der Natur. Hier hat sie ein fokussiertes Auge für Licht-Reflexen, Mehrfach- Spiegelungen und Durchsichten von Glasscheiben oder vergleichbaren Effekten, die durch künstliches oder natürliches Licht ausgelöst werden. Derart verklärende Vielschichtigkeiten überträgt sie in vielen übereinanderliegenden Schichten in ihre Malerei. Kompositionen entstehen dann durch Überlagerungen von dünnen, durchlässigen Farbschichten, die Motive sind oft schon in den beobachteten Effekten abstrahiert. Malerisch verfremdet sie diese Motive immer weiter, um ein am Ende für sie stimmiges Bild zu schaffen.“ Ich muss zugeben, die ausgestellten Bilder haben mich angesprochen. Ich bin gerne vor ihnen gestanden und ließ mich auf sie ein. Vor meinem geistigen Auge wurden die Motive klarer. Als ich noch Musik über die AirPods anmachte, da versank ich in dem einen oder anderen Bild. Und genau diese Stimmung wollte die Künstlerin wohl erreichen. „Das Diffuse, das Unklare ist Thema der Malerei von Kerstin Skringer. Oft zeigen ihre Bilder eine beunruhigende Stille. Die Unschärfe ist für sie ein zentrales Gestaltungsmerkmal. Dadurch werden nicht nur banale Beobachtungen ästhetisiert sondern den Betrachtenden selbst gedanklicher Spielraum für die eigene Wahrnehmung geboten.“
Weiter lese ich: „Kerstin Skringers Malerei wirkt bisweilen wie eine mit Unschärfe arbeitende Fotografie. Dieses virtuose, rein malerisch erzeugte Wechselspiel zeichnet ihren technisch ebenso herausragenden, wie künstlerisch eigenständigen Stil und Ansatz aus. Das Wort „Wanderers“ umschreibt im Englischen ziellos umherstreunende Menschen, die sich gelegentlich vielleicht auch auf Irrwege führen lassen. Skringer nimmt den Betrachtenden gern auf Wege des Beobachtens mit, bei denen wir selbst die Erkundenden sind.“
Auf der Website der Künstlerin, die wohl derzeit in Gauting lebt, sind ihre Bilder zu sehen und ihre Vita nachzulesen.