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Buchkritik: Japan – Die Monsterinsel von Jörg Buttgereit

4. August 2026

Weil ich ja noch nicht genug Bücher über Godzilla habe, bestellte ich mir vor längerer Zeit die Neuauflage des Buches Japan – die Monsterinsel. Jörg Buttgereit, Insider des deutschen Extremkinos werden ihn kennen, hat seine Neuauflage in den Vertrieb gebracht.


Dieses Mal wollte ich mit von der Partie sein, denn die Erstauflage war schnell vergriffen. Also bestellte ich beim Autoren direkt. Jörg Buttgereit war so nett mir sein Buch mit den Worten „mit monströsen Grüßen“ zu signieren. Der Mann hat einfach Humor.
Ich schmökerte in dem Buch, schaute mit gleichzeitig ein paar Filme aus der Criterion-Kollektion an und freute mich über unser aller japanisches Monster. Wenn ich ehrlich bin, haben mich am meisten die Interviews in dem Buch begeistert. Und Jörg Buttgereit schaffte es, Klarheit und Struktur in die zahlreichen Monsterfilme zu bringen, die bei uns mit unterschiedlichen und zum Teil grausamen Verleihtiteln liefen.

Mit „Japan – Die Monsterinsel“ legt der Berliner Filmemacher, Autor und Filmhistoriker Jörg Buttgereit weit mehr als einen klassischen Reiseführer vor. Das Buch ist eine ebenso kenntnisreiche wie leidenschaftliche Entdeckungsreise durch die Welt der japanischen Monsterfilme und zugleich eine persönliche Liebeserklärung an ein Land, dessen Popkultur seit Jahrzehnten Generationen von Filmfans fasziniert. Wer eine nüchterne Abhandlung über Godzilla und seine Verwandten erwartet, wird überrascht sein. Buttgereit verbindet Filmgeschichte, Kulturwissenschaft, Reisebericht und autobiografische Erinnerungen zu einem ebenso unterhaltsamen wie informativen Werk.

Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass hier kein distanzierter Beobachter schreibt. Buttgereit gehört seit seiner Jugend zu den profiliertesten deutschen Kennern des japanischen fantastischen Films. Seine Begeisterung für Godzilla, Gamera, Daimajin oder Mothra wirkt niemals aufgesetzt, sondern authentisch gelebt. Gerade diese persönliche Perspektive macht den besonderen Reiz des Buches aus. Der Autor nimmt seine Leser mit auf Reisen durch Tokio, Kyoto, Osaka und zahlreiche weitere Orte, die unmittelbar mit der Geschichte des japanischen Monsterkinos verbunden sind. Dabei entdeckt er Filmstudios, Museen, Schauplätze berühmter Produktionen und kleine, oft versteckte Erinnerungsorte, die selbst eingefleischten Japanreisenden häufig unbekannt bleiben.

Doch „Japan – Die Monsterinsel“ ist weit mehr als ein Reisetagebuch. Buttgereit erklärt die Entstehung der japanischen Monsterfilme stets vor ihrem historischen Hintergrund. Besonders eindrucksvoll schildert er die Verbindung zwischen dem Trauma der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki und der Geburt Godzillas im Jahr 1954. Das Monster erscheint dabei nicht nur als zerstörerisches Wesen, sondern auch als Sinnbild der Angst vor nuklearer Vernichtung und den Folgen menschlicher Hybris. Gerade diese kulturhistorischen Einordnungen verleihen dem Buch eine bemerkenswerte Tiefe.

Besonders gelungen ist, wie selbstverständlich Buttgereit zwischen Filmgeschichte und Alltagskultur wechselt. Ein Spaziergang durch ein Tokioter Stadtviertel führt plötzlich zu einer ausführlichen Betrachtung der Toho-Studios. Ein Besuch in einem Restaurant entwickelt sich zu einer Reflexion über die Bedeutung japanischer Popkultur im Westen. Diese Wechsel verleihen dem Buch einen lebendigen Rhythmus. Es wirkt nie wie ein wissenschaftliches Sachbuch, sondern vielmehr wie eine spannende Unterhaltung mit einem enthusiastischen Experten.

Auch filmhistorisch bietet das Werk eine enorme Informationsfülle. Buttgereit spannt den Bogen von den ersten Kaiju-Filmen der Nachkriegszeit über die goldene Ära der 1960er-Jahre bis hin zu modernen Produktionen wie Shin Godzilla. Dabei verliert er sich nie in bloßen Aufzählungen oder Fanwissen. Vielmehr gelingt es ihm, Entwicklungen verständlich einzuordnen und die Besonderheiten der einzelnen Filme herauszuarbeiten. Selbst Leser, die bisher nur Godzilla kennen, erhalten einen hervorragenden Überblick über das vielfältige Monsteruniversum Japans.

Stilistisch überzeugt Buttgereit durch eine angenehm unprätentiöse Sprache. Er schreibt kenntnisreich, humorvoll und mit feiner Ironie, ohne jemals belehrend zu wirken. Seine Begeisterung ist in jeder Zeile spürbar, gleichzeitig wahrt er stets den nötigen kritischen Abstand. Auch schwächere Filme oder touristische Klischees spart er nicht aus. Gerade diese Ehrlichkeit macht seine Beobachtungen glaubwürdig.

Besonders reizvoll ist die Fülle an Fotografien, Hintergrundinformationen und persönlichen Anekdoten. Sie verleihen dem Buch eine hohe Anschaulichkeit und laden immer wieder dazu ein, einzelne Kapitel mehrfach zu lesen oder für eine eigene Japanreise als Inspirationsquelle zu nutzen. Das Werk richtet sich daher nicht ausschließlich an Filmfans. Auch kulturinteressierte Leser oder Japanreisende finden zahlreiche spannende Einblicke in die Verbindung zwischen Mythologie, Moderne und Popkultur.

Natürlich setzt Buttgereit an einigen Stellen ein gewisses Grundinteresse an japanischen Monsterfilmen voraus. Wer mit Godzilla oder den Kaiju überhaupt nichts anfangen kann, dürfte nicht jede Leidenschaft des Autors teilen. Doch selbst dann bleibt das Buch aufgrund seiner kulturhistorischen Perspektive und der lebendigen Reisebeschreibungen lesenswert.

Mit „Japan – Die Monsterinsel“ ist Jörg Buttgereit für mich ein außergewöhnliches Buch gelungen. Es verbindet Filmgeschichte, Kulturreportage und persönliche Reiseerlebnisse auf eine Weise, die ebenso informativ wie unterhaltsam ist. Vor allem aber macht es Lust, Japan selbst zu entdecken – und die Monster nicht nur als Filmfiguren, sondern als festen Bestandteil der japanischen Identität und Popkultur zu verstehen. Für Fans des fantastischen Films gehört dieses Werk ohnehin zur Pflichtlektüre. Für alle anderen ist es eine faszinierende Einladung, einen ungewöhnlichen Blick auf eines der spannendsten Kulturländer der Welt zu werfen.

Filmkritik: Kraken – Wenn der Kraken aus den Tiefen erwacht – Norwegens beeindruckende Monster-Antwort auf Godzilla

23. Juli 2026

Mit Kraken wagt sich das norwegische Kino an ein Genre, das in Skandinavien bislang eher selten besetzt ist: den klassischen Monsterfilm. Regisseur Pål Øie verbindet die uralte Legende des Kraken mit den spektakulären Landschaften des Sognefjords und schafft damit eine atmosphärisch dichte Kulisse, die dem Film einen unverwechselbaren nordischen Charakter verleiht. Als Godzilla-Fan musste ich mir die Film natürlich reinziehen und bin sehr angetan. Bitte den Film nicht verwechseln mit dem russischen Film gleichen Titels.

Besonders gelungen sind die beeindruckenden Naturaufnahmen und die visuelle Umsetzung des titelgebenden Seeungeheuers. Für eine europäische Produktion dieser Größenordnung können sich die Spezialeffekte durchaus sehen lassen und sorgen immer wieder für starke Kinomomente.

Darüber hinaus versucht Kraken mehr zu sein als reine Monster-Unterhaltung. Die Handlung greift Themen wie Umweltzerstörung und menschliche Eingriffe in empfindliche Ökosysteme auf und verleiht dem Film damit eine aktuelle gesellschaftliche Ebene. Dieser Ansatz sorgt dafür, dass die Geschichte über die reine Jagd auf ein Seeungeheuer hinausgeht.

Zwar bleiben einige Figuren und Handlungselemente etwas schematisch, und nicht jede dramaturgische Entscheidung entfaltet die gewünschte Wirkung. Dennoch überzeugt Kraken durch sein hohes Tempo, seine Atmosphäre und den Mut, norwegische Mythologie mit modernem Creature-Horror zu verbinden. Wer sich auf ein spannendes Monsterabenteuer vor spektakulärer Fjordkulisse einlässt, wird hier gut unterhalten.

Insgesamt ist Kraken ein ambitionierter Genrebeitrag, der zeigt, dass große Monster nicht nur in Hollywood und Japan ihr Unwesen treiben können. Mit seiner Mischung aus nordischer Mythologie, Naturgewalt und Umweltbotschaft bietet der Film kurzweilige Unterhaltung und setzt zugleich einen interessanten Akzent im europäischen Genrekino.

Comic-Kritik: Pacific Rim – Geschichten aus dem Jahr Null

20. Juli 2026

Bein Aufräumen entdeckte ich als Godzilla-Fan den Comic Pacific Rim – Geschichten aus dem Jahre Null, der 2013 erschienen ist. Ich hatte ihn mir damals gekauft und ungelesen ins Archiv gestellt, fragt nicht warum. Jetzt fiel er mir wieder in die Hände und kopfschüttelnd über meine Vergesslichkeit freute ich mich auf eine monstermäßige Lektüre. Leider ist der Comic ausverkauft, aber vielleicht findet ihr ihn noch auf Flohmärkten oder Börsen.

Ich sag es gleich: Ich mag die Monsterfilme, die Comics und die Scores – allen voran die Godzilla-Filme. Als die Pacific Rim-Filme ins Kino kamen, genoss ich das Pop Corn-Kino mit viel Action. Der vorliegende Comic ist eine Geschichte aus dem Jahre Null, also die offizielle Vorgeschichte zum damaligen Filmevent.

Guillermo del Toros Pacific Rim war nie nur ein Film über riesige Roboter und gigantische Monster. Hinter den spektakulären Kämpfen gegen die Kaiju steckte eine überraschend ernsthafte Geschichte über Opferbereitschaft, Zusammenarbeit und den Überlebenswillen der Menschheit. Genau dort setzt der Comic Pacific Rim – Geschichten aus dem Jahr Null an. Anstatt lediglich bekannte Actionszenen nachzuerzählen, erweitert die offizielle Vorgeschichte das Universum sinnvoll und verleiht vielen Figuren und Ereignissen zusätzliche Tiefe. Der Band wurde von Drehbuchautor Travis Beacham gemeinsam mit Guillermo del Toro entwickelt und erzählt die Entstehung des Jaeger-Programms sowie die ersten Jahre des Kampfes gegen die Kaiju.

Besonders gelungen ist die erzählerische Struktur. Die Handlung folgt nicht einer klassischen Actiongeschichte, sondern nutzt Interviews und Rückblicke verschiedener Figuren, um den Beginn der Kaiju-Invasion aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten. Dadurch entsteht fast der Eindruck einer dokumentarischen Chronik der Apokalypse. Die politischen Diskussionen um den Bau der Jaeger, die technischen Probleme der ersten Maschinen und die psychologischen Belastungen der Piloten erhalten deutlich mehr Raum als im Film. Gerade diese ruhigeren Momente machen den Comic überraschend stark, weil sie den gigantischen Materialschlachten ein menschliches Fundament verleihen.

Die Zeichnungen stammen von mehreren Künstlern, darunter Sean Chen, Yvel Guichet und Pericles Junior. Trotz der unterschiedlichen Handschriften wirkt der Band erstaunlich homogen. Die Kaiju besitzen eine beeindruckende Wucht und Größe, während die Jaeger glaubwürdig als tonnenschwere Maschinen inszeniert werden. Die Farbgebung unterstützt den oft düsteren Grundton, ohne die Übersichtlichkeit der Action zu beeinträchtigen. Besonders in den großformatigen Panels wird deutlich, wie gut sich das monumentale Design des Films in das Medium Comic übertragen lässt.

Erfreulich ist zudem, dass sich Geschichten aus dem Jahr Null nicht allein auf spektakuläre Kämpfe verlässt. Die eigentlichen Gegner sind häufig Angst, Zweifel und persönliche Traumata. Der Comic zeigt eindrucksvoll, dass die Menschheit nicht nur gegen die Kaiju kämpfen muss, sondern auch gegen politische Trägheit, technische Rückschläge und menschliche Schwächen. Dadurch gewinnt die Geschichte eine emotionale Dimension, die vielen Filmadaptionen als Comic fehlt.

Kleinere Schwächen ergeben sich aus der episodischen Erzählweise. Manche Figuren bleiben trotz der zusätzlichen Hintergrundinformationen etwas blass, und durch die wechselnden Zeichner verändert sich der visuelle Stil gelegentlich spürbar. Wer ausschließlich pausenlose Monsterkämpfe erwartet, dürfte zudem überrascht sein, wie viel Platz Dialogen und Charakterentwicklung eingeräumt wird.

Gerade darin liegt jedoch die größte Stärke des Bandes. Pacific Rim – Geschichten aus dem Jahr Null versteht sich nicht als bloße Ergänzung zum Film, sondern als eigenständige Science-Fiction-Geschichte über den Beginn einer globalen Katastrophe. Der Comic erweitert die Mythologie sinnvoll, macht bekannte Figuren greifbarer und vertieft die Welt von Pacific Rim erheblich. Für Fans des Films gehört er nahezu zur Pflichtlektüre – und selbst Leser, die den Film nicht kennen, erhalten eine spannende Mischung aus Militär-Science-Fiction, Katastrophendrama und klassischem Kaiju-Abenteuer.

Pacific Rim – Geschichten aus dem Jahr Null ist einer der gelungensten Film-Prequel-Comics der vergangenen Jahre. Statt sich in reiner Action zu verlieren, erzählt der Band von den Anfängen einer Menschheit im Ausnahmezustand und schafft es, den Mythos der Jaeger mit glaubwürdigen Figuren und einer überraschend vielschichtigen Handlung zu bereichern. Wer Guillermo del Toros Vision liebt, findet hier eine ebenso spannende wie atmosphärische Ergänzung zum Film.

Maisacher Gespräche zur Popkultur: Die dunkle Poesie der Filmmonster

16. Juni 2026

Filmungeheuer begleiten das Kino seit seinen Anfängen. Ob Golem, Nosferatu, Dracula, Frankensteins Kreatur, die Mumie oder moderne Kaiju wie Godzilla – hinter den Gestalten des Schreckens verbergen sich Projektionen unserer Ängste, Wünsche und gesellschaftlichen Konflikte. In meinem Maisacher Gesprächen zur Popkultur werde ich am Mittwoch von 18-20 Uhr in der Maisacher Gemeindebücherei über die dunkle Poesie der Filmmonster sprechen. Der Eintritt ist kostenlos.

In frühen Stummfilmen wie Paul Wegeners „Der Golem, wie er in die Welt kam“ (1920) wurde ein jüdischer Mythos auf die Leinwand übertragen, in dem ein Wesen aus Lehm das Ghetto vor der Vertreibung schützt und damit eine Emanzipations‑Fantasie gegen jahrhundertelange Unterdrückung verkörpert . Murnaus „Nosferatu“ (1922) interpretierte Bram Stokers Roman ohne Genehmigung, doch die düstere Gestalt des Grafen Orlok prägte das Bild des Vampirs bis heute. Monster erwiesen sich damals schon als „schaurig‑schöner Gegenentwurf zum Menschen“; sie verkörpern Angst, können aber auch reizend oder komisch sein.
Die Faszination des Monströsen beruht auf einem doppelten Gefühl: Angst vor dem Zusammenbruch der eigenen Ordnung und zugleich Neugier auf das Andere. Monster brechen in die vernünftige Ordnung des Menschen ein und werden deshalb als Bedrohung empfunden; gleichzeitig reizt das Andere, weil es gegen den Zwang zur Vernunft rebelliert und menschliche Anteile ausdrückt. Klassische Figuren lassen sich anhand ihrer Abweichungen erkennen:

Dracula kann an Wänden kriechen, erneuert sich durch Blut und bewohnt einen Sarg in einem marginalisierten Schloss; Frankenstein erschafft ein Wesen aus Leichenteilen, dessen Gestalt erschreckt und fasziniert, weil es trotz hässlicher Erscheinung sprechen kann und Leidensfähigkeit zeigt. King Kong, das erste eigens für den Film erfundene Monster, ist zu groß und zu stark für einen normalen Gorilla. In diesen körperlichen Abweichungen spiegelt sich die Angst vor dem Verstoß gegen natürliche Grenzen – zugleich aber auch eine Verlockung, die Norm zu verlassen.
In meinem Vortrag werde ich zahlreiche Klassiker der Filmgeschichte vorstellen und nehme die Zuschauer mit auf eine unterhaltsame Reise durch die Welt der Filmmonster.