Posts Tagged ‘Astronomie’

Meine Vinyl im Juli 2026

31. Juli 2026

Vinyl erlebt seit Jahren eine bemerkenswerte Renaissance. Für viele Musikliebhaber ist die Schallplatte weit mehr als ein Tonträger – sie ist ein bewusstes Musikerlebnis. Das große Cover lädt zum Betrachten ein, das Auflegen der Platte wird zu einem kleinen Ritual und der warme, analoge Klang vermittelt vielen Hörern eine besondere Nähe zur Musik. Während Streaming unbegrenzten Zugriff auf Millionen von Songs bietet, steht Vinyl für Entschleunigung und Wertschätzung: Man hört ein Album oft bewusst von Anfang bis Ende. Zudem sind Schallplatten begehrte Sammlerstücke, deren Gestaltung und Haptik den Musikgenuss um eine greifbare Dimension erweitern.

Shadow Kingdom von Bob Dylan
Mit über 80 Jahren blickte Bob Dylan nicht einfach auf seine Klassiker zurück – er zerlegte sie, arrangierte sie neu und schuf mit Shadow Kingdom eines der ungewöhnlichsten Projekte seiner späten Karriere. Das Werk ist weder ein klassisches Livealbum noch eine gewöhnliche Neuaufnahme. Es ist eine künstlerische Neuinterpretation des eigenen Schaffens und zeigt, dass Dylans Musik auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung wandelbar bleibt.

Als Shadow Kingdom im Juli 2021 erstmals als Streaming-Event erschien, erwarteten viele Fans ein gewöhnliches Konzert. Tatsächlich präsentierte Regisseurin Alma Har’el einen stilisierten Schwarz-Weiß-Film, der Bob Dylan in einer zeitlosen, fast surrealen Bar-Atmosphäre zeigte. Die Musiker traten maskiert auf, Statisten bevölkerten den Raum, und die Inszenierung erinnerte eher an einen Film noir als an einen klassischen Konzertmitschnitt.

Die Musik war jedoch keine Liveaufnahme vor Publikum. Stattdessen entstanden die Stücke zuvor im Studio und wurden für den Film verwendet. Im Juni 2023 erschien schließlich der gleichnamige Soundtrack als eigenständiges Album mit 14 Titeln, darunter 13 neu eingespielte Dylan-Klassiker sowie das Instrumentalstück „Sierra’s Theme“.

Der besondere Reiz von Shadow Kingdom liegt nicht in neuem Songmaterial, sondern in der radikalen Neubetrachtung alter Werke. Dylan verzichtet weitgehend auf die energiegeladenen Arrangements der Originale und setzt stattdessen auf ein reduziertes Klangbild.

Lieder wie „Tombstone Blues“, „Queen Jane Approximately“, „Forever Young“ oder „Watching the River Flow“ wirken langsamer, ruhiger und teilweise beinahe jazzig. Gitarren, Kontrabass, Akkordeon und dezente Streicher ersetzen den rockigen Druck früherer Versionen. Auffällig ist außerdem der nahezu vollständige Verzicht auf Schlagzeug, wodurch die Musik offen und intim wirkt.

Auch Dylans Stimme spielt eine zentrale Rolle. Während sie in den vergangenen Jahrzehnten häufig als rau oder brüchig beschrieben wurde, wirkt sie auf Shadow Kingdom überraschend kontrolliert und erzählerisch. Die Songs erhalten dadurch einen anderen emotionalen Schwerpunkt: Statt jugendlicher Rebellion stehen Erinnerung, Melancholie und Gelassenheit im Vordergrund.

Viele Künstler veröffentlichen im hohen Alter Neuaufnahmen ihrer größten Erfolge. Dylan verfolgt jedoch einen anderen Ansatz. Er versucht nicht, die Originale möglichst originalgetreu nachzubilden. Vielmehr behandelt er seine eigenen Lieder so, als wären sie traditionelle Folk-Songs, die sich mit jeder Generation verändern dürfen.

Dieses Prinzip begleitet seine Karriere seit Jahrzehnten. Auf Tourneen hat Dylan seine Songs regelmäßig so stark umarrangiert, dass sie teilweise kaum wiederzuerkennen waren. Shadow Kingdom führt diese Arbeitsweise konsequent fort und macht sie zum eigentlichen Konzept des Albums.

Dadurch entsteht kein nostalgischer Rückblick, sondern eine neue Perspektive auf bekannte Werke. Die Texte bleiben weitgehend erhalten, ihre Bedeutung verändert sich jedoch durch Tempo, Instrumentierung und Dylans heutige Stimme.

Neben der Musik trägt vor allem die visuelle Gestaltung zum Eindruck von Shadow Kingdom bei. Der Film verzichtet auf große Bühnen, Lichteffekte oder Publikumsreaktionen. Stattdessen dominiert eine künstliche, traumähnliche Welt aus Schatten, Rauch und wechselnden Figuren. Diese Inszenierung verstärkt den Eindruck, dass Dylan nicht auf einer Bühne steht, sondern durch Erinnerungen wandert. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen. Der Titel Shadow Kingdom – „Schattenreich“ – passt deshalb sowohl zur Bildsprache als auch zum musikalischen Konzept.

Die Musikkritik reagierte überwiegend sehr positiv. Gelobt wurden insbesondere die kreativen Neuarrangements sowie Dylans Fähigkeit, jahrzehntealte Songs mit neuer Bedeutung aufzuladen. Auf Metacritic erreichte das Album einen Metascore von 84 Punkten und erhielt ausschließlich positive Kritiken. Auch unter Fans entwickelte sich Shadow Kingdom zu einem Diskussionsobjekt. Während viele die ruhige, intime Atmosphäre und die neuen Interpretationen schätzen, vermissen andere die Energie der Originalaufnahmen oder sehen das Album eher als Begleitwerk zum Film. In Fan-Foren wird zudem häufig darüber diskutiert, ob es sich eher um ein Studioalbum, einen Soundtrack oder ein verkleidetes Livealbum handelt – ein Zeichen dafür, dass sich das Projekt bewusst einfachen Kategorien entzieht.

Shadow Kingdom nimmt innerhalb von Bob Dylans Diskografie eine Sonderstellung ein. Es enthält keine neuen Kompositionen, wirkt aber dennoch keineswegs wie eine klassische Best-of-Sammlung. Stattdessen zeigt es, wie konsequent Dylan seine eigene Musik immer wieder verändert und weiterentwickelt. Gerade im Kontext seiner späten Karriere fügt sich das Album logisch in sein Schaffen ein. Schon Werke wie Shadows in the Night oder Triplicate beschäftigten sich mit Neuinterpretationen bekannter Songs – allerdings stammten diese ursprünglich von anderen Komponisten. Auf Shadow Kingdom richtet Dylan diesen interpretatorischen Blick erstmals konsequent auf sein eigenes Werk.

Shadow Kingdom ist kein Album für Hörer, die möglichst originalgetreue Versionen von Dylans Klassikern erwarten. Es ist vielmehr eine künstlerische Reflexion über Erinnerung, Zeit und musikalische Veränderung. Die bekannten Songs erscheinen in einem völlig neuen Licht und beweisen, dass große Kompositionen nicht an eine einzige Aufnahme gebunden sind.

Gerade diese Offenheit macht das Album zu einem bemerkenswerten Spätwerk. Bob Dylan zeigt einmal mehr, dass Stillstand nie zu seinem Selbstverständnis gehörte. Selbst seine berühmtesten Lieder bleiben für ihn lebendige Werke, die sich mit jeder Lebensphase verändern dürfen.

Man on the Moon – Dr. Herbert Pichler (1969)

Man on the Moon von Dr. Herbert Pichler ist keine gewöhnliche Schallplatte und schon gar kein Musikalbum im klassischen Sinn. Vielmehr handelt es sich um ein einzigartiges Zeitdokument, das den historischen Flug von Apollo 11 und die erste bemannte Mondlandung in einer Mischung aus Originalaufnahmen, Kommentaren und dokumentarischer Aufbereitung festhält. Die 1969 veröffentlichte LP erschien bei Philips, enthält authentische NASA-Aufnahmen, ein aufwendig gestaltetes Klappcover sowie ein Poster mit Farbfotos der Mission und wurde unmittelbar nach der Mondlandung veröffentlicht.

Dr. Herbert Pichler, in Österreich als „Mondpichler“ bekannt, war Mediziner, Weltraummediziner und der prägende Fernsehkommentator der Apollo-Missionen im ORF. Seine Begeisterung für die Raumfahrt ist auf jeder Minute dieser Aufnahme spürbar. Anders als heutige Dokumentationen lebt Man on the Moon nicht von spektakulären Spezialeffekten oder nachträglicher Dramatisierung, sondern von der unmittelbaren Atmosphäre jener Julitage des Jahres 1969. Pichler ordnet die Ereignisse sachlich, verständlich und mit ansteckender Faszination ein, ohne den wissenschaftlichen Anspruch aus den Augen zu verlieren.

Besonders beeindruckend ist die Wirkung der Originalkommunikation zwischen NASA und Astronauten. Auch Jahrzehnte später erzeugen die historischen Funkmitschnitte eine Spannung, die viele moderne Produktionen kaum erreichen. Man hört förmlich die Nervosität im Kontrollzentrum, die Konzentration der Astronauten und schließlich den Moment, der Geschichte schrieb. Die Platte vermittelt damit das Gefühl, selbst Zeitzeuge eines der größten technischen und gesellschaftlichen Meilensteine des 20. Jahrhunderts zu sein.

Aus heutiger Sicht besitzt Man on the Moon einen besonderen Charme. Die Sprache, der dokumentarische Stil und die analoge Klangqualität spiegeln die Aufbruchsstimmung der späten 1960er-Jahre wider – eine Zeit, in der die Raumfahrt noch als grenzenloses Zukunftsversprechen galt. Gerade diese historische Authentizität macht den Reiz der LP aus. Sie ist weniger Unterhaltung als vielmehr ein akustisches Museumsexponat.

Für Vinylsammler, Raumfahrt-Enthusiasten und Liebhaber außergewöhnlicher Schallplatten gehört Man on the Moon zu den faszinierendsten Dokumentar-LPs ihrer Zeit. Sie erinnert daran, dass Schallplatten nicht nur Musik transportieren können, sondern auch Geschichte bewahren. Wer sich auf dieses ungewöhnliche Hörerlebnis einlässt, erhält eine bewegende Momentaufnahme jenes Augenblicks, in dem die Menschheit erstmals einen anderen Himmelskörper betrat – eingefangen auf schwarzem Vinyl mit einer Authentizität, die bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren hat.

Rendez-Vous – Jean-Michel Jarre

Mit Rendez-Vous erreichte Jean-Michel Jarre 1986 einen weiteren Höhepunkt seiner Karriere. Nach den eher experimentellen Klängen von Zoolook kehrte der französische Elektronik-Pionier zu eingängigeren Melodien zurück, ohne dabei seinen visionären Anspruch aufzugeben. Das Album verbindet majestätische Synthesizerflächen mit orchestraler Dramatik und der Faszination für Raumfahrt – ein Werk, das bis heute als eines der bedeutendsten Alben der elektronischen Musik gilt.

Schon der Opener baut eine feierliche Atmosphäre auf, bevor sich die Musik in die epische Second Rendez-Vous entfaltet. Hier zeigt sich Jarre auf dem Höhepunkt seines kompositorischen Könnens: hymnische Melodien, pulsierende Sequenzen und eine Dynamik, die gleichermaßen futuristisch wie emotional wirkt. Die Stücke fließen nahezu nahtlos ineinander und erzeugen den Eindruck einer einzigen musikalischen Reise durch den Weltraum.

Der größte Hit des Albums ist zweifellos Fourth Rendez-Vous, dessen markante Melodie bis heute zu Jarres bekanntesten Kompositionen zählt. Der Titel vereint eingängigen Synth-Pop mit der monumentalen Klangästhetik, für die Jarre berühmt wurde. Besonders live entwickelte sich das Stück zu einem Publikumsliebling und gehört bis heute zum festen Bestandteil seiner Konzerte.

Beeindruckend ist auch die klangliche Vielfalt. Jarre setzt digitale und analoge Synthesizer wie den Elka Synthex, Yamaha DX7 und Fairlight CMI ein und verbindet deren kalte Präzision mit warmen, fast romantischen Melodiebögen. Dadurch wirkt Rendez-Vous trotz seiner technischen Basis erstaunlich menschlich und emotional. Das Album klingt typisch nach den 1980er-Jahren, besitzt aber gleichzeitig eine zeitlose Eleganz, die viele Produktionen dieser Epoche vermissen lassen.

Über allem schwebt jedoch die tragische Geschichte von Last Rendez-Vous (Ron’s Piece). Das Stück war ursprünglich für den NASA-Astronauten Ronald McNair vorgesehen, der es während der Challenger-Mission mit seinem Saxophon aus dem All aufnehmen wollte. Nach der Challenger-Katastrophe wurde das Werk zu einer bewegenden Hommage an die sieben Astronauten. Diese Hintergrundgeschichte verleiht dem ohnehin melancholischen Finale eine außergewöhnliche emotionale Tiefe.

Rendez-Vous markiert zugleich den Beginn von Jarres spektakulären Großveranstaltungen. Das Album entstand im Zusammenhang mit seinem legendären Konzert in Houston zum 150-jährigen Stadtjubiläum und zum 25-jährigen Bestehen des NASA Johnson Space Centers – eine Verbindung von Musik, Technologie und visueller Inszenierung, die Jarre endgültig als Meister multimedialer Live-Performances etablierte.

Aus heutiger Sicht ist Rendez-Vous weit mehr als ein Klassiker der elektronischen Musik. Es verbindet die melodische Stärke von Oxygène mit der technischen Experimentierfreude späterer Werke und schlägt die Brücke zwischen Pop, New Age und orchestraler Elektronik. Kaum ein anderes Album vermittelt das Gefühl von Aufbruch, Hoffnung und kosmischer Weite so eindrucksvoll wie dieses.
Rendez-Vous ist ein Meisterwerk der Synthesizer-Musik. Jean-Michel Jarre gelingt hier die seltene Balance zwischen technischer Perfektion und emotionaler Ausdruckskraft. Fast vier Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung hat das Album nichts von seiner Faszination verloren und gehört nach wie vor zu den wichtigsten Werken der elektronischen Musikgeschichte.

John Williams – The Fury (1978)

Mit The Fury schuf John Williams 1978 einen der eindrucksvollsten, zugleich aber oft unterschätzten Soundtracks seiner Karriere. Zwischen den monumentalen Erfolgen von Star Wars und Superman komponiert, zeigt die Musik zu Brian De Palmas übernatürlichem Thriller eine andere Seite des Komponisten: düster, psychologisch vielschichtig und von einer permanenten unterschwelligen Bedrohung geprägt. Es ist eine Filmmusik, die weit weniger auf eingängige Themen setzt als auf emotionale Spannung, orchestrale Raffinesse und dramatische Zuspitzung.

Schon die Eröffnung macht deutlich, dass Williams hier nicht den Weg heroischer Melodien beschreitet. Stattdessen entfaltet sich eine Atmosphäre aus Unsicherheit, Angst und geheimnisvoller Vorahnung. Die Streicher arbeiten mit nervösen Figuren, Holzbläser und Harfe sorgen für schimmernde, fast unwirkliche Klangfarben, während die Blechbläser immer wieder mit scharfen Akzenten die Gefahr ankündigen. Das London Symphony Orchestra setzt diese komplexe Partitur mit beeindruckender Präzision um.

Besonders bemerkenswert ist Williams’ Fähigkeit, die übersinnlichen Fähigkeiten der jugendlichen Protagonisten musikalisch hörbar zu machen. Immer wieder wechseln lyrische Passagen von beinahe zerbrechlicher Schönheit mit explosiven orchestralen Ausbrüchen. Dadurch entsteht eine musikalische Spannung, die weit über den eigentlichen Film hinaus funktioniert und auch ohne Bilder ihre Wirkung entfaltet.

Im Mittelpunkt steht das elegante Hauptthema, das melancholische Schönheit mit unterschwelliger Tragik verbindet. Es gehört zwar nicht zu den bekanntesten Melodien des Komponisten, besitzt aber eine emotionale Tiefe, die sich erst nach mehrmaligem Hören vollständig erschließt. Gerade diese Zurückhaltung macht einen großen Reiz des Albums aus. Williams verzichtet auf schnelle Effekte und entwickelt seine musikalischen Ideen mit großer Geduld.

Der absolute Höhepunkt ist das monumentale Finale. Hier entfesselt Williams das gesamte Orchester in einer der spektakulärsten Schlusssequenzen seiner Laufbahn. Gewaltige Blechbläser, rasende Streicher und wuchtige Schlagwerke steigern sich zu einer musikalischen Explosion, die den Schrecken der Bilder kongenial widerspiegelt. Dieses Finale zählt bis heute zu den eindrucksvollsten Action- und Horrorpassagen der Filmmusikgeschichte und zeigt Williams auf dem Höhepunkt seiner orchestralen Meisterschaft.

Gerade im Vergleich zu seinen berühmteren Werken wird deutlich, wie experimentierfreudig der Komponist hier arbeitet. The Fury verzichtet weitgehend auf eingängige Ohrwürmer und fordert vom Hörer Aufmerksamkeit. Dafür belohnt der Soundtrack mit einer außergewöhnlich dichten Atmosphäre und einer enormen kompositorischen Komplexität. Man erkennt Einflüsse spätromantischer Komponisten ebenso wie moderne Filmmusiktechniken, ohne dass Williams jemals seine eigene musikalische Handschrift verliert.

Die restaurierten Veröffentlichungen der vollständigen Filmmusik zeigen zudem, wie detailreich die Partitur tatsächlich ist. Viele feine orchestrale Nuancen, die im Film teilweise unter Dialogen verschwinden, treten hier deutlich hervor und machen das Album zu einem faszinierenden Hörerlebnis.

The Fury ist deshalb kein Soundtrack für den schnellen Konsum, sondern eine Filmmusik, die entdeckt werden möchte. Wer bereit ist, sich auf ihre düstere, psychologisch aufgeladene Klangwelt einzulassen, erlebt John Williams von einer Seite, die oft im Schatten seiner großen Blockbuster steht. Gerade deshalb gehört The Fury zu den spannendsten und künstlerisch anspruchsvollsten Werken seines Schaffens – ein orchestrales Meisterstück, das eindrucksvoll beweist, dass Williams weit mehr ist als nur der Komponist großer Abenteuer- und Heldenmelodien.

Salò oder die 120 Tage von Sodom von Ennio Morricone

Der Soundtrack zu Pier Paolo Pasolinis Film „Salò oder die 120 Tage von Sodom“ aus dem Jahr 1975 spielt eine entscheidende Rolle für die verstörende Wirkung des Werkes. Die Musik stammt von Ennio Morricone, der auf eine klassische, zurückhaltende und teilweise beinahe elegante Klangsprache setzt. Gerade dieser Kontrast zwischen der kultivierten musikalischen Oberfläche und den Bildern von Gewalt, Erniedrigung und Machtmissbrauch verleiht dem Film seine besondere emotionale Härte.

Morricone verzichtet weitgehend auf eine dramatische Untermalung, die das Geschehen kommentieren oder moralisch einordnen würde. Stattdessen erklingen ruhige Klavierpassagen, Walzer, Marschmusik und bekannte Lieder, die eine scheinbar normale oder sogar festliche Atmosphäre erzeugen. Die Musik wirkt dadurch kühl und distanziert. Sie bietet dem Publikum keine emotionale Entlastung, sondern verstärkt das Gefühl, Zeuge eines streng organisierten und ritualisierten Systems der Unterdrückung zu sein.

Besonders prägend ist die Verwendung des Liedes „Son tanto triste“ sowie von Tanz- und Unterhaltungsmusik aus der Zeit des italienischen Faschismus. Die Musik verweist auf bürgerliche Kultur, gesellschaftliche Konventionen und eine Welt äußerer Ordnung. Gleichzeitig zeigt der Film, wie leicht diese kulturelle Fassade mit Grausamkeit und totalitärer Herrschaft verbunden sein kann. Die Musik steht deshalb nicht nur im Gegensatz zu den Bildern, sondern wird selbst zu einem Bestandteil der Inszenierung von Macht.

Der Soundtrack von „Salò“ ist kein klassischer Filmscore mit eingängigen Leitmotiven oder emotionalen Höhepunkten. Seine Wirkung entsteht vielmehr aus Zurückhaltung, Wiederholung und bitterer Ironie. Morricones Musik macht das Geschehen nicht erträglicher, sondern noch beklemmender. Sie unterstreicht Pasolinis Aussage, dass Gewalt und Entmenschlichung nicht zwangsläufig im Chaos stattfinden, sondern auch hinter einer Fassade aus Bildung, Kunst, Ordnung und gesellschaftlichem Anstand verborgen sein können.

Never Mind the Bollocks von Sex Pistols

Die Sex Pistols-Platte „Never Mind the Bollocks, Here’s the Sex Pistols“ ist mehr als nur ein Album – sie ist ein kulturgeschichtlicher Sprengsatz. 1977 veröffentlicht, bündelt sie die Wut, den Lärm und die Provokation des britischen Punk in ihrer reinsten Form. Songs wie „God Save the Queen“, „Anarchy in the U.K.“ oder „Pretty Vacant“ klingen bis heute wie ein Angriff auf Establishment, Langeweile und musikalische Selbstzufriedenheit.

Die Platte ist roh, direkt und kompromisslos, aber zugleich erstaunlich präzise produziert. Johnny Rottens beißender Gesang, Steve Jones’ massive Gitarrenwände und die rebellische Haltung der Band machten das Album zu einem Meilenstein. „Never Mind the Bollocks“ war kein höfliches Musikangebot, sondern eine Kampfansage – und genau deshalb bleibt es eine der wichtigsten und einflussreichsten Rockplatten aller Zeiten.

So erlebte ich die Sonnenfinsternis #SoFi

21. März 2015

Im Grunde war es meine Frau, die das Projekt Sonnenfinsternis in unserer Familie strategisch anging. Schon vor Wochen sprach sie beim Abendessen das Thema an und erinnerte mich, wie begeistert wir bei der totalen Sonnenfinsternis im Jahre 1999 waren. Das stimmt und schon war ich Feuer und Flamme. Und nachdem auch meine Twitter-Kontakte @astrozwerge und @DLR_next auf diesen Tag hinfieberten, ließ ich mich anstecken und war begeistert. Beim Optiker meines Vertrauens bestellte ich rechtzeitig vier Pappbrillen für die ganze Familie, damit der Blick in die Sonne ungefährlich ist.

Ich besorgte rechtzeitig vier Brillen für die Familie.

Ich besorgte rechtzeitig vier Brillen für die Familie.

Ganz entspannt sammelten wir Material und sprachen in der Familie immer wieder über das Thema. Meine Frau informierte die Schule von K1/2, die von der Sonnenfinsternis freilich nichts wusste. Also brachte die Gattin den Stein auch an der Schule ins Rollen.

Bei meinem Optiker waren die Brillen schnell ausverkauft.

Bei meinem Optiker waren die Brillen schnell ausverkauft.

Tage vor der Sonnenfinsternis begann um uns herum die Hektik. Verzweifelt gingen die Leute auf die Suche nach Pappbrillen. Bei den Optikern und auch bei Amazon waren die Brillen ausverkauft. Ich war zufällig bei meinem Optiker wegen neuen Gläsern und das Telefon klingelte die ganze Zeit. Bei eBay kam es zu astronomischen Preisen für die Pappbrillen – Achtung Wortspiel. Durchs Netz geisterten Bauanleitungen und Alternativen, doch wir lehnten uns gelassen zurück. Wir hatten ja unsere Brillen. Ich habe sogar gelesen, dass ein Optiker 3D-Brillen verkauft hatte, weil er sich bei der Bestellung geirrt hat. So viel zur fachlichen Qualität dieses Handwerkers. Ich kramte eine Rot-Grün-Brille heraus und postete sie zum Spaß in soziale Netzwerke und bekam auch Belehrungen der Community zurück. Leute, war doch nur Spaß.

Ich hab nur Spaß gemacht mit meiner 3D-Brille: Ich und 3D, haha

Ich hab nur Spaß gemacht mit meiner 3D-Brille: Ich und 3D, haha

Aber es war nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen bei mir. Ich wollte eigentlich ein paar Bilder mit der Nikon schießen. Aber dafür brauche ich einen speziellen Slim Graufilter ND1000. Meinen Filter fand ich nicht mehr, also schnell einen bei Amazon bestellt, der auch am Freitag eintreffen sollte. Die örtlichen Fotogeschäfte hatten keinen mehr mit 77 mm Durchmesser. Amazon verschickte, aber DPD versagte. Eigentlich hat der Dienstleister eine Abstellgenehmigung, aber Pustekuchen. Der Filter kam nicht bei mir an – jetzt fährt er irgendwo zwischen DPD-Lager und meinem Wohnort hin und her. Bedeutete im Endeffekt, keine Bilder von der Sonnenfinsternis.

Google hat einfach Humor - das Doodle zur #SoFi

Google hat einfach Humor – das Doodle zur #SoFi

Am Tag der SoFi hatte Google ein besonderes Doodle geschaltet. Die Leute bei Google haben einen guten Humor. Gut so. Als die partielle Sonnenfinsternis bei uns begann, beobachtete ich im Netz ihr Voranschreiten. Bresser, ein von mir bevorzugter Hersteller für optische Geräte wie Teleskope und Mikroskope, bot einen Live-Stream im Netz an. Dieser scheiterte, weil Nebel über der Beobachtungsstelle war. Pech.

Bresser hatte einfach Pech mit dem Wetter.

Bresser hatte einfach Pech mit dem Wetter.

Ich wechselte als Patriot zum Stream des Bayerischen Fernsehens, der aber nach Sekunden abbrach. Statt Bilder von der Sternwarte des Deutschen Museums zu zeigen, kam nur ein Störungshinweis – mein Dank als Gebührenzahler gilt dem BR. Die ARD brachte dann einen Stream vom NDR, der scheinbar eher etwas von Übertragungstechnik versteht – soweit zu Laptop und Lederhosen.


Ich genoss die Sonnenfinisternis auf der Terrasse zusammen mit meiner Frau. Brille auf und Musik an – ich wählte Richard Strauss Also sprach Zarathustra, genau wie bei 2001 von Kubrick. Am Höhepunkt der partiellen Sonnenfinsternis wurde es merklich dunkler und auch die Vögel verstummten. Schlagartige Ruhe breitete sich in der Natur aus. Und es wurde kälter. Wie muss so ein Naturschauspiel auf unaufklärte Menschen des Mittelalters gewirkt haben? Der Enegieblackout blieb aus, wohl doch eher Panikmache der Energieversorger und der Massenmedien. Ich fand die Sonnenfinsternis einfach toll. Als Retro-Gamer sah ich einen großen Pac Man am Himmel, der das Maul öffnete.

Ich genoss die Sonnenfinsternis im Garten.

Ich genoss die Sonnenfinsternis im Garten.

Und ich musste auch über das Netz schmunzeln. Am besten fand ich die Titelseite der taz, die eine Islamisierung des Himmels sah, weil ein Halbmond nun über uns sei. Großartig. Als Apple-Fanboy musste ich lachen, als durchs Netz die Behauptung ging, Apple werde die Sonnenfinsternis verklagen. Wieder großartig.

Als Apple Fanboy musste ich lachen.

Als Apple Fanboy musste ich lachen.

Bei K1/2 in der Schule gab es auch eine Überraschung. Im Fach Religion schrieb K2 zum Start der Sonnenfinsternis gleich mal eine Religion-Ex. Anstatt dass der katholische Religionslehrer das Phänomen Aberglaube und Ängste früherer Zeiten bei einer Sonnenfinsternis pädagogisch vermittelte, prüfte er Stoff zum Thema Kirchenjahr ab. Mir völlig unverständlich und zeigt wieder das bayerische Bildungssystem von seiner schlimmsten Seite. In der Pause durften nur die Kinder mit SoFi-Brille raus und in die Sonne schauen. Der Rest blieb im Schulgebäude. Einige Lehrer hatten rechtzeitig Bestellungen für SoFi-Brillen gemacht, der Rest von Schülern und Lehrern ging leer aus. Gut, dass K1/2 von der Gattin mit entsprechenden Brillen ausgestattet wurden. Ich schrieb es ja zu Beginn: Im Grunde war es meine Frau, die das Projekt Sonnenfinsternis in unserer Familie strategisch anging.

Ich genoss ein großartiges Erlebnis.

Ich genoss ein großartiges Erlebnis.

Mein Yps kommt als Abo

27. November 2012

ich ergatterte 2 Yps Hefte und jetzt kommt das Abo.

ich ergatterte 2 Yps Hefte und jetzt kommt das Abo.

Nach langer Zeit werde ich wohl wieder einmal ein Zeitschriftenabo abschließen. Ich werde das Yps abonnieren. Das Magazin mit dem karierten Känguru meiner Jugend kam am 11. Oktober an den Kiosk und war ratz zatz ausverkauft. Zielgruppe war die Generation, die damals schon das Yps-Heft gelesen hat und nun älter geworden ist. Für mich war das neue Yps mit der Nummer 1258 ein schöner Ausflug in meine Jugend. Ich überlegte mir, welches Spaß ich beim Lesen damals hatte. Auch die Gimmicks von früher prägten meine Jugend: Ich liebte das Astronomie-Handbuch, die Detektivserie, aber auch das Zelt. Letzteres war im Grund ein blauer Müllsack, der an beiden Seiten offen war. Ich übernachtete damit auf dem Balkon meiner Eltern und Papa holte mich nachts um 3 Uhr herein, weil er Angst hatte, dass ich in dem Zelt erstickte.

In der Neuauflage des Yps-Heftes, das vom Verlag gleich mal als Kultheft auserkoren wurde, lagen die Urzeitkrebse bei. Diese hatte ich aber bereits vom Kosmos-Baukausen ein paar Wochen vorher angesetzt. Eine wunderbare Übersicht über die ganzen Gimmicks und Hefte bietet diese Fanseite.

Als Yps mit 120.000 Exemplaren wieder auf den Markt kam, war die Startauflage sofort ausverkauft. Der Dorfkiosk bei uns hatte nur en Exemplar und ich sicherte mir zwei Ausgaben in einem verschlafenen Lottoladen in Nürnberg – eine Ausgabe brachte ich einem Kumpel mit, der mir zusätzlich zum Kaufpreis eine gute Flasche Wein überreichte. In den sozialen Netzen war der Hype zu spüren und die Generation 40+ war auf der Suche nach ihrem Yps. Im Grunde wandte der Egmont Ehapa-Verlag die gleiche Taktik wie Apple an. Führe ein neues Produkt ein, halte die Nachfrage hoch und schaffe Knappheit. So wird der Hype um Yps weiter gefeuert. Jetzt zündet die nächste Stufe der hervorragenden Marketingidee. Nachdem die Leute dem Heft hinterher gerannt sind, können sie das Yps nun abonnieren. Da ein Abo in der heutigen Zeit verdächtig ist, hat sich Egmont Ehapa verschiedene Varianten ausgedacht.

Alle, die sich jetzt für ein Jahresabo entscheiden, erhalten ein Exemplar der als solche gekennzeichneten zweiten Auflage von Yps 1258 – inklusive der legendären Urzeitkrebse. Wichtig ist freilich, dass die zweite Auflage gekennzeichnet ist, damit steigt der potentielle Wert der Erstausgabe. Darüber hinaus geht allen Empfängern dieses Abo-Angebots eine exklusive Yps-Urkunde zu. Gut gemacht, lieber Egmont Ehapa-Verlag.

Also, welche Varianten gibt es: Das Vierer-Abo: Abonniert werden die ersten 3 im Jahr 2013 erscheinenden Yps-Ausgaben. On top gibt es einen Nachdruck der Ausgabe 1258 aus 2012. Der Nachdruck wird gemeinsam mit der ersten Ausgabe 2013 zum EVT 14.3.2013 per Post zugestellt. Der Preis für das Vierer-Abo beträgt: 4 Ausgaben x € 5,90 = € 23,60 Das Abo kann unmittelbar nach der Zustellung der vier Hefte oder wenn die automatische Verlängerung in Kraft getreten ist, jederzeit zur nächsten erreichbaren Ausgabe gekündigt werden.

Dann gibt es noch das Das Einzel-Abo: Jetzt bestellen und nie wieder Yps verpassen: Ein Abo wird auf unbestimmte Zeit und über eine unbegrenzte Anzahl von Heften abgeschlossen. Jedes Heft kostet € 5,90 und wird separat abgerechnet. Das Abo kann jederzeit zur nächsten erreichbaren Ausgabe gekündigt werden.

Interessant ist, dass es eigentlich keinen mp3-Player, Kaffeemaschine oder Geschenkgutschein gibt. Ich bekomme das Heft zum gleichen Preis wie am Kiosk. Also eigentlich keinen Vorteil, wenn nicht die Erinnerung wäre, dass ich bei der Erstausgabe ganz schön rennen musste, um mein Yps-Geft zu bekommen. Verknappung feuert den Verkauf an und treibt die Kunden ins Abo.

Da sage noch einer, Papier ist tot. Um die Nachfrage zu befriedigen, wurde die Frequenz von Yps gleich mal hochgesetzt: Einhergehend mit der Einführung des Abo-Angebots erhöht Egmont Ehapa ab der Ausgabe 1259 vom 14. März 2013 die Erscheinungs-Frequenz von Yps von bisher halbjährlich auf quartalsweise. Die Kuh, Verzeihung das Känguru muss gemolken werden und ich bin dabei.

Unser neues Hobby Astronomie mit App und Teleskop

25. Mai 2012

Ich seh den Sternenhimmel – so lautete ein Song von Hubert Kah aus dem Jahre 1982. Vor kurzem habe ich den Sternenhimmel wiederentdeckt, denn die Familie hat ein neues Hobby: Astronomie.

Anders als ich vor über 30 Jahren mit der Yps Sternenkarte und dem Planetenhandbuch ausgestattet war, gehen wir heute professioneller ans Werk. Angefixt wurde K1 und K2 durch eine App auf dem iPad. Star Walk ist für mich die beste Sternen-App für Laien. Mit ihr macht es Spaß, sich durch das Universum zu bewegen. Star Walk ist für mich die Top-Anwendung, die mir die Schönheiten des Universums und die Grundlagen der Astronomie näher bringt. Während K2 vor allem die Planeten und Sternbilder entdecken will, schlägt mein Forscherherz für handfeste Infos. Die App beinhaltet eine komplette Darstellung der Sterne, Sternbild der Planeten mit den Mondphasen, Links zu Wikipedia fűr weitere Informationen und eine Zeitmaschine um vergangene Ereignisse sowie bevorstehende Ereignisse im Himmel zu sehen. So ist Christi Geburt endlich auch für mich sichtbar.

Nach so viel interaktiven Sternenreisen wollten K1/K2 nach einem Besuch in der Sternwarte des Deutschen Museums nun ein Teleskop. Profi-Teleskope würden die Haushaltskasse ruinieren, also wählte der Familienrat ein Einsteigerteleskop ohne Kameraanschluss oder elektrischer Justierung. Wir entschieden uns für das Celestron Teleskop FirstScope 76. Es ist ein Newton-Spiegelteleskop mit 76mm Öffnung und 300mm Brennweite. Was uns wichtig war, dass ein Kind damit klar kommt und dies ist hier der Fall. Es ist einfach zu transportieren und sofort einsatzfähig. K2 hat keine große Geduld und das System muss sofort funktionieren. Die optische Komponenten sind aus Glas, der Tubus aus Metall und das ganze Teil steht auch relativ stabil. Das Fernrohr lässt sich in seiner Montierung nach rechts, links, oben und unten schwenken – völlig intuitiv kann so die Erddrehung ausgeglichen werden, und wir können die Sterne immer wieder ins Bildfeld zurückholen, wenn sie durch die Erddrehung herauswandern.

Aber natürlich dürfen wir nicht ein Hubble-Teleskop für Otto Normal-Verbraucher erwarten. Großflächige Erscheinungen am Himmel klappen ganz gut, wie Nebel, der Mond und einzelne Planeten. Jupiter konnte ich erkennen und auch die Ringe des Saturn. Aber das war es auch dann schon. Mehr packt die Optik nicht, aber das ist ja egal, denn dann kommt die App Star Walk wieder zum Einsatz. Und alles besser als mein Yps-Heft vor über 30 Jahren.