Posts Tagged ‘Tony Levin’

Meine Vinyl-Käufe im August

30. August 2026

Discipline von King Crimson

Als King Crimson 1981 mit Discipline zurückkehrten, war schnell klar: Das hier sollte keine nostalgische Wiederbelebung der großen Progressive-Rock-Jahre werden. Robert Fripp hatte King Crimson Mitte der Siebziger eigentlich beendet. Mit Adrian Belew, Tony Levin und Bill Bruford entstand nun eine Formation, die zwar den alten Namen trug, musikalisch aber fast wie eine völlig neue Band klang. Discipline ist deshalb weniger Comeback als Neugründung.

Das Faszinierende an diesem Album ist seine kontrollierte Nervosität. Fripp und Belew spielen Gitarrenlinien, die sich ineinander verschieben, kreuzen und wieder voneinander entfernen. Dazu liefert Tony Levin mit Bass und Chapman Stick ein gewaltiges rhythmisches Fundament, während Bill Bruford sein Schlagzeugspiel von vielen Rockkonventionen befreit. Hier geht es nicht um das klassische Schema von Gitarre, Bass und Schlagzeug, sondern um vier Musiker, die wie Zahnräder einer hochpräzisen, gelegentlich außer Kontrolle geratenen Maschine ineinandergreifen.

Schon „Elephant Talk“ ist eine Kampfansage. Belews Stimme, seine absurden Gitarrengeräusche und Levins Stick erzeugen einen Sound, der gleichzeitig Funk, New Wave, Art Rock und Avantgarde ist. Das Stück wirkt verspielt und humorvoll – Eigenschaften, die man mit den früheren King Crimson nicht unbedingt zuerst verbunden hätte.

Noch stärker ist „Frame by Frame“. Die ineinandergreifenden Gitarrenfiguren entwickeln einen hypnotischen Sog. Hier zeigt sich das eigentliche Prinzip von Discipline: Komplexität wird nicht demonstrativ ausgestellt, sondern in Bewegung verwandelt. Man muss die komplizierten Taktstrukturen nicht verstehen, um ihre Wirkung zu spüren.

Mit „Matte Kudasai“ erlaubt sich das Album einen Moment von beinahe schwebender Schönheit. Belews Gitarrenspiel klingt stellenweise wie der Ruf eines Vogels, während seine Stimme eine melancholische Ruhe verbreitet. Gerade dieser Kontrast macht deutlich, dass King Crimson 1981 weit mehr konnten als mathematisch anmutende Rhythmuskunst.

„Indiscipline“ ist dagegen pure kontrollierte Eskalation. Brufords Schlagzeugspiel scheint das Stück permanent auseinanderzureißen, während Belew zunehmend besessen seinen Text vorträgt. Sein wiederholtes „I like it!“ könnte fast als Kommentar zum gesamten Album verstanden werden. Das Stück klingt auch Jahrzehnte später gefährlich und unberechenbar.

Auf der zweiten Seite wird die Musik noch konsequenter. „Thela Hun Ginjeet“ verbindet einen nervösen Funk-Groove mit Belews beinahe dokumentarischer Erzählung einer bedrohlichen Begegnung auf der Straße. „The Sheltering Sky“ nimmt sich dagegen Zeit und entwickelt aus wenigen Elementen eine geheimnisvolle Atmosphäre. Das abschließende „Discipline“ schließlich bringt die ästhetische Idee des Albums auf den Punkt: Zwei Gitarren verweben unterschiedliche rhythmische Muster zu einer Musik, die gleichzeitig streng konstruiert und erstaunlich lebendig wirkt.

Bemerkenswert ist, wie wenig Discipline nach einem typischen Progressive-Rock-Album der frühen Achtziger klingt. King Crimson versuchten nicht, die Siebziger mit moderner Produktion fortzusetzen. Stattdessen nahmen sie Einflüsse von New Wave, Minimal Music, Funk und afrikanischen Rhythmuskonzepten auf und entwickelten daraus ihre eigene Sprache. Man hört stellenweise die musikalische Gegenwart von 1981 – und trotzdem klingt das Album bis heute eigenständig.

Discipline verlangt allerdings Aufmerksamkeit. Wer sich zurücklehnen und klassische Prog-Epen mit ausladenden Soli hören möchte, bekommt etwas völlig anderes. Die Musik ist kantig, repetitiv, intellektuell und manchmal geradezu anstrengend. Doch genau darin liegt ihre Stärke. Mit jedem Durchlauf lassen sich neue rhythmische Verschiebungen, kleine Gitarrendetails und Wechselwirkungen zwischen den vier Musikern entdecken.

Für mich gehört Discipline zu den großen Neuerfindungen der Rockgeschichte. King Crimson bewiesen damit, dass eine etablierte Band ihre Vergangenheit nicht kopieren muss, um relevant zu bleiben. Statt In the Court of the Crimson King neu aufzulegen, erfanden Fripp, Belew, Levin und Bruford einen Sound für eine andere Zeit. Das Ergebnis ist kühl und emotional, mathematisch und verspielt, diszipliniert und vollkommen verrückt zugleich.

The Beach Boys – „Surfin’ Safari“ (1962)

Mit „Surfin’ Safari“ beginnt 1962 die Albumgeschichte der The Beach Boys – und rückblickend hört man hier eine Band, die ihre spätere Größe noch nicht erreicht hat, aber bereits ziemlich genau weiß, welches Lebensgefühl sie verkaufen möchte: Sonne, Strand, Surfbretter, Mädchen und kalifornische Freiheit.

Das Debüt erschien im Oktober 1962 bei Capitol Records. Brian Wilson, Mike Love, Carl Wilson, Dennis Wilson und David Marks präsentieren darauf einen Sound, der noch deutlich rauer und einfacher ist als die ausgefeilten Produktionen, für die die Beach Boys nur wenige Jahre später berühmt werden sollten. Gerade darin liegt heute ein großer Teil des Charmes von „Surfin’ Safari“.

Der Titelsong ist natürlich das Herzstück. „Surfin’ Safari“ besitzt bereits fast alles, was den frühen Beach-Boys-Sound ausmacht: den mehrstimmigen Gesang, eine unmittelbar einprägsame Melodie, treibenden Rhythmus und dieses beinahe naive Versprechen eines endlosen kalifornischen Sommers. Mit „409“ kommt ein weiteres Thema hinzu, das die nächsten Jahre prägen sollte: schnelle Autos. Strand, Mädchen und Hot Rods wurden zu den zentralen Bestandteilen der frühen Beach-Boys-Mythologie.

Doch als geschlossenes Album ist „Surfin’ Safari“ noch weit von späteren Meisterwerken entfernt. Neben starken Momenten stehen einige Stücke, die eher wie Füllmaterial wirken. Songs wie „County Fair“, „Ten Little Indians“ oder „Cuckoo Clock“ haben historischen Charme, zeigen aber auch, dass Brian Wilson als Komponist noch auf der Suche nach seiner eigenen Sprache war. Dazu kommen Coverversionen und Instrumentals, die das Album stärker als Produkt seiner Zeit erscheinen lassen.

Gerade deshalb ist es faszinierend, Brian Wilson hier zuzuhören. Die harmonische Raffinesse von „The Warmth of the Sun“, „Don’t Worry Baby“ oder „California Girls“ ist noch Zukunftsmusik, von der orchestralen Perfektion eines „Pet Sounds“ ganz zu schweigen. Aber erste Ansätze sind vorhanden. Wilson denkt bereits stärker in Harmonien und Gesangsarrangements als viele seiner Zeitgenossen. Noch fehlt ihm allerdings die künstlerische Kontrolle, die er sich in den folgenden Jahren erarbeiten sollte.

Auch klanglich darf man keine Wunder erwarten. Die Produktion ist vergleichsweise dünn und direkt. Gitarren, Schlagzeug und Stimmen stehen im Mittelpunkt. Wer von „Pet Sounds“ rückwärts zu diesem Debüt kommt, könnte geradezu erschrecken, wie konventionell manche Stücke wirken. Wer dagegen die Entwicklung der Beach Boys chronologisch verfolgt, erlebt etwas Spannendes: Man hört den Ausgangspunkt einer der bemerkenswertesten künstlerischen Entwicklungen der Popgeschichte.

Besonders interessant ist dabei der Gegensatz zwischen Oberfläche und dem, was später kommen sollte. 1962 präsentieren die Beach Boys eine scheinbar sorgenfreie Teenagerwelt. Nur wenige Jahre später wird Brian Wilson dieselbe Popmusik benutzen, um Einsamkeit, Unsicherheit, Sehnsucht und die Angst vor dem Erwachsenwerden auszudrücken. Auf „Surfin’ Safari“ ist davon erst wenig zu spüren. Hier scheint der Sommer tatsächlich noch ewig dauern zu können.

„Surfin’ Safari“ ist kein Meisterwerk und sicher nicht das Beach-Boys-Album, das ich einem Einsteiger als erstes empfehlen würde. Dafür gibt es zu viel Mittelmaß zwischen den Höhepunkten. Als historisches Dokument ist es jedoch ungemein reizvoll. Man hört eine junge Band am Anfang ihrer Karriere und einen gerade einmal 20-jährigen Brian Wilson, der noch nicht ahnt, wohin ihn seine musikalische Fantasie führen wird.
Dazu gab es noch die farbige Single Luau/Judy, auch kein Meisterwerk.

Come Back To The Valley – The Truffle Valley Boys

Mit Come Back To The Valley setzen The Truffle Valley Boys ihren konsequenten Weg fort, den ursprünglichen Bluegrass der 1940er- und 1950er-Jahre nicht nur zu zitieren, sondern ihn mit bemerkenswerter Hingabe wiederauferstehen zu lassen. Das italienische Quartett hat sich längst den Ruf erarbeitet, eine der authentischsten traditionellen Bluegrass-Bands Europas zu sein. Das neue Album bestätigt diesen Eindruck eindrucksvoll.

Schon die ersten Takte machen deutlich, dass hier keine nostalgische Kopie entstehen soll. Vielmehr vermitteln die Musiker das Gefühl, als wäre diese Aufnahme direkt aus einer längst verschwundenen Radiosendung der Nachkriegszeit erhalten geblieben. Die Produktion verzichtet bewusst auf moderne Effekte und übermäßige Klangbearbeitung. Stattdessen stehen Dynamik, Natürlichkeit und das Zusammenspiel der Musiker im Mittelpunkt – genau jene Qualitäten, die klassische Bluegrass-Aufnahmen einst auszeichneten. Die Band setzt erneut auf eine weitgehend analoge Herangehensweise und den charakteristischen One-Microphone-Stil, der auch ihre Live-Auftritte prägt.

Musikalisch bleibt sich die Gruppe treu. Matt Ringressis Mandoline und Gitarre führen sicher durch die Arrangements, während Germano Ciavones Banjo mit druckvollem, rhythmisch präzisem Spiel den Motor der Stücke bildet. Denny Rocchios Dobro verleiht vielen Songs eine warme, wehmütige Klangfarbe, während Emanuele Valentes unaufdringlicher, aber stets tragender Kontrabass das Fundament legt. Besonders beeindruckend ist das mehrstimmige Gesangsspiel. Die Harmonien wirken niemals geschniegelt oder geschniegelt-modern, sondern besitzen jene raue Natürlichkeit, die den frühen Aufnahmen von Bill Monroe, den Stanley Brothers oder Jimmy Martin ihren unverwechselbaren Charakter verlieh.

Inhaltlich konzentriert sich Come Back To The Valley erneut auf selten gespielte Perlen des klassischen Bluegrass und frühen Country. Statt ausschließlich bekannte Standards zu interpretieren, graben The Truffle Valley Boys tief im musikalischen Archiv und fördern Songs zutage, die selbst langjährige Bluegrass-Hörer teilweise erst durch diese Band kennenlernen. Gerade diese sorgfältige Auswahl macht den besonderen Reiz des Albums aus.

Der Titelsong “Come Back To The Valley”, ursprünglich von Carter Stanley, steht exemplarisch für das gesamte Konzept. Die Interpretation verzichtet auf jede Form moderner Dramatisierung. Stattdessen entfalten sich Melodie und Harmonie mit großer Selbstverständlichkeit, wodurch die emotionale Kraft des Songs besonders eindringlich wirkt. Auch bei ihren Konzerten zählt das Stück inzwischen zu den Höhepunkten des Programms.

Bemerkenswert ist außerdem, wie geschlossen das Album wirkt. Obwohl die einzelnen Titel aus unterschiedlichen Quellen und Epochen stammen, entsteht ein roter Faden. Die Band versteht es, traditionelle Bluegrass-, Honky-Tonk-, Gospel- und frühe Country-Einflüsse so miteinander zu verbinden, dass ein stimmiges Gesamtbild entsteht. Dabei wird nie der Eindruck erweckt, historische Musik lediglich museal zu konservieren. Vielmehr wirkt jeder Titel lebendig, frisch und voller Spielfreude.

Gerade diese Authentizität unterscheidet The Truffle Valley Boys von vielen zeitgenössischen Bluegrass-Formationen. Während andere Bands das Genre modernisieren oder stilistisch erweitern, konzentrieren sich die Italiener vollständig auf die historische Klangästhetik. Das könnte manchen Hörern zunächst konservativ erscheinen. Tatsächlich entwickelt sich daraus jedoch die größte Stärke des Albums: Die Musiker versuchen nicht, die Vergangenheit neu zu interpretieren – sie lassen sie sprechen.

Come Back To The Valley richtet sich deshalb weniger an Hörer, die nach Innovation oder Crossover suchen. Wer dagegen klassischen Bluegrass in seiner ursprünglichsten Form schätzt oder entdecken möchte, erhält hier eine außergewöhnlich sorgfältig produzierte Aufnahme. Das Album beweist eindrucksvoll, dass musikalische Authentizität keineswegs altmodisch wirken muss. Im Gegenteil: Gerade die Reduktion auf das Wesentliche verleiht der Musik eine zeitlose Kraft.

Mit Come Back To The Valley liefern The Truffle Valley Boys eine Hommage an den klassischen Bluegrass, die weit über reine Nostalgie hinausgeht. Technische Perfektion steht nie im Vordergrund; entscheidend sind Gefühl, musikalische Ehrlichkeit und tiefes Stilverständnis. Genau deshalb zählt das Album zu den bemerkenswertesten traditionellen Bluegrass-Veröffentlichungen der letzten Jahre und unterstreicht eindrucksvoll die Sonderstellung der Band innerhalb der europäischen Szene. Das Album erschien 2026 als 10-Zoll-LP auf Tenbrooks Records.

Hackney Diamonds von The Rolling Stones

Nach 18 Jahren ohne neues Studioalbum mit eigenem Material schien die Frage berechtigt: Brauchen die Rolling Stones überhaupt noch ein weiteres Album? Hackney Diamonds liefert darauf eine überraschend klare Antwort: Ja – wenn es so viel Spielfreude, Energie und Selbstbewusstsein besitzt wie diese Platte.

Schon der Opener und die damalige Vorabsingle „Angry“ machen deutlich, dass Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood nicht in Nostalgie versinken wollen. Stattdessen präsentieren sie ein Album, das die klassische Stones-DNA mit einer modernen, druckvollen Produktion von Andrew Watt verbindet. Die Gitarren sind scharf konturiert, das Tempo hoch, Jaggers Gesang erstaunlich kraftvoll.

Dabei versucht Hackney Diamonds gar nicht erst, Klassiker wie Exile on Main St., Sticky Fingers oder Let It Bleed zu kopieren. Vielmehr greift die Band die unterschiedlichsten Facetten ihrer langen Karriere auf. Blues, Rock’n’Roll, Soul, Country und sogar tanzbare Grooves stehen selbstverständlich nebeneinander, ohne beliebig zu wirken. Gerade diese stilistische Vielfalt erinnert daran, weshalb die Rolling Stones über Jahrzehnte eine der wandlungsfähigsten Rockbands geblieben sind.

Zu den Höhepunkten gehört zweifellos „Sweet Sounds of Heaven“, das gemeinsam mit Lady Gaga aufgenommen wurde. Der fast siebenminütige Gospel-Rocker entwickelt eine Wucht, die an die großen Momente der Band in den frühen Siebzigern erinnert. Gaga tritt dabei nicht als prominenter Gast auf, sondern wird zum gleichberechtigten Gegenpart von Mick Jagger. Gemeinsam erzeugen beide eine Intensität, die weit über den üblichen Starbonus hinausgeht.

Ebenso überzeugend ist das aggressive „Bite My Head Off“, bei dem Paul McCartney am Bass zu hören ist. Der Song besitzt den rotzigen Biss, der den Stones in den letzten Jahrzehnten gelegentlich fehlte. Dem gegenüber stehen ruhige, melancholische Stücke wie „Depending on You“ oder „Dreamy Skies“, die beweisen, dass die Band auch im hohen Alter nicht ausschließlich auf Lautstärke setzt.

Eine besondere emotionale Bedeutung erhält das Album durch Charlie Watts. Der 2021 verstorbene Schlagzeuger ist auf zwei Titeln noch zu hören. Sein charakteristisch zurückhaltendes, swingendes Spiel verleiht diesen Songs eine zusätzliche Tiefe und macht Hackney Diamonds zugleich zu einem würdigen Abschied von einem der größten Schlagzeuger der Rockgeschichte.

Natürlich ist nicht jeder Titel ein Volltreffer. Einige Songs orientieren sich stark an bekannten Stones-Mustern, und gelegentlich wirkt die Produktion fast etwas zu geschniegelt. Gerade dieser moderne Hochglanzklang empfinde ich als Verlust der früheren Rauheit.

Dennoch überwiegt der positive Eindruck deutlich. Hackney Diamonds ist kein nostalgisches Alterswerk, sondern ein erstaunlich vitales Rockalbum. Die Rolling Stones klingen nicht wie eine Band, die lediglich ihr Denkmal verwaltet. Sie wirken hungrig, konzentriert und mit hörbarer Freude am gemeinsamen Musizieren.

Das vielleicht größte Kompliment lautet deshalb: Hackney Diamonds ist nicht deshalb bemerkenswert, weil die Musiker über 80 Jahre alt sind. Es ist bemerkenswert, weil es schlicht ein gutes Rolling-Stones-Album ist – das stärkste seit vielen Jahren und ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass große Rockmusik kein Verfallsdatum kennt. Viele Kritiker bewerteten es entsprechend als ihr bestes Studioalbum seit Jahrzehnten.

Live At Paul-Emile Janson Auditorium, Brussels, February 9th, 1976 von Tangerine Dream

Über fünf Jahrzehnte lag dieses Konzert nur als begehrtes Sammlerstück und inoffizielle Aufnahme vor. Mit Live At Paul-Emile Janson Auditorium, Brussels, February 9th, 1976 wird nun eines der eindrucksvollsten Dokumente der klassischen Tangerine-Dream-Ära erstmals offiziell veröffentlicht

Am 9. Februar 1976 gastierte Tangerine Dream im Paul-Emile-Janson-Auditorium in Brüssel. Die Band bestand zu dieser Zeit aus Edgar Froese, Christopher Franke und Peter Baumann – jener Besetzung, die von vielen Fans als kreative Hochphase der Berliner Elektronik-Pioniere angesehen wird. Das Konzert entstand während der Winter-Europatour, nur wenige Monate nach dem Erfolg des Albums Ricochet, und zeigt das Trio auf dem Höhepunkt seiner improvisatorischen Fähigkeiten.

Charakteristisch für den Auftritt sind ausgedehnte Klanglandschaften, hypnotische Sequencer-Läufe, mächtige Mellotron-Flächen und Edgar Froeses markante Gitarrenpassagen. Anstelle klassischer Songstrukturen entwickelt sich die Musik organisch über lange Zeiträume. Themen entstehen spontan, verändern sich kontinuierlich und münden in dichte, atmosphärische Klangwelten, die den unverwechselbaren Stil von Tangerine Dream in den 1970er Jahren eindrucksvoll dokumentieren.

Innerhalb der Bandgeschichte nimmt das Konzert eine besondere Stellung ein. Es markiert die Übergangsphase zwischen den eher schwebenden Klangwelten von Rubycon und der zunehmend rhythmisch geprägten Ausrichtung späterer Live-Auftritte. Gerade diese Mischung aus freier Improvisation und präzise eingesetzten elektronischen Sequenzen macht den Mitschnitt bis heute zu einem außergewöhnlichen Zeitdokument.

Über viele Jahre war das Brüsseler Konzert ausschließlich über Bootlegs und Fanveröffentlichungen bekannt. Teile der Aufnahme erschienen Anfang der 1990er Jahre auf dem inoffiziellen Album Danger Live, später veröffentlichte das Fanprojekt Tangerine Tree eine restaurierte Fassung. Erst 2026 erfolgte die offizielle Veröffentlichung auf CD und Doppel-LP. Damit steht einer breiteren Hörerschaft erstmals eine autorisierte Edition dieses historischen Konzerts zur Verfügung.

Live At Paul-Emile Janson Auditorium, Brussels, February 9th, 1976 zählt zu den bedeutendsten Archivveröffentlichungen von Tangerine Dream der vergangenen Jahre. Das Album dokumentiert eindrucksvoll die Kreativität, Spontaneität und klangliche Innovationskraft der klassischen Besetzung und vermittelt authentisch, warum die Live-Konzerte der Band Mitte der 1970er Jahre bis heute als Meilensteine der elektronischen Musik gelten.

Meine Vinyl des Monats: Bruce Springsteen, Kate Bush, John Lennon, The Yardbirds, Jean-Michel Jarre, Led Zeppelin, King Crimson, Howard Shore, Bernard Herrmann, Richard Wagner, Chuck Berry

29. Oktober 2025

Vinyl-Schallplatten üben bis heute eine besondere Faszination aus. Ihr warmer, voller Klang unterscheidet sich deutlich von der glatten Perfektion digitaler Formate und vermittelt ein Gefühl von Echtheit und Nähe zur Musik. Auch das haptische Erlebnis spielt eine große Rolle: Das Auflegen der Platte, das leise Knistern der Rille und das große, oft kunstvoll gestaltete Cover machen das Musikhören zu einem bewussten, beinahe rituellen Vorgang. Viele Liebhaber schätzen zudem den nostalgischen Charakter und die Handwerkskunst vergangener Jahrzehnte. In einer Zeit, in der Musik meist nur noch gestreamt wird, steht die Schallplatte für Entschleunigung, Wertschätzung und den besonderen Moment, wenn Musik wirklich greifbar wird. Und hier sind meine Anschaffungen im Monat Oktober.

Bruce Springsteen: Nebraska ’82 Expanded Edition
Über vierzig Jahre nach der Veröffentlichung seines wohl intimsten Albums gewährt uns Bruce Springsteen tiefe Einblicke in eine Schaffensphase, die längst Musikgeschichte geschrieben hat. Mit „Nebraska ’82: Expanded Edition“ und dem begleitenden Soundtrack zum Biopic „Deliver Me From Nowhere“ erscheinen gleich zwei Veröffentlichungen, die das Vermächtnis des 1982 entstandenen Kultalbums in neuem Licht zeigen. Und ich hatte das unglaubliche Glück, die Vinyl-Box in den Händen zu halten!
Als langjähriger Springsteen-Fan war der Moment, in dem das Paket ankam, schon etwas Besonderes. Nebraska war schon immer anders – rau, ehrlich, reduziert auf das Wesentliche. Während alle Welt den bombastischen Sound von „Born in the USA“ erwartete, lieferte Bruce damals diese kargen, auf einem Vierspur-Kassettendeck aufgenommenen Lieder ab. Geschichten von Menschen am Rand der Gesellschaft, erzählt mit einer Intensität, die einem unter die Haut geht.
Die Expanded Edition ist mehr als nur eine Neuauflage. Schon die Verpackung zeigt, mit wieviel Liebe zum Detail hier gearbeitet wurde. Das schwere Box-Set öffnet sich wie eine Schatztruhe, und drinnen wartet nicht nur das remastered Original-Album, sondern auch bisher unveröffentlichte Aufnahmen, alternative Versionen und Demos, die einen noch tieferen Blick in Bruces damalige Seelenlage gewähren. Die Liner Notes, vollgepackt mit Hintergrundinformationen und Fotografien aus jener Zeit, sind ein absolutes Highlight für jeden, der verstehen möchte, wie aus diesen einsamen Sessions in Bruces Schlafzimmer ein Meisterwerk entstand.
Das Vinyl selbst klingt fantastisch – warm, direkt, unmittelbar. Man hört jedes Knacken, jedes Atmen, jede Nuance von Bruces Stimme und seiner akustischen Gitarre. Genau so sollte Nebraska klingen. Die zusätzlichen Tracks offenbaren Songs, die es nicht aufs Original geschafft haben, aber genauso kraftvoll und berührend sind. Es ist, als würde man Bruce damals über die Schulter schauen, während er mit seinen Dämonen ringt und daraus Kunst erschafft.
Der Soundtrack zu „Deliver Me From Nowhere“ ergänzt das Erlebnis perfekt und macht die gesamte Ära noch greifbarer. Für mich als Fan ist diese Veröffentlichung ein Geschenk – eine Möglichkeit, ein Album, das ich schon hunderte Male gehört habe, noch einmal ganz neu zu entdecken. Nebraska war damals mutig, kompromisslos und seiner Zeit voraus. Heute, über vier Jahrzehnte später, hat es nichts von seiner Kraft verloren. Im Gegenteil: Es fühlt sich relevanter denn je an.

Kate Bush: The Kick Inide
Kate Bushs Debütalbum The Kick Inside, erschienen 1978, ist ein außergewöhnliches Werk voller künstlerischer Eigenwilligkeit und jugendlicher Genialität. Mit nur 19 Jahren schuf Bush ein Album, das sowohl lyrisch als auch musikalisch weit über das hinausging, was man damals von einer Newcomerin erwarten konnte. Ihre unverwechselbare Stimme, die zwischen ätherischer Zartheit und dramatischer Expressivität pendelt, prägt Songs wie Wuthering Heights, The Man with the Child in His Eyes oder Moving.

Stilistisch verbindet das Album Pop, Rock und Artrock-Elemente mit literarischen und mythologischen Anspielungen – ein Konzept, das Bush später zu einer der faszinierendsten Künstlerinnen der Popgeschichte machte. The Kick Inside wirkt auch heute noch frisch und originell – ein visionäres Debüt, das die Grenzen des Pop neu definierte.

John Lennon: Gimme Some Truth
Gimme Some Truth von John Lennon ist weniger ein klassisches Album als eine pointierte Werkschau seines Schaffens, die seine kompromisslose Haltung und sein Gespür für eingängige Melodien eindrucksvoll zusammenfasst.

Die Songs zeigen Lennon als politischen Idealisten, als scharfen Gesellschaftskritiker, aber auch als verletzlichen Menschen, der nach Wahrheit und Frieden sucht. Klassiker wie Imagine, Instant Karma! oder Working Class Hero stehen dabei exemplarisch für seine Mischung aus Aufrichtigkeit, Wut und Hoffnung. Gimme Some Truth ist damit nicht nur eine Zusammenstellung bekannter Stücke, sondern ein musikalisches Manifest für Authentizität und Menschlichkeit.

The Yardbirds: Roger the Engineer
Das Album „Roger the Engineer“ der britischen Band The Yardbirds erschien 1966 und gilt als ihr einziges Studioalbum mit komplett eigenem Songmaterial. Offiziell hieß es in Großbritannien Yardbirds, bekam aber aufgrund des Cover-Designs, das eine Karikatur des Tontechnikers Roger Cameron zeigt, schnell den Spitznamen „Roger the Engineer“.

Musikalisch markiert es eine Übergangsphase: Die Band entfernte sich von reinem Rhythm & Blues und experimentierte stärker mit Psychedelic-, Bluesrock- und Hardrock-Elementen. Mit Jeff Beck als Leadgitarrist enthält das Album einige wegweisende Riffs und Sounds, die später viele Musiker beeinflussten. Heute gilt es als ein Schlüsselwerk der 60er-Jahre-Rockmusik.

Jean-Michel Jarre: Zoolook
Jean-Michel Jarres Album Zoolook aus dem Jahr 1984 gilt als eines seiner experimentellsten Werke und markiert einen deutlichen Schritt weg von reiner Synthesizer-Musik hin zu einem stärker samplingsbasierten Klangbild. Charakteristisch ist der innovative Einsatz von Sprachaufnahmen aus rund 25 verschiedenen Sprachen, die verfremdet, rhythmisch eingebunden und so zu einem eigenständigen musikalischen Element werden. Dadurch entsteht eine außergewöhnliche Textur, die dem Album eine besondere Tiefe und Identität verleiht. Stücke wie Ethnicolor oder Diva erzeugen dichte, atmosphärische Klangräume, die teilweise fast beklemmend wirken, während andere Passagen mit spielerischen Fragmenten überraschen. Kritiker heben das Album häufig als wegweisend für die Verwendung von Sprachsamples im elektronischen Popkontext hervor.

Gleichzeitig ist Zoolook kein leicht konsumierbares Werk: Der Spannungsbogen wirkt stellenweise unausgeglichen, und wer Jarres melodischere Klassiker wie Oxygène oder Équinoxe bevorzugt, könnte den Zugang zu Zoolook als sperrig empfinden. Auch manche Produktionstechniken wirken aus heutiger Sicht etwas gealtert. Dennoch bleibt Zoolook ein ambitioniertes Album, das Mut zur Innovation beweist und als wichtiger Meilenstein in der Geschichte der elektronischen Musik gilt.

Led Zeppelin: III
Mit Led Zeppelin III schlug die Band 1970 neue Wege ein und überraschte Fans wie Kritiker gleichermaßen. Während die Vorgängeralben klar vom harten, elektrischen Bluesrock geprägt waren, zeigt sich hier ein deutlicher Fokus auf akustische Klänge und Folk-Einflüsse. Songs wie Gallows Pole oder Bron-Y-Aur Stomp schöpfen aus britischer und amerikanischer Folk-Tradition, während Stücke wie Immigrant Song oder Celebration Day die gewohnte Energie und Härte der Band transportieren.
Diese Mischung aus akustischer Intimität und elektrischer Wucht machte das Album zunächst zu einem Streitpunkt: Manche Hörer vermissten die durchgehende Wucht der ersten beiden Werke. Doch mit der Zeit setzte sich die Erkenntnis durch, dass Led Zeppelin III ein mutiger Entwicklungsschritt war, der die Band musikalisch breiter aufstellte und ihren Sound erheblich erweiterte.
Besonders hervorgehoben wird heute die Vielseitigkeit des Albums: von hymnischen Riffs über filigrane Gitarrenarrangements bis hin zu sensiblen Akustikpassagen. Kritiker sehen darin einen wichtigen Grundstein für Led Zeppelins Fähigkeit, Hardrock, Blues, Folk und psychedelische Elemente zu einem unverwechselbaren Stil zu verschmelzen.
Im Rückblick gilt Led Zeppelin III nicht als das eingängigste, wohl aber als eines der einflussreichsten und künstlerisch spannendsten Werke der Band – ein Album, das zeigt, dass sich Led Zeppelin nicht auf ihre Erfolgsformel beschränkten, sondern den Mut hatten, neue Klangwelten zu erschließen.

King Crimson: Beat
Beat ist das neunte Studioalbum von King Crimson und erschien am 18. Juni 1982. Es war das zweite Album der „’80er-Formation“ mit Robert Fripp, Adrian Belew, Tony Levin und Bill Bruford, und erstmals blieb die Besetzung gegenüber dem Vorgängeralbum Discipline unverändert. Unter dem Einfluss der Beat-Generation (z. B. Jack Kerouac, Allen Ginsberg) konzipierte Belew die Texte, angeregt durch Fripp, der ihm Lesestoff aus der Beat-Literatur nahelegte. Der Name Beat verweist also nicht auf Rhythmus allein, sondern auf die literarische Bewegung, deren Geist (“On the Road”, “Howl” etc.) im Album mitschwingt.

Da Discipline 1981 als Comeback-Album gefeiert wurde, lagen die Erwartungen für Beat hoch: Könnte King Crimson die musikalische Neuausrichtung stabilisieren und weiterentwickeln? Viele Fans und Kritiker hofften auf eine Weiterentwicklung statt auf Wiederholung. Eines der stärksten Merkmale von Beat liegt in seiner instrumentalen Qualität und der Präzision, mit der die Musiker – insbesondere Fripp, Bruford und Levin – ihre Parts ineinander verschachteln. Selbst wenn der Pop- und New-Wave-Einfluss deutlich herauszuhören ist, bleibt die progressive DNA present. Die Technik, das Zusammenspiel und die Dichte mancher Arrangements erinnern an die besten Momente von Discipline, auch wenn Beat insgesamt zugänglicher klingt. Beat ist ein Album, das in King Crimsons Diskografie zwischen Experiment und Zugänglichkeit steht. In den besten Momenten – etwa mit Sartori in Tangier und Requiem – erinnert es daran, dass die Band immer noch bereit war, Grenzen zu verschieben. In anderen Momenten wendet es sich bewusst dem Pop-Songwriting zu, was manche Fans als Kompromiss ansehen.
Wenn man Beat mit seinem Vorgänger Discipline vergleicht, liegt es rückblickend oft etwas darunter: wohltuend solide, aber nicht so kraftvoll und einflussreich wie das Comeback-Album. Dennoch besitzt Beat genug individuell starke Stücke, um es auch heute noch wertvoll zu hören – vor allem für jene, die den Chinesen des 80er-Crimson-Sounds nachspüren wollen.

Howard Shore: Lord of the Rings
Die Musik von Howard Shore zu Der Herr der Ringe zählt zu den bedeutendsten Filmmusikwerken überhaupt und ist weit mehr als eine bloße Begleitung der Bilder. Shore erschuf ein eigenständiges musikalisches Universum, das die Tiefe und Vielfalt von Tolkiens Welt hörbar macht. Zentral ist dabei die konsequente Verwendung der Leitmotivtechnik: Mehr als neunzig verschiedene Themen und Motive ziehen sich durch die Trilogie, die Völker, Orte, Gegenstände oder auch abstrakte Ideen verkörpern und sich im Verlauf der Handlung weiterentwickeln. So wird die Musik des Auenlands von warmen, volksliedhaften Klängen mit Geige, Flöte und Klarinette bestimmt, während Rohan durch die rauen Töne der Hardangerfiedel charakterisiert wird. Gondor klingt majestätisch und feierlich mit Blechbläsern und Chor, während Mordor und Isengard von schweren, dissonanten Klangmassen aus Blech und Schlagwerk geprägt sind.

Einen besonderen Reiz verleihen die groß angelegten Chorpassagen, die in Tolkiens Sprachen wie Sindarin, Quenya oder Khuzdul gesungen werden und der Musik eine archaische, mythische Aura verleihen. Shore gelingt es, sowohl intime, zarte Momente voller Geborgenheit als auch monumentale Schlachtszenen von überwältigender Wucht zu gestalten und so die emotionale Bandbreite der Filme auf einzigartige Weise zu verstärken. Trotz der Vielfalt an Themen und Stilen wirkt die Komposition als geschlossenes Ganzes, das wie eine Oper ohne Bühne funktioniert und die epische Dimension der Geschichte hörbar macht.

Bernard Herrmann: Vertigo
Der Soundtrack zu Alfred Hitchcocks Vertigo (1958), komponiert von Bernard Herrmann, gilt als eines der eindrucksvollsten Beispiele für die enge Verbindung von Film und Musik. Herrmanns Komposition ist von einer hypnotischen, fast unheimlichen Qualität geprägt und spiegelt die psychologische Tiefe des Films ebenso wider wie dessen traumartige Atmosphäre. Zentral sind die schwebenden, kreisenden Motive, die musikalisch das titelgebende Schwindelgefühl nachzeichnen. Durch die geschickte Verwendung von sich aufbauenden und wiederholenden Figuren, schraubenartigen Tonbewegungen und dichten Orchesterfarben entsteht ein Klangbild, das sowohl Spannung als auch Obsession vermittelt.
Die Partitur arbeitet intensiv mit Streichern, die oft in breiten, wogenden Klangflächen eingesetzt werden und ein Gefühl von Sehnsucht, aber auch von Beklemmung erzeugen. Über diesen Teppichen legen sich unheilvolle Bläserakzente, die die Bedrohung und die innere Zerrissenheit der Hauptfigur unterstreichen. Besonders hervorzuheben ist das berühmte Liebesthema, das zugleich romantisch und beunruhigend wirkt – es steigert sich immer wieder in leidenschaftliche Höhepunkte, die jedoch abrupt abbrechen oder in Dissonanzen münden, was die unerfüllte, obsessive Natur der Liebe im Film reflektiert.
Herrmanns Musik für Vertigo ist weniger auf klassische Hollywood-Melodien ausgelegt, sondern auf eine durchgängige Klangdramaturgie, die den Zuschauer unweigerlich in die psychologische Abwärtsspirale der Figuren hineinzieht. Sie ist zugleich lyrisch und bedrohlich, schön und verstörend, und verstärkt so die traumwandlerische, beklemmende Stimmung des Films auf unverwechselbare Weise.

Richard Wagner: Lohengrin
Die Bayreuther Festspiele 1982 präsentierten mit Richard Wagners „Lohengrin“ eine Aufführung, die sowohl musikalisch als auch szenisch nachhaltigen Eindruck hinterließ. Im Zentrum stand der Tenor Peter Hofmann, der zu dieser Zeit bereits als charismatischer und moderner Wagner-Sänger galt. Seine Interpretation der Titelpartie zeichnete sich weniger durch ein heroisch stählernes Timbre aus, als vielmehr durch eine lyrische, fast schlanke Stimmführung, die dem geheimnisvollen Charakter des Schwanenritters eine besondere Verletzlichkeit und Menschlichkeit verlieh. Hofmanns heller Tenor, geprägt von klarem Höhenstrahl und nuancenreicher Phrasierung, traf den Ton eines „modernen Lohengrin“, der sich von den kraftvollen, manchmal schwergewichtigen Bayreuth-Traditionen unterschied. Kritiker bemerkten zwar eine gewisse vokale Fragilität in den dramatischeren Passagen, doch gerade die „Gralserzählung“ gewann durch seine fast introvertierte Gestaltung eine intime Intensität, die im Festspielhaus große Wirkung entfalten konnte.

An der Seite Hofmanns überzeugte die Sopranistin Katalin Komlósi (Elsa) mit lyrischer Innigkeit, auch wenn ihre Stimme nicht immer das durchschlagende Volumen für den großen Saal besaß. Die Gegenspieler, insbesondere Ortrud und Telramund, lieferten hingegen kraftvoll-dramatische Kontraste, die der Aufführung die nötige Spannung gaben. Dirigent Woldemar Nelsson entschied sich für ein transparentes, fließendes Klangbild, das weniger den monumentalen Wagner-Klang kultivierte, sondern eine fein austarierte Balance zwischen Orchester und Bühne herstellte. Die Bayreuther Akustik trug dazu bei, dass selbst die zarten Passagen Hofmanns klar verständlich blieben.

Auch die 1982 veröffentlichte Aufnahme dieser Produktion dokumentiert diese besondere Ära Bayreuths. Auf Schallplatte und später CD festgehalten, vermittelt das Album die Atmosphäre eines Ensembles, das nicht allein auf stimmliche Wucht setzte, sondern auf psychologische Zeichnung und klangliche Durchsichtigkeit. Hofmanns Lohengrin wirkt hier fast wie ein Gegenentwurf zum traditionellen „Helden“ – ein sensibler, geheimnisvoller Ritter, der in seiner Menschlichkeit greifbarer wird. Während manche Puristen den fehlenden „stahlblauen Heldentenor“ kritisierten, schätzten andere gerade den frischen Zugang, der Wagner näher an eine neue Generation von Opernfreunden brachte.

In der Rückschau lässt sich die Bayreuther „Lohengrin“-Produktion von 1982 als ein wichtiger Moment in der Rezeption des Werkes werten. Sie markierte eine Phase, in der die Festspiele begannen, sich von schwerfälligen Wagner-Klischees zu lösen und neue stimmliche und szenische Wege zu beschreiten. Das Album mit Peter Hofmann bleibt bis heute ein Dokument dieses Aufbruchs, das seine Hörer mit einer Mischung aus Spannung, Kontroverse und Faszination zurücklässt.

Chuck Berry: Ultimative Collection
Chuck Berry gilt als einer der entscheidenden Wegbereiter des Rock ’n’ Roll. Mit Songs wie Johnny B. Goode oder Roll Over Beethoven verband er treibende Rhythmik, eingängige Gitarrenriffs und jugendnahe Texte zu einer bis dahin unbekannten Mischung, die Generationen von Musikern beeinflusste. Berry prägte nicht nur den Sound, sondern auch die Bühnenästhetik des Rock: Seine energiegelbe Performance, der berühmte „Duckwalk“ und seine unverwechselbare Gitarrentechnik machten ihn zu einem Idol für Bands wie die Beatles, die Rolling Stones oder später auch Bruce Springsteen.

Er brachte das Lebensgefühl einer neuen, selbstbewussten Jugendkultur auf den Punkt und gilt bis heute als „Vater des Rock ’n’ Roll“, dessen musikalisches Erbe den Grundstein für nahezu alle späteren Spielarten der Rockmusik legte.

King Crimson im Beethovensaal, Stuttgart

12. September 2016

Das Tourplakat zur KC-Tour für Stuttgart.

Das Tourplakat zur KC-Tour für Stuttgart.

Vroom, das hatte gesessen. Nachdem die letzte Note im ausverkauften Beethovensaal in Stuttgart verklungen war, war ich komplett erledigt. Der Sound hat mich weggefegt. Rund 3 Stunden zeigte King Crimson, wo der Hammer in Sachen Progrock hängt.
Mastermind Robert Fripp ging auf Tour und brachte seine bombastischen Soundkollagen nach Stuttgart. Für mich war es eine Herzensangelegenheit, die progressive Band King Crimson aus GB einmal live zu sehen. Rock, Jazz, Ambient, Prog, World, Metal und alles durcheinander – so lässt sich die musikalische Mixtur beschreiben. King Crimson erreichten nie den Status von Pink Floyd, ELP oder Genesis. Wie sollte das auch gehen? Sobald die Band bekannt wurde und kommerziellen Erfolg hatte, zog Robert Fripp den Stecker. Und, sehr geehrter Herr Fripp, es wird mal wieder Zeit, den Stecker zu ziehen, denn King Crimson sind erfolgreich, sehr erfolgreich. Sie sind übrig geblieben aus der großen alten Zeit der siebziger Jahre Bands und sie klingen phänomenal frisch.


Die Band machte zu Beginn des Konzerts ein klares Statement. Bitte keine Foto-, Audio- und Videoaufnahmen. Wir seien alle zusammen gekommen, um eine Party zu feiern und nicht um Bootlegs mitzuschneiden. Wer erwischt wird, der fliegt raus. Am Ende des Konzerts gab es dann eine Möglichkeit bei einem offiziellen Termin ein Band-Foto zu machen, was ich allerdings verpennt hatte, weil mich die Musik so fasziniert hatte. Die Besucher, zumeist Männern im fortgeschrittenen Alter und in T-Shirt gekleidet, befolgten den Wunsch von King Crimson und die Handys blieben in der Tasche. Da wir gerade bei der Kleidung sind: Die Fans kamen locker daher, kurze Hosen, Schlappen, T-Shirts waren allgegenwärtig. Die Band dagegen kam im weißen Hemd, Krawatte und feiner Hose – ja, Robert Fripp ist ein Mensch mit klaren Vorstellungen.


Die Musik stand klar im Mittelpunkt. Wer einen Eindruck bekommen möchte, soll das Album Radical Action to Unseat the Hold of Monkey Mind hören. King Crimson war nie eine Showband. Sie überzeugen durch ihre Musikalität und Vielseitigkeit. Auch die Lightshow war übersichtlich, am Ende des Konzerts der Showeffekt: Das Bühnenlicht wurde rot. Doch das Besondere an dieser Tour: Robert Fripp engagierte für die Tour gleich drei Drummer und postierte sie wie eine Phalanx zwischen Publikum und sich und seinen Saiteninstrumenten-Kollegen Tony Levin und Jakko Jakszyk bzw. Saxophonisten Mel Collins. Und die drei Drummer Gavin Harrison (Porcupine Tree), Pat Mastelotto (Mr. Mister) und Bill Rieflin (R.E.M.) sorgten für ordentlich Wums. Das Trio war hervorragend aufeinander eingespielt und sorgte für einen gewaltigen Sound.


Musikalisch bewegte sich King Crimson zwischen allen Phasen ihres Bestehens. Ich hatte den Eindruck, dass die erste und zweite Phase der Herrschaften beim Stuttgarter Publikum am besten ankam. Die Songs Confusion, 21st Century Schizoid Man aus der ersten Phase, Larks’ Tongues In Aspic, Starless und Red stammten aus der zweiten Phase. Besonderer Applaus und alle sangen mit bei Heros, den Robert Fripp prägte und Bowie zur Legende werden ließ.

Musiktipp: The Road to Red von King Crimson

27. September 2014

Red1

Das Musikherz schlägt höher. King Crimson geht im Herbst auf US-Tour gehen und die Herrschaften um Robert Fripp werden auch ein neues Album präsentieren. Die ersten Ausschnitte des Songs “Venturing Unto Joy Pt. I” gibt es bereits auf YouTube. Die Besetzung der US-Tour (und wohl des Albums) ist: Gitarrist Robert Fripp, Gavin Harrison, Bill Rieflin und Pat Mastelotto (Drums), Tony Levin (Bass) und Mel Collins (Saxophon) sowie Jakko Jakszyk (Rhythmus-Gitarre). Richtig gelesen, drei Drummer!

Den Auftakt machten vier Shows im Best Buy Theater in New York City. Gerne wäre ich bei dem Event dabei gewesen. Bisher liegen nur US-Termine für eine Tour vor. Vor allem Klassiker stehen auf dem Programm. Sie spielten auch „Red“ und „One More Red Nightmare“ von dem Klassiker Red. Und es kommen Erinnerungen hoch, an eine hervorragende Box The Road to Red.

Der Standard-Radio Hörer wird King Crimson nicht kennen und das ist auch gut so. Wer sich in der Musikgeschichte ein wenig auskennt, der wird die Ohren spitzen. King Crimson gehört zu den ganz großen Kapellen, welche die Musikgeschichte vorangebracht haben. Die wechselnde Band um Mastermind Robert Fripp hat mit der 20 Disc-Box den Weg zum Album Red vorgelegt, eben The Road to Red. Und was ich da zu hören bekomme, ist schlichtweg gewaltig. Zehn Konzerte von denen die Audiospur direkt aus dem Mixer abgenommen wurde. Der Sound haut mich vom Hocker. Dann gibt es fünf Konzerte, die in den damals üblichen Mehrspurmaschinen mitgeschnitten wurden. Die Blu rays und DVDs geben den optimalen Sound wieder und wer die Musik mag, wird die Boxen voll aufdrehen. Gerade beim Konzert im Asbury Park fliegen dem Zuhörer die Ohren weg. Und wenn sich der perfekte Klang noch mit der musikalischen Gabe von Robert Fripp und Kollegen vereint, dann kann es nicht mehr schiefgehen. Von Konzert zu Konzert, von Auftritt zu Auftritt improvisieren, feilen die Musiker an den Songs um Red. Am Ende wird dann das legendäre Studioalbum Red aufgenommen, das Freunde der anspruchsvollen Rockmusik sowieso schon zu Hause stehen haben. The Road to Red ist ein eindrucksvoller Zeitdokument über den Entstehungsprozess eines Albums, das in die Geschichte eingegangen ist. Ich kann diese Box, die zudem limiert ist, jeden Rockmusik-Fan empfehlen. Es gibt noch ein paar Zusätze, wie den Remix zum 40. Geburtstag von Red, Reprints von Cover und ein schönes Booklet mit viel, viel Fachinformation für den Fan. Hier ein Unboxing von The Road to Red:

Und es kommt noch ein fetter Hammer in diesem Jahr. Am 13. Oktober plant die Band die nächste Box auf den Markt zu bringen. Es handelt sich um 20 CD, DVD und Blu ray Box von Blue Tapes zu veröffentlichen. Der Fan greift zu. Der Fokus der Aufnahmen liegt auf dem Zeitraum Oktober 1973 bis April 1974 und enthält Live- und Studioaufnahmen von Fripp, Bill Bruford, David Cross und John Wetton. Die Aufnahmen reichen damit von 1973′s ‘Lark’s Tongue in Aspic,’ bis zu ‘Starless and Bible Black‘ und eben ‘Red’ von 1974. Also das bedeutet dann auch hier: Zugreifen und aufdrehen.

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