Brüssels Grote Markt: Ein Platz, der aus den Flammen auferstand

Wer den Grote Markt in Brüssel betritt, steht nicht einfach auf einem historischen Platz. Er steht inmitten einer Stadtgeschichte, die von Wohlstand und Macht, von Zerstörung und Tod – aber auch von einem beinahe trotzigen Willen zum Wiederaufstehen erzählt. Und bei meinem Besuch erzählte der Platz vor allem das Thema Bier. Es fand ein großes Bierfest statt. Was dann doch noch mal ein paar Touristen mehr anzog. 

Im Herzen von Brussels öffnet sich zwischen den engen Gassen der Altstadt plötzlich ein Raum, der Reisende innehalten lässt. Gold schimmert an reich verzierten Fassaden, steinerne Figuren blicken von den Gebäuden herab, und über allem erhebt sich der filigrane Turm des gotischen Rathauses. Der Grote Markt, auf Französisch Grand-Place, ist die historische Mitte Brüssels – und seit 1998 UNESCO-Weltkulturerbe. Der eindrucksvolle Platz fasziniert mich, obwohl mir zu viele Touristen da waren. Auch Vorsicht vor Taschendieben. Hier ein VR 360 Rundgang über den belebten Platz.

Seine Geschichte reicht weit zurück. Bereits 1174 findet sich eine schriftliche Erwähnung des damaligen „Nedermarckt“, des unteren Marktes. Wo sich heute eines der prachtvollsten Stadtbilder Europas entfaltet, befand sich ursprünglich sumpfiges Gelände am rechten Ufer der Senne. Im Laufe des Mittelalters entwickelte sich der Platz zum wirtschaftlichen und politischen Zentrum Brüssels. Händler kamen hier zusammen, Waren wechselten ihre Besitzer, und rund um den Markt entstanden Häuser, Hallen und öffentliche Gebäude.

Mit dem wachsenden Wohlstand wuchs auch das Selbstbewusstsein der Stadt. Besonders eindrucksvoll verkörpert es das Brüsseler Rathaus. Sein Bau begann zu Beginn des 15. Jahrhunderts; der hoch aufragende Turm wurde zu einem Wahrzeichen kommunaler Macht. Gegenüber steht die Maison du Roi beziehungsweise das niederländische Broodhuis, die heute das Brüsseler Stadtmuseum beherbergt. Ringsum liegen die ehemaligen Häuser mächtiger Zünfte und Korporationen.

Doch der Grote Markt war keineswegs immer nur eine glanzvolle Kulisse. Er wurde auch zum Schauplatz dramatischer Kapitel europäischer Geschichte. 1523 wurden hier die Augustinermönche Hendrik Voes und Jan van Essen als frühe Märtyrer der Reformation verbrannt. 1568 wurden die Grafen Egmont und Hoorn auf dem Platz enthauptet. Hinter den prachtvollen Fassaden liegt damit auch die Erinnerung an religiöse Verfolgung und politische Gewalt.

Die wohl größte Katastrophe traf den Platz jedoch im August 1695. Französische Truppen unter Marschall François de Villeroy beschossen auf Befehl Ludwigs XIV. Brüssel. Das historische Zentrum wurde schwer getroffen, und ein Großteil der Gebäude am Grote Markt ging in Flammen auf. Selbst das Rathaus, eines der Ziele des Angriffs, wurde beschädigt. Von vielen Häusern blieben nur Teile der steinernen Strukturen stehen.

Was anschließend geschah, prägt das Gesicht Brüssels bis heute. Anstatt das zerstörte Zentrum aufzugeben, bauten die Brüsseler ihren Platz innerhalb weniger Jahre wieder auf. Besonders 1697 und 1698 entstanden zahlreiche der zerstörten Häuser neu. Die unterschiedlichen Zünfte schufen prächtige Fassaden mit Giebeln, Skulpturen und vergoldeten Ornamenten. Obwohl jedes Haus seinen eigenen Charakter erhielt, entstand ein erstaunlich geschlossenes Gesamtbild. Aus persönlichen Gründen hat mir das Zunfthaus der Bäcker am besten gefallen. Genau diese Verbindung verschiedener architektonischer und künstlerischer Stile gehört zu den Gründen, weshalb die UNESCO den Platz als außergewöhnliches Kulturerbe anerkennt.

Vielleicht liegt darin die eigentliche emotionale Kraft des Grote Markt: Seine Schönheit ist nicht die Schönheit eines Ortes, der von der Geschichte verschont geblieben ist. Es ist die Schönheit eines Ortes, der zerstört wurde und sich dennoch neu erfand.

Heute ist von der Gewalt jener Augusttage auf den ersten Blick kaum noch etwas zu spüren. Menschen sitzen in Cafés, fotografieren die Fassaden oder stehen am Abend unter den beleuchteten Gebäuden. Feste, Konzerte und traditionelle Veranstaltungen bringen regelmäßig Tausende Besucher auf den Platz. Auch der berühmte Blumenteppich wird hier veranstaltet und verwandelt den steinernen Platz in bestimmten Jahren für kurze Zeit in ein monumentales farbiges Muster. Nun, bei mir war es ein Fest der belgischen Brauereien.


Ich beobachtete eine chinesische Infuenzerin, die aufgeregt und konsequent in ihr Smartphone sprach. Laut Google-Übersetzung ging es um den hervorragenden Geschmack von belgischen Pralinen. Trotz des Wirbels um sie herum, hat die Dame konsequent gestreamt. Es machte mir Spaß ihr bei der Arbeit zuzusenden. Natürlich interessierte ich mich auch für ihr mobiles technisches Equipment.

Zurück zur Geschichte, die überall gegenwärtig bleibt. Im gotischen Rathaus, in den barocken Zunfthäusern und in den vergoldeten Ornamenten steckt die Erinnerung an eine Handelsstadt, die ihren Wohlstand demonstrieren wollte. In den historischen Ereignissen des Platzes zeigt sich zugleich eine dunklere Vergangenheit aus Machtkämpfen, Verfolgung und Krieg.

Die UNESCO bezeichnet den Grote Markt als außergewöhnliches Beispiel für die Entwicklung und die Leistungen einer erfolgreichen nordeuropäischen Handelsstadt auf dem Höhepunkt ihres Wohlstands. Bemerkenswert ist zudem, dass sich auf dem Platz selbst keine Kirche und kein anderes Gotteshaus befindet. Sein Charakter wurde vielmehr von Handel, städtischer Verwaltung und den mächtigen Korporationen geprägt.

Wer heute mitten auf dem Grote Markt steht und langsam den Blick über die goldenen Fassaden bis hinauf zum Rathausturm wandern lässt, sieht deshalb weit mehr als eine prachtvolle Sehenswürdigkeit. Ich bin abends nochmal gekommen, um etwas Ruhe einzufangen, aber vergeblich. Der Platz war rappelvoll.

Man sieht ein steinernes Gedächtnis Brüssels – einen Ort, der Macht und Wohlstand erlebt hat, Zeuge von Hinrichtungen wurde, in Flammen unterging und anschließend schöner denn je wiederauferstand. Gerade deshalb wirkt der Grote Markt nicht wie ein Museum. Er wirkt wie Geschichte, die noch immer lebt.

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