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Wo der Wind Geschichten flüstert – der Glasgow Necropolis

2. Juli 2025

Über den Dächern Glasgows, wo der Wind die Geschichten der Vergangenheit mit sich trägt und die Sonne am Abend die Stadt in goldenes Licht taucht, erhebt sich ein Ort von erhabener Schönheit und stiller Würde: der Glasgow Necropolis.

Wie ein steinernes Gedicht liegt dieser viktorianische Friedhof auf einem Hügel, dem sogenannten „Cathedral Hill“, gleich neben der ehrwürdigen St Mungo’s Cathedral. Von hier aus schweift der Blick über die pulsierende Metropole, doch der Necropolis selbst scheint in einer eigenen Welt zu existieren – einer Welt, in der Zeit und Raum ineinanderfließen und die Stimmen der Geschichte niemals ganz verstummen. Meine Frau und ich wanderten einen halben Tag über diesen Ort der Ruhe und hingen unseren Gedanken nach.

Die Entstehung des Necropolis ist untrennbar mit dem Aufstieg Glasgows im 19. Jahrhundert verbunden. Die Stadt wuchs, getrieben von Handel, Industrie und Innovation, zu einer der wichtigsten Metropolen Großbritanniens heran. Mit dem Wohlstand kam auch der Wunsch nach einem würdevollen Ort, an dem die Bürger ihre letzte Ruhe finden konnten. Inspiriert vom Pariser Père Lachaise, wurde 1832 der Grundstein für den Necropolis gelegt. Schon bald entwickelte sich der Friedhof zu einem Spiegelbild der Gesellschaft: Hier ruhen Kaufleute und Industrielle, Künstler und Wissenschaftler, Geistliche und einfache Bürger – jeder Grabstein, jedes Mausoleum erzählt seine eigene Geschichte.

Mehr als 50.000 Menschen sind im Glasgow Necropolis begraben, doch nur etwa 3.500 Gräber sind durch aufwändige Monumente und kunstvolle Inschriften gekennzeichnet. Viele der Namen, die man hier liest, sind untrennbar mit der Geschichte Glasgows verbunden. Da ist zum Beispiel John Knox, der berühmte schottische Reformator, dessen imposantes Denkmal hoch oben auf dem Hügel thront – auch wenn er selbst nicht hier begraben liegt, sondern symbolisch für die protestantische Tradition Schottlands steht. In unmittelbarer Nähe finden sich die Gräber von William Miller, dem Dichter des berühmten Kinderliedes „Wee Willie Winkie“, und Charles Tennant, einem Chemiker und Industriellen, der mit seiner Erfindung der Bleichpulverproduktion Glasgows wirtschaftlichen Aufstieg maßgeblich mitprägte.

Auch Frauen, die in ihrer Zeit Herausragendes leisteten, fanden hier ihre letzte Ruhe, wie etwa Isabella Elder, eine der ersten Förderinnen der Frauenbildung in Schottland. Ihre Grabstätte ist ein stilles Zeugnis für Mut und Engagement in einer von Männern dominierten Welt.

Wer durch die gewundenen Pfade des Necropolis wandelt, begegnet einer Vielzahl architektonischer Stile: von neoklassizistischen Tempeln über gotische Türme bis hin zu ägyptisch inspirierten Obelisken. Die Monumente sind oft mit Symbolen geschmückt – Anker für Hoffnung, gebrochene Säulen für ein zu früh beendetes Leben, und Efeuranken als Zeichen unvergänglicher Erinnerung. Zwischen den Gräbern wachsen uralte Bäume, deren Wurzeln sich tief in die Erde graben, als wollten sie die Geschichten der Toten bewahren und weitertragen.

In den frühen Morgenstunden, wenn Nebel über den Hügel zieht und die Stadt noch schläft, scheint der Necropolis von einer fast überirdischen Stille erfüllt. Es ist eine Atmosphäre, die zum Nachdenken und Träumen einlädt. Viele Besucher berichten, dass sie hier eine besondere Nähe zur Vergangenheit spüren – als ob die Mauern und Statuen selbst Geschichten flüstern würden, von Liebe und Verlust, von Hoffnung und Vergänglichkeit. Ich muss zugeben, ich habe davon nichts gespürt. Ich war einfach nur überwältig von der Größe und der Pracht. Ich erinnerte mich an die Beerdigung meiner Eltern, hing diesen Gedanken nach.

Und wie es sich für einen Ort von solcher Geschichte und Aura gehört, ranken sich zahlreiche Märchen und Legenden um den Necropolis. In den Pubs der Stadt erzählt man sich, dass in mondlosen Nächten die Geister der alten Kaufleute und Dichter durch die Alleen wandeln.

Besonders bekannt ist die Sage vom „grauen Gentleman“, einem freundlich gesinnten Geist in viktorianischer Kleidung, der einsamen Spaziergängern Gesellschaft leisten und sie sicher durch das Labyrinth der Grabmale führen soll. Manche schwören, in windigen Nächten das leise Lachen von Kindern zu hören – vielleicht die Stimmen der kleinen Seelen, die hier ihre Ruhe fanden. Natürlich sind diese Erzählungen nichts als Märchen, geboren aus der Fantasie und dem Zauber dieses einzigartigen Ortes, doch sie verleihen dem Necropolis einen Hauch von Magie, der Besucher aus aller Welt in seinen Bann zieht. Ich habe bei meinen Spaziergängen durch die Gräberreihen nichts davon gespürt, obwohl ich für solche Spukgeschichten empfänglich bin.

Der Glasgow Necropolis ist mehr als ein Friedhof – er ist ein lebendiges Museum, ein Garten der Erinnerung, ein Ort, an dem die Geschichte Glasgows in Stein gemeißelt und doch voller Leben ist. Wer hier verweilt, spürt nicht nur die Ehrfurcht vor den Generationen, die vor uns gingen, sondern auch die Schönheit des Augenblicks. Zwischen den Gräbern, unter den alten Bäumen und im goldenen Licht der untergehenden Sonne wird der Necropolis zu einem Ort der Versöhnung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Leben und Tod, zwischen Realität und Märchen.

So bleibt der Glasgow Necropolis ein stiller, aber kraftvoller Zeuge der Zeit – ein Ort, der die Herzen seiner Besucher mit Staunen, Ehrfurcht und einer leisen Sehnsucht erfüllt. Wer den Mut hat, sich auf seine besondere Atmosphäre einzulassen, wird reich beschenkt: mit Geschichten, mit Inspiration und mit dem Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein, das über Generationen hinweg Bestand hat.

Im Glasgow Necropolis gibt es keine offiziell ausgewiesenen Bereiche, die ausschließlich für bestimmte Gruppen oder besonders viele Tote reserviert sind, wie man das von manchen Friedhöfen mit klar getrennten Sektionen kennt. Der gesamte Friedhof ist ein weitläufiges Gelände mit zahlreichen Grabstätten und Monumenten, die sich über die Hügel und Wege verteilen. Die meisten Gräber sind also anonym oder nur durch kleine, schlichte Markierungen sichtbar.

Schönheit des Vergänglichen – Gothic-Träume auf dem Hügel der Toten

30. Juni 2025

Der Glasgow Necropolis übt auf Gothic-Fans eine ganz besondere Faszination aus, da er wie kaum ein anderer Ort die Ästhetik, Symbolik und Atmosphäre der Gothic-Kultur widerspiegelt. Bei meinem Streifzug durch diesen faszinierenden Friedhof traf ich verschiedene Gothic-Fans, die die Atmosphäre für fotografische Aufnahmen nutzen.

Ich sprach die Leute ohne Vorbehalte an. Die Schotten antworteten wir begeistert, nachdem wir auch ein bisschen über Gothic-Musik geplaudert hatten. Die asiatischen Frauen reagierten eher verschüchternd, sprachen aber dann auch, als sie etwas Vertrauen gewonnen hatten. Als Journalist war ich neugierig und wollte wissen, warum dieser Friedhof zu einem Magneten für Liebhaber des Düsteren und Romantischen ist. Hier die Antworten auf meine Fragen.

Architektur und Stilvielfalt
Die Necropolis ist ein Paradebeispiel viktorianischer Friedhofskultur und beeindruckt durch eine Mischung aus gotischer, ägyptischer und griechischer Revival-Architektur. Über 3.500 kunstvoll gestaltete Grabmäler, Mausoleen und Skulpturen verteilen sich über die Hügel und Terrassen. Besonders die zahlreichen spitzen Obelisken, verwitterten Engel, melancholischen Statuen und monumentalen Familiengräber schaffen eine Kulisse, die wie aus einem Gothic-Roman entsprungen scheint. Hier findet jeder schnell sein spezielles Fotomotiv.

Die Lage und Atmosphäre
Der Friedhof liegt auf einem Hügel östlich der St Mungo’s Cathedral, selbst ein Meisterwerk gotischer Baukunst. Die erhöhte Lage bietet dramatische Ausblicke über die Stadt und verstärkt das Gefühl, sich in einer eigenen, entrückten Welt zu befinden. Nebel, Wind und das wechselhafte schottische Wetter verleihen der Necropolis eine mystische, manchmal fast übernatürliche Stimmung – ideal für alle, die sich von der Melancholie und Schönheit des Vergänglichen angezogen fühlen.

Symbolik und Kunst
Die Grabmale sind reich an Symbolen, die für die Gothic-Szene eine besondere Bedeutung haben: gebrochene Säulen, Totenschädel, Efeuranken und Engel, die über die Toten wachen. Die kunstvollen Inschriften und die morbide Schönheit der verwitterten Steine regen die Fantasie an und laden zum Nachdenken über Leben, Tod und Unsterblichkeit ein.

Historische Bedeutung und Geschichten
Der Necropolis ist nicht nur ein Ort der Trauer, sondern auch ein „Museum unter freiem Himmel“, das die Geschichte Glasgows und seiner Menschen erzählt. Viele Persönlichkeiten, Künstler und Industrielle sind hier begraben, ihre Geschichten spiegeln sich in den Monumenten wider. Ich muss leider zugeben, dass ich die wenigsten Verstorbenen kannte. Aber die reiche Historie und die vielen Legenden, die sich um den Friedhof ranken, bieten Stoff für düstere Erzählungen und Inspiration für die Gothic-Subkultur.

Märchen und Legenden
Wie es sich für einen so alten und eindrucksvollen Ort gehört, ranken sich zahlreiche Märchen um den Necropolis. So wird erzählt, dass in nebligen Nächten Geister durch die Alleen wandeln – Geschichten, die von der Gothic-Szene gerne aufgegriffen und weitergesponnen werden. Diese Legenden sind natürlich als Märchen zu verstehen, tragen aber zur besonderen Aura des Ortes bei. Ich war bei strahlendem Sonnenschein vor Ort und traf auf keine Geister, sondern nur auf durstige Seelen.

Der Glasgow Necropolis vereint alles, was das Herz eines Gothic-Fans höherschlagen lässt: spektakuläre Architektur, düstere Symbolik, eine melancholische Atmosphäre und eine reiche Geschichte voller Geheimnisse und Geschichten. Wer sich für die Ästhetik des Morbiden und die Schönheit des Vergänglichen begeistert, findet hier einen der eindrucksvollsten Orte Europas. Und wer ohne Vorurteile auf die Gothic-Szene zugeht und das freundliche Gespräch sucht, der hat mehr vom Leben. Und die Toten hat die Fotosessions nicht mehr gestört.

Wenn die Highlands singen: Die ungebrochene Kraft der schottischen Musik

29. Juni 2025

Die Musik Schottlands ist eng mit der Geschichte und Kultur des Landes verbunden und zeichnet sich durch eine besondere Vielfalt aus. Neben traditionellen Volksliedern und Tanzmusik haben vor allem die Dudelsäcke, auch Pipes genannt, eine herausragende Bedeutung erlangt. Sie gelten weltweit als musikalisches Symbol Schottlands und sind untrennbar mit dem Bild der Highlands und der schottischen Identität verbunden.

Natürlich sind viele Pipes-Spieler für die zahlreichen Touristen da. Vor allem rund um das Edinburgh Castle. Auf dem Weg zum Schloss wird man immer wieder unterhalten. Trotz Touri-Attraktion, mir hat es gefallen, ich bin ja schließlich ein Tourist.

Die Faszination der Pipes liegt in ihrem einzigartigen Klang, der gleichzeitig kraftvoll, klagend und feierlich wirkt. Dieser Klang entsteht durch das Zusammenspiel mehrerer Pfeifen: einer Melodiepfeife (Chanter) und in der Regel drei Bordunpfeifen, die kontinuierlich einen tiefen, gleichbleibenden Ton erzeugen. Der konstante Klangteppich der Bordune bildet den charakteristischen Hintergrund, über den sich die Melodie mit rhythmischer Präzision und ornamentreicher Verzierung legt.

Besonders in der traditionellen Militär- und Zeremonienmusik spielen die Great Highland Bagpipes eine zentrale Rolle. Sie werden bei Paraden, Staatsakten, Begräbnissen und kulturellen Festen eingesetzt und erzeugen dabei eine eindrucksvolle emotionale Wirkung. Auch im zivilen Bereich, etwa bei den Highland Games oder regionalen Festivals, tragen Pipe Bands maßgeblich zur Atmosphäre bei und stärken das Gemeinschaftsgefühl. Am bekanntesten ist sicherlich das Royal Edinburgh Military Tattoo, vor dem Castle. Ich war gerade da als die Tribünen aufgebaut wurden.

Neben der traditionellen Verwendung finden Pipes zunehmend Eingang in moderne Musikgenres. Künstler integrieren den Dudelsack in Rock-, Pop- oder Folk-Produktionen und schlagen so eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Diese Vielseitigkeit sowie der unverwechselbare Klang machen die Pipes zu einem musikalischen Element, das weit über Schottlands Grenzen hinaus fasziniert. Es gab in verschiedenen Pubs so genannte Open Mics Veranstaltungen. Dort kommen Musiker mit ihrem Instrument und spielen zur Unterhaltung auf. Oft lassen sich dort wahre Perlen genießen.

Die traditionelle schottische Folkmusik bildet das musikalische Herz der schottischen Kultur und ist eng mit dem Alltagsleben, den Landschaften und der Geschichte des Landes verbunden. Sie umfasst ein breites Repertoire an Liedern und Instrumentalstücken, die oft mündlich überliefert wurden und von Generation zu Generation weitergegeben werden. Oft begegnete ich verschiedenen Straßenmusikanten. Interessant ist, dass man einen Obolus per eCash entrichten konnte. In die Gitarrenkästen wurden weiterhin Münzen geworfen, aber in einem digitalisierten Schottland konnte man überall elektronisch spenden, was auch gemacht wurde.

Ein zentraler Bestandteil der schottischen Folkmusik sind die Balladen – erzählende Lieder, die von historischen Ereignissen, tragischen Liebesgeschichten oder dem Leben der einfachen Leute berichten. Diese Lieder zeichnen sich durch ihre melodische Schlichtheit, eindringliche Texte und eine große emotionale Tiefe aus. Viele der Balladen stammen aus dem späten Mittelalter und spiegeln die mündliche Erzähltradition der Clans wider.

Instrumental spielt neben den Pipes besonders die Fiddle, eine dem klassischen Geigenbau ähnliche Violine, eine bedeutende Rolle. Sie wird oft virtuos gespielt und ist ein zentrales Instrument bei traditionellen Tänzen wie dem Reel, dem Jig oder dem Strathspey. Auch andere Instrumente wie die Tin Whistle, das Akkordeon, die Bodhrán (eine Rahmentrommel) oder die Harfe – insbesondere die keltische Clàrsach – tragen zum typischen Klangbild der schottischen Folkmusik bei.

Charakteristisch ist zudem das Zusammenspiel von Musik und Tanz: Die Musik dient nicht nur dem Zuhören, sondern ist eng mit geselligen Zusammenkünften, sogenannten Ceilidhs, verbunden, bei denen getanzt, gesungen und musiziert wird. Diese Abende sind ein lebendiger Ausdruck kultureller Identität und sozialer Verbundenheit.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die schottische Folkmusik eine Renaissance erlebt. Junge Musiker greifen traditionelle Stücke auf, interpretieren sie neu und verbinden sie mit zeitgenössischen Einflüssen. So bleibt die Folkmusik in Schottland nicht nur ein Zeugnis vergangener Zeiten, sondern auch ein lebendiger, sich stetig weiterentwickelnder Teil des kulturellen Lebens. Hier mal etwas aus meiner Jugend. An einem Abend im Juni trat der schottische Liedermacher Jim Murray in Glasgow in der Bar The Piper Bar auf und sang den Police Song Roxanne.

Buchkritik: Vergängliche Schönheit – Unterwegs mit Agnes Hörter zu den verlorenen Orten Bayerns

15. Juni 2025

Ich muss Agnes Hörter einfach dankbar sein. Sie dokumentiert mit ihrer Kamera Lost Places und hat sich in ihrem neuen Buch Lost Places in Bayern auch zur Aufgabe gemacht, ehemalige Lost Places zu porträtieren.

Viele der Gebäude, Fabriken und Freizeitanlagen, die Agnes mit einem guten Auge fotografiert hat, gibt es nicht mehr. Sie wurden abgetragen oder abgerissen – und es bleibt die Erinnerung an vergangene Geschichten. Als Beispiel seien nur die Königstherme in Königsbrunn bei Augsburg oder das geschichtsträchtige Hotel Lederer genannt, in dem 1934 Adolf Hitler seinen SA-Gefährten Ernst Röhm verhaften ließ. Die Nazis erfanden die Geschichte vom Röhm-Putsch und ließen die SA-Führung ermorden.

Agnes hat mit Lost Places in Bayern nunmehr ihr drittes Buch auf den Markt gebracht. Nach zwei Eigenpublikationen ist sie nun Autorin des Münchner Volk Verlags.

Agnes Hörters Lost Places in Bayern ist ein eindrucksvoller Bildband, der auf besondere Weise die Schönheit des Verfalls sichtbar macht. Die Fotografin, die in Augsburg lebt, entwickelt einen außergewöhnlich einfühlsamen Blick auf verlassene Orte – stille Zeugen vergangener Zeiten, die sie mit viel Gespür für Atmosphäre und Geschichte ins Bild setzt. Ich hatte neulich ein ausführliches Interview mit ihr geführt.

Auf über 200 Seiten nimmt Hörter die Leser mit zu rund zwei Dutzend „Lost Places“ in ganz Bayern – darunter stillgelegte Bunker, aufgegebene Thermen, leerstehende Hotels, verlassene Bauernhöfe und sogar Kirchen. Jeder Ort wird dabei nicht nur durch ausdrucksstarke Fotografien, sondern auch durch kurze, prägnante Begleittexte zum Leben erweckt. Diese Texte erzählen kleine Geschichten: vom einst mondänen Hotel, das später zum Lazarett wurde, oder vom Freizeitpark, der einst Kinderaugen zum Leuchten brachte und nun langsam von der Natur zurückerobert wird.

Die Bildsprache ist poetisch, manchmal melancholisch, dabei stets respektvoll. Man spürt: Hier wird nicht nur dokumentiert, sondern gewürdigt. Die Kombination aus Licht, Perspektive und Motiv macht viele Bilder zu kleinen Kunstwerken, die lange nachwirken. Man verweilt vor jedem Foto, entdeckt Details, spürt die Stille der Orte – und gleichzeitig deren Geschichte.

Lost Places in Bayern ist mehr als ein Fotobuch. Es ist eine stille Liebeserklärung an das Vergängliche, eine Einladung zum Innehalten, ein Nachdenken über Erinnerung, Zeit und Wertschätzung. Für alle, die sich für verlassene Orte interessieren, für Menschen mit einem Faible für visuelle Erzählkunst oder für Liebhaber Bayerns mit seinen vielen verborgenen Winkeln: Dieses Buch ist eine klare Empfehlung.

Dass die Edition im hochwertigen Großformat erscheint, unterstreicht die Wertigkeit des Projekts. Das Buch ist ideal als Geschenk, als Coffee-Table-Schmuckstück oder als Inspiration für eigene Entdeckungsreisen – und beweist einmal mehr, dass Schönheit oft dort liegt, wo man sie nicht erwartet.

Agnes Hörter ist mit diesem Werk ein atmosphärisch dichter, berührender und gleichzeitig visuell beeindruckender Band gelungen, der den Zauber des Verfalls mit einer stillen Würde einfängt. Ein Buch, das man nicht einfach durchblättert – sondern erlebt. Und irgendwann möchte ich Agnes einmal bei einer ihrer Touren begleiten.

Buchtipp: Schritt für Schritt: Wanderungen durch die Weltgeschichte von Manuel Andrack

21. März 2025

Ich bin wirklich kein großer Wandervogel, das ist eher meine Gattin, die eine deutlich bessere Kondition hat als ich. Aber auf dieses Buch war ich neugierig, denn ich mag Manuel Andrack. Ich habe ihn nie persönlich kennen gelernt, und dennoch fühle ich mich ihm verbunden. Wir kennen ihn alle als ehemaliger SideKick von Harald Schmidt, der jeden Abend in der alten Zeit mir den Fernsehabend versüßte.

Manuel Andrack, bekannt als ehemaliger Sidekick von Harald Schmidt, hat sich in seinem Buch “Schritt für Schritt: Wanderungen durch die Weltgeschichte” auf eine besondere Reise begeben. In diesem Werk verbindet er seine Leidenschaft für das Wandern mit historischen Erkundungen und nimmt die Leser mit auf Touren zu bedeutenden Schauplätzen der Geschichte.

Das Buch ist in mehrere Kapitel unterteilt, die jeweils eine spezifische Wanderroute mit einem historischen Ereignis verknüpfen. Beispielsweise wandert Andrack auf den Spuren des Neandertalers, erkundet ägyptische Pfade und folgt den Wegen römischer Legionäre. Diese Herangehensweise ermöglicht es uns als Leser, Geschichte nicht nur als abstraktes Konzept zu verstehen, sondern sie buchstäblich Schritt für Schritt nachzuvollziehen.

Ein besonderes Merkmal des Buches ist Andracks humorvoller und selbstironischer Schreibstil. Das kennen wir aus der Harald Schmidt Show. Er schildert nicht nur die landschaftlichen Schönheiten und historischen Hintergründe der Wanderungen, sondern auch die kleinen Pannen und Herausforderungen, die ihm unterwegs begegnen. So berichtet er beispielsweise von Umwegen, die durch Verirrungen entstanden sind, oder von unerwarteten Begegnungen mit Einheimischen. Diese Anekdoten verleihen dem Buch eine persönliche Note und machen es für den Leser besonders unterhaltsam.

Zusammenfassend gelingt es Manuel Andrack in “Schritt für Schritt”, die Freude am Wandern mit einer lebendigen Darstellung historischer Ereignisse zu verbinden. Sein humorvoller Erzählstil und die authentischen Schilderungen machen das Buch zu einer empfehlenswerten Lektüre für alle, die Geschichte einmal aus einer anderen Perspektive erleben möchten.

Ein Stück Comic-Geschichte geht verloren – Abschied von der Comic Company München

2. Februar 2025

Ich geb es ja zu, ich habe Peter Zemann ziemlich genervt und möchte mich für meine Penetranz in den vergangenen Jahren entschuldigen. Ich war immer auf der Suche nach Ausgaben meiner Lieblingscomic-Reihe Die Gruft des Grafen Dracula und Peter Zemann war als Betreiber der Comic Company mein erster Anlaufpunkt in München, wenn es um Comics ging. Das hat nun ein Ende. Die Comic Company im Münchner Glockenbachviertel hat seit Ende Januar 2025 geschlossen. Peter Zemann hat nach 36 Jahren sein Geschäft aufgegeben.

Ich habe seinen Laden über die Jahre gerne besucht und bin auch Ende Januar nochmal da gewesen, um mich zu verabschieden. Als Erinnerung habe ich noch ein Mad-Heft mit meiner Lieblings-TV-Serie Lou Grant mitgenommen. Es war mir wichtig, dass ich nochmals aufschlage. Ich wollte mich persönlich verabschieden und Dankeschön für all die zurückliegenden Jahre sagen.

Das Haus in der Fraunhoferstr. 21, in dem sich die Comic Company befindet, wurde verkauft, aber Zemann habe vom neuen Besitzer keine Kündigung erhalten. Er habe immer wieder nach ernsthaften Interessenten gesucht, die den Laden weiterführen wollten. Vergeblich, denn viele der möglichen Interessenten seien wohl naiv gewesen, was es bedeutet, ein Unternehmen zu führen. Ein Geschäft zu führen ist ein Business, auch wenn es sich um so schöne Sachen wir Comics handelt. Also blieb nur noch der Schlussverkauf mit satten Rabatten und das Schließen des Ladens.

Schon als Kind habe ich gerne Comics gelesen. Superhelden, Yps, die Maus und meine Eltern haben keinen Aufstand gemacht. Meine Kinder lesen eher Manga, schauen aber hin und wieder in klassische Comics rein. Während ich so durch die Comic Company schlendere und mir die Auslagen anschaue, gehe ich auch auf eine Reise durch die Geschichte der Comics in Deutschland.

Die Anfänge der Comics
Die Ursprünge des Comics in Deutschland reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Bereits in satirischen Zeitschriften wie dem „Fliegenden Blätter“ (gegründet 1844) oder dem „Simplicissimus“ (gegründet 1896) erschienen Bildgeschichten mit humoristischen oder politischen Inhalten. Diese frühen Formen von Comics waren oft Karikaturen oder Bildergeschichten mit begleitendem Text unter den Bildern.

Ein entscheidender Meilenstein war Wilhelm Busch, dessen „Max und Moritz“ (1865) als eine der ersten sequentiellen Bildergeschichten gilt und einen bedeutenden Einfluss auf spätere Comicentwicklungen weltweit hatte. Buschs Werk prägte das Erzählen mit Bildfolgen und inspirierte spätere Generationen von Comic-Künstlern. Ich denke, in meiner Generation hat jeder noch die beiden Lausbuben gelesen und ich hab Max und Moritz auch meinen Kindern näher gebracht. Wir haben eine schöne Ausgabe von Wilhelm Busch zu Hause stehen.

Die Entwicklung des Comics im 20. Jahrhundert
Nach dem Ersten Weltkrieg blieben Comics in Deutschland zunächst vor allem auf satirische und humoristische Inhalte beschränkt. Erst in den 1930er Jahren wurden Comics als eigenständiges Medium populärer. Eine der ersten erfolgreichen deutschen Comic-Serien war „Strizz“ von Erich Ohser (unter dem Pseudonym e.o. plauen), der in den 1930er Jahren mit „Vater und Sohn“ humorvolle und oft rührende Kurzgeschichten in Bildform schuf.

Während der NS-Zeit gerieten Comics in Deutschland unter Druck, da sie als „undeutsch“ galten. In dieser Zeit wurden amerikanische Comics weitgehend verboten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen durch die US-amerikanische Besatzung zahlreiche amerikanische Comics nach Deutschland, darunter „Superman“, „Mickey Mouse“ und „Donald Duck“. Besonders die Übersetzung der Disney-Comics durch den Egmont Ehapa Verlag ab den 1950er Jahren trug zur Popularität bei. Über den Egmont Ehapa Verlag habe ich immer wieder geschrieben, vor allem wenn es um die Maus und Entenhausen ging.
Gleichzeitig gab es deutsche Versuche, eigene Comic-Traditionen zu etablieren. Rolf Kaukas „Fix und Foxi“ (1953) war der erste große Erfolg eines deutschen Comics, der sich über Jahrzehnte großer Beliebtheit erfreute. Auch „Lupo modern“ und später „Yps“ mit seinen berühmten Gimmicks prägten Generationen von Lesern. Ich bin durch die Höhen und Tiefen von Yps gegangen. Auch bei der Wiederauflage und der Neuausrichtung war ich mit dabei.

Comics in der DDR und in der Bundesrepublik
Während Comics in Westdeutschland durch Disney, Asterix und Marvel-Importe florierten, hatte die DDR ihre eigene, sozialistisch geprägte Comic-Kultur. „Mosaik“ von Hannes Hegen, später mit den Digedags und ab 1975 mit den Abrafaxen, war das bekannteste Comic-Magazin der DDR und erfreute sich großer Beliebtheit. Die Verwandtschaft aus dem Ostern versorgte mich zu DDR-Zeiten mit Lesestoff, obwohl mir die Sachen eigentlich zu sozialistisch waren, gelesen hab ich sie trotzdem.

In Westdeutschland entwickelten sich in den 1970er und 1980er Jahren zunehmend erwachsenere Comics. Zeichner wie Walter Moers („Das kleine Arschloch“, „Adolf“) oder Brösel („Werner“) fanden mit ihren Werken ein breites Publikum. Die 1980er Jahre sahen zudem eine Blütezeit des frankobelgischen Comics in Deutschland, mit Serien wie „Spirou und Fantasio“ oder „Lucky Luke“.

Der moderne deutsche Comic
Seit den 1990er Jahren erlebt der deutsche Comic eine neue Renaissance. Verlage wie Carlsen und Reprodukt förderten anspruchsvolle Werke, darunter Graphic Novels mit tiefgehenden Erzählungen. Autoren wie Flix, Reinhard Kleist oder Mawil haben das Medium auf ein neues Niveau gehoben. Besonders Graphic Novels wie Kleists „Der Boxer“ oder „Nick Cave – Mercy on Me“ zeigen, dass Comics mehr sind als nur Unterhaltungsliteratur.

Die Comic-Kultur ist mittlerweile fester Bestandteil der deutschen Kulturlandschaft. Jährlich finden Comic-Messen wie die Leipziger Buchmesse oder der Comic-Salon Erlangen statt, die zeigen, dass Comics längst nicht mehr nur für Kinder sind. Gerade Erlangen kann ich jedem Comic-Fan näher bringen.

Würdigung des Mediums Comic
Comics sind eine einzigartige Kunstform, die Bild und Text auf eine Weise verbindet, die kein anderes Medium in dieser Form kann. Sie ermöglichen es, Geschichten auf visuelle und emotionale Weise zu erzählen, sodass sie oft mehr sagen können als reine Prosa.

Comics sind dabei nicht nur Unterhaltung, sondern auch ein Spiegel der Gesellschaft. Sie greifen politische und soziale Themen auf, kommentieren das Zeitgeschehen und können sogar als Bildungsmedium dienen. Graphic Novels wie „Maus“ von Art Spiegelman oder „Persepolis“ von Marjane Satrapi haben gezeigt, dass Comics historische und persönliche Schicksale tiefgründig darstellen können.

In Deutschland hat sich die Wertschätzung für Comics in den vergangenen Jahrzehnten enorm gewandelt. Sie sind längst nicht mehr nur „Kinderkram“, sondern ein ernstzunehmendes Medium, das sich zwischen Literatur, Kunst und Film bewegt. Die Vielfalt der Comics reicht von humorvollen Strips über actionreiche Superhelden-Abenteuer bis hin zu tiefgehenden, autobiografischen Erzählungen.

Die Zukunft des Comics in Deutschland ist vielversprechend. Die Zukunft von Comic-Läden allerdings eher nicht. Mit der Digitalisierung entstehen neue Möglichkeiten für interaktive und animierte Comics, während Webcomics eine neue Generation von Künstlern hervorbringen. Egal ob als traditionelle Printausgabe oder als digitales Erlebnis – Comics haben ihren festen Platz in der deutschen Kultur und werden weiterhin Leser aller Altersgruppen begeistern. Nur leider werden sie nicht mehr von der Comic Company in München vertrieben.

Lesung der örtlichen Hobbygeschichtler Meisaha

17. Mai 2024

Ehrenamtlich engagierte ich mich zusammen mit anderen in einem Zusammenschluss von Geschichtsinteressierten zu unserer Wohnortgemeinde Maisach. Einmal im Jahr bringen wir im Advent die Publikation Meisaha heraus mit Artikeln zu historischen Themen über den Ort, ich darf dabei das Layout machen und auch Artikel beisteuern.

Und wir wollen als Hobbygeschichtler unsere Ergebnisse unters Volk bringen. Unsere Chefredakteurin Conny handelte mit der Gemeindebücherei eine Lesung aus, zu der 40 Interessierte erschienen. Ein großer Erfolg für eine kleine Gemeinde in Oberbayern.

Sieben Autoren, darunter auch ich, trugen ihre gekürzten Meisaha-Artikel vor und ernteten großen Applaus. Das Spektrum war enorm und bunt: Von der Frühgeschichte bis hin zur Geschichte mittelständischer Betriebe der Gegenwart.

Der eine oder andere Vortragende hatte geübt, um eine gute Show hinzubekommen. Vorgabe war, nicht länger als rund 10 Minuten. Eine Lesung war schon etwas ungewohnt für mich, einen bestehenden Text vorzutragen. Normalerweise spreche ich sehr viel freier bei meinen Vorträgen und Seminaren. Da war eine klassische Lesung schon eine andere Herausforderung. Einerseits den Text zu lesen, andererseits den Kontakt zu den Zuhörern aufrecht zu erhalten und nicht aus dem Fluss zu kommen. Obwohl wir alles Amateure sind, hat die Lesung sehr gut zu geklappt.

Einige lasen von ausgedruckten Texten vom Blatt, andere lasen direkt aus dem Meisaha-Heft vor und ich verwendete das iPad, um aufgrund meiner schlechten Augen die Schrift zu vergrößern. Meinen Artikel hatte ich vorher massiv gekürzt, damit ich die Zeitvorgaben in etwa einhalten kann. Zwei Vorträge habe ich mitgefilmt, um auch ein wenig Material für soziale Netzwerke zu haben. Es gibt eine Facebook-Seite von Meisaha. Die veraltete Website soll als nächstes Projekt angegangen werden.

Die Lesung
Unsere Chefredakteurin Conny Schader machte den Anfang und las die Historie der Firma Feicht in Maisach. Es ist eine traditionsreiche Schreinerei, die sich heute auf u.a. Küchen aus eigener Werkstatt spezialisiert hat.

Sehr viel persönlicher ging es bei Annemarie Karg zu. Sie berichtete von ihrer eigenen interessanten Familiengeschichte in Gernlinden, einem Ortsteil von Maisach. Ihr Artikel zeigte, wie schwer das damalige Leben war und welche Herausforderungen es zu bewältigen galt.

Einem Dauerthema im Ort widmete sich Helga Rueskäfer. Sie führte die Highlights der 80jährigen Geschichte des Maisacher Freibades aus, eines der schönsten Freibäder im Landkreis. Eine unendliche Geschichte war der Untertitel.

Über die Zeit der Befreiung von den Nationalsozialisten im Dorf berichtete Charly Muth. Anhand von zahlreichen Interviews mit Zeitzeugen war sein Thema 1945: Der Einmarsch der amerikanischen Truppen und die ersten Wochen nach der Besetzung. Die Lesung zeigte, welcher Schrecken der Zweite Weltkrieg war, wie verblendet einige ihrem Führer nachhingen und wie sehr die Zivilbevölkerung litt.

Auf die Suche nach Erdöl in der Gemeinde machte sich Stefan Schader. Seine Lesung hieß Texas in Maisach oder die Suche nach Erdöl und Erdgasvorkommen auf dem Gebiet der Gemeinde Maisach in den 1950er bis 1970er Jahren. Interessant, was es so alles in einer so kleinen Gemeinde gab. Aus Maisach ist nie Dallas geworden.

Ich widmete mich einem emotionalen Thema Alberto – ein italienisches Herz in Maisach. Alberto war der Besitzer der örtlichen Eisdiele, der an Krebs verstarb. Seine Frau und Kinder führen die Eisdiele weiter. Das Schicksal von Alberto zeigte, wie sehr ein ganzer Ort an seiner Eisdiele und seinen Betreibern hin.

In die Vorzeit versetzte uns Fritz Aneder mit seinem Artikel über spektakuläre Gräberfunde in Gernlinden. Unter einer Küche wurden Gräber entdeckt, ein guter Stoff für einen Horrorfilm.
Smalltalk und Netzwerken war anschließend angesagt. Wir konnten noch ein paar Meisaha-Hefte unters Volk bringen.

Exemplare gibt es weiterhin in der Gemeinde zu erwerben. Und weil das Ganze so gut gelaufen ist, haben wir für 2025 auch gleich einen Termin zu einer Lesung in der Gemeindebücherei festgelegt. Jetzt geht es aber an das Schreiben der Artikel für das Meisaha-Heft 2024.

Lust auf Geschichte – Arbeitskreis Geschichte im Dorf

27. März 2023

Natürlich bin ich an der Welt- und Nationalgeschichte interessiert und verfolge sie mit großer Aufmerksamkeit. Aber Geschichte findet auch im Kleinen vor der Haustüre statt. Bei uns in der Gemeinde Maisach im Landkreis Fürstenfeldbruck gibt es einen losen Zusammenschluss von geschichtsinteressierten Bürgern zu einem Arbeitskreis Geschichte.

Zwar haben wir in unserem oberbayerischen Dorf nicht Könige und Kaiser, Schlösser und Burgen, aber wer genau hinschaut, findet immer wieder schöne Geschichten. Und als Geschichtenerzähler bin ich sehr angetan, was dieser Arbeitskreis auf die Beine stellt – er gibt sogar regelmäßig eine Publikationsreihe meisaha – Hefte zur Gemeindegeschichte.

Aus dieser Reihe gab es vom Arbeitskreis jetzt eine Lesung im Gemeindeteil Gernlinden, die regen Zuspruch bei den Bürgern fand. Kulturreferent Stefan Pfannes und das Team des Arbeitskreises trugen auszugsweise Texte vor, die von der Geschichte der Gemeinde handelten. Spontan fielen mir auch ein paar Geschichten ein, die ich in den Arbeitskreis einbringen möchte. Ich hab Lust auf Geschichte.

Es gab viele Geschichten zu hören: Darunter waren Ausgrabungen in Gernlinden, der Schwarzbau bei der Errichtung der Maisacher Kirche, die dramatische Situation der Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg, auch die Wirtschaftsgeschichte wurde beleuchtet am Beispiel vom Autohaus Walther samt Tankstelle. Hier war der erste Tankautomat der Gemeinde zu finden, der allerdings nur 5 D-Mark-Stücke annahm. Der Liter Benzin kostete damals aber auch nur 47 Pfennige.

Persönlich sprach mich die Berichte von Elfriede Böttcher an. Sie berichtete in ihrem Artikel „Ingeborg Ackermann zum 100. Geburtstag“ wie es dazu kam, dass nach der unter dem Pseudonym Teda Bork bekannten Schriftstellerin aus Maisach aus den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Straße benannt wurde. Ich muss zugeben, dass ich zuerst die Verfilmung des Im Namen einer Mutter von Erich Engels von 1960 kannte und später ein paar Erzählungen in die Finger bekam. Das Buch und der Film berührten mich. Eine junge Witwe erschießt den Mörder ihrer kleinen Tochter, weil das Gericht den Sexualtäter, der bereits zwei Kinder umgebracht hat, als Geisteskranken für unzurechnungsfähig erklären musste; sie selbst erhält mildernde Umstände wegen Totschlags im Affekt.

Der Abend machte mir Lust auf mehr Geschichte und mehr Geschichten. Es ist schön, wenn sich Bürger für so ein Thema engagieren.

Buchtipp: Asterix Tempus Fugit

25. Mai 2020

In Bayern läuft dieser Tage des Abitur. Meines liegt schon ein paar Jahrzehnte zurück und ich war einst ein Geschichtsfan und hab auch in Geschichte mein Abi gemacht. Und daher habe ich meinen Kindern ein sympathisches Geschichtslehrbuch rund um Asterix geschenkt. In Zeiten von Homeschooling vielleicht eine interessante Abwechslung zu Mebis und Arbeitsblättern per Mail.
Das Buch heißt Asterix Tempus Fugit – also die Zeit flieht oder besser die Zeit vergeht. Dritte Person, singular, Präsens, Indikativ, aktiv – und das, obwohl ich kein Lateiner bin.

Asterix Tempus Fugit - für alle, die es genau wissen wollen.

Asterix Tempus Fugit – für alle, die es genau wissen wollen.

Also, wir haben ein Geschichtsbuch Asterix – Tempus Fugit aus dem Hause Egmont vorliegen, das mir der Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Und als Asterix- und Geschichtsfan hab ich den Nachmittag auf den Sofa verbracht und den Faktencheck angeworfen nach dem Motto wahre Mythen und falsche Fakten. Es werden in dem 160seitigem Buch die wesentlichen Fragen der Zeit der Römer und Gallier gestellt und beantwortet. So wollte ich schon immer wissen, ob sich wirklich die Hinkelstein-Industrie entwickelt hat oder es ob üblich war, als Anführer auf einem Schild in die Höhe gehoben zu werden. Also alles Fragen, die die Welt bewegen und die der Asterix-Fan schon immer beantwortet haben wollte. Anhand von Bildern aus den Comics unseres Helden werden die Behauptungen überprüft. Wir haben als Familie uns einen Spaß gemacht und die Thesen in den Raum gestellt, jeder hat seine Meinung gesagt, ob wahr oder falsch und dann die Erläuterungen gelesen. So verging ein Nachmittag und gelernt haben wir alle auch etwas. Also klare Empfehlung für die unterhaltsame und lehrreiche Lektüre Asterix – Tempus Fugit.

Feldpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg – P-Seminar aus Schrobenhausen

23. März 2016

Dieser Katalog erschien im Selbstverlag des Gymnasiums Schrobenhausen.

Dieser Katalog erschien im Selbstverlag des Gymnasiums Schrobenhausen.

Bei einem Vortrag am Gymnasium Schrobenhausen kam ich mit dem engagierten Direktor Edmund Speiseder ins Gespräch. Nachdem ich gerade ein P-Seminar zum Thema Journalismus vorbereite, zog er ein Ergebnis des P-Seminars Geschichte aus der Schublade. Unter dem Titel „Liebste Leni … Dein Konrad“ haben Schüler des Gymansiums Feldpostkarten eines bayerischen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg gesammelt, analysiert und ein hervorragendes Ergebnis in Form eines Kataloges abgeliefert. Wirklich stark, was an unseren Schulen geleistet wird.
Während vier langer Kriegsjahre schickten sich der Ingolstädter Solat Konrad Kreitmeier und seine Frau Leni mehr als 80 Feldpostkarten. Nachdem Telegrafie zu teuer und das Telefon noch nicht verbreitet war, setzte man als Kommunikationsmittel auf die Post. Die Versorgung mit Informationen innerhalb des Militärs und mit den Lieben zu Hause nannte sich Feldpost. Diese Postkarten bedeuteten nicht nur ein Lebenszeichen, sondern sagen auch viel über die Psychologie der Truppe an der Front und der Familie an der Heimatfront aus. Die Schüler des P-Seminars analysierten die Texte des Ehepaares und zeigten die abartigen Schrecken des Ersten Weltkrieges mit seinen menschenverachtenden Materialschlachten – und sie zeigen eindringlich die Sorgen der Daheimgebliebenen. Sehr gut gelang es dem P-Seminar ein breites und vielschichtiges Informations- und Deutungsspektrum darzulegen. Konrad und Leni Kreitmeier überlebten beide den Ersten Weltkrieg und so zeigt sich an dem Postverkehr eindrucksvoll die Psyche, die sich während der Kriegsjahre veränderte. Vom Hurra-Patriotismus bis zur großen Sorge ist alles in den Feldpostkarten zu sehen.


Auch die Motivauswahl spielt beim Rückschluss auf die Psyche eine große Rolle. Neben den üblichen Weihnachts- und Grußkartenmotiven, gibt es Sehenswürdigkeiten und zerstörten Städte, abgeschossene feindliche Flieger, militärische Stellungen oder Soldaten. Der Übergang von Grüßen hin zur einer propagandistische Bildpostkarte ist fließend.
In seinem Vorwort schreibt Direktor Edmund Speiseder auch: „Es freut mich, dass das P-Seminar Geschichte unseres Gymnasiums unter Leitung von Richard Eckstein der Ereignisse, die vor 100 Jahren ihren Lauf nahmen, angenommen hat und dadurch ein Gedenken pflegt, das in den Kernbereich des menschlichen Lebens führt, in dem auch Leid und Not unserer Vorfahren eine Stimme bekommen. … Gerade deshalb sollte uns die Ächtung des Krieges und der militärischen Konfliktlösung jeglicher Art das oberste Gebot unseres Erziehungsauftrages sein – heute und auch in der Zukunft.“


Der zuständige Lehrer des P-Seminars Richard Eckstein berichtete über das Vorgehen. Im Sekretariat gab im Herbst 2012 ein Unbekannter eine Tüte mit rund Hundert historischen Postkarten ab. Der Fachbetreuer Geschichte des Gymnasiums schaute sich die Karten an und erkannte den historischen Schatz. Es handelte sich um die Feldpostkarten des Soldaten Konrad Kreitmeier aus Oberbrunnnenreuth bei Zuchering und seiner Frau Leni. Die Idee für ein P-Seminar war geboren.
Nachdem das Material getrocket, vom Schimmel befreit, gesichtet und gescannt war, begann die Analyse. Erste Schwierigkeit war es, die altdeutsche Schrift zu lesen. Hier mussten die Schüler lernen, die zum Teil verblichene Handschrift zu lesen und sich so in die Psyche der Eheleute hineinzudenken. In verschiedenen Referaten wurde das Material aufbereitet und durch ergänzende geschichtliche Informationen von den Schülern ergänzt. Lokalhistoriker wie Bernhard Rödig und Anna Probst unterstützten die Schüler. Es fanden sich Sponsoren, die den Druck des umfangreichen Katalogs unterstützten.
An zwei Abenden habe ich mir diesen Katalog angesehen und bin begeistert. Meine Schulzeit liegt lange, lange zurück und gerne hätte ich auch an so einem P-Seminar mitgearbeitet. Also Gratulation für so eine hervorragende Arbeit und ich mach mich mal auf die Suche nach anderen interessanten P-Seminaren. Es gibt sicher viel zu entdecken.