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Buchtipp: Die neunundsechzig Stationen des Kisokaido von Andreas Marks und Rhiannon Paget

19. Juli 2026

In der Zeit vor Corona war ich sehr viel auf Reisen. Nun bin ich die meiste Zeit zu Hause und verschlinge Bücher, gehe mehr virtuell auf Reisen oder nehme den Zug. Das Flugzeug nehme ich nur noch ganz selten. Jetzt habe ich einen Reiseführer aus alter Zeit gefunden, aus ganz alter Zeit. Es ist ein ganz besonderer Reiseführer aus Japan, ein Land, das ich gerne einmal bereisen möchte, ja mit dem Flugzeug.

Der Reiseführer beschreibt die Rasthäuser von der Reise von Tokio nach Kyoto. Nun das wäre originell, aber nicht der Bringer. Aber der Reiseführer stammt aus dem Jahr 1835 als Tokio noch Edo hieß. Die Bilder sind eindrucksvolle Holzschnitte, die der Taschen Verlag in einem Buch Die neunundsechzig Stationen des Kisokaido aufgelegt hat. Meine Frau überraschte mich mit diesem XXL-Buch, das mich in eine andere Zeit entführte. Der Weg durch Japan wurde Anfang des 17. Jahrhunderts vom damaligen Herrscher Tokugawa Ieyasu angelegt. Auf dem mühsamen Weg von Edo (dem heutigen Tokio) nach Kyoto ließ er in regelmäßigen Abständen Rastplätze einrichten, an denen Gasthäuser, Läden und Restaurants den erschöpften Reisenden Kost und Logis boten.

Ein zentrales Motiv der gesamten Serie ist das Reisen. Während Reisen in Europa des 19. Jahrhunderts häufig als Abenteuer oder Entdeckungsreise dargestellt wurde, vermittelt der Kisokaidō einen anderen Eindruck. Der Weg ist Teil des Alltags. Händler transportieren Waren, Beamte reisen zwischen den Provinzen, Pilger ziehen zu Tempeln, Familien sind unterwegs. Dadurch entsteht eine Erzählung über Bewegung, Begegnung und Vergänglichkeit – Themen, die tief in der japanischen Ästhetik verwurzelt sind.

Im Jahre 1835 erhielt der Holzschnitzer Keisai Eisen den Auftrag, die Reise auf der Kiso-Straße in einer Reihe von Schnitten abzubilden. Nachdem er 24 Holzschnitte fertiggestellt hatte, wurde Eisen durch Utagawa Hiroshige abgelöst, der die Reihe von 70 Holzschnitten schließlich 1843 vollendete.

Besonders bemerkenswert ist die unterschiedliche Handschrift der beiden Künstler. Keisai Eisen richtet seinen Blick stärker auf den Menschen. Seine Blätter wirken lebendig, manchmal sogar theatralisch. Er interessiert sich für Charaktere, Mode und das geschäftige Leben in den Stationen. Seine Figuren stehen im Mittelpunkt, während die Landschaft eher den Rahmen bildet.

Utagawa Hiroshige verfolgt dagegen einen anderen Ansatz. Bei ihm werden Landschaften zum eigentlichen Protagonisten. Berge, Flüsse, Wälder, Regen, Schnee oder Nebel bestimmen die Bildwirkung. Die Menschen erscheinen häufig klein und fast beiläufig, wodurch die Natur eine geradezu spirituelle Präsenz erhält. Dieser Blick auf die Landschaft beeinflusste später zahlreiche europäische Künstler des Impressionismus und Postimpressionismus, darunter Monet und Van Gogh.

Sowohl Eisen als auch Hiroshige waren renommierte Holzschnittkünstler. In den Bildern lassen beide ihre charakteristische Handschrift erkennen, ohne dabei den harmonischen Gesamteindruck zu verraten. Von der belebten Ausgangsstation Nihonbashi bis zur Festungsstadt Iwamurata wählte Eisen in seinen Bildern gedecktere Farben, zeichnet sich jedoch durch die Darstellung von Personen – vor allem glamourösen Frauen – aus und schwelgt in Momentaufnahmen des Treibens entlang der Strecke, vom Beschlagen eines Pferdes bis zum Fegen von Reis. Hiroshige demonstriert mit atmosphärischen Szenen, wie souverän er die Landschaftsdarstellung beherrscht, von den friedvollen Ufern des Ota bis zum Furcht einflößenden Wada-Pass und einem Aufstieg zwischen Yawata und Mochizuki im Mondschein.

Die Sammlung Die neunundsechzig Stationen des Kisokaidō stellt nicht nur einen Höhepunkt der Holzschnittkunst dar – mit kühnen Kompositionen und experimentellem Einsatz von Farbe –, sondern bildet auch einen reizvollen Bildteppich vom Japan des 19. Jahrhunderts, lange bevor die Industrialisierung über das Reich der aufgehenden Sonne hereinbrach.
Die XL-Ausgabe von Taschen zeigt das einzige bekannte Exemplar dieser Serie, das fast vollständig aus seltenen Erstdrucken besteht, und lässt so den Bilderzyklus in großem Format und gebührender Pracht wiederauferstehen.
Das Buch wurde von Andreas Marks und Rhiannon Paget aufbereitet und herausgegeben. Andreas Marks studierte ostasiatische Kunstgeschichte an der Universität Bonn und wurde an der Universität Leiden mit einer Dissertation in Japanologie zu Schauspielerdrucken des 19. Jahrhunderts promoviert. Von 2008 bis 2013 war Marks Direktor und Chefkurator des Clark Center for Japanese Art im kalifornischen Hanford. Seit 2013 ist er Mary Griggs Burke Curator of Japanese and Korean Art, Leiter der Abteilung für japanische und koreanische Kunst sowie Direktor des Clark Center for Japanese Art am Minneapolis Institute of Art. Rhiannon Paget studierte an der Universität der Künste in Tokio und promovierte über japanische Kunstgeschichte an der University of Sydney. Sie ist Kuratorin für asiatische Kunst am John & Mable Ringling Museum of Art in Sarasota, Florida, und hat Studien zu japanischen Holzschnitten, Textilien, Brettspielen und Nihonga veröffentlicht.

Der von Andreas Marks und Rhiannon Paget herausgegebene Bildband ordnet jedes Blatt kunsthistorisch und geografisch ein. Die hochwertige Reproduktion – insbesondere in der großformatigen Ausgabe – erlaubt es, Details der Drucktechnik und Farbgebung zu erkennen, die in kleineren Veröffentlichungen oft verloren gehen. Damit wird das Buch selbst zu einem Kunstobjekt und nicht nur zu einem Nachschlagewerk. Die neunundsechzig Stationen des Kisokaidō“ ist kein gewöhnlicher Bildband, sondern eine visuelle Reise durch das Japan des 19. Jahrhunderts. Die Verbindung aus Landschaft, Alltag, Architektur und menschlichen Begegnungen macht die Serie zu einem einzigartigen Zeitdokument. Während Eisen das Leben entlang der Straße mit erzählerischer Lebendigkeit einfängt, verwandelt Hiroshige dieselbe Route in eine poetische Meditation über Natur, Jahreszeiten und Vergänglichkeit. Gerade diese Balance zwischen dokumentarischer Genauigkeit und künstlerischer Verdichtung erklärt, warum die Serie bis heute als einer der Höhepunkte der japanischen Holzschnittkunst gilt und weltweit zu den bedeutendsten Werken der Ukiyo-e-Tradition gezählt wird.

Das Gesicht an der Mauer – und warum es mich jeden Tag zum Lächeln bringt

2. Juni 2025

Ich gehe jeden Tag an dieser Steinfigur vorbei, und jeden Tag zaubert mir diese Figur ein Lächeln auf die Lippen. Die Steinfigur zeigt ein markantes Gesicht mit stark stilisierten Zügen: hochgezogene Augenbrauen, ein überbetonter, leicht diabolischer Gesichtsausdruck, die Zunge hängt provokativ heraus, und die Figur stützt ihren Kopf auf eine Hand.

Mehrere Jahre war der Gargoyle-Stein Gartenschmuck und stark von Efeu umrankt, was ihr eine geheimnisvolle, fast spöttische Wirkung verlieh.

Nun wurde wohl das Haus dahinter verkauft, und der neue Besitzer hat das Efeu um die Figur weggeschnitten. Es sah ein wenig nackt aus.

Nach ein paar Tagen ergänzte der neue Hausbesitzer einen farbigen Gartenzaun hinter der Figur. Ich mag die Farben. Immer wieder bleibe ich vor der Figur stehen. Für mich ist sie karikaturartig, grotesk, mit Anklängen an mittelalterliche oder barocke Fratzen. Die herausgestreckte Zunge und die gelangweilte Pose wirken auf mich ironisch, spöttisch oder sogar boshaft – typisch für sogenannte „Grotesken“ oder „Maskarons“.

Sie erinnert mich an einen Gargoyle oder eine Groteske. Solche Fratzen sind besonders an gotischen Kathedralen verbreitet – ursprünglich Regenwasserspeier (Gargoyle), aber oft auch rein dekorativ (Groteske). Sie sollten Dämonen abschrecken oder ironische Kommentare über den Menschen liefern.
Nun, bei uns steht die Figur auf einer Gartenmauer und nicht an einer gotischen Kathedrale – aber das sind Details.

Vielleicht ist es auch ein Maskaron. In der Kunstgeschichte bezeichnet der Begriff „Maskaron“ ein rein dekoratives Gesichtsmotiv an Fassaden, Brunnen oder Gartenmauern – oft mit Fratzen, Dämonen- oder Satyrköpfen. Diese Figur passt gut in diese Kategorie.

William Turner – der Meister des Lichts

24. April 2025

Ich bin einen Tag zu spät dran, aber gratuliere dem großen englischen Maler zum Geburtstag am 23. April 1775. Dankbar, sehr dankbar bin ich, dass ich viele der Turner-Bilder in der Münchner Ausstellung im Lenbachhaus sehen konnte. Die Bilder haben einen großen Eindruck auf mich gemacht.

William Turner (1775–1851), oft als „Meister des Lichts“ bezeichnet, zählt für mich zu den größten und einflussreichsten Malern der britischen Kunstgeschichte. Mit seiner visionären Bildsprache, seiner fast modernen Abstraktion und seinem tiefen Gespür für Atmosphäre und Naturgewalt hat er die Landschaftsmalerei revolutioniert – und die Tür zur Moderne weit aufgestoßen. Hier ein schneller Rundgang durch die Ausstellung.

Geboren 1775 in London, begann Turner bereits früh mit dem Zeichnen. Schon als Jugendlicher wurde sein außergewöhnliches Talent erkannt. Er wurde Mitglied der Royal Academy, stellte mit 15 Jahren erstmals aus – und entwickelte sich rasch zu einem Künstler von großer Anerkennung. Doch statt sich auf akademische Konventionen zu verlassen, begann Turner, mit Farbe, Licht und Form zu experimentieren.

Viele seiner Bilder sind der Allgemeinheit bekannt, spätestens durch James Bond- Seine Werke wie „Das brennende Kriegsschiff Temeraire“, „Regen, Dampf und Geschwindigkeit“ oder „Schneesturm – Dampfer vor der Hafeneinfahrt“ sind keine bloßen Abbilder der Wirklichkeit, sondern emotionale Verdichtungen, in denen Naturkräfte wie Wind, Wasser, Licht und Feuer zu fast metaphysischen Erlebnissen werden. Turner malte nicht, was er sah, sondern was er empfand, wenn er es sah – und genau darin liegt seine Modernität.

In einer Zeit, in der Realismus und Detailtreue hoch geschätzt wurden, wagte Turner einen radikalen Schritt: Seine späten Werke lösen sich zunehmend von der Form, hin zu einem reinen Farb- und Lichtspiel. Damit wurde er zu einem direkten Vorläufer des Impressionismus – Claude Monet verehrte ihn, und viele Moderne sahen in ihm einen Pionier.

Doch Turners Werk ist nicht nur technisch und stilistisch bedeutend, sondern auch philosophisch tiefgründig. In seinen Gemälden schwingt stets ein Nachdenken über Vergänglichkeit, Naturgewalt und die Stellung des Menschen im Kosmos mit. Der Mensch erscheint bei ihm oft klein, fast verloren – eingebettet in eine Welt, die größer, älter und mächtiger ist als er selbst.
William Turner starb 1851 in London. Er hinterließ der britischen Nation einen Großteil seiner Werke – als Vermächtnis für kommende Generationen. Bis heute berühren seine Bilder nicht nur das Auge, sondern auch das Herz. Sie sind wild, poetisch, radikal – und in ihrer Zeit weit voraus. Ein Genie, das seiner Epoche entglitt und die Zukunft der Malerei vorausahnte.

Buchtipp: The Art of Inside Out

1. Januar 2016

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Als ich den Trailer zum Pixar-Film Alles steht Kopf zum ersten Mal sah, dachte ich mir enttäuscht: eine belanglose Komödie über das Erwachsenwerden aus der Animationsschmiede. Ich kam mir vor als ob ich einen Otto Sketch meiner Jugend sah: Hirn an Faust … Richtig begeistert war ich aufgrund des deutschen Trailers vom Film nicht, schaute mir aber pflichtbewusst den Film Alles steht Kopf im örtlichen Kino an. Schließlich hatte mich Pixar in der Vergangenheit noch nie enttäuscht.
Und was soll ich sagen? Der Film war ganz, ganz anders als der Trailer es versprochen hatte. Der 15. Pixar Film war wahnsinnig unterhaltsam und hatte eine große Tiefe, genau wie ich es von einem Pixar-Film erwarte.


Im Februar 2016 wird der Film als DVD, Blu ray und Download erscheinen. Zudem gibt es eine limitierte 3-Disc Special Edition. Als Bonus gibt es ein Wiedersehen mit Riley und ihren Emotionen in der exklusiven Premiere des Kurzfilms „Rileys erstes Date?“ sowie der paradiesisch-schöne Kurzfilm „Lava“.
Im Grunde geht es bei Alles steht Kopf um Emotionen. Es geht um die Kombination von Freude, Zorn, Ekel, Kummer und Angst. Der alte Freud hätte seine Freude an diesem Film gehabt. Regisseur Peter Docter, der uns schon Monster AG und Oben brachte, hat ganze Arbeit geleistet und wurde von den beiden Hirnforschern Paul Ekman und Dacher Keltner fachlich unterstützt.


Meine Neugierde über die Entstehungsgeschichte des Films war geweckt. Nachdem Alles steht Kopf technisch keine Neuerungen aufwies, musste die Innovationen auf anderen Gebieten liegen. Technisch war Pixar immer vorne mit dabei. Als Chefredakteur der wichtigsten deutschsprachigen 3D-Zeitschriften erlebte ich die Wasserspiegelungen in Findet Nemo, die Haare in die Unglaublichen und das Fell in Monster AG. Alles steht Kopf brachte in dieser Hinsicht keine Erneuerung durch die Software Renderman und Marionette. Pete Docter setzte auf erzählerische Tiefe und Kreativität.
Diese Kreativität kommt bei dem Buch The Art of Inside Out voll zum Tragen. Anders als die frühen Pixar-Filme wurde hier gleich zu Beginn mit digitalen Werkzeugen gearbeitet. Kreide, Marker, Pinsel kommen aber ebenso weiterhin zum Einsatz. Diese Abwechslung bringt unterschiedliche Sichtweisen auf das Thema Emotionen. Die Frage ist doch: Wie stellt ein Künstler Emotionen bildlich dar? Nicht, wie erzeugt ein Künstler Emotionen? Da wäre der Film beim Walt Disney-Konzern an der richtigen Adresse. Disney ist Spezialist, wenn es um das Erzeugen von Emotionen geht. Da braucht es dann schon Pixar, um die Emotionen selbst darzustellen. Und das gelingt in diesem Buch fabelhaft.
Deutlich bemerkt der Leser den Einsatz von Farben, die in unserem Kulturkreis mit Emotionen besetzt sind, wie Rot für Zorn. Ich würde gerne den Film mit Leuten aus anderen Kulturkreisen ansehen und mit ihnen über die Farben und Emotionen diskutieren. Für mich ist die Darstellungsweise meine gewohnte westliche Sichtweise.


Beim Lesen des Buches bzw. Betrachten der Bilder habe ich mir Gedanken über Emotionen gemacht. Es hat mich entsetzt, dass ich Helden meiner Jugend ebenso vergessen habe, wie die Helden in dem Film. Was ist das Gehirn doch für ein seltsamer Ort?
Ich empfehle jedem den Film Alles steht Kopf und das Buch The Art of Inside Out, wenn er sich über Gefühle Gedanken machen will, wenn er etwas über Kunstgeschichte lernen will, wenn er sich selbst kennenlernen will. Und Gott sei Dank ist kein Film/Buch auf Otto Niveau herausgekommen.