Posts Tagged ‘elektronische Musik’

Zwischen Vision und Wirklichkeit – Ein elektrisierender Abend mit Kraftwerk

14. Juli 2025

Es gibt diese seltenen Momente, in denen Musik nicht nur erklingt, sondern den Raum verwandelt. Am 8. Juli 2025 wurde der Stuttgarter Schlossplatz zur digitalen Kathedrale, als Kraftwerk die Bühne der Jazzopen betraten. 7.200 Menschen, ausverkauftes Haus, und doch lag eine gespannte Ruhe in der Luft, als die ersten Vocoder-Klänge den Countdown zur „Mensch-Maschine“ einleiteten.

Der Himmel über dem Schlossplatz färbt sich langsam violett. Die Jazzopen 2025 haben geladen, und mit Kraftwerk steht eine Legende der elektronischen Musik auf dem Programm. Schon Stunden vor Beginn ist die Atmosphäre elektrisiert. Menschen aller Generationen strömen herbei, viele tragen T-Shirts mit den ikonischen Kraftwerk-Grafiken, einige sogar in Anzügen und Krawatten – Hommage an die Ästhetik der Band. Ich habe nach Essen und Wien nun die wichtigste deutsche Band zum dritten Mal gesehen, jedes Mal mit einem anderen Konzept, aber immer mit der für mich wegweisenden Musik. Es wird immer weiter gehen, Musik als Träger von Ideen.

Die Bühne als Zeitmaschine
Als die Lichter erlöschen, ist es, als würde eine Zeitmaschine anspringen. Vier Silhouetten erscheinen hinter ihren Pulten, umgeben von geometrischen Formen, die über die Leinwand tanzen. Die ersten Takte von „Nummern“ erklingen, und sofort ist klar: Hier wird keine Nostalgie zelebriert, sondern eine musikalische Vision, die nie an Aktualität verloren hat. Die Beats sind präzise, die Sounds glasklar – und doch schwingt eine Wärme mit, die Kraftwerk immer von ihren Nachfolgern unterschieden hat. Der Sound in Stuttgart war wirklich für mich hervorragend. Mich drückte der Sound regelrecht in den Klappstuhl.

Wackelkontakt
Ich will nicht päpstlicher sein als der Papst, aber dieses Mal hatte die Band ihre Anzugtechnik nicht im Griff. Da schaffen es die Techniker eine großartige Light- und Multimedia-Show auf die Bühne zu bekommen, aber die Lampen an den Anzügen der vier Akteure flackerten. Techniker kamen während des Konzerts auf die Bühne und legten wohl eine Duracell nach. Am Ende stand Mastermind Ralf Hütter mit halberleuchteten Anzug hinter seinem Pult. Ist es wirklich so schwer, Lampen in einen Bühnenanzug zu schrauben? Es gab wohl bei fast allen im Team Schwierigkeiten.

Der Puls der Stadt
Der Schlossplatz vibriert. „Computerwelt“ und „Autobahn“ – Hymnen einer digitalisierten Gesellschaft – entfalten ihre hypnotische Wirkung. Die Menge wiegt sich im Takt, von den ersten Reihen bis zu den hinteren Stehplätzen. Die Projektionen, mal minimalistisch, mal verspielt, erzählen Geschichten von Datenströmen, urbaner Mobilität und dem ewigen Traum vom Fortschritt. Es ist, als würde der Puls der Stadt mit dem der Musik verschmelzen. Erinnerungen kommen hoch, als Alexander Gerst einmal von der ISS zugeschaltet wurde. Was war das für ein geschichtsträchtiger Moment! So etwas lässt sich nicht toppen. Ausfallende Lampen am Anzug sind vielleicht ein Zeichen, dass Ralf Hütter vielleicht mal was neues auflegen sollte.

Zwischen Euphorie und Melancholie
Doch Kraftwerk können auch anders. Bei „Radioaktivität“ wird die Stimmung nachdenklicher. Die Projektionen zeigen atomare Warnzeichen und Mahnungen an die Verantwortung des Menschen. Die Musik wird düsterer, fast bedrohlich. Es ist ein Moment der Reflexion, der zeigt, wie politisch und relevant Kraftwerk immer noch sind. Für mich eines der stärksten Songs der Band.

Die Roboter tanzen – und wir mit ihnen
Als die Zugabe „Die Roboter“ erklingt, wird die Bühne zur futuristischen Performance. Die Musiker bewegen sich kaum, und doch ist alles Bewegung: Die Visuals, die Musik, das Publikum. Für einen Moment scheint es, als wären wir alle Teil einer großen Choreografie – Mensch und Maschine, vereint im Rhythmus. Es ist ein Gänsehautmoment, in dem die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum verschwindet.

Ein Fest für die Sinne
Die Setlist ist ein Streifzug durch fünf Jahrzehnte Musikgeschichte: „Das Model“, „Spacelab“, „Tour de France“ „Trans Europa Express“ – jeder Song ein Meilenstein, jeder Beat ein Stück Zukunft. Die Visuals sind ein Fest für die Sinne: Mal leuchtende Zahlenkolonnen, mal rasende Autobahnen, dann wieder die ikonischen Roboterfiguren. Wer mittig steht, erlebt ein Gesamtkunstwerk aus Klang und Bild; an den Rändern bleibt manches Detail verborgen, doch die Energie ist überall spürbar. Die Mensch-Maschine funktioniert.

Das Publikum: Von jung bis alt, von Nerd bis Tänzer
Was besonders berührt: Das Publikum ist so vielfältig wie selten bei einem Konzert. Ältere Fans, die Kraftwerk noch aus den 70ern kennen, tanzen neben jungen Menschen, die die Band erst durch Techno und Electro für sich entdeckt haben. Es ist ein generationenübergreifendes Erlebnis, das zeigt, wie zeitlos und verbindend Musik sein kann.

Finale mit Zukunftsvision
Nach mehr als zwei Stunden endet das Konzert mit „Musique Non Stop“. Die Musiker verabschieden sich einzeln, jeder mit einer kleinen Verbeugung, während die Musik weiterläuft. Es ist ein symbolischer Akt: Die Maschine spielt weiter, auch wenn der Mensch die Bühne verlässt. Ein letzter Blick auf die leuchtenden Projektionen, dann verschwindet Kraftwerk im Dunkel der Nacht – und hinterlässt ein Publikum, das noch lange nach dem letzten Ton auf dem Schlossplatz verweilt. Als Zugabe gab es die Roboter. Ralf Hütter, Henning Schmitz, Falk Grieffenhagen und Georg Bonartz machten die gewohnte Verbeugung vor der Zugabe.

Ein Abend, der bleibt
Kraftwerk bei den Jazzopen 2025 war weit mehr als ein Konzert. Es war eine Reise durch Raum und Zeit, ein Fest der Sinne, ein Nachdenken über Technik, Kunst und Menschlichkeit. Es war ein Abend, der zeigte, dass Musik nicht nur unterhalten, sondern bewegen, verbinden und inspirieren kann. Wer dabei war, wird diesen Moment nicht so schnell vergessen – denn für ein paar Stunden war die Zukunft in Stuttgart zu Gast. Jetzt bin ich gespannt auf München im Winter. Dort spielen die Herrschaften in der schlechtesten Halle der Stadt. Ich hoffe, dass ausgefallene Anzugslampen das kleinste Übel sein werden.

Zwischen Vergangenheit und Vision – Tangerine Dream live in der Isarphilharmonie in München 2025

29. April 2025

Es gab für mich immer drei Highlights im Bereich der elektronischen Musik in Deutschland. Meine absoluten Helden sind Kraftwerk und dann kommen Klaus Schulze und Tangerine Dream.

Jetzt konnte ich mal wieder Tangerine Dream in München sehen, nachdem die Pioniere der elektronischen Musik in der Isarphilharmonie gastierten. Die aktuelle Besetzung Thorsten Quaeschning, Hoshiko Yamane und Paul Frick. Ich war neugierig, denn mein zurückliegendes Konzert war noch mit Edgar W. Froese, der aber 2015 verstarb.

Mit TD ist es so eine Sache. Mal ist die Musik bahnbrechend innovativ, mal ist es austauschbare Massenware, die mich eher langweilt als berührt. Bei über 80 Alben sind Perlen und Nieten für mich dabei.

Also war ich auf München gespannt und mir fiel ein Stein vom Herzen als Thorsten Quaeschning zu Konzertbeginn ankündigte: „Wir spielen alte Sachen, neue Sachen und ganz alte Sachen.“ Und der ganze Auftritt dauerte rund 2,5 Stunden.

Tangerine Dream gehört zu den einflussreichsten und stilprägendsten Formationen der elektronischen Musikgeschichte. Seit ihrer Gründung 1967 durch Edgar Froese hat die Band zahllose Wandlungen durchlebt – künstlerisch wie personell. Vom aktuellen Line-up habe ich auf Vinyl viel Gutes gehört, jetzt wollte ich die Band mal wieder live hören. TD tritt in eine neue Phase ein, die gleichermaßen respektvoll mit dem Erbe umgeht wie zukunftsgewandt neue Wege beschreitet.

Thorsten Quaeschning, seit vielen Jahren musikalischer Leiter der Band und einst persönlich von Froese ausgewählt, verkörpert die Brücke zwischen den klassischen Tangerine-Dream-Phasen der Berliner Schule und einer postmodernen, improvisatorischen Klangauffassung. Sein Gespür für Struktur, Dynamik und Klangfarbe ist prägend für die heutige Identität der Band. Er führt die Handschrift der Gruppe weiter, ohne sie zu imitieren – mit einem tiefen Verständnis für die Philosophie, die hinter dem Klang von Tangerine Dream steht. Hinter seinen Keyboard sah er aus meiner Perspektive der zweiten Reihe ein wenig aus wie „Kilroy was here“, aber er dirigierte seine beiden musikalischen Partner perfekt.

Sehr neugierig war ich auf Hoshiko Yamane, die Geigerin und Klangkünstlerin aus Japan. Sie bringt seit 2011 eine neue emotionale und organische Dimension in das klangliche Gefüge. Ihr Spiel auf der elektrischen und akustischen Violine öffnet Räume zwischen elektronischer Präzision und menschlicher Verletzlichkeit. Sie ergänzt das elektronische Fundament durch eine subtile, fast poetische Intimität, die der Musik Tiefe und Seele verleiht.Die Akustik in der Isarphilharmonie war gut, doch leider ging die Geige an meinem Platz ein wenig unter. Vielleicht kommt ja mal ein Live-Mitschnitt der Tour, damit ich ihr Spiel mehr genießen kann. Sie zeigte auch Humor, denn sie brachte einen Pläuschpapagei auf die Bühne.

Paul Frick, bekannt aus dem Trio Brandt Brauer Frick, bringt eine ganz eigene Sprache mit: als klassisch geschulter Komponist und klangexperimentierender Produzent ist er Bindeglied zwischen Minimal, Clubkultur und akademischer Avantgarde. Mit ihm wird der kreative Rahmen noch weiter geöffnet, ohne den typischen Sound von Tangerine Dream zu verwässern. Seine rhythmische und strukturelle Komplexität bringt frischen Atem – ohne Effekthascherei, dafür mit enormer klanglicher Raffinesse.

Gemeinsam gelang es dem Trio in München, das Erbe Edgar Froeses zu bewahren und dennoch etwas Eigenständiges, Gegenwärtiges zu schaffen. Gleich nach dem Konzert habe ich mir das jüngste Werk „Raum“ (2022) angeschafft, das eindrucksvoll belegt, wie diese Besetzung die ursprüngliche DNA von Tangerine Dream aufgreift und in die Gegenwart transportiert – mit langen, hypnotischen Sequenzen, präzisem Sounddesign und einer meditativen Tiefe, wie man sie lange nicht mehr gehört hat. Und ich war wirklich froh ein paar wirklich alte Stücke, so wie versprochen, gehört zu haben.

Für mich steht nach dem Münchner Konzert fest: Tangerine Dream unter Quaeschning, Yamane und Frick ist mehr als ein nostalgisches Weiterleben der Vergangenheit. Es ist eine künstlerische Behauptung im Hier und Jetzt – voller Respekt, voller Vision und frei von befürchteten Retro-Kitsch. Sie zeigen, dass elektronische Musik auch 50 Jahre nach ihrer Entstehung noch immer etwas über unsere Zeit erzählen kann – mit Spannung, Eleganz und Tiefe. Es hat sich für mich gelohnt.

Musiktipp: Tangerine Dream – „Firestarter“ (1990) – Die Faszination der elektronischen Klanglandschaften

17. August 2023

Das Album „Firestarter“ von Tangerine Dream, das 1990 veröffentlicht wurde, markiert eine weitere bedeutende Etappe in der langen und beeindruckenden Karriere dieser Pioniere der elektronischen Musik. Inspiriert von Stephen Kings gleichnamigem Roman und der darauf basierenden Verfilmung von 1990, gelingt es der Band auf interessante Weise, die düstere und verstörende Atmosphäre des Stoffes in ein musikalisches Werk zu verwandeln. Ich habe noch die Vinyl und in einer Sammelbox eine CD-Ausgabe. Auch der Score von John Carpenter der Neuverfilmung kann sich hören lassen, aber mein Herz schlägt für TD. Über die Neuverfilmung habe ich hier gebloggt.

Schon der erste Track zieht den Hörer mit seinen kraftvollen, repetitiven Sequenzen in den Bann. Die Synthesizer bilden einen hypnotischen Sog, der den Zuhörer sofort in eine Welt voller Geheimnisse und Gefahren entführt. Die markanten elektronischen Klänge erzeugen eine unheimliche Stimmung, die perfekt zum Thema des Films passt und das Hörerlebnis in eine emotionale Achterbahnfahrt verwandelt.

Die Musik ist geschickt arrangiert und lässt den Hörer mitten in die Verfolgungsjagden und Verschwörungen eintauchen. Hier zeigt sich die außergewöhnliche Fähigkeit der Band, mit ihren Klängen eine lebhafte und bildhafte Erzählung zu schaffen.
Manches Mal kommt es einen vor, als ob man selbst in die Rolle des Protagonisten schlüpft und die unbändige Macht des Feuers spürt. Die Band beweist ihre Vielseitigkeit, indem sie auch ruhigere und melancholischere Töne erklingen lässt.
Insgesamt ist Tangerine Dreams Firestarter ein starkes Album, das die ikonischen Klänge und die einzigartige Atmosphäre der Band in ihrer späteren Blütezeit einfängt. Die Musik ist zeitlos und beweist, dass Tangerine Dream auch in den 1990er Jahren immer noch frische und innovative Ideen hatten. Für Fans elektronischer Musik ist dieses Album ein absolutes Muss und zeigt, warum Tangerine Dream als eine der einflussreichsten Bands im Genre gilt.

Musikkritik: Equinoxe Infinity von Jean Michel Jarre

19. November 2018

Lange habe ich auf dieses Album von Jean Michel Jarre gewartet.

Lange habe ich auf dieses Album von Jean Michel Jarre gewartet.

Da ist es also: Equinoxe Infinity von Altmeister Jean-Michael Jarre. Nervös packe ich die CD aus dem Cover – ich habe die feurige Version bekommen. Die CD ab in den Player, Kopfhörer auf und full Power. Mann oh Mann, wie habe ich dieses Album erwartet, was habe ich in dieses Album an Hoffnungen gesetzt. Und ich kann nach dem vier-/fünfmaligem Hören nicht sagen, ob es die Erwartungen erfüllen kann. Wir sprechen ja von der direkten Fortsetzung, nein den Abschluss von Equinoxe, also einem legendären Album der elektronischen Musik. 40 Jahre hat Jean-Michel Jarre für diesen Abschluss gebraucht.
Zug um Zug hatte Jean Michel Jarre einige Stücke in sozialen Netzwerken im Vorfeld gepostet, nun höre ich das Gesamtwerk am Stück. The Watcher begeistert mich, dann tu ich mich schwer. Es blubbert und wummert zwar schön, doch wo ist die Eleganz der Space-Musik von damals? Der Rhythmus der Neuzeit macht vieles kaputt. Jarre ist mit der Zeit gegangen und hat sich weiterentwickelt, doch dieses Entwicklungen ist mir manches Mal zu Nahe am Mainstream. Ich erinnere mich, wie Tangerine Dream einstmals Mainstream wurde und ich mich abgewendet hatte. Droht jetzt Jarre dieses Schicksal ebenso? Seine Konzerte habe ich geliebt und immer besucht, wann es für mich möglich ist. Doch jetzt Equinoxe Infinity?
Stück Nummer drei, Robots don‘t cry, mag ich einfach nicht. Mir fehlt einfach die Tiefe. Und ewig dieses Rhythmus-Generve, auch bei All that you leave behind, dem vierten Stück.
Mal was Positives? Das Album ist hervorragend produziert. Jarre versteht sein Handwerk und das Genie kommt immer wieder durch, es bricht durch den Rhythmusteppich, aber es beherrscht leider nie komplett die Szene. If the Wind Could speak ist großartig, aber leider mit 1,32 Minuten das kürzeste Stück.
Dann geht das Geholze mit Infinity wieder los. Schrecklicher Pop, aufgemotzt und es wird auf der Melodie herumgetrampelt. Und auch bei Don‘t Look back sehe ich keine großen Ideen, so leid es mir tut.
Mit The Opening (Track 8) und dem Titelstück Equinoxe Infinity (Track 10) gelingt es Jean-Michel Jarre sich nochmal zur alten Größe aufzuschwingen. Immer wieder hört der Fan große Alben der Vergangenheit durchscheinen, vielleicht als Verbeugung vor sich selbst hat Jarre sich immer wieder selbst zitiert. Der Schluss des Albums versöhnt mich als langjährigen Fan. Ein würdiger Abschluss von Equinoxe ist Equinoxe Infinity nicht geworden. Es ist ein gutes Album, aber den Namen Equinoxe muss es nicht tragen. Da hätte ich mir mehr erwartet.

 

Konzertkritik: Jean-Michel Jarre in Nürnberg 2016

20. November 2016

Ich weiß nicht, ob mir der neue Jean-Michel Jarre gefällt. Ich weiß nicht, ob es mir gefällt, was ich im Konzert in der Nürnberg Arena gesehen und gehört habe. Ich weiß es einfach nicht.
Fest steht auf jeden Fall, dass es der alte Recke mit seinen 68 Jahren noch immer kann. Auf der Bühne wirkt der Pionier der elektronischen Musik frisch, nahezu jung. Begleitet von zwei Musikern an seiner Seite lieferte er in Nürnberg eine eindrucksvolle Show im Rahmen der Electronica World Tour ab bei der richtig Stimmung aufkam.
Hart und kräftig waren die Beats, die das elektrische Trio von der Bühne ins Publikum abfeuerte. Elektronik pur und schneidende Klänge, die den Körper durchdrangen, die zum Tanzen und Bewegen aufforderten.

So etwas habe ich bei einem Jean-Michel Jarre Konzert nicht erwartet und hatte damit die erste Zeit zu kämpfen. Jarre führt auf der Bühne das fort, was er mit seinen jüngsten beiden Alben begonnen hat. Mein Problem nur: Ich mag die beiden jüngsten Alben Electronica 1 und 2 nur teilweise. Ich bin dem musikalischen Weg von Jarre jahrelang, jahrzehntelang gefolgt. Nur bei den jüngsten Alben versagte meine Gefolgschaft. Jarre kooperierte mit Musikern, die ihn und uns beeinflussten. Das klingt gut, aber die meisten der Musiker mag ich nicht.


Das schien aber nur mein Problem in Nürnberg zu sein. Das Publikum quittierte jeden Song mit donnernden Applaus. Und richtig: Jean-Michel Jarre hat seine Sache in Nürnberg wirklich gut gemacht. Die Show war großartig. Er hat die Nürnberg Arena zum Kochen gebracht.
Das lag zum einen an der harten elektronischen Musik, es lang zum anderen aber auch an einer gewaltigen Licht- und Tonanlage. Der Sound war nahezu perfekt. Und die Lightshow war absolut state of the art und hat die Zuschauer in ihren Bann gezogen. Jarre wich selbst bei vielen Stücken hinter die Light- und Lasershow zurück und trat mit seinen Keyboards und Controllern in den Hintergrund.


Absolut faszinierend war auch sein Ausflug in die Laserharfe. Direkt, wenige Meter vor dem Publikum, spielte er auf dieser grünen Lichtharfe und entlockte ihr intensive Klänge. Ich war fasziniert, begeistert und dann erstarrte ich. Jarre spielte mit seiner Laserharfe und erzeugte einen Lichtdom. Verdammt, wusste Jean-Michel Jarre nicht, wo er gerade auftritt? Hat es ihm keiner gesagt, dass er nur wenige Hundert Meter von Hitlers Aufmarschgebiet in Nürnberg spielte? Hat ihm keiner gesagt, dass Leni Riefenstahl und Albert Speer Lichtdome in Nürnberg nutzten, um den Nationalsozialismus zu feiern? Ich bekam die Bilder nicht aus den Kopf. Ich denke, ich hoffe, dass die Konzertagentur dies dem Franzosen verheimlicht haben. Mir lief es bei diesem technisch und musikalisch perfekten Auftritt der Kombination von Musik, Licht, Farbe, Sound und Effekte kalt den Rücken herunter.


Ich brauchte einige Zeit, bis ich mir wieder gefangen hatte und die schrecklichen Bilder der deutschen Vergangenheit an diesem Ort abschütteln konnte. Dann genoss ich allerdings das Konzert, wobei ich die früheren Stücke der Klassiker einfach besser fand. Sie wurden zwar härter auf der Bühne gespielt, aber für mich kamen schöne Erinnerungen an meine Jugend hoch, als ich die Musik von Jean-Michel Jarre entdeckte. Ich weiß noch, wie ich mir mit meinen Schulfreunden heftige Wortgefechte lieferte, ob Equinux oder Oxgene nun Fahrstuhlmusik oder ernstzunehmende Unterhaltung war. Ich war der Meinung, dass die Musik von Jarre eine besondere Art von Kunst darstellen. Durch ihn entdeckte ich die elektronische Musik. Jarre ebene die Wege für Tangerine Dream, Klaus Schulze, Kitaro, Tomita, Cluster, Autechre, Yello, Keith Emerson und immer wieder Kraftwerk. Ohne Jarre hätte ich nie Kraftwerk entdeckt und dafür bin ich ihm noch heute Dank schuldig. Kraftwerk war minimal, Jarre war maximal.
Der erste Höhepunkt des Nürnberger Konzertes war für mich eindeutig der Song Exit, bei dem Jarre den Whistleblower Edward Snowden zu Wort kommen ließ. Jarre unterstützt ausdrücklich die Arbeit von Snowden und dem schließe ich mich an. Wenn nicht wir gegen Überwachung aufstehen, wer sollte es denn sonst tun? Weise Worte.
In meinen Stuhl lehnte ich mich zurück, als Jarre Gedanken aus meiner Jugend wieder zurück in mein Bewusstein brachte. Er spielte auf der Bühne nicht nur Oxygene 8, sondern auch Souvenirs of China. Mein Gott, ist diese Musik lange her. 1987 habe ich das Stück zum ersten Mal gehört. Wirklich begeistert war ich von den alten Stücken des Meisters – und das Publikum war es ebenso.


Als Abschluss gab es noch ein Zuckerl. Es gab einen Ausblick auf das neue Album Oxygene 3. Die Musik ist eine versöhnliche Geste an die alten Fans wie mich, die mit dem Techno-Sound der vergangenen beiden Alben nicht viel anfangen konnte. Oxygene 3 wird im Dezember veröffentlicht und wir durften in Nürnberg aus der Überraschungstüte naschen. Gut hat es getan.

Persönliche Gedanken zum Tod von Edgar Froese

24. Januar 2015

In später Freitagnacht habe ich über soziale Netzwerke erfahren, dass Edgar Froese im Alter von 70 Jahren in Wien an einer Lungenembolie verstorben ist. Das tut mir leid. Obwohl ich eher mit handgemachter Musik wie Rock’n Roll und Country aufgewachsen bin, hat mir Froese und seine Tangerine Dream (TD) einiges bedeutet. Für mich gab es im elektronischen Musikbereich lange Zeit nur Kraftwerk, Klaus Schulze und eben Tangerine Dream – und zwar in dieser Reihenfolge. So musikalisch innvoativ war dieses Land und brachte solche Ausnahmemusiker hervor.

Tangerine-dream
Edgar Froese als Gründungsmitglied der Tangerine Dream hat die Musik verändert – und wer kann das schon von sich sagen. Ich sah Konzerte auf DVD als Tangerine Dream wie Hohepriester in ihren Synthesizer-Burgen standen. Froese achtete mit Argusaugen darauf, dass sich keiner seiner Kollegen hervortat und gab die Richtung der Band vor.

Rubycon - ein erstes Album von TD.

Rubycon – ein erstes Album von TD.

Ich glaube, meine erste Schallplatte von Tangerine Dream war Rubycon, die 1975 erschien. Schon das Cover faszinierte mich, denn es war kein Bandfoto zu sehen. Stattdessen gab es auf dem Blau gehaltenen Bild einen Tropfen zu entdecken, der auf eine Flüssigkeitsoberfläche eintrat. Eine Makro- und Zeitrafferaufnahme der frühen Zeit. Und die Musik faszinierte mich. Jede Schallplattenseite eine rund 17minütige Komposition. Synthesizer standen im Mittelpunkt, ich glaube, ein Moog war auch zu hören. Was war das für Musik? Krautrock nein, das machten eher Can, Rock auch nicht. Der Begriff New Age war noch nicht geboren und so kam eine neue Stilrichtig Art Rock oder Progressive Rock und elektronischer Musik. Solche Kompositionen kannte ich als Kind nur von den Klassikplatten meiner Eltern. Die meditative und zum Teil intensive Musik faszinierte mich. Der innovative Sound schlug mich in den Bann und hat mich bis heute nicht losgelassen. Allerdings und das muss ich sagen, haben mir die alten Aufnahmen von Tangerine Dream weitaus besser gefallen als die neuen. Tangerine Dream und Froese veränderten sich musikalisch und ich folgte den Weg nur zum Teil. Es war mir in den späteren Jahren einfach zu viel Gedudel und Geplätscher. Ich folge eher dem ehemaligen TD-Mitglied Klaus Schulze, der dem alten Stil treu blieb und sich in eine Richtung weiter entwickelte, die mir gefallen hat. Durch TD entdeckte ich den Moog und damit auch später ELP.
Ich liebte die alten Tangerine Dream mit Alpha Centauri (1971), Zeit (1972), Phaedra (1974), Ricochet (1975), Stratosfear (1976) und Cyclone (1978) und auch in den achtziger Jahre brachten tolle Sachen heraus. Und ich war baff, wie gut Tangerine Dream als Liveband waren. Viele Schallplatten und später CDs kaufte ich mir und war begeistert, welche Live-Atmosphäre elektronische Musik erzeugen konnte. In einem Konzert im Münchner Circus Krone vor etlichen Jahren konnte ich davon selbst live überzeugen. Es war schon klasse, was die alten Herren da auf die Bühne zauberten. Die Lightshow war wunderbar abgestimmt auf eine eher rhythmische Musik. Ich weiß nicht, ob ein Teil des Publikums die Show aufgrund des großen Amphetamin- und Haschkonsums überhaupt mitbekommen hat. Mir hat es gefallen und ich kaufte mir Karten für das Münchner Konzert 2014, das ich aber versäumte. Die Karten liegen als Mahnung noch immer zu Hause.
Nun verstarb Edgar Froese als einer der wirklichen musikalischen Pioniere, die dieses Land hatte. Ich werde mir meine Tangerine Dream-Aufnahmen wieder heraussuchen und anhören. Ich nehme mir mal die Soundtracks vor, denn davon hat Tangerine Dream ja eine Menge aufgenommen. Ich starte mit einem Klassiker: Das Mädchen auf der Treppe vom Album White Eagle. Es war die Musik zu einem frühen Tatort mit Götz George. Wer solche Musik komponiert, der ist im wahrsten Sinne ein Klassiker.

Musiktipp: Richard Wahnfried: Tonwelle

8. April 2012

Es gibt Musik, die einfach Geschichte gemacht hat und selbst eine tolle Geschichte ist. Im Moment bin ich wieder auf meinem Klaus Schulze Tripp und ich habe dabei sein Projekt Richard Wahnfried wieder entdeckt. Wer auf elektronische Musik steht und die Tonwelle nicht kennt, der steht nicht auf elektronische Musik – so einfach ist das. Ich liebe Richard Wahnfrieds Tonwelle.

Dabei will ich nicht die alte Aufnahme hier in dem Mittelpunkt stellen, sondern die Neuauflage. Tonwelle war 1981 das zweite Richard Wahnfried-Album von Klaus Schulze mit interessanter Besetzung: Mit Gitarrist Manuel Göttsching arbeitete er erstmals seit seinem Ausstieg aus Ash Ra Tempel wieder zusammen. Den Gesang steuerte Michael Garvens bei und für den Beat sorgte der Santana-Drummer Michael Shrieve.

Die Tonwelle hatte bei uns eine nette Geschichte. Was aber bei uns als Jugendliche in den achtziger Jahren immer für Streit sorgte: In welcher Geschwindigkeit läuft die Platte? Natürlich spielte ich sie in 33 Umdrehungen pro Minute ab, schließlich war es eine Langspielplatte und die gehören in 33 abgespielt. Aber einmal haben wir vergessen, die Geschwindigkeit beim Single-Hören umzustellen und die Tonwelle spielte auf 45 Umdrehungen pro Minute. Das war der Hammer! Die Musik hatte eine Power – unglaublich. Es waren nur die beiden Stücke Schwung und Druck.

Und bei der Wiederveröffentlichung der CD sorgte Schulze für eine Überraschung. Er brachte ein Doppelalbum der Tonwelle heraus, eine CD in 33, die andere CD in 45. Das ist Kunst auf hohem Niveau. Schulze sagt selbst: „Ich habe die Aufnahmen zum ersten Mal nach 30 Jahre wieder gehört und finde die Aufnahme im langsameren Tempo sehr viel besser, obwohl ‚Schwung‘ und ‚Druck‘ nicht mehr so ganz passen. Aber wenn man die Titel auch noch verändern würde, würde es nur noch zu mehr Verwirrungen führen. Ich bin mir sicher, dass diese neuen Versionen den alten und neuen Fans gefallen werden.“

Der Schulze ist ein Schlitzohr und hat sich mal wieder seinen Platz in der Musikgeschichte gesichert. Natürlich geht der Streit unter den Hardcore-Fans los, schließlich heißt die Neuveröffentlichung: Richard Wahnfrieds Tonwelle und der Künstler Klaus Schulze. Es ist nicht Richard Wahnfried: Tonwelle – ein kleiner, aber feiner Unterschied. Mir ist es egal. Ich bin froh, dass ich meine LP nun ausmustern kann und laut, aber ganz laut den Klangteppich des Herrn Schulze auf CD lauschen kann.