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Wenn in Langenneufnach die Bierkäpsele fliegen: Eine Meisterschaft, die aus einem Kronkorken ein Ereignis macht

11. August 2026

Eine Bierflasche, ein Kronkorken und möglichst viel Weite: In Langenneufnach wird aus dem Öffnen einer Flasche eine Disziplin mit Regeln, Schiedsrichtern und erstaunlich viel Ehrgeiz. Die Bierkäpsele-Weitschuss-Meisterschaft zeigt zugleich, wie aus einer ziemlich verrückten Idee ein Stück lokaler Festkultur werden kann. Ich besuchte den Heimatort meiner Frau und genoss einen spaßigen Nachmittag.

Im schwäbischen Langenneufnach im Landkreis Augsburg gibt es eine Meisterschaft, deren Sportgerät in jedem Getränkemarkt zu finden ist. Bei der Bierkäpsele-Weitschuss-Meisterschaft geht es darum, den Kronkorken einer Bierflasche beim Öffnen möglichst weit durch die Luft zu befördern. Was zunächst nach einer spontanen Wirtshausidee klingt, wird vor Ort als organisierter Wettbewerb mit viel Humor ausgetragen. Hier ein Video vom Wettbewerb,

Dass es sich dabei keineswegs nur um eine einmalige Kuriosität handelt, ist gut belegt. Zum 15. Mal fand diese Meisterschaft statt, zum zehnten Mal unter der Obhut des Vereins Landliebe. Sieger wird, wer den Flaschendeckel mithilfe einer Hebelwirkung am weitesten in das dafür markierte Spielfeld schießt. Es ist schon kurios, was es im Augsburger Land so alles gibt, beispielsweise auch Wettbewerbe wie Christbaum-Weitwurf und Senf-Wettessen.

Flasche öffnen allein reicht nicht
Die eigentliche Kunst liegt in der Technik. Der Kronkorken wird nicht einfach mit der Hand geworfen. Entscheidend ist der Moment des Öffnens: Über einen Hebel wird das „Käpsele“, wie der Kronkorken im schwäbischen Sprachgebrauch genannt wird, von der Flasche katapultiert. Je besser Hebelwirkung, Winkel und Krafteinsatz zusammenspielen, desto größer kann die erzielte Distanz ausfallen. Der Meterstab wird gerne genommen, aber auch eine Gartenschere. Schiedsrichter maßen anschließend die erzielten Weiten.

Auch der Umgang mit dem Bier gehört zum Regelwerk. Verschüttetes Bier konnte mit einer gelben Karte geahndet werden, im Wiederholungsfall drohte Gelb-Rot. Nach einem abgeschlossenen Versuch musste die geöffnete Flasche bis zum nächsten Schuss geleert werden. Kein Tropfen Bier darf den Boden berühren und die Flasche muss geleert werden, mit entsprechenden Folgen für die Teilnehmer bei den sommerlichen Temperaturen.

Austragungsort ist der Bahnhofsplatz in Langenneufnach. Für die Veranstaltung wurden dort unter anderem Strohballen, Bierbänke, Zelte und Sonnenschirme aufgebaut. Eine Sandbahn diente als Wettkampffläche, während Essen und Getränke das Programm ergänzten. Es gab auch nichtalkoholische Getränke, wie ich gehört habe. Bürgermeister Gerald Eichinger eröffnete das Fest. Sein eigener Versuch verlief dabei offenbar nicht ganz nach Plan.

Die Veranstaltung verbindet damit Wettbewerb und Dorffest. Gerade das scheint ein wesentlicher Teil ihres Charakters zu sein: Die Weite des Kronkorkens liefert zwar das sportliche Ziel, doch rundherum entsteht ein gesellschaftliches Ereignis.

Später trat der Akustikpunk-Liedermacher Andreas Kalb auf. Andreas Kalb ist ein Liedermacher aus dem Raum Augsburg, der sich musikalisch irgendwo zwischen Singer-Songwriter, Musikkabarett, Punk-Attitüde und gepflegtem Nonsens bewegt. Mit Akustikgitarre, markanter Stimme und einem ausgeprägten Hang zu schwarzem, bisweilen derbem Humor nimmt er Alltag, Gesellschaft und nicht zuletzt sich selbst aufs Korn. Seine Texte leben von Sprachwitz, absurden Einfällen und einer gehörigen Portion Selbstironie. Passend dazu bezeichnet sich der studierte Germanist augenzwinkernd als „Bayerns ohne superlativster Liedermacher Deutschlands“.

Zwischen Gaudi und erstaunlichem Ernst
Der Reiz der Bierkäpsele-Weitschuss-Meisterschaft liegt gerade in diesem Widerspruch. Niemand dürfte einen Kronkorken-Weitschuss mit klassischem Leistungssport verwechseln. Gleichzeitig erhält die absurde Ausgangsidee durch Spielfeld, Messung, Regeln, Moderation und Schiedsrichter die äußere Form eines ernsthaften Wettbewerbs.

Das Augenzwinkern funktioniert deshalb so gut, weil die Beteiligten die selbst geschaffenen Regeln offenbar ernst genug nehmen. Aus einer alltäglichen Handlung – dem Öffnen einer Bierflasche – wird eine Disziplin, über deren Technik diskutiert und deren Ergebnis gemessen werden kann.

Darin steckt auch etwas typisch Lokales. Die Veranstaltung muss nicht zur überregionalen Großveranstaltung werden, um für Langenneufnach Bedeutung zu haben. Es ist ein Ausdruck von Gemeinschaft und Heimatverbundenheit. Vielleicht ist genau das das Erfolgsrezept: Man nehme eine Bierflasche, erkläre ihren Kronkorken zum Sportgerät und entwickle rund um dessen Flugbahn genügend Regeln, Rituale und Gemeinschaftsgefühl. Dann wird aus einer kleinen Gaudi etwas, worüber Jahre später noch berichtet wird.

Und wenn in Langenneufnach wieder ein Käpsele durch die Luft segelt, dürfte spätestens beim Griff zum Maßband klar sein: Ein bisschen Spaß ist das schon – aber die Weite wird trotzdem genau gemessen.

Wenn Käpsele in Langenneufnach fliegen – Ein Dorf, ein Bier, ein Sommer voller Herz

16. Juni 2025

Einmal im Jahr verwandelt sich das beschauliche Langenneufnach in ein Mekka für alle, die den feinen Unterschied zwischen Blödsinn und Brauchtum lieben: Es ist Zeit für die Bierkäpsele-Weitschuss-Meisterschaft. Was auf den ersten Blick wie ein kurioser Zeitvertreib wirken mag, ist längst ein fester Bestandteil im Dorfkalender – ein Fest der Gemeinschaft, des Lachens und der gelebten Leidenschaft für das Kleine, das Großes bewirken kann. Und es geht ganz klar um Biertrinken.

Als meine Gattin von diesem kuriosen Wettbewerb aus ihrem Heimatort berichtete, musste ich es einfach sehen. Langenneufnach liegt in dem schönen Erholungsgebiet Stauden, zwischen Augsburg und Bad Wörishofen, dort wo der Handyempfang vom Zufall abhängt. Wir befinden uns also in der herzlichen bayerisch-schwäbischen Provinz. Zunächst übersetzte mir die Gattin die bayerisch-schwäbische Mundart Bierkäpsele-Weitschuss-Meisterschaft in Kronkorkenweitschusswettbewerb.

Mit viel Schwung, Zielgenauigkeit und einer Portion Glück schleudern die Teilnehmer ihre Kronkorken – liebevoll schwäbisch „Käpsele“ genannt – über die Wiese, angefeuert von einem bunt gemischten Publikum, das sich jedes Jahr aufs Neue begeistert. Ist das Käpsele auf die Reise gegangen, muss die Bierflasche bis zum nächsten Schuss geleert sein. Es ist ein Wettkampf, bei dem es nicht um Pokale oder Preise geht, sondern um das gemeinsame Erlebnis, ums Dabeisein, um Geschichten, die man noch Jahre später erzählt.

Austragungsort war der Bahnhofsplatz, dort wo irgendwann wieder die Staudenbahn fahren soll. Es wurden Strohballen zum Sitzen abgeladen, Bierbänke aufgestellt, Zelte und Schirme aufgespannt – und eine Sandbahn als zu

Wettbewerbsarena aufgeschüttet. Ein Cateringwagen versorgte die zahlreichen Gäste mit Pommes, Pulled Pork und vegetarische Genüssen. Daneben gab es eine Getränketheke und für jedes getrunkene Bier gab es einen Stempel. Für zehn Stempel gab es ein Freibier. Ein paar Gäste bekamen die Stempelkarte schnell voll und waren damit auch voll.

Bürgermeister Gerald Eichinger, seit 2020 im Amt, eröffnete die Bierkäpsele-Weitschuss-Meisterschaft. Er schaffte es allerdings nicht, sein Bierkäpsele weit zu schießen, sondern das kostbare Bier übergoss den bürgermeisterlichen Körper. Damit hatte er die Lacher auf seiner Seite, allerdings auch die gelbe Karte, weil das Bier den Boden berührte.

Organisiert vom engagierten Verein Landliebe, wird aus einem simplen Kronkorken ein Symbol für Zusammenhalt, Heimatliebe und den Charme der ländlichen Lebensfreude. Hier zählt nicht die Perfektion, sondern der Spaß. Nicht der Ernst, sondern das Augenzwinkern. Aber der Langenneufnacher Verein will unter sich bleiben. Auf Vorschläge, den Wettbewerb überregional aufzustellen, reagiert der Schwabe eher verhalten. Damit bleibt die Bierkäpsele-Weitschuss-Meisterschaft eine sublokale Veranstaltung.

Allerdings sind die Regeln klar. Wenn aus der geöffneten Flasche Bier nur ein Tropfen den Boden berührt, gibt es eine gelbe Karte. Wiederholt sich der Fauxpas, dann gibt es Gelb-Rot. Geschossen wird jedes Jahr mit einem anderen Bier. Dieses Mal war das Allgäuer Stolz das Wettkampfmaterial. Ein Vertreter vom Verein Landliebe moderierte die Veranstaltung professionell mit motivierenden Worten. Herrlich sein Humor, wenn er mit ernster Stimme die Teilnehmer zur nächsten Runde der Bierkäpsele-Weitschuss-Meisterschaft auffordert.

Ernsthaft auch die Schiedsrichter bei der Sache. In der Lederhosen, wo sonst der Hirschfänger steckt, wurde das Mikro oder bestenfalls eine Flasche Bier verstaut. Es wurde gemessen. Einige der Schiris waren barfuss unterwegs, was bei den ausgelegten Holzschnitzel sicherlich für eine gewisse Fußmassage sorgte. Die Technik ist entscheidend. Oft wird ein Meterstab als Hebel verwendet. Manche klopfen auf den Kronkorken, damit das Bier in der Flasche in Wallung gerät und der Druck erhöht wird.

Als ich bei einem Weitschuss länger applaudierte, bekam ich ernste Blicke zugeworfen. Ich hatte mich als Nichteinhemischer geoutet. Ich wurde von einem Teilnehmer im Hawaiihemd auf die Seite genommen, der mir die Applausregeln erklärte. Kleiner Applaus bedeutet einmal leicht mit den Händen klatschen, großer Applaus bedeutet einmal kräftiger mit den Händen klatschen. Auf was man alles achten muss.

Mit einem Auftritt von Akustikpunker Andreas Kalb kam nochmal richtig Stimmung auf. Kalb hat eigentlich Germanistik studiert – daher bezeichnet er sich als Bayerns ohne superlativsten Liedermacher Deutschlands. Und er ist ein Freund deutlicher Sprache, daraus macht er bei seinen Auftritten keinen Hehl. Hier der Start des Auftritts in Langenneufnach, um einen Eindruck zu bekommen. Es wurde im Laufe des Konzerts deutlicher.

Und so fliegen sie, die Käpsele – getragen vom Wind und den Anfeuerungsrufen der Zuschauer – hinaus in den Sommerabend, während die Sonne langsam hinter den Hügeln verschwindet und Langenneufnach wieder zeigt, wie viel Herz in einem kleinen Ort stecken kann.

Weiße Nacht der langen Tafel in Maisach

18. August 2019

Die weiße Nacht der langen Tafel

Die weiße Nacht der langen Tafel

Zusammenkommen, sich unterhalten, ein bisschen feiern – das erlebte ich bei einer schönen Aktion bei uns im Dorf Maisach im Landkreis Fürstenfeldbruck. Es war zum ersten Mal eine weiße Nacht der lange Tafel – und es war ein großer Erfolg für das Dorf.

Das Konzept ist einfach umzusetzen und braucht nicht die große Logistik eines klassischen Bürgerfestes. Es wurden auf der Grünfläche vor dem Maisacher Rathaus Bierbänke und Biertische aufgestellt – die Tische mit Kabelbinder wegen der Standfestigkeit verbunden. Auf die Tische kamen weiße Tischdecken und ein wenig Dekomaterial – bei mir standen weiße Kakteen aus Porzellan, die nicht ganz typisch für ein Dorf in Oberbayern sind (egal, was soll’s). Fertig war die weiße Tafel. 

Wer an der Tafel Platz nehmen wollte, sollte in weiß gekleidet sein. Dabei reichte es, wenn ein Kleidungsstück weiß ist. Essen mussten die Gäste selbst mitbringen, Getränke kamen von der örtlichen Brauerei Maisach. Und die Gäste strömten in weiß zur langen Tafel. Pro Meter Tisch spendete der Veranstalter, der örtliche CSU-Ortsverein, drei Euro an eine soziale Organisation.

Als das Fest gegen 18:30 Uhr offiziell begann, waren viele Bänke bereits besetzt. Gegen 19 Uhr war die Tafel fast vollständig gefüllt. Und es begann das große Festessen.

Natürlich stand die Neugier im Vordergrund: Was hat mein Banknachbar zum Essen dabei? Wir hatten einen Picknickkorb im Einsatz, der seit 18 Jahren unbenutzt im Keller schlummerte und nun seinen Einsatz fand. Meine Frau und ich entschlossen uns erst am Mittag zur Teilnahme an der weißen Nacht der langen Tafel. Unsere Speisekarte sah so aus: Vorspeise Sushi, Hauptspeise Teriyaki und Döner-Spieße, Datteln im Speckmantel, Djuvec-Reis, dazu Salat und Champignons in Balsamico, Nachspeise Reisauflauf mit Beeren, ich hatte mir zudem eine Bentobox mit zweierlei Reis, Avocado, Karotten, Putenbruststreifen und Ei gemacht. Zum Knabbern gab es Salzstangen. 

So konnten wir den ganzen Abend schlemmen und was ganz wichtig ist: Wir kamen ins Gespräch mit Leuten aus dem Dorf. Einige Gesprächspartner kannten wir, andere lernten wir kennen. Ich bekam das Du angeboten und die Zeit verging im Fluge. Ab und zu tröpfelte es, aber das Wetter war stabil. Zur Not hatten wir zwei weiße Schirme mit dabei. Je später der Abend, desto besser kam die Beleuchtung des Rathauses und der Bäume zur Geltung. Schön, dass die Musik nicht zu laut war, denn der Austausch und das Miteinander standen im Vordergrund und nicht Musikbeschallung. Gegen Mitternacht brachen wir nach Hause auf. Persönliches Fazit: Die weiße Nacht der langen Tafel hat Spaß gemacht und wenn es wieder angeboten wird, dann kommen wir gerne wieder.