Posts Tagged ‘Martial Arts’

Filmkritik: „The Furious“: Wenn Wut zur letzten Hoffnung wird

18. Juni 2026

Der Film „The Furious“ ist ein knochenharter, atemlos choreografierter Martial-Arts-Rachethriller, der seine dünne Story mit roher Wucht, Tempo und beeindruckend brutalen Kampfszenen fast völlig überrollt.

Mit „The Furious“ legt Regisseur Kenji Tanigaki einen Martial-Arts-Actionfilm vor, der seine Existenzberechtigung nicht aus erzählerischer Raffinesse, sondern aus körperlicher Wucht bezieht: Ein Vater, dessen Tochter entführt wird, kämpft sich durch ein kriminelles Netzwerk, unterstützt von einem Journalisten, der selbst einen persönlichen Verlust aufklären will. Der Film feierte seine Weltpremiere am 6. September 2025 beim Toronto International Film Festival und ist als englischsprachiger Hongkong-Actionfilm mit einem panasiatischen Ensemble um Mo Tse/Xie Miao, Joe Taslim, Jeeja Yanin, Brian Le, Joey Iwanaga und Yayan Ruhian angelegt. 

Schon die Prämisse zeigt die größte Schwäche des Films: „The Furious“ erzählt im Grunde nichts Neues. Der verzweifelte Vater, die korrupte Polizei, die entführte Tochter, das kriminelle Syndikat, der unfreiwillige Verbündete — all das wirkt wie ein Destillat bekannter Rache- und Rettungsthriller. Die Figuren sind weniger psychologisch ausgearbeitete Menschen als funktionale Kampfmaschinen mit emotionalem Auslöser. Der Schmerz des Vaters ist nachvollziehbar, aber selten nuanciert; die Handlung dient vor allem dazu, die nächste Eskalationsstufe vorzubereiten. Wer von einem Actionfilm erzählerische Überraschungen, moralische Zwischentöne oder glaubwürdige Dialoge erwartet, wird hier nur bedingt fündig.

Gerade deshalb funktioniert der Film dort am besten, wo er aufhört, so zu tun, als ginge es ihm um komplexes Drama. Die Stärke von „The Furious“ liegt kompromisslos in der Inszenierung von Körpern in Bewegung. Tanigaki, der als Action- und Stunt-Spezialist einen entsprechenden Ruf hat, begreift Kampf nicht als bloße Unterbrechung der Handlung, sondern als deren eigentliche Sprache. Die Auseinandersetzungen sind hart, schnell, präzise und auffallend physisch; Schläge haben Gewicht, Stürze tun weh, Räume werden zu Waffen. Die Action ist brutal, dynamisch und außergewöhnlich eindrucksvoll, während zugleich Dialoge und Plot als deutlich schwächer ist. 

Besonders reizvoll ist, dass „The Furious“ nicht nur auf Geschwindigkeit setzt, sondern auf choreografierte Unübersichtlichkeit: Der Film vermittelt Chaos, ohne selbst völlig chaotisch gefilmt zu sein. In den besten Sequenzen entsteht ein Sog, der an die rohe Energie von „The Raid“ erinnert, ohne dessen klaustrophobische Geschlossenheit ganz zu erreichen. Die Kamera hält oft lange genug drauf, um Können sichtbar zu machen; der Schnitt beschleunigt, ohne jeden Treffer zu verschleiern. Dadurch entsteht jener seltene Actionfilm-Effekt, bei dem man nicht nur die Gewalt sieht, sondern die Arbeit dahinter spürt.

Problematisch ist allerdings, dass der Film diese Intensität kaum moduliert. „The Furious“ ist so dauerhaft auf Anschlag, dass seine Höhepunkte mit der Zeit an Wirkung verlieren. Wenn fast jede Szene eine Eskalation sein will, fehlt irgendwann der Kontrast. Die Brutalität ist beeindruckend, aber sie droht sich selbst zu überbieten, ohne emotional immer mehr zu erzählen. Das macht den Film für Fans harter Martial-Arts-Action aufregend, für ein breiteres Publikum aber möglicherweise ermüdend. Seine Energie ist enorm, seine Dramaturgie dagegen eher monoton.

Auch tonal bleibt „The Furious“ nicht immer sicher. Die düstere Geschichte um Entführung, Menschenhandel und korrupte Strukturen verlangt eigentlich nach Schwere, doch der Film interessiert sich stärker für kinetische Überwältigung als für die Konsequenzen seiner Gewalt. Das ist legitim, aber es erzeugt eine gewisse Kälte: Leid wird zum Motor, selten zum Thema. Die Tochter ist erzählerisch vor allem Auslöser, der Vater vor allem Instrument der Vergeltung. Dadurch bleibt die emotionale Fallhöhe begrenzt, obwohl der Film ununterbrochen behauptet, es gehe um alles.

Schauspielerisch überzeugt der Film vor allem über Präsenz, nicht über Dialogführung. Joe Taslim bringt Härte und Gravitas mit, Mo Tse/Xie Miao trägt die Vaterfigur mit stoischer Verbissenheit, und Darsteller wie Yayan Ruhian oder Jeeja Yanin stehen ohnehin für ein körperliches Actionkino, das Glaubwürdigkeit aus Bewegung gewinnt.  Sobald gesprochen wird, wirkt „The Furious“ deutlich gewöhnlicher; sobald gekämpft wird, bekommt der Film eine eigene Stimme.

Unterm Strich ist „The Furious“ ein Film mit klarem Profil und ebenso klaren Grenzen. Als Drama ist er dünn, als Thriller vorhersehbar, als Charakterstudie kaum vorhanden. Als Martial-Arts-Brett aber ist er bemerkenswert: roh, schmerzhaft, präzise und mit einer Wucht inszeniert, die im gegenwärtigen Actionkino selten geworden ist. Seine besten Momente rechtfertigen die Schwächen nicht vollständig, aber sie überrollen sie mit solcher Entschlossenheit, dass man sich ihnen schwer entziehen kann.

„The Furious“ ist kein eleganter, tiefgründiger oder besonders origineller Film, aber ein kompromissloser, technisch beeindruckender Martial-Arts-Rachethriller, der erzählerisch stolpert und körperlich explodiert. Für Actionfans ist das ein Ereignis; für alle anderen eher ein schweißtreibender Härtetest.

Musiktipp: The Big Boss von Peter Thomas

8. Oktober 2021

Ich bin in Trash-Stimmung und schaute mir auf der PSP den Bruce Lee-Streifen Der Mann mit der Todeskralle aus dem Jahre 1973 an. Es war der erste in den Vereinigten Staaten produzierte Martial-Arts-Film und der letzte vollständige Film von Bruce Lee. Drei Wochen nach Dreharbeiten verstarb der Schauspieler.

Der Film hat seine paar Momente. Ausgesprochen spektakulär ist dagegen der Score von Altmeister Lalo Schifrin. Leider ist die Filmmusik nur extrem teuer zu haben. So manche ich mich auf die Suche nach anderen Score zu Bruce Lee-Filmen. Und auf wen traf ich da? Auf meinen musikalischen Helden Peter Thomas, der den Score zu The Big Boss einspielte.

Wie passt der Jazz- und Big Band-Song von Peter Thomas in die asiatische Kampfsportwelt von Bruce Lee. Und das ist eine wirklich interessante Geschichte, die ich als Filmfan noch gar nicht wusste. Es kam so:
The Big Boss war Bruce Lees erster großer Film und verschaffte ihm den internationalen Durchbruch. Premiere feierte Regisseur Lo Weis Film 1971 in Hongkong, seinen internationalen Siegeszug trat er aber erst 1973 an. Der deutsche Verleih glaubte, die originäre chinesische Filmmusik wäre zu weit von den bundesdeutschen Hörgewohnheiten entfernt und beauftragte Peter Thomas, einen eigenen Soundtrack zu komponieren. Dies gelang ihm mit Bravour. Das Resultat war, dass dieser von nun an in der ganzen Welt, mit Ausnahme von China, eingesetzt und somit zur eigentlichen Filmmusik von the Big Boss wurde.


Seit der Erstveröffentlichung dieser Filmmusik im Jahr 2010 hatte sich einiges getan, was eine verbesserte Neuauflage überfällig machte: In Peter Thomas‘ Archiv konnten vier Stücke sowie eine etwas längere Version aus dem Film, die bisher als verschollen galten, gefunden werden. Diese ersetzen nun die Bonustracks der alten CD, die zwar einstmals für den Film komponiert, aber nicht in ihm verwendet wurden.

Wie ja bekannt ist, verstarb Peter Thomas leider während der Vorbereitungen zu dieser von ihm unterstützten Produktion am 17. Mai 2020, 94-jährig in Lugano (CH). Für die Illustration auf dem Gatefold-Cover der LP sowie dem Digipack der CD zeichnet der großartige Adrian Keindorf verantwortlich. Die LP erscheint auf 180g Vinyl standardmäßig in Schwarz sowie in einer auf 300 LPs limitierten transparenten roten und einer auf 200 LPs limitierten transparenten sonnengelben Auflage.

Anmerkung: Da mein Schallplattencover durch den Versanddienstleister an einer Ecke beschädigt wurde, hat Allscore auf Facebook umgehend reagiert und eine Ersatzlieferung angekündigt. Prima Service.