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PresseClub München: Nach der Wiesn ist vor der Wiesn – ein Rausch ohne Ernüchterung

8. Oktober 2026

Warum zieht das Oktoberfest Jahr für Jahr Millionen Menschen an? Was macht aus 16 Tagen Ausnahmezustand ein Stück Münchner Identität? Und wie viel Veränderung verträgt die Wiesn, ohne ihren Charakter zu verlieren? Im PresseClub München diskutierten Menschen darüber, die das größte Volksfest der Welt aus ganz unterschiedlichen Perspektiven kennen: Wiesnwirt-Legende Wiggerl Hagn, Pfarrer und ehemaliger Wiesn-Kellner Rainer Maria Schießler, Wiesn-Bedienung Margarete Prijak, Wiesn-Stadträtin Anja Berger und Trachtler Michael Unruh vom Festring München. Moderiert wurde die Runde von PresseClub-Mitglied Manfred Otzelberger. Unter dem Motto „Nach der Wiesn ist vor der Wiesn – ein Rausch ohne Ernüchterung“ wurde schnell deutlich: Die Wiesn ist für diese Runde weit mehr als Bier, Geschäft und Besucherrekorde.

Wenn 7,4 Millionen Menschen auf die Theresienwiese kommen, liegt das Wort „Rekord“ nahe. Doch genau diesem Denken wollte die Runde im PresseClub München nicht verfallen. Die Wiesn müsse nicht jedes Jahr größer werden, lautete eine der zentralen Botschaften. Entscheidend sei vielmehr, ihren besonderen Charakter zu erhalten: als Volksfest, Arbeitsplatz, Wirtschaftsfaktor, Begegnungsraum und ein Stück gelebter Münchner Kultur. Hier die Aufzeichnung der Veranstaltung:

Anja Berger zog zunächst eine positive Bilanz. Trotz der enormen Besucherzahlen habe das Oktoberfest organisatorisch funktioniert. Eine wichtige Rolle spielte dabei das überarbeitete Sicherheits- und Crowdmanagement. Neue Kameras, verbesserte Abläufe und ein Sicherheitsraum hätten dazu beigetragen, auch große Besucherströme besser zu steuern. Gerade angesichts von zeitweise mehreren Hunderttausend Menschen auf dem Gelände sei dies eine enorme Leistung.

„Ich fand, dass es eine sehr, sehr schöne Wiesn war“, sagte Berger. Vor allem sei sie dankbar, „dass alle so zusammengearbeitet haben“. Absolute Sicherheit könne es bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung nicht geben. Dennoch habe sie die Wiesn als friedlich erlebt. „Die allermeisten Menschen haben sich sehr glücklich gefühlt. Die Lebensfreude war wieder auf dem Platz.“

Wie anstrengend diese Lebensfreude für diejenigen ist, die sie möglich machen, konnte Margarete Prijak aus eigener Erfahrung schildern. Seit 38 Jahren arbeitet sie auf der Wiesn. Körperlich geht das nicht spurlos an ihr vorbei. In diesem Jahr kam erschwerend ein gebrochener Mittelfuß hinzu. „Mein Kopf hat gesagt: Nein. Mein Herz hat gesagt: Ja“, beschrieb sie ihre Entscheidung, trotzdem wieder anzutreten. Nach 16 Tagen sei sie „sehr müde, sehr fertig“, zugleich aber glücklich: „Alles in allem war es wirklich eine wunderschöne Wiesn.“

Dass sie Jahr für Jahr zurückkehrt, liege keineswegs nur am Verdienst. Natürlich könne man in diesen 16 Tagen gutes Geld verdienen. Früher habe das Einkommen einer Wiesn-Saison schon einmal für ein Auto, Versicherungen oder größere Anschaffungen gereicht. Doch die eigentliche Motivation sei eine andere: „Das ist wie Heimkommen. Das ist Familie.“

Prijak beschrieb diesen Moment sehr anschaulich: Schon kurz vor der Eröffnung treffe man Kolleginnen und Kollegen, Geschäftsführer, Wirte und Bekannte wieder. Dazu kämen Stammgäste, die über Jahrzehnte zu Freunden geworden seien. Sie habe Hochzeiten erlebt und Menschen über viele Jahre begleitet. Die Wiesn sei deshalb „ein bisschen wie eine Klassenfahrt mit Arbeit“ – anstrengend, intensiv, aber getragen von einer außergewöhnlichen Gemeinschaft.

Ähnlich sieht es Rainer Maria Schießler. Münchens bekannter Pfarrer arbeitete zehn Jahre lang selbst als Bedienung auf dem Oktoberfest und kennt das Fest nicht nur aus dem Bierzeltbesuch. Die „Entzugserscheinungen“, scherzte er, seien bis heute vorhanden. Wenn er durch einen Biergarten gehe und einen Tisch sehe, der abgeräumt werden müsse, zucke es ihm noch immer in den Fingern. Der frühere Kellner stecke weiter in ihm.

Noch wichtiger seien jedoch die Beziehungen, die in dieser Zeit entstanden. Menschen, die er auf der Wiesn kennengelernt habe, habe er später getraut, begleitet oder beerdigt. Aus flüchtigen Begegnungen seien dauerhafte Bindungen entstanden.

Schießler widersprach deshalb auch der Vorstellung von der Wiesn als einer Art Ersatzreligion. Für ihn ist sie vielmehr eine Ergänzung zu etwas, das Religion ebenfalls vermitteln wolle: Lebensfreude und Gemeinschaft. „Der liebe Gott will, dass der Mensch glücklich ist. Er will, dass er feiern kann, er will, dass er das Leben genießen kann“, sagte der Pfarrer.

Dabei zog Schießler eine Verbindung zwischen religiöser Mahlgemeinschaft und dem gemeinsamen Essen und Trinken auf dem Oktoberfest. In der Bibel spiele das gemeinsame Mahl immer wieder eine zentrale Rolle. „Ein Mahl ist mehr als Nahrungsaufnahme. Ein Mahl ist Gemeinschaft“, formulierte er. Für ihn liegt darin ein wesentlicher Kern der Wiesn: Menschen kommen zusammen, teilen Zeit, Essen, Getränke und Freude.

Schießler wandte sich zugleich gegen den permanenten Rekordgedanken. Warum müsse nach einer erfolgreichen Wiesn sofort gefragt werden, wie sich die Besucherzahl noch steigern lasse? „Wir müssen keinen Rekord brechen.“ Viel wichtiger sei es, einen Erfolg auch einmal als solchen stehen zu lassen. Die Wiesn habe gezeigt, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander feiern und arbeiten könnten. „Multikulti funktioniert“, brachte er es auf den Punkt.

Wiesnwirt-Legende Wiggerl Hagn kann diesen Gemeinschaftsgedanken aus einer außergewöhnlich langen Perspektive bestätigen. 62 Jahre war er Wiesnwirt, in diesem Jahr erlebte er nach eigenen Angaben bereits seine 71. Wiesn. Für ihn steht fest: „Die Wiesn ist kein Oktoberfest, sondern ein Familienfest.“

Was er damit meint, zeigt sich für Hagn vor allem beim Personal. Viele Mitarbeiter blieben den Betrieben über Jahrzehnte treu. Manche Bedienungen arbeiteten 50 Jahre lang auf dem Fest, Schenken, Küchenchefs oder Bürokräfte über Jahrzehnte. Nach 16 Tagen schwörten zwar regelmäßig viele: „Nie wieder.“ Doch spätestens um Weihnachten kämen die ersten Grüße, und wenn im neuen Jahr die Verträge verschickt würden, wollten alle wissen, ob sie wieder dabei seien.

Einmal habe ein Computerproblem dazu geführt, dass nur ein Teil der Mitarbeiter seine Verträge erhielt. „Mein Telefon ist heiß gelaufen“, erinnerte sich Hagn. Sofort hätten sich die anderen gemeldet und gefragt, ob sie etwas falsch gemacht hätten. Für Hagn ein Beleg dafür, dass die Wiesn als Arbeitsplatz anders funktioniere als die gewöhnliche Gastronomie.

Diese Verbundenheit übertrage sich auch auf die Gäste. Stammgäste kämen jedes Jahr wieder, Bedienungen kennen ihre Namen, Familiengeschichten und Gewohnheiten. Wer als Gast spüre, dass man sich an ihn erinnere, fühle sich nicht wie eine Nummer. „Der Gast ist König“, sagte Hagn sinngemäß – doch die Menschen, die ihn bedienen, gehören ebenso zum Erfolgsgeheimnis.

Auch Margarete Prijaks Familiengeschichte zeigt diese besondere Bindung. Bereits ihre Mutter arbeitete auf der Wiesn und blieb bis ins hohe Alter in der Gastronomie aktiv. Für die Mutter sei die Wiesn im Vergleich zur harten Saisonarbeit geradezu „Spielzeit“ gewesen. Prijak selbst sorgte sogar in ihren regulären Arbeitsverträgen dafür, dass ihr die 16 Tage Wiesn ermöglicht wurden. Eigentlich arbeitet sie im Büro – für die Wiesn aber wechselt sie jedes Jahr in eine völlig andere Welt.

Besonders wichtig ist ihr die soziale Durchmischung. Im Bierzelt sitze der Professor neben dem Handwerker, Menschen aus unterschiedlichen Berufen, Einkommensgruppen und Ländern kämen miteinander ins Gespräch. Genau darin liege ein Kern der Münchner Biergarten- und Wiesnkultur: Man sitzt nebeneinander, redet miteinander und verbringt gemeinsam eine gute Zeit.

Doch die romantische Seite hat Grenzen. Prijak berichtete auch von Belästigungen, unerlaubten Berührungen und heimlichen Aufnahmen. Als erfahrene und selbstbewusste Bedienung könne sie sich zur Wehr setzen, sagte sie. Schwieriger sei es für junge und zierliche Kolleginnen. Wenn jemand Frauen ungefragt fotografiere oder ihnen unter den Rock filme, müsse eingegriffen werden.

Anja Berger wurde an dieser Stelle deutlich. Upskirting sei kein Kavaliersdelikt, sondern strafbar. Sie bezeichnete solche Aufnahmen als „wirklich widerlich“. Zwar könnten Radlerhosen Frauen zusätzlichen Schutz bieten, doch Berger warnte davor, die Verantwortung auf die Opfer zu verlagern: „Eigentlich muss man auf die Täter schauen und sagen: Es geht nicht.“ Entscheidend seien Anzeigen, konsequentes Eingreifen und klare Regeln gegen unerlaubtes Fotografieren und Filmen.

Auch politische Konflikte hätten auf der Wiesn Grenzen. Gewalt, antisemitische Äußerungen oder aggressive politische Inszenierungen hätten dort nichts verloren, betonte Berger. Politischer Streit sei selbstverständlich erlaubt, körperliche Übergriffe oder menschenfeindliche Parolen dagegen nicht. Die Wiesn solle ein Ort bleiben, an dem Menschen unterschiedlichster Überzeugungen friedlich zusammenkommen.

Wie sehr die Wiesn inzwischen auch optisch Identität stiftet, machte Michael Unruh deutlich. Als langjähriger Trachtler und Präsidiumsmitglied des Festrings München kennt er die Unterschiede zwischen historisch gewachsener Tracht und dem, was heute vielfach als Wiesn-Outfit getragen wird. Für ihn ist die Entwicklung dennoch grundsätzlich erfreulich. Junge Menschen trügen wieder gerne Lederhose, Dirndl, Trachtenhemd oder Janker. Nicht alles entspreche einer traditionellen Vereinstracht, aber das müsse es auch nicht.

„Die jungen Leute fühlen sich darin wohl und zeigen das nach außen“, sagte Unruh. Tracht habe Symbolcharakter und vermittle Zugehörigkeit. Kritischer sieht er billige Plastik- und Fantasievarianten, bei denen Tradition nur noch zur Verkleidung werde. Entscheidend sei Authentizität.

Schießler nahm genau diesen Gedanken auf – obwohl er selbst keine Tracht trägt. Für ihn wäre es unehrlich, sich nur für einen Anlass in Lederhose zu werfen. „Es geht um Identität“, sagte er. Tracht sei dann glaubwürdig, wenn sich ein Mensch darin zuhause fühle. Er selbst empfinde das nicht so und bleibe deshalb bei seiner Kleidung. Authentizität sei wichtiger als Anpassung an eine vermeintliche Wiesn-Norm.

Unruh wiederum sieht in der Weitergabe von Tracht, Volksmusik und Brauchtum an die nächste Generation eine seiner wichtigsten Aufgaben. Seit Jahrzehnten engagiert er sich in der Trachtenbewegung. Wenn Kinder, die früher bei Veranstaltungen mitwirkten, heute selbst Verantwortung übernähmen, mache ihn das stolz. „Man hat etwas dafür geschaffen, dass es weitergeht.“

Besonders deutlich werde diese Verbindung von Tradition und Gegenwart auf der Oidn Wiesn. Für Unruh ist sie eine der großen Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre: ruhiger, familienfreundlicher und stärker auf historische Formen des Volksfestes ausgerichtet. Auch hier zeigte die Diskussion jedoch, dass Tradition nicht Stillstand bedeuten kann. Zugangsregeln, Eintritt, digitale Tickets und Besucherführung müssen immer wieder angepasst werden.

Ohnehin sei die Fähigkeit zur Veränderung ein Wesensmerkmal der Wiesn, betonte Hagn. Wer das Oktoberfest der 1960er-Jahre mit dem heutigen Fest vergleiche, erkenne kaum dieselbe Veranstaltung wieder. Musik, Reservierungssysteme, Sicherheitsstandards und das Verhalten des Publikums hätten sich grundlegend gewandelt. Früher seien handfeste Schlägereien viel häufiger gewesen. Mit modernerer Musik und einer anderen Feierkultur hätten sich Aggressionen nach Hagns Beobachtung deutlich reduziert.

Genau deshalb wurde auch die Idee eines möglichen Kulturerbe-Status differenziert diskutiert. Einerseits erscheint die Wiesn mit ihrer Geschichte und weltweiten Ausstrahlung geradezu prädestiniert dafür. Andererseits warnte Hagn davor, das Fest einzufrieren. „Weltkulturerbe kannst du nicht verändern. Und die Wiesn verändert sich von selber. Immer wieder.“ Was heute neu sei, könne morgen bereits Tradition sein.

Auch Berger zeigte sich grundsätzlich offen, mahnte aber zur Vorsicht. Zunächst müsse genau geprüft werden, welche rechtlichen und organisatorischen Folgen ein solcher Status hätte. Die Wiesn lebe schließlich gerade davon, sich an neue gesellschaftliche, technische und sicherheitsrelevante Anforderungen anzupassen.

Wie eng Lebensfreude und Erinnerung auf dem Oktoberfest zusammengehören, zeigte der Rückblick auf das Oktoberfestattentat von 1980. Prijak schilderte sehr persönlich, wie knapp ihr Vater damals dem Anschlag entging. Bis heute versuche sie deshalb, während der Wiesn bewusst am Mahnmal vorbeizugehen. „Ich bin bis heute sehr, sehr dankbar, weil mein Papa keine fünf Minuten früher dran war.“

Hagn erinnerte sich ebenfalls an die bedrückende Stimmung nach dem Anschlag und an die Frage, ob und wie das Oktoberfest weitergehen könne. Der Trauertag auf der Theresienwiese sei gespenstisch gewesen. Gerade diese Erfahrungen zeigten, wie verletzlich ein Fest sei, das von Offenheit und Unbeschwertheit lebe.

Schießler brachte die dahinterliegende Frage auf den Punkt: Terror wolle die Lebenswirklichkeit der Menschen verändern. Deshalb brauche es beides – das würdige Gedenken an die Opfer und zugleich die Entschlossenheit, sich die Lebensfreude nicht nehmen zu lassen. Hundertprozentige Sicherheit könne niemand garantieren, wohl aber „hundertprozentiges Engagement für die größtmögliche Sicherheit“.

Wie aufwendig dieses Engagement ist, schilderte Hagn anhand der Sicherheitsmaßnahmen in den Zelten. Feuerlöscher, Behälter, Fluchtwege, Lieferungen und Lagerräume würden ständig kontrolliert. Personal werde für Bedrohungslagen geschult. Sicherheit auf der Wiesn sei nicht das Ergebnis eines einzelnen Konzepts, sondern tägliche Detailarbeit.

Gleichzeitig bleibt das Oktoberfest ein internationales Fest. Rund 13.000 Menschen arbeiten nach Bergers Angaben dort, viele mit ausländischen Wurzeln oder aus anderen Ländern. Ohne diese Beschäftigten wäre die Wiesn in ihrer heutigen Größe kaum denkbar. Für Berger ist sie deshalb auch ein Beispiel dafür, dass Vielfalt im Alltag funktionieren kann: „Alle feiern zusammen, unabhängig von den Unterschieden.“ Herkunft und gesellschaftlicher Status träten für einige Stunden in den Hintergrund.

Diese Internationalität kennt Hagn seit Jahrzehnten. Besonders eindrucksvoll erzählte er von seinen Kontakten nach Moskau, wo er über zwölf Jahre an einem Bierfest beteiligt war und den damaligen Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow kennenlernte. Hagn half unter anderem dabei, das zeremonielle Anzapfen nach Münchner Vorbild zu etablieren. Daraus entstanden persönliche Kontakte und Freundschaften, die weit über die Gastronomie hinausgingen. Angesichts der heutigen politischen Situation wirken diese Erinnerungen wie Zeugnisse einer anderen Epoche.

Auch die Frage nach der Größe der Wiesn beschäftigte das Publikum im PresseClub. Gibt es irgendwann eine Grenze? Könnten acht oder neun Millionen Besucher eines Tages Zugangsbeschränkungen notwendig machen? Berger hält davon wenig. Trotz des Rekords habe sich das Gelände keineswegs permanent überfüllt angefühlt. Das neue Crowdmanagement habe funktioniert. „Ich sehe keinen Bedarf an einer Obergrenze“, sagte sie. Vor allem wolle sie nicht ständig über neue Rekorde sprechen. Die Wiesn müsse nicht immer größer werden.

Ähnlich kontrovers wurde über Blogger, Influencer und Livestreamer diskutiert. Berger machte deutlich, dass neue Medien selbstverständlich zur modernen Wiesn-Berichterstattung gehören. Gleichzeitig müsse unterschieden werden zwischen journalistischer Berichterstattung und kommerziellen Angeboten, mit denen auf dem Festgelände Geld verdient werde. Wo kommerzielle Nutzung stattfinde, seien Regeln und gegebenenfalls Lizenzgebühren nachvollziehbar. Ausgrenzen dürfe man neue Medien deshalb aber nicht: „Es ist wichtig, dass man alle Medien bedient.“

Am Ende der Diskussion stand damit weniger die Frage nach Besucherzahlen, Bierpreisen oder Rekorden als die nach dem eigentlichen Wesen des Oktoberfestes. Die Antwort fiel erstaunlich einheitlich aus. Für die Menschen auf dem Podium ist die Wiesn vor allem Begegnung. Sie funktioniert, weil Menschen für eine begrenzte Zeit bereit sind, miteinander zu arbeiten, zu feiern, zu essen, zu trinken, zu lachen – und manchmal auch füreinander einzustehen.

Die Wiesn ist dabei keineswegs eine heile Welt. Es gibt Alkoholmissbrauch, sexuelle Belästigung, politische Provokationen, Sicherheitsrisiken und die Gefahr einer übermäßigen Kommerzialisierung. Doch gerade deshalb ist es wichtig, nicht nur das Postkartenbild des Oktoberfestes zu pflegen. Zu seiner Erfolgsgeschichte gehört auch die Fähigkeit, Probleme zu erkennen und das Fest weiterzuentwickeln.

Vielleicht erklärt genau das seine außergewöhnliche Widerstandskraft. Die Wiesn ist nicht deshalb Tradition, weil sie unverändert geblieben wäre. Sie ist Tradition, weil sie sich verändert hat, ohne ihren Kern vollständig zu verlieren.

Diesen Kern beschrieb zum Abschluss ausgerechnet ein poetischer Text aus der Familie von Margarete Prijak. Darin geht es um das erste Maß, den kalten Krug in den Händen, das goldene Bier, die Schaumkrone und den ersten Schluck. Doch der entscheidende Moment folgt danach: Man setzt den Krug ab und schaut sich um. Die Menschen lachen, sie sind glücklich, für diesen Augenblick scheint alles zu stimmen.

„Das ist die Wiesn. Das ist Glück.“ Nach fast zwei Stunden Diskussion im PresseClub München ließ sich das Ergebnis kaum treffender zusammenfassen. Nach der Wiesn ist tatsächlich vor der Wiesn. Nicht, weil schon wieder der nächste Besucherrekord vorbereitet werden müsste, sondern weil für viele der Beteiligten das Oktoberfest nicht mit dem letzten ausgeschenkten Maß endet. Es lebt in Freundschaften, Familiengeschichten, Erinnerungen und Ritualen weiter – bis im kommenden Jahr wieder jener Moment kommt, an dem aus einer großen, leeren Festwiese für 16 Tage eine eigene kleine Welt wird.

Zwischen Glauben, Reform und Livestream: Zeitfragengottesdienst mit Rainer Maria Schießler in Aufkirchen

7. Juni 2026

Beim Zeitfragengottesdienst in der Kirche St. Georg in Aufkirchen stand eine Frage im Mittelpunkt, die viele katholische Gemeinden derzeit beschäftigt: Wie kann Glaube in der Moderne gelebt werden, ohne sich in alten Strukturen, lähmenden Gewohnheiten oder bloßem Warten auf Entscheidungen „von oben“ zu verlieren? Im Auftrag der Katholischen Landvolk Bewegung in Kooperation mit dem Brucker Forum durfte ich den Gottesdienst via Zoom streamen, das Material nachbearbeiten und den Kunden zur Verfügung stellen. Hier das Video

Beim Streaming eines Gottesdienstes in Aufkirchen zeigte sich, wie viel Technik, Planung und Improvisation nötig sind, damit eine kirchliche Feier nicht nur vor Ort, sondern auch digital gut miterlebt werden kann. Der Gottesdienst wurde über Zoom übertragen und mit insgesamt vier Kameras produziert. Damit konnten unterschiedliche Perspektiven eingefangen werden: der Pfarrer am Altar, die liturgischen Handlungen, der Kirchenraum sowie weitere Einstellungen, die den Online-Zuschauerinnen und -Zuschauern einen möglichst lebendigen Eindruck des Gottesdienstes vermitteln sollten.

Es kamen zahlreiche Gläubige nach Aufkirchen, um Pfarrer Rainer Maria Schießler zu hören. Der Münchner Geistliche zählt seit Jahren zu den bekanntesten katholischen Pfarrern Bayerns. Er ist Pfarrer von St. Maximilian in München, Autor mehrerer erfolgreicher Bücher und gilt als Seelsorger, der mit klarer Sprache, volksnaher Art und oft unkonventionellen Positionen weit über seine Gemeinde hinaus wahrgenommen wird.

Das Herzstück meiner Produktion war ein ATEM ISO-Mischer, über den die verschiedenen HDMI-Kamerasignale zusammengeführt und live ausgewählt wurden. Dadurch war es möglich, während des Gottesdienstes zwischen den einzelnen Kameraperspektiven zu wechseln und die Übertragung abwechslungsreicher zu gestalten als mit einer einzigen statischen Kamera. Gerade bei Gottesdiensten ist dies wichtig, weil viele Handlungen räumlich verteilt stattfinden: am Altar, am Ambo, im Kirchenschiff oder bei besonderen Momenten innerhalb der Liturgie.

Für den Ton wurde zunächst ein DJI-Mikrofon eingesetzt, das direkt an der Albe des Pfarrers befestigt war. Die Albe ist ein langes, weißes, knöchellanges Grundgewand, das an das weiße Taufkleid erinnert. Sie heben ihn aus dem Alltag heraus und symbolisieren, dass er in der Messe nicht als Privatperson, sondern in Vertretung Jesu Christi handelt.

Dadurch war die Stimme des Geistlichen klar und gut verständlich zu hören. Diese Lösung erwies sich besonders für die Predigt, die Gebete und die liturgischen Texte des Pfarrers als sinnvoll. Allerdings zeigte sich während der Produktion auch eine typische Herausforderung bei der Übertragung von Gottesdiensten: Wenn nur der Pfarrer mikrofoniert ist, fehlen die übrigen akustischen Elemente der Feier. Gesänge, Antworten der Gemeinde, Musik, Lektorinnen und Lektoren oder andere Mitwirkende werden dann nur unzureichend erfasst.

Um dieses Problem auszugleichen, wurde zusätzlich ein Tascam-Recorder eingesetzt. Dieser nahm den Ton des restlichen Gottesdienstes im Kirchenraum auf. Die so aufgezeichnete Atmosphäre, die Gemeindeteile und die weiteren liturgischen Elemente konnten ergänzend zum Signal des Pfarrermikrofons dazugemischt werden. Dadurch entstand ein deutlich vollständigeres Klangbild. Die Online-Teilnehmenden hörten nicht nur die Stimme des Pfarrers, sondern bekamen auch einen Eindruck vom Raum, von der Musik und von der Beteiligung der Gemeinde.

Eine weitere große Herausforderung war die Internetverbindung in der Kirche. Gerade ältere Kirchengebäude sind für Livestreaming oft schwierig: dicke Mauern, schwacher Mobilfunkempfang und fehlende Netzwerkinfrastruktur können eine stabile Übertragung erheblich erschweren. In Aufkirchen wurde dieses Problem durch einen Elektriker aus dem Dorf gelöst. Er sorgte dafür, dass vor Ort eine verlässliche Verbindung eingerichtet werden konnte. Das WLAN wurde über einen Huawei-Router bereitgestellt, der die technische Grundlage für die Zoom-Übertragung lieferte.

Die Erfahrung zeigte, dass ein erfolgreicher Gottesdienst-Stream nicht allein von Kameras und Software abhängt. Entscheidend ist das Zusammenspiel aller Komponenten: Bild, Ton, Internetverbindung, Bedienung des Mischers und ein Verständnis für den Ablauf der Liturgie. Besonders beim Ton wurde deutlich, dass eine gute Verständlichkeit des Pfarrers zwar wichtig ist, aber nicht ausreicht. Ein Gottesdienst lebt auch von Musik, Stille, Raumklang und den Stimmen der Gemeinde. Erst durch die zusätzliche Aufnahme mit dem Tascam-Recorder konnte dieser Charakter besser eingefangen werden.

Der Stream aus Aufkirchen machte deutlich, dass auch mit vergleichsweise kompakter Technik eine ansprechende digitale Gottesdienstübertragung möglich ist. Vier Kameras, ein ATEM-ISO-Mischer, ein DJI-Mikrofon, ein zusätzlicher Tascam-Recorder und eine stabile WLAN-Verbindung über einen Huawei-Router bildeten die technische Grundlage. Gleichzeitig zeigte das Projekt, dass bei Liveproduktionen in Kirchen immer mit unvorhergesehenen Herausforderungen gerechnet werden muss. Entscheidend ist dann, flexibel zu reagieren und Lösungen zu finden, die zur Situation vor Ort passen.

Am Ende stand eine Übertragung, die nicht nur technisch funktionierte, sondern auch zeigte, wie wertvoll lokale Unterstützung sein kann. Ohne die Lösung der Internetfrage durch den Elektriker aus Aufkirchen wäre der Zoom-Stream kaum zuverlässig möglich gewesen. Und ohne die zusätzliche Tonaufnahme wäre der Gottesdienst akustisch deutlich einseitiger geblieben. So wurde aus der Aufgabe, einen Gottesdienst digital zugänglich zu machen, ein gelungenes Zusammenspiel von kirchlichem Leben, moderner Medientechnik und praktischer Hilfe aus dem Dorf. 

Der Gottesdienst stand unter dem Motto „Glaube und Moderne – Kraft aus dem Evangelium“. Schon dieses Thema machte deutlich, dass es nicht nur um eine feierliche Messe, sondern um eine Standortbestimmung ging. Die katholische Kirche steht seit Jahren unter Druck: Kirchenaustritte, Vertrauensverlust, Diskussionen um Machtstrukturen, die Rolle der Frau, den Umgang mit Homosexualität und die Frage, wie Gemeinden vor Ort handlungsfähig bleiben, prägen die Debatten. Schießler griff diese Themen in seiner Predigt direkt auf. Er machte dabei keine einfachen Versprechungen und präsentierte auch kein Patentrezept gegen Kirchenaustritte. Vielmehr stellte er die Verantwortung der einzelnen Gemeinde in den Mittelpunkt. Der Pfarrer betonte, dass er keine „Zaubermittel“ habe, um Austritte zu verhindern, wohl aber helfen könne, den Blick zu schärfen und Mut zu machen. 

Eine zentrale Linie seiner Predigt war der Gedanke der Eigenverantwortung. Schießler verband diesen mit dem Fest Christi Himmelfahrt: Jesus habe die Menschen nicht verlassen, um sie alleinzulassen, sondern ihnen Verantwortung übertragen. Diesen Gedanken machte er anschaulich, indem er einen jungen Ministranten in seine Predigt einbezog und an die Erfahrung erinnerte, zum ersten Mal allein zu Hause gelassen zu werden. Daraus entwickelte Schießler seine Botschaft an die Gemeinde: Christinnen und Christen sollen nicht ängstlich auf fertige Lösungen warten, sondern selbst Verantwortung übernehmen. Für ihn bedeutet Glaube nicht, passiv zu bleiben, sondern im Vertrauen auf das Evangelium mutig zu handeln. Sein Appell an die Gemeinde lautete sinngemäß: Macht es so, wie ihr es für richtig haltet. 

Damit traf Schießler auch einen Kern des Selbstverständnisses der Katholischen Landvolk Bewegung. Die KLB versteht sich in Bayern als Bildungs- und Aktionsgemeinschaft für Menschen im ländlichen Raum. Sie will die Zukunft der Dörfer mitgestalten, Glauben erfahrbar machen und die Eigenverantwortung der Pfarrgemeinden stärken. Genau diese Verbindung von Glauben, Dorfleben und aktiver Verantwortung war beim Zeitfragengottesdienst in Aufkirchen spürbar. Es ging nicht um eine abstrakte Kirchenreformdebatte, sondern um die konkrete Frage, was Menschen vor Ort tun können, wenn traditionelle Sicherheiten schwinden und zugleich der Wunsch nach lebendiger Gemeinschaft bleibt. 

Schießler sprach auch kontroverse Themen offen an. Besonders deutlich wurde er bei der Rolle der Frau in der Kirche. Die sogenannte Frauenfrage müsse dringend geklärt werden, machte er deutlich. Er stellte infrage, warum Menschen, die sich berufen fühlen, aufgrund ihres Geschlechts ausgeschlossen werden sollten. In diese Linie bezog er auch den Umgang mit Homosexualität ein. Damit blieb Schießler seiner bekannten Haltung treu: Er gehört zu jenen katholischen Stimmen, die eine offenere, menschenzugewandte und weniger ausschließende Kirche fordern. Auch in früheren öffentlichen Äußerungen und Interviews hat er sich wiederholt zu Themen wie Zölibat, Rolle der Frau, Homosexualität und Kirchenaustritten geäußert. 

Bemerkenswert war dabei nicht nur, was Schießler sagte, sondern auch, wie er es sagte. Seine Predigt zielte nicht auf theoretische Kirchenkritik, sondern auf Ermutigung. Er forderte die Gläubigen auf, nicht ständig nach oben zu schauen, sondern auf die Menschen vor Ort. Damit kritisierte er indirekt eine Haltung, die Reformen allein von kirchlichen Papieren, Beschlüssen oder höheren Instanzen erwartet. Stattdessen stellte er die Gemeinde als handelndes Subjekt in den Vordergrund: Kirche beginnt dort, wo Menschen miteinander anders umgehen, voneinander lernen und einander ernst nehmen. Der Satz, dass die Kirche zwar weniger werde, deshalb aber nicht weniger wichtig sei, fasst diese Haltung prägnant zusammen. 

Der große Zuspruch in Aufkirchen zeigt, dass solche Worte auf Resonanz stoßen. Wenn Schießler kommt, füllen sich die Kirchen. Das liegt nicht nur an seiner Bekanntheit, sondern auch daran, dass er vielen Menschen eine Sprache anbietet, die religiöse Tradition mit heutiger Lebenswirklichkeit verbindet. Er spricht über Glauben nicht als abgeschlossenes System, sondern als Kraftquelle, die Menschen befähigen soll, Verantwortung zu übernehmen. Gerade in ländlichen Gemeinden, in denen Kirche oft noch stark mit Vereinsleben, Dorfstruktur, Ehrenamt und persönlicher Begegnung verbunden ist, kann diese Botschaft eine besondere Wirkung entfalten. 

Der Zeitfragengottesdienst in Aufkirchen war damit mehr als ein gut besuchter Gottesdienst mit einem prominenten Pfarrer. Er war ein Signal, dass die Fragen der Zeit auch im kirchlichen Raum offen ausgesprochen werden können: Wie gehen Gemeinden mit Rückgang und Verunsicherung um? Wie viel Mut haben sie, eigene Wege zu gehen? Wie kann Kirche glaubwürdig bleiben, wenn Menschen Ausgrenzung, Erstarrung oder mangelnde Reformbereitschaft erleben? Schießlers Antwort darauf war klar: Nicht warten, sondern anfangen. Nicht zuerst auf Strukturen schauen, sondern auf Menschen. Nicht die Bedeutung der Kirche am Maßstab der Zahlen messen, sondern daran, ob sie vor Ort Hoffnung, Gemeinschaft und Orientierung gibt.

So wurde der Gottesdienst in St. Georg zu einem Plädoyer für eine Kirche, die kleiner werden mag, aber lebendig bleiben kann, wenn sie sich ihrer Verantwortung stellt. Schießlers Botschaft war unbequem und ermutigend zugleich: Die Zukunft der Kirche entscheidet sich nicht allein in Rom, München oder auf kirchlichen Synoden, sondern auch in jeder einzelnen Gemeinde – dort, wo Menschen bereit sind, den Glauben nicht nur zu bewahren, sondern ihn in ihrer Gegenwart neu zu leben.