Warum zieht das Oktoberfest Jahr für Jahr Millionen Menschen an? Was macht aus 16 Tagen Ausnahmezustand ein Stück Münchner Identität? Und wie viel Veränderung verträgt die Wiesn, ohne ihren Charakter zu verlieren? Im PresseClub München diskutierten Menschen darüber, die das größte Volksfest der Welt aus ganz unterschiedlichen Perspektiven kennen: Wiesnwirt-Legende Wiggerl Hagn, Pfarrer und ehemaliger Wiesn-Kellner Rainer Maria Schießler, Wiesn-Bedienung Margarete Prijak, Wiesn-Stadträtin Anja Berger und Trachtler Michael Unruh vom Festring München. Moderiert wurde die Runde von PresseClub-Mitglied Manfred Otzelberger. Unter dem Motto „Nach der Wiesn ist vor der Wiesn – ein Rausch ohne Ernüchterung“ wurde schnell deutlich: Die Wiesn ist für diese Runde weit mehr als Bier, Geschäft und Besucherrekorde.

Wenn 7,4 Millionen Menschen auf die Theresienwiese kommen, liegt das Wort „Rekord“ nahe. Doch genau diesem Denken wollte die Runde im PresseClub München nicht verfallen. Die Wiesn müsse nicht jedes Jahr größer werden, lautete eine der zentralen Botschaften. Entscheidend sei vielmehr, ihren besonderen Charakter zu erhalten: als Volksfest, Arbeitsplatz, Wirtschaftsfaktor, Begegnungsraum und ein Stück gelebter Münchner Kultur. Hier die Aufzeichnung der Veranstaltung:
Anja Berger zog zunächst eine positive Bilanz. Trotz der enormen Besucherzahlen habe das Oktoberfest organisatorisch funktioniert. Eine wichtige Rolle spielte dabei das überarbeitete Sicherheits- und Crowdmanagement. Neue Kameras, verbesserte Abläufe und ein Sicherheitsraum hätten dazu beigetragen, auch große Besucherströme besser zu steuern. Gerade angesichts von zeitweise mehreren Hunderttausend Menschen auf dem Gelände sei dies eine enorme Leistung.

„Ich fand, dass es eine sehr, sehr schöne Wiesn war“, sagte Berger. Vor allem sei sie dankbar, „dass alle so zusammengearbeitet haben“. Absolute Sicherheit könne es bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung nicht geben. Dennoch habe sie die Wiesn als friedlich erlebt. „Die allermeisten Menschen haben sich sehr glücklich gefühlt. Die Lebensfreude war wieder auf dem Platz.“
Wie anstrengend diese Lebensfreude für diejenigen ist, die sie möglich machen, konnte Margarete Prijak aus eigener Erfahrung schildern. Seit 38 Jahren arbeitet sie auf der Wiesn. Körperlich geht das nicht spurlos an ihr vorbei. In diesem Jahr kam erschwerend ein gebrochener Mittelfuß hinzu. „Mein Kopf hat gesagt: Nein. Mein Herz hat gesagt: Ja“, beschrieb sie ihre Entscheidung, trotzdem wieder anzutreten. Nach 16 Tagen sei sie „sehr müde, sehr fertig“, zugleich aber glücklich: „Alles in allem war es wirklich eine wunderschöne Wiesn.“

Dass sie Jahr für Jahr zurückkehrt, liege keineswegs nur am Verdienst. Natürlich könne man in diesen 16 Tagen gutes Geld verdienen. Früher habe das Einkommen einer Wiesn-Saison schon einmal für ein Auto, Versicherungen oder größere Anschaffungen gereicht. Doch die eigentliche Motivation sei eine andere: „Das ist wie Heimkommen. Das ist Familie.“

Prijak beschrieb diesen Moment sehr anschaulich: Schon kurz vor der Eröffnung treffe man Kolleginnen und Kollegen, Geschäftsführer, Wirte und Bekannte wieder. Dazu kämen Stammgäste, die über Jahrzehnte zu Freunden geworden seien. Sie habe Hochzeiten erlebt und Menschen über viele Jahre begleitet. Die Wiesn sei deshalb „ein bisschen wie eine Klassenfahrt mit Arbeit“ – anstrengend, intensiv, aber getragen von einer außergewöhnlichen Gemeinschaft.

Ähnlich sieht es Rainer Maria Schießler. Münchens bekannter Pfarrer arbeitete zehn Jahre lang selbst als Bedienung auf dem Oktoberfest und kennt das Fest nicht nur aus dem Bierzeltbesuch. Die „Entzugserscheinungen“, scherzte er, seien bis heute vorhanden. Wenn er durch einen Biergarten gehe und einen Tisch sehe, der abgeräumt werden müsse, zucke es ihm noch immer in den Fingern. Der frühere Kellner stecke weiter in ihm.

Noch wichtiger seien jedoch die Beziehungen, die in dieser Zeit entstanden. Menschen, die er auf der Wiesn kennengelernt habe, habe er später getraut, begleitet oder beerdigt. Aus flüchtigen Begegnungen seien dauerhafte Bindungen entstanden.
Schießler widersprach deshalb auch der Vorstellung von der Wiesn als einer Art Ersatzreligion. Für ihn ist sie vielmehr eine Ergänzung zu etwas, das Religion ebenfalls vermitteln wolle: Lebensfreude und Gemeinschaft. „Der liebe Gott will, dass der Mensch glücklich ist. Er will, dass er feiern kann, er will, dass er das Leben genießen kann“, sagte der Pfarrer.

Dabei zog Schießler eine Verbindung zwischen religiöser Mahlgemeinschaft und dem gemeinsamen Essen und Trinken auf dem Oktoberfest. In der Bibel spiele das gemeinsame Mahl immer wieder eine zentrale Rolle. „Ein Mahl ist mehr als Nahrungsaufnahme. Ein Mahl ist Gemeinschaft“, formulierte er. Für ihn liegt darin ein wesentlicher Kern der Wiesn: Menschen kommen zusammen, teilen Zeit, Essen, Getränke und Freude.
Schießler wandte sich zugleich gegen den permanenten Rekordgedanken. Warum müsse nach einer erfolgreichen Wiesn sofort gefragt werden, wie sich die Besucherzahl noch steigern lasse? „Wir müssen keinen Rekord brechen.“ Viel wichtiger sei es, einen Erfolg auch einmal als solchen stehen zu lassen. Die Wiesn habe gezeigt, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander feiern und arbeiten könnten. „Multikulti funktioniert“, brachte er es auf den Punkt.
Wiesnwirt-Legende Wiggerl Hagn kann diesen Gemeinschaftsgedanken aus einer außergewöhnlich langen Perspektive bestätigen. 62 Jahre war er Wiesnwirt, in diesem Jahr erlebte er nach eigenen Angaben bereits seine 71. Wiesn. Für ihn steht fest: „Die Wiesn ist kein Oktoberfest, sondern ein Familienfest.“




Was er damit meint, zeigt sich für Hagn vor allem beim Personal. Viele Mitarbeiter blieben den Betrieben über Jahrzehnte treu. Manche Bedienungen arbeiteten 50 Jahre lang auf dem Fest, Schenken, Küchenchefs oder Bürokräfte über Jahrzehnte. Nach 16 Tagen schwörten zwar regelmäßig viele: „Nie wieder.“ Doch spätestens um Weihnachten kämen die ersten Grüße, und wenn im neuen Jahr die Verträge verschickt würden, wollten alle wissen, ob sie wieder dabei seien.
Einmal habe ein Computerproblem dazu geführt, dass nur ein Teil der Mitarbeiter seine Verträge erhielt. „Mein Telefon ist heiß gelaufen“, erinnerte sich Hagn. Sofort hätten sich die anderen gemeldet und gefragt, ob sie etwas falsch gemacht hätten. Für Hagn ein Beleg dafür, dass die Wiesn als Arbeitsplatz anders funktioniere als die gewöhnliche Gastronomie.
Diese Verbundenheit übertrage sich auch auf die Gäste. Stammgäste kämen jedes Jahr wieder, Bedienungen kennen ihre Namen, Familiengeschichten und Gewohnheiten. Wer als Gast spüre, dass man sich an ihn erinnere, fühle sich nicht wie eine Nummer. „Der Gast ist König“, sagte Hagn sinngemäß – doch die Menschen, die ihn bedienen, gehören ebenso zum Erfolgsgeheimnis.

Auch Margarete Prijaks Familiengeschichte zeigt diese besondere Bindung. Bereits ihre Mutter arbeitete auf der Wiesn und blieb bis ins hohe Alter in der Gastronomie aktiv. Für die Mutter sei die Wiesn im Vergleich zur harten Saisonarbeit geradezu „Spielzeit“ gewesen. Prijak selbst sorgte sogar in ihren regulären Arbeitsverträgen dafür, dass ihr die 16 Tage Wiesn ermöglicht wurden. Eigentlich arbeitet sie im Büro – für die Wiesn aber wechselt sie jedes Jahr in eine völlig andere Welt.
Besonders wichtig ist ihr die soziale Durchmischung. Im Bierzelt sitze der Professor neben dem Handwerker, Menschen aus unterschiedlichen Berufen, Einkommensgruppen und Ländern kämen miteinander ins Gespräch. Genau darin liege ein Kern der Münchner Biergarten- und Wiesnkultur: Man sitzt nebeneinander, redet miteinander und verbringt gemeinsam eine gute Zeit.
Doch die romantische Seite hat Grenzen. Prijak berichtete auch von Belästigungen, unerlaubten Berührungen und heimlichen Aufnahmen. Als erfahrene und selbstbewusste Bedienung könne sie sich zur Wehr setzen, sagte sie. Schwieriger sei es für junge und zierliche Kolleginnen. Wenn jemand Frauen ungefragt fotografiere oder ihnen unter den Rock filme, müsse eingegriffen werden.
Anja Berger wurde an dieser Stelle deutlich. Upskirting sei kein Kavaliersdelikt, sondern strafbar. Sie bezeichnete solche Aufnahmen als „wirklich widerlich“. Zwar könnten Radlerhosen Frauen zusätzlichen Schutz bieten, doch Berger warnte davor, die Verantwortung auf die Opfer zu verlagern: „Eigentlich muss man auf die Täter schauen und sagen: Es geht nicht.“ Entscheidend seien Anzeigen, konsequentes Eingreifen und klare Regeln gegen unerlaubtes Fotografieren und Filmen.
Auch politische Konflikte hätten auf der Wiesn Grenzen. Gewalt, antisemitische Äußerungen oder aggressive politische Inszenierungen hätten dort nichts verloren, betonte Berger. Politischer Streit sei selbstverständlich erlaubt, körperliche Übergriffe oder menschenfeindliche Parolen dagegen nicht. Die Wiesn solle ein Ort bleiben, an dem Menschen unterschiedlichster Überzeugungen friedlich zusammenkommen.


Wie sehr die Wiesn inzwischen auch optisch Identität stiftet, machte Michael Unruh deutlich. Als langjähriger Trachtler und Präsidiumsmitglied des Festrings München kennt er die Unterschiede zwischen historisch gewachsener Tracht und dem, was heute vielfach als Wiesn-Outfit getragen wird. Für ihn ist die Entwicklung dennoch grundsätzlich erfreulich. Junge Menschen trügen wieder gerne Lederhose, Dirndl, Trachtenhemd oder Janker. Nicht alles entspreche einer traditionellen Vereinstracht, aber das müsse es auch nicht.
„Die jungen Leute fühlen sich darin wohl und zeigen das nach außen“, sagte Unruh. Tracht habe Symbolcharakter und vermittle Zugehörigkeit. Kritischer sieht er billige Plastik- und Fantasievarianten, bei denen Tradition nur noch zur Verkleidung werde. Entscheidend sei Authentizität.
Schießler nahm genau diesen Gedanken auf – obwohl er selbst keine Tracht trägt. Für ihn wäre es unehrlich, sich nur für einen Anlass in Lederhose zu werfen. „Es geht um Identität“, sagte er. Tracht sei dann glaubwürdig, wenn sich ein Mensch darin zuhause fühle. Er selbst empfinde das nicht so und bleibe deshalb bei seiner Kleidung. Authentizität sei wichtiger als Anpassung an eine vermeintliche Wiesn-Norm.
Unruh wiederum sieht in der Weitergabe von Tracht, Volksmusik und Brauchtum an die nächste Generation eine seiner wichtigsten Aufgaben. Seit Jahrzehnten engagiert er sich in der Trachtenbewegung. Wenn Kinder, die früher bei Veranstaltungen mitwirkten, heute selbst Verantwortung übernähmen, mache ihn das stolz. „Man hat etwas dafür geschaffen, dass es weitergeht.“
Besonders deutlich werde diese Verbindung von Tradition und Gegenwart auf der Oidn Wiesn. Für Unruh ist sie eine der großen Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre: ruhiger, familienfreundlicher und stärker auf historische Formen des Volksfestes ausgerichtet. Auch hier zeigte die Diskussion jedoch, dass Tradition nicht Stillstand bedeuten kann. Zugangsregeln, Eintritt, digitale Tickets und Besucherführung müssen immer wieder angepasst werden.
Ohnehin sei die Fähigkeit zur Veränderung ein Wesensmerkmal der Wiesn, betonte Hagn. Wer das Oktoberfest der 1960er-Jahre mit dem heutigen Fest vergleiche, erkenne kaum dieselbe Veranstaltung wieder. Musik, Reservierungssysteme, Sicherheitsstandards und das Verhalten des Publikums hätten sich grundlegend gewandelt. Früher seien handfeste Schlägereien viel häufiger gewesen. Mit modernerer Musik und einer anderen Feierkultur hätten sich Aggressionen nach Hagns Beobachtung deutlich reduziert.
Genau deshalb wurde auch die Idee eines möglichen Kulturerbe-Status differenziert diskutiert. Einerseits erscheint die Wiesn mit ihrer Geschichte und weltweiten Ausstrahlung geradezu prädestiniert dafür. Andererseits warnte Hagn davor, das Fest einzufrieren. „Weltkulturerbe kannst du nicht verändern. Und die Wiesn verändert sich von selber. Immer wieder.“ Was heute neu sei, könne morgen bereits Tradition sein.
Auch Berger zeigte sich grundsätzlich offen, mahnte aber zur Vorsicht. Zunächst müsse genau geprüft werden, welche rechtlichen und organisatorischen Folgen ein solcher Status hätte. Die Wiesn lebe schließlich gerade davon, sich an neue gesellschaftliche, technische und sicherheitsrelevante Anforderungen anzupassen.
Wie eng Lebensfreude und Erinnerung auf dem Oktoberfest zusammengehören, zeigte der Rückblick auf das Oktoberfestattentat von 1980. Prijak schilderte sehr persönlich, wie knapp ihr Vater damals dem Anschlag entging. Bis heute versuche sie deshalb, während der Wiesn bewusst am Mahnmal vorbeizugehen. „Ich bin bis heute sehr, sehr dankbar, weil mein Papa keine fünf Minuten früher dran war.“
Hagn erinnerte sich ebenfalls an die bedrückende Stimmung nach dem Anschlag und an die Frage, ob und wie das Oktoberfest weitergehen könne. Der Trauertag auf der Theresienwiese sei gespenstisch gewesen. Gerade diese Erfahrungen zeigten, wie verletzlich ein Fest sei, das von Offenheit und Unbeschwertheit lebe.
Schießler brachte die dahinterliegende Frage auf den Punkt: Terror wolle die Lebenswirklichkeit der Menschen verändern. Deshalb brauche es beides – das würdige Gedenken an die Opfer und zugleich die Entschlossenheit, sich die Lebensfreude nicht nehmen zu lassen. Hundertprozentige Sicherheit könne niemand garantieren, wohl aber „hundertprozentiges Engagement für die größtmögliche Sicherheit“.
Wie aufwendig dieses Engagement ist, schilderte Hagn anhand der Sicherheitsmaßnahmen in den Zelten. Feuerlöscher, Behälter, Fluchtwege, Lieferungen und Lagerräume würden ständig kontrolliert. Personal werde für Bedrohungslagen geschult. Sicherheit auf der Wiesn sei nicht das Ergebnis eines einzelnen Konzepts, sondern tägliche Detailarbeit.
Gleichzeitig bleibt das Oktoberfest ein internationales Fest. Rund 13.000 Menschen arbeiten nach Bergers Angaben dort, viele mit ausländischen Wurzeln oder aus anderen Ländern. Ohne diese Beschäftigten wäre die Wiesn in ihrer heutigen Größe kaum denkbar. Für Berger ist sie deshalb auch ein Beispiel dafür, dass Vielfalt im Alltag funktionieren kann: „Alle feiern zusammen, unabhängig von den Unterschieden.“ Herkunft und gesellschaftlicher Status träten für einige Stunden in den Hintergrund.
Diese Internationalität kennt Hagn seit Jahrzehnten. Besonders eindrucksvoll erzählte er von seinen Kontakten nach Moskau, wo er über zwölf Jahre an einem Bierfest beteiligt war und den damaligen Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow kennenlernte. Hagn half unter anderem dabei, das zeremonielle Anzapfen nach Münchner Vorbild zu etablieren. Daraus entstanden persönliche Kontakte und Freundschaften, die weit über die Gastronomie hinausgingen. Angesichts der heutigen politischen Situation wirken diese Erinnerungen wie Zeugnisse einer anderen Epoche.
Auch die Frage nach der Größe der Wiesn beschäftigte das Publikum im PresseClub. Gibt es irgendwann eine Grenze? Könnten acht oder neun Millionen Besucher eines Tages Zugangsbeschränkungen notwendig machen? Berger hält davon wenig. Trotz des Rekords habe sich das Gelände keineswegs permanent überfüllt angefühlt. Das neue Crowdmanagement habe funktioniert. „Ich sehe keinen Bedarf an einer Obergrenze“, sagte sie. Vor allem wolle sie nicht ständig über neue Rekorde sprechen. Die Wiesn müsse nicht immer größer werden.
Ähnlich kontrovers wurde über Blogger, Influencer und Livestreamer diskutiert. Berger machte deutlich, dass neue Medien selbstverständlich zur modernen Wiesn-Berichterstattung gehören. Gleichzeitig müsse unterschieden werden zwischen journalistischer Berichterstattung und kommerziellen Angeboten, mit denen auf dem Festgelände Geld verdient werde. Wo kommerzielle Nutzung stattfinde, seien Regeln und gegebenenfalls Lizenzgebühren nachvollziehbar. Ausgrenzen dürfe man neue Medien deshalb aber nicht: „Es ist wichtig, dass man alle Medien bedient.“
Am Ende der Diskussion stand damit weniger die Frage nach Besucherzahlen, Bierpreisen oder Rekorden als die nach dem eigentlichen Wesen des Oktoberfestes. Die Antwort fiel erstaunlich einheitlich aus. Für die Menschen auf dem Podium ist die Wiesn vor allem Begegnung. Sie funktioniert, weil Menschen für eine begrenzte Zeit bereit sind, miteinander zu arbeiten, zu feiern, zu essen, zu trinken, zu lachen – und manchmal auch füreinander einzustehen.
Die Wiesn ist dabei keineswegs eine heile Welt. Es gibt Alkoholmissbrauch, sexuelle Belästigung, politische Provokationen, Sicherheitsrisiken und die Gefahr einer übermäßigen Kommerzialisierung. Doch gerade deshalb ist es wichtig, nicht nur das Postkartenbild des Oktoberfestes zu pflegen. Zu seiner Erfolgsgeschichte gehört auch die Fähigkeit, Probleme zu erkennen und das Fest weiterzuentwickeln.
Vielleicht erklärt genau das seine außergewöhnliche Widerstandskraft. Die Wiesn ist nicht deshalb Tradition, weil sie unverändert geblieben wäre. Sie ist Tradition, weil sie sich verändert hat, ohne ihren Kern vollständig zu verlieren.
Diesen Kern beschrieb zum Abschluss ausgerechnet ein poetischer Text aus der Familie von Margarete Prijak. Darin geht es um das erste Maß, den kalten Krug in den Händen, das goldene Bier, die Schaumkrone und den ersten Schluck. Doch der entscheidende Moment folgt danach: Man setzt den Krug ab und schaut sich um. Die Menschen lachen, sie sind glücklich, für diesen Augenblick scheint alles zu stimmen.
„Das ist die Wiesn. Das ist Glück.“ Nach fast zwei Stunden Diskussion im PresseClub München ließ sich das Ergebnis kaum treffender zusammenfassen. Nach der Wiesn ist tatsächlich vor der Wiesn. Nicht, weil schon wieder der nächste Besucherrekord vorbereitet werden müsste, sondern weil für viele der Beteiligten das Oktoberfest nicht mit dem letzten ausgeschenkten Maß endet. Es lebt in Freundschaften, Familiengeschichten, Erinnerungen und Ritualen weiter – bis im kommenden Jahr wieder jener Moment kommt, an dem aus einer großen, leeren Festwiese für 16 Tage eine eigene kleine Welt wird.
