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Buchtipp: Hermann Hesse neu entdecken – Hilmar Klutes leidenschaftlicher „Aufbruch ins Leben“

16. Oktober 2026

Hermann Hesse gehört zu jenen Schriftstellern, die viele Leser bereits in jungen Jahren entdecken und die sie anschließend ein Leben lang begleiten können. Dazu gehöre auch ich. Ich habe meinen Hesse geliebt. Und genau von einer solchen Beziehung handelt Hilmar Klutes Buch Hermann Hesse oder Der Aufbruch ins Leben aus dem C.H. Beck-Verlag. Es ist weder eine klassische Biografie noch eine streng literaturwissenschaftliche Untersuchung. Klute nähert sich Hesse vielmehr als Leser, Schriftsteller und Literaturkritiker. Er verbindet Hesses Lebensgeschichte mit dessen Werk und zugleich mit der eigenen Leseerfahrung. Daraus entstand ein sehr persönliches, aber keineswegs unkritisches Porträt eines Autors, dessen Gedanken Klute erstaunlich häufig auf die Gegenwart bezieht.

Die Struktur des Buches verrät bereits, worum es Klute geht. Seine Kapitel tragen Überschriften wie „Lesen und Schreiben“, „Gehen und Bleiben“, „Kinder und Eltern“, „Innen und Außen“, „Ich und die Anderen“, „Körper und Seele“, „Arbeit und Müßiggang“, „Dank und Gruß“, „Krieg und Frieden“ sowie „Ernst und Spaß“. Das sind bewusst Gegensatzpaare. Hesse erscheint dadurch nicht als Persönlichkeit, die sich auf eine einfache Formel reduzieren ließe, sondern als Mensch voller Spannungen und Widersprüche.

Ausgangspunkt ist Klutes eigene Begegnung mit Hesse. Als Jugendlicher aus einem nach eigener Beschreibung bildungsfernen Elternhaus entdeckt er Hesses Essay Eine Bibliothek der Weltliteratur. Diese Lektüre wird für ihn zu einer Art Initialzündung. Bildung erscheint plötzlich nicht mehr als schulische Pflicht oder gesellschaftliches Statussymbol, sondern als etwas, das seinen Wert in sich selbst trägt. Hesse wird zum Wegweiser in die Literatur. Entsprechend versteht Klute ihn nicht als autoritären Bildungsbürger, der einen Kanon vorschreibt, sondern als Begleiter, der zum selbstständigen Lesen ermutigt.

Hier liegt eine zentrale These des Buches: Hesses Literatur handelt vom Aufbruch. Der Mensch soll sich entwickeln, Gewissheiten überprüfen, Räume verlassen und seinen eigenen Weg suchen. Klute findet dieses Prinzip in Romanen wie Peter Camenzind, Demian, Siddhartha, Der Steppenwolf und Das Glasperlenspiel, aber ebenso in Essays, Gedichten und Briefen. Schon Peter Camenzind enthält für ihn wesentliche Lebensthemen Hesses: die Suche nach Wahrheit in unterschiedlichen Kulturen, die Selbstfindung durch Schreiben und die Vorstellung, dass Kindheit und Jugend entscheidende Voraussetzungen des späteren Lebens bilden.

Besondere Bedeutung erhält dabei das berühmte Gedicht „Stufen“. Klute löst es aus der etwas abgegriffenen Verwendung seiner bekanntesten Zeile vom „Zauber“ des Anfangs und liest es als ernsthafte Aufforderung zur Veränderung. Aufbruch bedeutet bei Hesse nicht zwangsläufig Fortschrittsoptimismus. Er kann schmerzhaft sein, mit Verlust verbunden und sogar scheitern. Entscheidend ist vielmehr die Bereitschaft, sich nicht im Erreichten einzurichten. Diese Haltung verbindet Klute auch mit Josef Knecht im Glasperlenspiel: Wissen und Bildung dürfen nicht zum abgeschlossenen Selbstzweck einer Elite werden, sondern müssen wieder in die Welt und zu den Menschen zurückkehren.

Klute zeichnet Hesse dabei keineswegs als makelloses Vorbild. Besonders deutlich wird das beim Thema Familie. Der Schriftsteller, der die Empfindungen und Verletzungen von Kindern außergewöhnlich sensibel darstellen konnte, erwies sich im eigenen Familienleben als schwieriger Vater. Nach der Trennung von seiner Frau Maria wurden die drei Söhne Bruno, Heiner und Martin anderen Menschen anvertraut. Klute betrachtet Hesses Selbstdeutung dieser Jahre mit deutlicher Distanz. Er erkennt einen Künstler, der sein eigenes Leiden sehr genau wahrnimmt, die Belastungen seiner Umgebung aber gelegentlich vor allem als zusätzliche Belastung für sich selbst versteht.

Hesse erscheint hier als „Beziehungsflüchtling“, der im Konfliktfall zum Rückzug neigte und sein Werk im Zweifel über familiäre Verpflichtungen stellte. Gerade diese Widersprüche machen Klutes Hesse-Porträt interessant. Der gefeierte Individualist brauchte andere Menschen. Der Einsiedler schrieb unzählige Briefe. Der Kritiker moderner Medien arbeitete selbst höchst produktiv journalistisch. Der Kulturpessimist war zugleich ein leidenschaftlicher Kulturenthusiast. Und der angeblich weltabgewandte Dichter war politischer, als sein verbreitetes Image vermuten lässt.

Dieser politische Hesse gehört für mich zu den stärksten Aspekten des Buches. Klute arbeitet insbesondere dessen Pazifismus heraus. Der Erste Weltkrieg erschütterte Hesses Vertrauen in Deutschland und dessen Kultur tief. Seine Ablehnung des Krieges brachte ihm massive Anfeindungen ein. Später erkannte er früh die Gefahren des Nationalismus und des Nationalsozialismus. Während der NS-Zeit unterstützten Hermann und Ninon Hesse Verfolgte und Emigranten; ihr Haus in Montagnola wurde zeitweise zum Zufluchtsort. Hesse versuchte außerdem, Visa und Papiere für Menschen auf der Flucht zu beschaffen.

Klute interpretiert das Glasperlenspiel vor diesem Hintergrund auch als geistige Gegenwelt zum Nationalsozialismus. Hesses Widerstand bestand demnach auf zwei Ebenen: in konkreter Unterstützung und publizistischer Opposition einerseits sowie in der literarischen Konstruktion einer Welt des Geistes andererseits.
Hesses Individualismus bedeutet dabei gerade nicht Gleichgültigkeit gegenüber der Gesellschaft. Sein „Eigensinn“ soll den Einzelnen vielmehr widerstandsfähig gegen Ideologien, Massenbewegungen und vorgefertigte Wahrheiten machen.

Darin entdeckt Klute eine auffällige Aktualität. Hesses Skepsis gegenüber der Beschleunigung des Lebens, der Vermarktung von Kultur und der Übermacht von Medien verbindet er mit heutigen Erfahrungen von sozialen Netzwerken, Informationsüberflutung und künstlicher Intelligenz. Solche Gegenwartsbezüge sind bewusst zugespitzt. Klute behauptet nicht, Hesse habe unsere digitale Welt vorhergesagt. Er zeigt vielmehr, dass dessen Frage nach der Selbstständigkeit des Individuums unter dem Druck äußerer Einflüsse heute erneut gestellt werden kann.

Ein weiteres wichtiges Thema ist Hesses Verhältnis zu Krankheit, psychischen Krisen und dem Tod. Klute romantisiert diese dunklen Seiten nicht. Hesse erscheint als zeitweise schwer verzweifelter Mensch, der sich mit Gedanken an Selbsttötung beschäftigte. Gleichzeitig entdeckt Klute bei ihm eine überraschende Fähigkeit zur Selbstironie und zur Rückkehr ins Leben. Gerade in scheinbar kleinen Augenblicken kann die Todessehnsucht wieder in Lebensbejahung umschlagen.
Der „Aufbruch ins Leben“ des Buchtitels bekommt dadurch eine tiefere Bedeutung: Aufbruch ist bei Hesse kein einmaliges biografisches Ereignis, sondern eine immer wieder notwendige Bewegung aus Erstarrung, Verzweiflung und Selbstverlust heraus.

Besonders sympathisch ist Klutes Versuch, mit einem weiteren Hesse-Klischee aufzuräumen: dem angeblich völlig humorlosen Dichter des deutschen Seelenschmerzes. Das letzte Kapitel „Ernst und Spaß“ zeigt einen Hesse, der parodieren, spotten und vor allem über sich selbst lachen konnte. Klute widerspricht ausdrücklich Kurt Tucholskys Urteil, Hesse fehle es an Humor und Selbstironie. Nicht alle humoristischen Texte Hesses seien gelungen, einige seien in ihrer Zivilisationskritik schlecht gealtert. Andere aber zeigten beträchtliches komisches Talent. Klute verweist zudem auf Hesses Bewunderung für Joachim Ringelnatz und Karl Valentin und sieht gerade in der Selbstironie einen wichtigen Bestandteil seines Wesens.

Auch Hesses umfangreiche Korrespondenz spielt eine wichtige Rolle. Sie korrigiert das Bild vom weltabgewandten Einsiedler. Hesse suchte das Gespräch und benötigte geistige Verbündete. Besonders die Verbindung mit Stefan Zweig und Romain Rolland interpretiert Klute als eine Art europäische Friedenskultur. Die Briefe sind für ihn deshalb nicht bloß biografisches Begleitmaterial, sondern Bestandteil von Hesses Werk.

Das Besondere an Hermann Hesse oder Der Aufbruch ins Leben besteht letztlich darin, dass Klute keinen Anspruch auf endgültige Deutung erhebt. Sein Buch ist eine Einladung zum Wiederlesen. Dabei verschweigt er seine Verehrung nicht. Hesse war für ihn eine prägende literarische Erfahrung, und diese persönliche Bindung bestimmt den Ton des gesamten Buches. Gerade deshalb ist Klutes Darstellung keine distanzierte Biografie. Sie ist vielmehr ein literarischer Essay über einen Schriftsteller und darüber, was Literatur im Leben eines Menschen bewirken kann.

Diese Nähe ist zugleich Stärke und mögliche Schwäche des Buches. Wer eine systematische Hesse-Biografie oder eine nüchterne literaturhistorische Neubewertung erwartet, wird hier nicht vollständig bedient. Klute verteidigt Hesse deutlich gegen manche seiner Kritiker und betrachtet ihn mit großer Sympathie. Gelegentlich geraten die Aktualisierungen – etwa bei sozialen Medien, Technik oder künstlicher Intelligenz – sehr nahe an unsere Gegenwart und entfernen sich damit vom historischen Hesse. Doch Klute macht aus dieser Subjektivität kein Geheimnis. Sein Verfahren besteht gerade darin, Hesse aus der musealen Distanz herauszuholen.

Daraus entsteht ein ausgesprochen zugängliches und lebendiges Buch. Klute zeigt Hesse nicht als bronzenen Nobelpreisträger, sondern als widersprüchlichen Menschen: verletzlich und selbstbezogen, großzügig und schwierig, weltabgewandt und politisch hellwach, depressiv und humorvoll, kulturkritisch und zugleich von Literatur und Kunst begeistert. Vor allem aber erscheint Hesse als Schriftsteller des Individuums. Seine zentrale Frage lautet in Klutes Lesart immer wieder: Wie kann ein Mensch unter dem Druck von Familie, Schule, Gesellschaft, Politik, Ideologien und eigenen Ängsten zu sich selbst finden, ohne sich von der Welt abzuwenden?

Gerade darin liegt die bleibende Aktualität, die Klute seinem Autor zuschreibt. Hesse liefert keine fertige Weltanschauung. Im Gegenteil: Er misstraut denjenigen, die solche Gewissheiten anbieten. Seine Literatur fordert dazu auf, selbst zu lesen, selbst zu denken, Zweifel auszuhalten und immer wieder neu anzufangen. Hilmar Klutes Buch macht überzeugend deutlich, weshalb diese Haltung Hermann Hesse weit über die Rolle eines einstigen Kultautors jugendlicher Sinnsucher hinaushebt. Es ist eine kenntnisreiche und bewusst persönliche Wiederentdeckung eines Schriftstellers, dessen Werk weniger Antworten bereithält als die Aufforderung, den eigenen Weg überhaupt erst zu suchen.