Ein Fressen für die Geier Matinee am 11. Oktober im Scala Fürstenfeldbruck

„Ein Fressen für die Geier“ aus dem Jahr 1970 gehört zu jenen Western mit Clint Eastwood, die etwas im Schatten seiner berühmten Zusammenarbeit mit Sergio Leone stehen, bei genauerer Betrachtung aber erstaunlich viel zu bieten haben. Regisseur Don Siegel verbindet in „Two Mules for Sister Sara“, so der wesentlich treffendere Originaltitel, den klassischen amerikanischen Western mit Elementen des Italowesterns, des Abenteuerfilms, der Revolutionsgeschichte und sogar der romantischen Komödie. Das Ergebnis ist ein Film, der einerseits hervorragend unterhält, andererseits aber auch mit den Erwartungen des Publikums an Helden, Frauenrollen, Religion und Moral spielt. Ich bespreche und zeige den Film in meiner Western-Matinee am Sonntag, 11. Oktober im Scala Fürstenfeldbruck. Karten gibt es hier.

Die Geschichte spielt 1865 während der französischen Intervention in Mexiko. Clint Eastwood verkörpert Hogan, einen ehemaligen amerikanischen Soldaten, der nach dem Ende des Bürgerkriegs als Söldner unterwegs ist. Er ist ein Mann, der wenig spricht, schnell schießt und seine Entscheidungen vor allem danach trifft, welchen persönlichen Vorteil sie ihm bringen. Damit erinnert Hogan unverkennbar an Eastwoods berühmten „Mann ohne Namen“ aus Sergio Leones Dollar-Trilogie. Doch Don Siegel übernimmt dieses Image nicht einfach, sondern beginnt schon bald, damit zu spielen. Hogan ist zwar ein hervorragender Schütze, erfahrener Soldat und Überlebenskünstler, aber längst nicht so unerschütterlich und unangreifbar, wie er zunächst erscheint.

Unterwegs begegnet Hogan einer Frau, die von drei Männern bedrängt wird. Er erschießt die Angreifer und entdeckt anschließend zu seiner Überraschung, dass die Gerettete offenbar eine Nonne ist. Schwester Sara, gespielt von Shirley MacLaine, wird fortan seine Reisebegleiterin. Damit beginnt der eigentliche Reiz des Films. Der schweigsame, pragmatische Revolvermann und die vermeintlich fromme Ordensschwester passen überhaupt nicht zusammen. Schon bald fallen Hogan und dem Zuschauer allerdings einige Merkwürdigkeiten auf. Sara trinkt Whiskey, kennt erstaunlich deftige Ausdrücke, besitzt bemerkenswerte Kenntnisse über Männer und weiß zudem ausgesprochen viel über die französischen Truppen und deren militärische Einrichtungen. Sie ist offensichtlich nicht so weltfremd, wie Hogan es von einer Nonne erwartet.

Genau daraus entwickelt Don Siegel einen großen Teil des Humors. Hogan glaubt lange Zeit, die Situation zu kontrollieren. Tatsächlich ist Sara ihm psychologisch häufig überlegen. Seine Vorstellungen von weiblicher Hilflosigkeit und religiöser Unschuld machen ihn erstaunlich leicht manipulierbar. Eastwoods berühmtes Image des coolen Einzelgängers wird dadurch immer wieder ironisch gebrochen. Hogan kann mit Waffen, Dynamit und gefährlichen Situationen umgehen, aber mit dieser Frau kommt er wesentlich schlechter zurecht.

Dabei ist Shirley MacLaines Sara mindestens ebenso wichtig für den Film wie Eastwoods Hogan. Sie gehört zu den ungewöhnlicheren Frauenfiguren des Westernkinos jener Zeit. Zunächst scheint sie einem bekannten Klischee zu entsprechen: Eine schutzbedürftige Frau benötigt einen bewaffneten Mann, der sie durch eine gefährliche Welt begleitet. Doch Siegel dreht dieses Muster zunehmend um. Sara besitzt Informationen, politische Kontakte und einen eigenen Plan. Hogan ist für sie nicht nur Beschützer, sondern zugleich ein Werkzeug, das sie für ihre Ziele einzusetzen versucht.

Filmgeschichtlich befindet sich „Ein Fressen für die Geier“ an einer spannenden Schnittstelle. Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre befand sich der klassische amerikanische Western im Wandel. Die klare Trennung zwischen guten und bösen Figuren funktionierte nicht mehr so selbstverständlich wie früher. Gleichzeitig hatte der Italowestern das Genre grundlegend verändert. Helden waren plötzlich eigennützig, schmutzig und moralisch zweifelhaft. Geld spielte häufig eine größere Rolle als Gerechtigkeit, und Gewalt wurde weniger romantisiert. Clint Eastwood war durch seine Zusammenarbeit mit Sergio Leone selbst zu einem Symbol dieser Veränderung geworden. Don Siegel nutzt dieses Image und verbindet es wieder mit dem amerikanischen Abenteuerkino. Dadurch wirkt „Ein Fressen für die Geier“ wie eine interessante Mischung aus Hollywood-Western und Italowestern, ohne vollständig zu einer der beiden Welten zu gehören.

Einen großen Anteil an der Atmosphäre besitzt die Kameraarbeit von Gabriel Figueroa, einem der bedeutendsten Kameramänner des mexikanischen Kinos. Die mexikanische Landschaft wird nicht lediglich als schöne Kulisse präsentiert. Sie wirkt heiß, staubig, gefährlich und körperlich. Menschen erscheinen teilweise geradezu verloren zwischen Bergen, Felsen und weitem Himmel. Die Natur ist keine romantische Westernlandschaft, sondern eine Welt, in der Überleben ständig neu ausgehandelt werden muss. Bereits die Tiermotive zu Beginn des Films und die immer wieder auftauchenden Geier unterstreichen diesen Gedanken. In dieser Landschaft herrscht ein einfaches Prinzip: fressen oder gefressen werden. Der deutsche Titel „Ein Fressen für die Geier“ greift diese Ebene auf, obwohl er mit dem Originaltitel „Two Mules for Sister Sara“ nur wenig zu tun hat.

Besonders herausragend ist die Musik von Ennio Morricone. Er komponiert keineswegs einfach eine weitere Variante seiner berühmten Musik für Sergio Leone. Stattdessen entwickelt er einen ausgesprochen eigenwilligen Score, der den Film nicht nur begleitet, sondern häufig ironisch kommentiert. Im Hauptthema finden sich Klänge, die an das Schreien eines Maultiers erinnern, während Sara teilweise durch sakral wirkende musikalische Elemente charakterisiert wird. Morricone spielt damit ebenfalls mit der vermeintlichen Identität der Figuren. Die Musik kann religiös, komisch, bedrohlich und grotesk wirken und trägt entscheidend dazu bei, dass der Film seinen besonderen Ton zwischen Western und Komödie findet.

Trotz des Humors ist „Ein Fressen für die Geier“ keineswegs harmlos. Don Siegel inszeniert Gewalt schnell und direkt. Menschen werden erschossen, von Pfeilen getroffen oder durch Explosionen getötet. Besonders eindrucksvoll ist die Szene, in der Hogan von einem Pfeil getroffen wird und Sara ihn behandeln muss. Hier verbinden sich körperlicher Schmerz, Spannung und schwarzer Humor. Gleichzeitig zeigt diese Sequenz einen wichtigen Unterschied zwischen Siegel und Sergio Leone. Leone inszenierte den Augenblick vor der Gewalt häufig wie ein Ritual. Blicke, Hände, Waffen, Musik und Stille wurden minutenlang gegeneinander ausgespielt. Bei Siegel ist Gewalt wesentlich pragmatischer. Eine Gefahr entsteht, eine Entscheidung wird getroffen und unmittelbar folgt die Konsequenz. Diese schnörkellose Art der Inszenierung sollte auch für Eastwoods spätere Karriere von Bedeutung sein. Nur ein Jahr später drehten Siegel und Eastwood mit „Dirty Harry“ ihren berühmtesten gemeinsamen Film.

Karten für die Matinee gibt es hier.

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