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Meine Vinyl-Käufe im Oktober

31. Oktober 2026

Während ich arbeite, höre ich auf meiner alten Braun-Anlage immer wieder Vinyl-Scheiben. Hier meine Käufe im Monat Oktober 2026, vielleicht ist ja was für euch dabei.

„Rubber Soul – Special Edition Super Deluxe“ von The Beatles

Es gibt Alben, die eine Karriere markieren, und es gibt Alben, die eine Tür aufstoßen, durch die anschließend eine ganze Musikwelt marschiert. „Rubber Soul“ gehört zur zweiten Kategorie. Am 3. Dezember 1965 veröffentlicht, steht das sechste Studioalbum der Beatles genau an jener faszinierenden Schwelle, an der sich die vier Musiker von der erfolgreichsten Popband ihrer Zeit zu einer experimentierfreudigen Studioband verwandelten. Die am 2. Oktober 2026 veröffentlichte „Special Edition Super Deluxe“ macht diesen Übergang nun so detailliert hörbar wie nie zuvor.

„Rubber Soul“ ist noch nicht „Revolver“, erst recht nicht „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“. Und genau das macht seinen besonderen Reiz aus. Man hört noch die Beatles der Beatlemania, die Melodien scheinbar mühelos aus dem Ärmel schütteln können. Gleichzeitig scheint ihnen das traditionelle Popformat plötzlich zu eng zu werden. Folk, Soul, Rhythm & Blues, indische Musik und erste psychedelische Ideen sickern in die Songs ein. Vor allem aber verändern sich die Texte. Beziehungen sind nicht mehr einfach nur romantisch. Sie werden kompliziert, verletzend, zweideutig und manchmal erstaunlich düster.

Schon „Drive My Car“ macht deutlich, dass die Beatles 1965 anders klingen wollen. Der Song besitzt einen selbstbewussten Groove, Paul McCartneys Bass wird zunehmend zum eigenständigen melodischen Instrument. Danach folgt mit „Norwegian Wood (This Bird Has Flown)“ einer jener Momente, die rückblickend wie ein Wegweiser in die Zukunft wirken. George Harrisons Sitar ist hier nicht bloß exotische Dekoration. Sie öffnet das Klangbild der westlichen Popmusik für Einflüsse, die in den kommenden Jahren eine immer größere Rolle spielen sollten.

Dann kommt „Nowhere Man“. John Lennon schreibt plötzlich nicht mehr über eine konkrete Liebesbeziehung, sondern über Orientierungslosigkeit und Selbstzweifel. Der Popstar schaut nach innen. Auch deshalb ist „Rubber Soul“ ein Schlüsselalbum: Die Beatles entdecken, dass ein Popsong praktisch jedes Thema behandeln kann.

McCartneys „Michelle“ setzt einen völlig anderen Akzent. Französische Textzeilen, akustische Gitarren und eine beinahe chansonartige Eleganz stehen neben George Harrisons bissigem „Think For Yourself“, dessen verzerrter Bass bereits den experimentellen Beatles-Sound der kommenden Jahre ankündigt. „The Word“ wiederum lässt musikalisch und inhaltlich bereits jene Atmosphäre erahnen, die wenig später mit der psychedelischen Gegenkultur verbunden werden sollte.

Und dann ist da „In My Life“. Es gehört zu den schönsten Lennon-Kompositionen überhaupt. Erinnerung, Verlust, Freundschaft und Liebe werden auf gut zwei Minuten verdichtet. George Martins berühmtes, beschleunigt wiedergegebenes Klaviersolo wirkt wie ein barockes Miniaturstück mitten in einem Popsong. Besonders reizvoll an der neuen Edition ist deshalb ein bislang ungenutztes Orgelsolo aus der Entstehungsphase. Giles Martin berichtete, dass sein Vater zunächst tatsächlich mit einer Orgel experimentiert hatte, bevor die bekannte Klavierlösung entstand. Gerade solche Momente rechtfertigen eine Super-Deluxe-Ausgabe. Ein neuer Mix, ohne das Jahr 1965 zu zerstören

Im Mittelpunkt steht der neue Stereomix von Giles Martin und Sam Okell, der direkt auf den ursprünglichen Vier-Spur-Masterbändern basiert. (⁠The Beatles) Das ist bei „Rubber Soul“ besonders interessant, denn die Stereoabmischungen der frühen Beatles-Alben wirken aus heutiger Sicht teilweise extrem: Gesang auf einer Seite, Instrumente auf der anderen. Was in den sechziger Jahren unter den technischen Bedingungen der damaligen Stereowiedergabe funktionierte, kann über Kopfhörer heute mitunter befremdlich wirken.

Der neue Mix versucht nicht, aus den Beatles eine Band des Jahres 2026 zu machen. Vielmehr wird das vorhandene Material räumlich neu geordnet. Stimmen und Instrumente wirken natürlicher miteinander verbunden. Ringo Starrs Schlagzeug erhält mehr Präsenz, McCartneys Bass gewinnt Kontur und die Gesangsharmonien von Lennon, McCartney und Harrison lassen sich teilweise verblüffend deutlich verfolgen. Das Ergebnis ist keine Revolution des Materials, sondern eine behutsame Restaurierung seiner Wirkung. „Rubber Soul“ klingt größer und transparenter, ohne seine Wärme zu verlieren.

Dabei bleibt die Original-Mono-Fassung unverzichtbar. Sie ist in der Super-Deluxe-Box ebenfalls enthalten. Gerade bei den Beatles der sechziger Jahre sollte Mono keineswegs als technisch minderwertige Variante verstanden werden. Es war damals das zentrale Format, auf dessen Mischung erhebliches Augenmerk gelegt wurde. Die Gegenüberstellung mit dem neuen Stereo-Mix ist deshalb ausgesprochen reizvoll: Hier die historische Verdichtung, dort die moderne räumliche Auflösung.

Die Sessions sind der eigentliche Schatz. Für Beatles-Sammler liegt der größte Reiz jedoch in den Sessions und Demos. Die Vinyl-Super-Deluxe-Ausgabe verteilt 26 solcher Aufnahmen auf zwei LPs; die 4-CD-Version bietet auf ihrer Session-CD 28 Titel inklusive der 2023er Mixe von „Day Tripper“ und „We Can Work It Out“.

Und hier wird aus einer Wiederveröffentlichung beinahe eine musikalische Dokumentation. Besonders faszinierend sind gleich drei Entwicklungsstufen von „Norwegian Wood“. Man kann verfolgen, wie die Beatles nach Klang, Tempo und Arrangement suchen. Der Klassiker erscheint plötzlich nicht mehr als fertige Eingebung, sondern als Ergebnis eines kreativen Prozesses.

Ähnlich aufschlussreich ist „I’m Looking Through You“. Mehrere frühe Fassungen zeigen, wie stark sich ein Beatles-Song während der Studioarbeit noch verändern konnte. Was auf dem fertigen Album selbstverständlich und leichtfüßig klingt, war das Resultat von Versuchen, verworfenen Ideen und neuen Anläufen. Auch „Michelle“ darf gewissermaßen beim Erwachsenwerden beobachtet werden: Eine Gitarrenprobe und Take 1 führen zurück an den Anfang eines Songs, der später zu einem der bekanntesten McCartney-Stücke überhaupt wurde. Bei „Day Tripper“ geht die Edition sogar noch näher an den Ursprung heran. Ein Songwriting-Arbeitsband dokumentiert die Entstehung, bevor verschiedene Takes den Weg zur bekannten Aufnahme nachvollziehbar machen. Genau darin liegt der Wert solcher Archivveröffentlichungen. Man hört nicht nur Beatles-Songs. Man hört die Beatles bei der Arbeit.

Das entmystifiziert die Musik keineswegs. Im Gegenteil. Gerade die Fehlversuche zeigen, wie gut Lennon, McCartney, Harrison und Starr als Band funktionierten. Ideen werden ausprobiert, verändert oder fallengelassen. Popgeschichte erscheint plötzlich als Handwerk. Ein wunderbares Kuriosum ist „Beatle Talk“ aus den Gesangs-Overdubs zu „Think For Yourself“. Solche Fundstücke besitzen musikalisch vielleicht keine überragende Bedeutung, vermitteln aber jene Studioatmosphäre, die eine historische Edition lebendig macht.

Noch spannender ist „Little Girl“, ein Demo von John Lennon. Solche Aufnahmen führen unmittelbar in die Werkstatt des Songwriters und zeigen, dass das Beatles-Archiv noch immer Überraschungen bereithält. „Day Tripper“ und „We Can Work It Out“ gehören dazu. Eine richtige Entscheidung ist außerdem, die zeitgleich entstandene Doppel-A-Seiten-Single „Day Tripper“ / „We Can Work It Out“ in den Zusammenhang der Edition einzubeziehen. Beide Songs gehörten ursprünglich nicht zur britischen LP, entstanden aber in derselben kreativen Phase. „Day Tripper“ besitzt eines der berühmtesten Gitarrenriffs der Beatles. „We Can Work It Out“ zeigt dagegen exemplarisch das Zusammenspiel der beiden wichtigsten Songwriter: McCartneys grundsätzlich optimistische Grundidee trifft auf Lennons dunkleren Mittelteil.

Die Vinyl-Super-Deluxe-Ausgabe gibt dieser Single sogar eine eigene 7-Inch-Platte. Das ist mehr als Sammlernostalgie. Es stellt die Musik wieder in ihren historischen Veröffentlichungskontext. Besonders erfreulich ist die Aufnahme der amerikanischen Capitol-Fassung des Albums. Sie enthält nur zwölf statt vierzehn Titel und beginnt nicht mit „Drive My Car“, sondern mit „I’ve Just Seen A Face“. Außerdem findet sich „It’s Only Love“ darauf, während unter anderem „Nowhere Man“, „Drive My Car“, „What Goes On“ und „If I Needed Someone“ fehlen. Dadurch verändert sich der Charakter des Albums erheblich.

Die US-Version wirkt folkiger, akustischer und fast intimer. Sie ist keine bloße gekürzte Variante, sondern vermittelt tatsächlich ein anderes „Rubber Soul“. Für amerikanische Hörer war dies über Jahre das Album, das sie kannten. Gerade deshalb ist es musikhistorisch sinnvoll, beide Fassungen nebeneinanderzustellen.

Eine Box für Menschen, die Musikgeschichte hören wollen. Die physische Super-Deluxe-Ausgabe unterstreicht den dokumentarischen Anspruch. Die Vinylbox enthält fünf LPs plus 7-Inch-Single, sämtliche LPs auf 180-Gramm-Vinyl, außerdem ein 88-seitiges Hardcover-Buch, zwei ausklappbare Poster und zwei Foto-Art-Cards. Das Buch enthält ein Vorwort von John Lennon, eine Einleitung von Paul McCartney sowie Fotos, Hintergrundinformationen und ausführliche Track-Kommentare. Parallel gibt es eine 4-CD-Super-Deluxe-Box, ebenfalls mit dem 88-seitigen Buch, Postern und Art-Cards. (⁠The Beatles) Eine separate Blu-ray bietet außerdem den neuen Dolby-Atmos-Mix sowie hochauflösendes Stereo und Videos zu „Day Tripper“ und „We Can Work It Out“. Schade ist allerdings, dass die Blu-ray nicht einfach Bestandteil der großen Super-Deluxe-Box geworden ist. Gerade Käufer einer solchen Komplettausgabe dürften eigentlich erwarten, auch die hochauflösenden und räumlichen Mischungen zu erhalten. Die Aufteilung auf unterschiedliche Produkte wirkt angesichts des ohnehin beträchtlichen Umfangs unnötig.

Das Scharnier zwischen zwei Beatles-Welten Doch letztlich ist die Verpackung zweitrangig. Entscheidend bleibt die Musik. „Rubber Soul“ dokumentiert einen Moment, in dem die Beatles erkennen, dass das Studio nicht nur ein Ort ist, an dem Songs aufgenommen werden. Es kann selbst zum Instrument werden. Noch sind die technischen Möglichkeiten vergleichsweise bescheiden. Die Aufnahmen entstanden auf Vier-Spur-Technik. Aber Lennon, McCartney, Harrison, Starr und Produzent George Martin beginnen, innerhalb dieser Grenzen nach Möglichkeiten zu suchen, die Grenzen zu überwinden.

George Harrison erweitert mit der Sitar das Klangspektrum. McCartneys Bassspiel wird melodischer und selbstbewusster. Lennon schreibt zunehmend introspektive Texte. Harrison entwickelt sich als Komponist weiter. Ringo Starr hält all diese Experimente mit einem oftmals unterschätzten rhythmischen Gespür zusammen. Und George Martin hilft dabei, Ideen technisch umzusetzen, für die es eigentlich noch gar keine etablierten Produktionsmethoden gibt. Nur wenige Monate später folgt „Revolver“. Danach „Sgt. Pepper“. Insofern kann man „Rubber Soul“ heute als den Moment hören, in dem die Tür zur zweiten Hälfte der Beatles-Karriere endgültig aufgeht. Die „Special Edition Super Deluxe“ macht genau diesen Übergang hervorragend nachvollziehbar. Der neue Mix lässt das Album frisch und erstaunlich unmittelbar erscheinen, während Mono- und US-Fassung seine Veröffentlichungsgeschichte dokumentieren. Die Sessions und Demos wiederum zeigen, dass selbst einige der berühmtesten Popsongs aller Zeiten nicht einfach fertig vom Himmel gefallen sind.

Und vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis dieser Edition: Man kennt „Rubber Soul“ seit mehr als 60 Jahren – und kann ihm trotzdem noch beim Entstehen zuhören. „Rubber Soul“ ist nicht nur eines der großen Beatles-Alben. Es ist der Augenblick, in dem vier außergewöhnlich erfolgreiche Popmusiker entdecken, dass ihnen im Studio praktisch die ganze Welt offensteht. Die Super-Deluxe-Edition lässt uns diesen Augenblick noch einmal miterleben.

The Bluegrass Album von The Bluegrass Album Band

Manchmal braucht es keine Neuerfindung, sondern Musiker, die eine Tradition so gut beherrschen, dass sie plötzlich wieder aufregend klingt. Genau das gelang der Bluegrass Album Band mit ihrem Debüt The Bluegrass Album. Die 1981 bei Rounder erschienene LP versammelt Klassiker des Genres und spielt sie mit einer Präzision und Spielfreude, die das Album bis heute bemerkenswert frisch wirken lässt. Die Aufnahmen entstanden bereits im September 1980.

Hinter dem etwas nüchternen Namen verbarg sich eine regelrechte Bluegrass-Supergroup: Tony Rice an Gitarre und Gesang, J. D. Crowe am Banjo, Doyle Lawson an der Mandoline, Bobby Hicks an der Fiddle und Todd Phillips am Bass. Die Idee ging wesentlich auf Rice zurück: Statt Bluegrass mit Rock, Pop oder Jazz zu kreuzen, sollte bewusst zu den Wurzeln zurückgekehrt werden. Alte Stücke von Bill Monroe, Lester Flatt und anderen Pionieren standen im Mittelpunkt. Aus dem zunächst überschaubaren Projekt entwickelte sich schließlich eine ganze Albumserie.

Und genau diese Konzentration macht den Reiz der ersten LP aus. Bereits „Blue Ridge Cabin Home“ legt die Richtung fest: akustische Instrumente, messerscharfes Zusammenspiel und mehrstimmiger Gesang, bei dem keine Stimme unnötig in den Vordergrund drängt. Tony Rice zeigt dabei, warum er zu den einflussreichsten Gitarristen des modernen Bluegrass zählt. Seine Läufe sind technisch brillant, wirken aber niemals wie eine Demonstration um ihrer selbst willen.

Das gilt für die gesamte Platte. J. D. Crowes Banjo treibt die Musik vorwärts, Doyle Lawsons Mandoline setzt präzise Akzente, während Bobby Hicks mit seiner Fiddle immer wieder melodische Gegenstimmen einstreut. Todd Phillips hält das Ganze mit einem angenehm unaufdringlichen Bass zusammen. Gerade weil die Arrangements vergleichsweise schlicht bleiben, hört man, wie außergewöhnlich gut diese Musiker aufeinander reagieren.

Mit „Molly and Tenbrooks“, „I Believe in You Darling“, „On My Way Back to the Old Home“ und „Toy Heart“ nimmt sich die Band gleich mehrerer Bill-Monroe-Kompositionen an. Hinzu kommen Stücke aus dem Umfeld von Lester Flatt sowie das traditionelle „Model Church“. Insgesamt umfasst die ursprüngliche LP elf Titel und gerade einmal rund 33 Minuten. Das klingt nach wenig, ist aber gerade eine Stärke. Hier gibt es keine überlangen Soli und kein musikalisches Füllmaterial. Die Stücke kommen auf den Punkt. Banjo, Gitarre, Mandoline und Fiddle reichen sich gewissermaßen gegenseitig die Melodie weiter. Besonders schön ist dabei das Verhältnis zwischen technischer Perfektion und emotionaler Wärme. Die Bluegrass Album Band spielt unglaublich sauber, aber niemals steril.

Auch der Gesang trägt entscheidend dazu bei. Rice, Crowe und Lawson verbinden ihre Stimmen zu jener engen, hohen Harmonie, die zum klassischen Bluegrass gehört. Songs über verlorene Liebe, Heimat, Sehnsucht, Glauben und Tod erhalten dadurch eine eigentümliche Mischung aus Melancholie und Lebensfreude. Besonders „River of Death“ bildet einen eindrucksvollen Abschluss der Platte. Aus heutiger Perspektive wirkt The Bluegrass Album beinahe wie eine musikalische Standortbestimmung: Anfang der achtziger Jahre blickten einige der besten Musiker ihrer Generation zurück auf die Pioniere des Genres – und bewiesen dabei, dass Traditionspflege keineswegs Stillstand bedeuten muss. Die Virtuosität steckt nicht in spektakulären Effekten, sondern im Zusammenspiel.

The Bluegrass Album ist eine wunderbare LP für alle, die verstehen möchten, was klassischen Bluegrass ausmacht. Tony Rice und seine Mitstreiter behandeln die alten Stücke mit Respekt, ohne sie museal klingen zu lassen. Das Ergebnis ist handgemachte, direkte und hervorragend gespielte Musik. Vor allem auf Vinyl passt das ausgezeichnet: Man legt die Platte auf und hat das Gefühl, fünf erstklassigen Musikern dabei zuzuhören, wie sie einfach gemeinsam spielen – ohne Studiotricks und ohne unnötigen Ballast. Gerade darin liegt die zeitlose Qualität dieses Albums.

Fantasia: Live in Tokyo 2007 von Asia

Als sich John Wetton, Steve Howe, Geoff Downes und Carl Palmer nach mehr als zwei Jahrzehnten wieder gemeinsam unter dem Namen Asia auf die Bühne stellten, war das weit mehr als eine weitere Nostalgie-Tour. Fantasia: Live in Tokyo 2007 dokumentiert eine Band, die hörbar Freude daran hat, ihre gemeinsame Vergangenheit wiederzuentdecken – und dabei demonstriert, wie erstaunlich gut diese Mischung aus Progressive Rock, AOR und großen Popmelodien gealtert ist.

Aufgenommen wurde das Konzert am 8. März 2007 im Shinjuku Kosei Nenkin Hall in Tokio. Anlass war die Tour zum 25-jährigen Jubiläum des Debütalbums. Das Besondere daran: Hier steht tatsächlich wieder die klassische Originalbesetzung auf der Bühne – Wetton am Bass und Mikrofon, Howe an der Gitarre, Downes an den Keyboards und Palmer am Schlagzeug.

Schon „Time Again“ und „Wildest Dreams“ zeigen, dass Asia ihre Songs nicht einfach pflichtbewusst reproduzieren. Carl Palmer spielt kraftvoll und mit einer Präsenz, die dem Material zusätzliche Härte verleiht. Geoff Downes baut mit seinen Keyboards jene monumentalen Klangflächen auf, die zum Markenzeichen der Band wurden, während Steve Howe immer wieder kleine Ecken und Kanten in den ansonsten ausgesprochen geschliffenen Asia-Sound bringt.

Über allem steht John Wetton. Seine Stimme besitzt 2007 nicht mehr ganz die jugendliche Leichtigkeit von 1982, dafür aber Wärme, Ausdruck und eine gewisse Melancholie. Gerade „The Smile Has Left Your Eyes“ profitiert davon enorm. Die reduzierte Darbietung gehört zu den emotionalsten Momenten des Konzerts. Auch zeitgenössische bzw. spätere Kritiken heben Wettons Gesangsleistung und gerade diese Interpretation hervor. Besonders reizvoll ist, dass Asia nicht ausschließlich das eigene Repertoire spielen. Jeder Musiker bringt ein Stück seiner Vergangenheit mit. Steve Howe führt die Band durch Yes’ „Roundabout“, Carl Palmer bekommt bei „Fanfare for the Common Man“ seinen großen Auftritt, Geoff Downes’ Vergangenheit wird mit „Video Killed the Radio Star“ aufgegriffen, und mit „In the Court of the Crimson King“ wird die Verbindung zu John Wettons King-Crimson-Geschichte hergestellt. Dadurch wird das Album beinahe zu einer kleinen Reise durch die Geschichte des britischen Progressive Rock.

Nicht jede dieser Fremdinterpretationen funktioniert gleichermaßen gut. Bei „Video Killed the Radio Star“ wirkt die pompöse Asia-Behandlung etwas schwerfälliger als das federnde Original. Dafür entwickelt „Fanfare for the Common Man“ eine enorme Live-Wucht, und „In the Court of the Crimson King“ passt erstaunlich selbstverständlich in das Klangbild der Band.

Natürlich wartet man letztlich auf die großen Asia-Klassiker. „Only Time Will Tell“, „Sole Survivor“ und schließlich „Heat of the Moment“ liefern genau jene Mischung aus Pathos, Melodie und musikalischer Virtuosität, wegen der das Debütalbum von 1982 zu einem der prägenden AOR-Alben seiner Zeit wurde. Die komplette Setlist umfasst 18 Titel und greift besonders stark auf dieses erste Album zurück.

Klanglich ist Fantasia angenehm transparent. Man hört die einzelnen Musiker deutlich, ohne dass das Konzert seinen Live-Charakter verliert. Besonders Palmer profitiert von der druckvollen Aufnahme, während Wettons Bass das notwendige Fundament liefert. Howe und Downes stehen sich dabei nicht im Weg, sondern ergänzen sich: hier die manchmal kantige und filigrane Gitarre, dort die großen Keyboardflächen.

Vielleicht ist gerade das die größte Qualität von Fantasia: Live in Tokyo 2007: Man hört vier Musiker, die längst nichts mehr beweisen müssen. Aus der einstigen Supergroup ist eine Gruppe erfahrener Musiker geworden, die ihre gemeinsame Geschichte wieder genießen kann. Das Konzert wirkt deshalb weniger wie der Versuch, 1982 künstlich wiederzubeleben, sondern wie eine respektvolle Begegnung mit der eigenen Vergangenheit.

Und rückblickend besitzt die Aufnahme noch eine zusätzliche emotionale Dimension. John Wetton starb 2017. Wenn am Ende „Heat of the Moment“ erklingt und seine unverwechselbare Stimme über Howes Gitarren und Downes’ Keyboards liegt, wird Fantasia damit auch zu einem eindrucksvollen Dokument dieses großartigen Sängers und Bassisten.

Fantasia: Live in Tokyo 2007 ist kein revolutionäres Livealbum – und will es auch nicht sein. Es ist eine hervorragend gespielte Feier der klassischen Asia-Jahre und zugleich eine Hommage an die musikalischen Wurzeln ihrer vier Mitglieder. Für Fans von Asia ist das Album nahezu Pflicht, für Freunde von Yes, King Crimson und Emerson, Lake & Palmer eine hörenswerte Begegnung mit vier Veteranen des Progressive Rock. Und wer wissen möchte, warum „Heat of the Moment“ auch ein Vierteljahrhundert nach seiner Veröffentlichung noch funktioniert, bekommt hier eine ziemlich überzeugende Antwort.

Live in London von Asia

Mehr als vier Jahrzehnte nach dem gigantischen Erfolg ihres Debütalbums sind Asia noch immer unterwegs – wenn auch in einer Besetzung, die mit der legendären Formation von 1982 nur noch Geoff Downes gemeinsam hat. Live in London, offiziell auch als Live In England: Night One veröffentlicht, dokumentiert einen Auftritt vom April 2025 im Trading Boundaries in Sussex und erschien im März 2026. Im Mittelpunkt steht eine reizvolle Idee: Das komplette erste Asia-Album wird live gespielt.

Neben Downes an den Keyboards stehen John Mitchell an der Gitarre, der technisch überragende Virgil Donati am Schlagzeug und Harry Whitley an Bass und Gesang auf der Bühne. Gerade Whitley hat dabei die schwierigste Aufgabe. Er muss jene Songs singen, die untrennbar mit der mächtigen, warmen Stimme des 2017 verstorbenen John Wetton verbunden sind.

Und genau hier entscheidet sich, ob diese neue Inkarnation von Asia funktioniert. Whitley versucht klugerweise nicht, Wetton einfach zu kopieren. Natürlich fehlt gelegentlich dessen unverwechselbare Schwere und Melancholie, doch Whitley bringt genügend Kraft und Persönlichkeit mit, um Songs wie „Heat of the Moment“, „Only Time Will Tell“ und „Sole Survivor“ glaubwürdig zu tragen.

Musikalisch ist die Band ohnehin hervorragend aufgestellt. Virgil Donati spielt kraftvoller und teilweise moderner als Carl Palmer in den frühen Asia-Jahren. John Mitchell wiederum steht vor der undankbaren Aufgabe, Gitarrenparts zu übernehmen, die einst Steve Howe geprägt hat. Er löst das souverän und vermeidet ebenfalls den Fehler einer bloßen Kopie.

Über allem schweben die Keyboards von Geoff Downes. Sie sind das vielleicht wichtigste Bindeglied zwischen 1982 und heute. Diese Synthesizerflächen, Fanfaren und melodischen Figuren definieren den Asia-Sound mindestens ebenso stark wie die Gitarren. Sobald die berühmten Akkorde von „Only Time Will Tell“ erklingen, ist man unmittelbar wieder in jener Epoche, in der Progressive Rock, AOR und der gerade entstehende MTV-Pop eine bemerkenswerte Verbindung eingingen.

Besonders interessant ist, dass nicht nur die Hits gespielt werden. Das komplette Debüt bedeutet auch ein Wiedersehen mit „One Step Closer“, „Time Again“, „Wildest Dreams“, „Without You“, „Cutting It Fine“ und „Here Comes the Feeling“. Gerade diese Stücke zeigen, dass Asia von 1982 wesentlich mehr war als nur die beiden großen Singles. „Time Again“ profitiert beispielsweise enorm von der Live-Situation. Hier darf die Band ihre progressive Vergangenheit deutlicher zeigen. Donati treibt das Stück mit enormer Energie voran, während Downes und Mitchell demonstrieren, dass hinter der manchmal sehr radiotauglichen Oberfläche von Asia immer ausgezeichnete Instrumentalisten standen.

Auch „Wildest Dreams“ besitzt live eine Wucht, die der hochpolierten Studioproduktion von 1982 naturgemäß etwas fehlte. Das ist überhaupt eine der Stärken dieser Veröffentlichung: Die neuen Asia versuchen nicht, den Studiosound bis ins letzte Detail nachzubauen. Die Stücke dürfen kantiger und kräftiger werden. Als Zugaben beziehungsweise Bonusstücke folgen „Ride Easy“, Downes’ Buggles-Klassiker „Video Killed the Radio Star“ und „The Heat Goes On“. Damit schlägt das Konzert einen schönen Bogen durch die Geschichte von Geoff Downes und Asia.

Natürlich bleibt eine Frage im Raum: Ist Asia ohne John Wetton, Steve Howe und Carl Palmer noch Asia? Darüber werden Fans vermutlich endlos diskutieren können. Live in London liefert darauf keine theoretische Antwort. Stattdessen lässt Downes die Musik sprechen. Und die Songs erweisen sich als erstaunlich widerstandsfähig. Live in London ist deshalb weniger nostalgische Denkmalpflege als eine überzeugende Wiederbegegnung mit einem außergewöhnlichen Album. Die neuen Musiker respektieren das Original, ohne sich ihm sklavisch unterzuordnen. Besonders Harry Whitley verdient Anerkennung dafür, dass er sich einer nahezu unmöglichen Aufgabe stellt: John Wettons Gesang zu übernehmen, ohne zur Wetton-Kopie zu werden.

Für mich liegt der größte Reiz aber in den Stücken abseits von „Heat of the Moment“ und „Only Time Will Tell“. Wer Time Again, Wildest Dreams oder Cutting It Fine hört, wird daran erinnert, wie viel Progressive Rock tatsächlich im vermeintlichen AOR-Schwergewicht Asia steckte. Und dann ist da Geoff Downes. Wenn seine Keyboards einsetzen, ist dieser charakteristische Asia-Sound sofort wieder da. Die Besetzung hat sich verändert – die Melodien sind geblieben. Und manche davon funktionieren nach über 40 Jahren erstaunlich gut.

Eyes Wide Shut von Jocelyn Pooks

Stanley Kubricks letzter Film „Eyes Wide Shut“ von 1999 lebt nicht allein von seinen Bildern, der geheimnisvollen Atmosphäre und dem Spiel von Tom Cruise und Nicole Kidman. Einen wesentlichen Anteil an der verstörenden Wirkung besitzt die Musik. Der Soundtrack ist keine konventionelle Filmmusik, sondern eine ebenso elegante wie unheimliche Klangreise zwischen Klassik, Jazz, Avantgarde und Jocelyn Pooks eigens komponierter Musik.

Das musikalische Herz des Films ist jedoch zunächst ein erstaunlich schlichtes Klaviermotiv: „Musica Ricercata II“ von György Ligeti. Einzelne, hart angeschlagene Töne werden durch ihre Wiederholung zunehmend bedrohlich. Kubrick beweist damit erneut sein außergewöhnliches Gespür für bereits existierende Musik. Was auf dem Papier geradezu minimalistisch erscheint, entwickelt im Film eine ungeheure psychologische Kraft. Jeder Anschlag scheint Bill Harford tiefer in eine Welt hineinzutreiben, deren Regeln er nicht versteht.

Einen vollkommen anderen Ton schlägt Dmitri Schostakowitschs „Walzer Nr. 2“ aus der Suite für Varieté-Orchester an. Die elegante, leicht melancholische Melodie eröffnet den Film und wird zu seinem musikalischen Erkennungszeichen. Der Walzer besitzt Schönheit und gesellschaftliche Eleganz, gleichzeitig liegt darin etwas Zweideutiges und beinahe Dekadentes. Genau diese Mischung passt perfekt zu Kubricks Geschichte über Begehren, Eifersucht, gesellschaftliche Fassaden und verborgene sexuelle Fantasien.

Besonders eindringlich ist die Musik von Jocelyn Pook. Ihr „Masked Ball“ begleitet die berüchtigte Maskenzeremonie und gehört zu den verstörendsten musikalischen Momenten des Films. Stimmen, sakral anmutende Klänge und elektronische Elemente verwandeln die Szene in ein dunkles Ritual. Die Musik vermittelt weniger Erotik als vielmehr Bedrohung. Sexualität erscheint hier nicht befreiend, sondern geheimnisvoll, reglementiert und gefährlich.

Gerade diese Gegensätze machen den Soundtrack so faszinierend. Chris Isaaks „Baby Did a Bad Bad Thing“ bringt lasziven Bluesrock ins Spiel, während Jazzstücke und klassische Kompositionen die nächtliche Reise durch New York begleiten. Kubrick und Pook versuchen gar nicht erst, daraus ein homogenes musikalisches Ganzes zu formen. Die unterschiedlichen Stile spiegeln vielmehr die verschiedenen Ebenen des Films: bürgerliche Normalität, sexuelles Verlangen, Traum, Angst und schließlich Paranoia.

Als reines Hörerlebnis ist das Album deshalb ungewöhnlich. Wer einen klassischen orchestralen Filmscore erwartet, wird kaum bedient. Stattdessen funktioniert der Soundtrack wie eine Sammlung musikalischer Erinnerungsstücke. Hat man den Film gesehen, entstehen bereits nach wenigen Takten wieder Bilder: die Weihnachtsbeleuchtung, die nächtlichen Straßen, Masken, lange Flure und jene rätselhafte Zeremonie, bei der Bill Harford endgültig die Kontrolle über sein Abenteuer verliert.

Dabei zeigt sich einmal mehr Kubricks besonderes Verhältnis zur Filmmusik. Wie schon bei „2001: A Space Odyssey“, „A Clockwork Orange“ oder „Barry Lyndon“ benutzt er Musik nicht einfach zur emotionalen Untermalung. Er setzt sie als eigenständiges erzählerisches Mittel ein. Ein Walzer kann verführerisch und gleichzeitig unheilvoll wirken, während wenige Klaviertöne mehr Spannung erzeugen als ein komplettes Orchester.

„Eyes Wide Shut“ ist deshalb auch musikalisch ein Film der Gegensätze: Schönheit trifft auf Unbehagen, Erotik auf Kälte, Verführung auf Gefahr und klassische Eleganz auf avantgardistische Verstörung. Besonders Ligetis unerbittliches Klavier und Jocelyn Pooks düstere Klangwelten bleiben lange im Gedächtnis. Der Soundtrack ist damit vielleicht nicht die Platte, die man beiläufig zum Abendessen auflegt. Aber genau darin liegt seine Qualität. Diese Musik soll nicht beruhigen. Sie soll verführen, irritieren und unterschwellig beunruhigen. Wie Kubricks Film öffnet sie eine Tür in eine geheimnisvolle Welt – und hinterlässt das unangenehme Gefühl, vielleicht Dinge gesehen und gehört zu haben, die eigentlich verborgen bleiben sollten.

Meddle von Pink Floyd

Es gibt Alben, die Musikgeschichte geschrieben haben, ohne bei ihrer Veröffentlichung sofort als Meilensteine erkannt worden zu sein. „Meddle“ von Pink Floyd gehört zweifellos dazu. Als die britische Band am 30. Oktober 1971 ihr sechstes Studioalbum veröffentlichte, befand sie sich in einer entscheidenden Phase ihrer künstlerischen Entwicklung. Die experimentellen Jahre nach dem Ausscheiden des genialischen, aber zunehmend unberechenbaren Syd Barrett lagen hinter ihr, während die großen Welterfolge von „The Dark Side of the Moon“, „Wish You Were Here“ und „The Wall“ noch in der Zukunft lagen. „Meddle“ steht genau zwischen diesen beiden Welten. Es ist ein Album des Suchens, des Experimentierens und vor allem des Findens. Hier entstand jener unverwechselbare Pink-Floyd-Sound, der die Rockmusik der siebziger Jahre nachhaltig verändern sollte.

Nach den ambitionierten, aber teilweise zerfaserten Experimenten von „Ummagumma“ aus dem Jahr 1969 und dem atmosphärisch dichten „Atom Heart Mother“ von 1970 suchten Roger Waters, David Gilmour, Richard Wright und Nick Mason nach einer neuen musikalischen Identität. Die vier Musiker wollten sich von den Konventionen des klassischen Rock lösen, ohne dabei den emotionalen Zugang zu ihrer Musik zu verlieren. Das Ergebnis war „Meddle“, aufgenommen in verschiedenen Londoner Studios, darunter die Abbey Road Studios. Dabei nutzte die Band zunehmend die Möglichkeiten moderner Aufnahmetechnik und entwickelte einen Klang, der weit über die übliche Besetzung aus Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboards hinausging. Das Tonstudio wurde selbst zu einem Instrument, in dem Klanglandschaften erschaffen, Geräusche verfremdet und musikalische Ideen zu komplexen Kompositionen zusammengefügt werden konnten.

Schon der Auftakt des Albums ist eine kleine Sensation. „One of These Days“ beginnt mit einem pulsierenden Bassmotiv, das sich wie eine bedrohliche Maschine durch den Raum bewegt. Zwei Bassspuren, darunter eine mit Echoeffekten bearbeitete, bilden das rhythmische Fundament, während Nick Masons Schlagzeug und David Gilmours Slide-Gitarre eine zunehmend aggressive Atmosphäre erzeugen. Das Stück ist weitgehend instrumental, doch mitten in diesem musikalischen Sturm erklingt eine einzige, elektronisch verfremdete Gesangszeile, gesprochen von Nick Mason: „One of these days I’m going to cut you into little pieces.“ Es ist eine ebenso bizarre wie wirkungsvolle Drohung, die den experimentellen Humor der Band erkennen lässt. Der Song entwickelt eine ungeheure Energie und beweist, dass Pink Floyd keineswegs nur für sphärische Klangexperimente standen. Hier konnten sie auch kraftvoll, düster und geradezu brachial auftreten. „One of These Days“ wurde zu einem Klassiker ihrer Liveauftritte und gehört zu den eindrucksvollsten Instrumentalstücken der frühen siebziger Jahre.

Danach schlägt das Album einen vollkommen anderen Ton an. „A Pillow of Winds“ ist eine zarte, beinahe schwebende Ballade, getragen von Gilmours sanfter Stimme und fein verwobenen Gitarrenklängen. Das Stück wirkt wie eine musikalische Atempause nach dem gewaltigen Auftakt. Es zeigt die lyrische Seite von Pink Floyd, die später in Songs wie „Breathe“ oder „Us and Them“ zu großer Vollendung gelangen sollte. Besonders bemerkenswert ist die Fähigkeit der Musiker, mit wenigen Mitteln eine intensive Stimmung zu erzeugen. Hier geht es nicht um virtuose Selbstdarstellung, sondern um Atmosphäre, um das Zusammenspiel von Klangfarben und um die Kunst, musikalische Räume entstehen zu lassen.

Mit „Fearless“ folgt eines der unterschätztesten Stücke im gesamten Pink-Floyd-Katalog. Die von Roger Waters und David Gilmour geschriebene Komposition verbindet eine warme akustische Gitarrenfigur mit einem zurückhaltenden, aber ungemein wirkungsvollen Arrangement. Der Text erzählt von Selbstbehauptung, Unabhängigkeit und dem Mut, seinen eigenen Weg zu gehen. Besonders ungewöhnlich ist die Einbindung von Gesängen der Anhänger des FC Liverpool, die „You’ll Never Walk Alone“ anstimmen. Diese Fußballatmosphäre verleiht dem Stück eine zusätzliche emotionale Ebene und verbindet die individuelle Botschaft des Songs mit einem kollektiven Gemeinschaftsgefühl. „Fearless“ ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Pink Floyd alltägliche Geräusche und musikalische Fremdelemente in ihre Kompositionen integrierten, ohne dass diese wie bloße Effekthascherei wirkten.

Wesentlich verspielter präsentiert sich „San Tropez“, eine von Roger Waters geschriebene Komposition, die mit ihrem lässigen Rhythmus und den jazzigen Klavierpassagen beinahe wie ein musikalischer Ausflug an die französische Riviera klingt. Der Song wirkt auf einem Pink-Floyd-Album zunächst ungewöhnlich leichtfüßig, doch gerade diese stilistische Offenheit macht den Reiz von „Meddle“ aus. Die Band war zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf die monumentalen Konzepte ihrer späteren Alben festgelegt. Sie erlaubte sich musikalische Freiheiten, kleine humorvolle Exkurse und überraschende Stilwechsel. Richard Wrights Klavierspiel verleiht dem Stück eine elegante Leichtigkeit, die einen reizvollen Kontrast zu den düsteren und experimentellen Momenten des Albums bildet.

Noch ungewöhnlicher wird es mit „Seamus“, einem kurzen Bluesstück, bei dem ein Hund namens Seamus, der dem Musiker Steve Marriott gehörte, mit seinem Heulen gewissermaßen die Gesangsbegleitung übernimmt. Das Stück ist sicherlich kein Höhepunkt der Pink-Floyd-Diskografie, aber es dokumentiert den eigenwilligen Humor der Musiker. Man kann „Seamus“ als musikalischen Scherz betrachten, vielleicht sogar als bewusste Provokation gegenüber jenen Hörern, die von der Band ausschließlich ernste und anspruchsvolle Klangkunst erwarteten. Im Zusammenhang mit dem gesamten Album besitzt dieser kleine Blues dennoch seinen Platz. Er zeigt eine Band, die noch bereit war, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen und die Grenzen zwischen Experiment, Unterhaltung und musikalischem Unsinn auszuloten.

Doch all diese Stücke erscheinen letztlich wie die Vorbereitung auf das eigentliche Herzstück von „Meddle“. Die gesamte zweite Seite der ursprünglichen Vinyl-LP gehört einer einzigen Komposition: „Echoes“. Mit einer Länge von rund 23 Minuten ist das Werk nicht nur der musikalische Höhepunkt des Albums, sondern eine der bedeutendsten Kompositionen in der Geschichte des Progressive Rock. Hier finden Pink Floyd endgültig zu jener musikalischen Sprache, die sie wenige Jahre später zu einer der erfolgreichsten Bands der Welt machen sollte.

„Echoes“ beginnt mit einem einzelnen, glockenartigen Klavierton, der durch die Bearbeitung mit einem Leslie-Lautsprecher seinen charakteristischen, fast sonarartigen Klang erhält. Richard Wright erschafft damit eines der eindrucksvollsten musikalischen Eröffnungsmotive der Rockgeschichte. Dieser Ton wirkt wie ein Signal aus einer unbekannten Tiefe, wie der Ruf eines Wesens aus einer fremden Welt. Langsam entwickeln sich weitere Klangschichten, bis David Gilmours Gitarre, Roger Waters’ Bass und Nick Masons Schlagzeug ein gemeinsames musikalisches Fundament bilden. Der Gesang von Gilmour und Wright verschmilzt zu einer beinahe überirdischen Einheit. Ihre Stimmen erzählen von menschlicher Begegnung, Verständigung und der Überwindung von Isolation.

Das Besondere an „Echoes“ ist seine dramaturgische Entwicklung. Die Komposition bewegt sich durch unterschiedliche musikalische Landschaften, ohne dabei ihre innere Geschlossenheit zu verlieren. Auf einen ruhigen, melodischen Beginn folgt ein kraftvoller instrumentaler Abschnitt, der von einem treibenden Rhythmus und Gilmours expressivem Gitarrenspiel geprägt ist. Dann zerfällt die Musik plötzlich in eine gespenstische Geräuschwelt. Gitarrenklänge verwandeln sich in das Kreischen unbekannter Kreaturen, elektronische Effekte erzeugen eine Atmosphäre der Verlorenheit, und die Musik scheint sich vollständig aufzulösen. Es ist einer der kühnsten Momente im Werk von Pink Floyd. Der Zuhörer verliert jeden festen musikalischen Orientierungspunkt und wird in eine abstrakte Klanglandschaft hineingezogen.

Doch aus diesem scheinbaren Chaos entsteht langsam wieder Ordnung. Wrights Orgelklänge steigen wie Lichtstrahlen aus der Dunkelheit auf, und schließlich kehrt das musikalische Hauptthema zurück. Was folgt, gehört zu den emotional bewegendsten Momenten der gesamten Pink-Floyd-Geschichte. Die Musik gewinnt an Intensität, die Instrumente verschmelzen zu einem majestätischen Klangbild, und die Komposition erreicht einen Höhepunkt, der nicht durch technische Virtuosität, sondern durch seine emotionale Wirkung überzeugt. Am Ende löst sich „Echoes“ wieder in jene geheimnisvolle Atmosphäre auf, aus der es entstanden ist. Ein musikalischer Kreislauf schließt sich.

Gerade in „Echoes“ zeigt sich die außergewöhnliche Bedeutung von Richard Wright für den Sound der Band. Während in späteren Jahren häufig der Konflikt zwischen Roger Waters und David Gilmour die öffentliche Wahrnehmung von Pink Floyd bestimmte, war Wrights Beitrag zur musikalischen Identität der Gruppe von unschätzbarem Wert. Seine Orgel- und Klavierklänge, seine harmonischen Vorstellungen und sein Gesang bildeten das atmosphärische Fundament vieler großer Kompositionen. Auf „Meddle“ sind diese Qualitäten besonders deutlich zu hören. Wright war nicht einfach der Keyboarder im Hintergrund, sondern ein entscheidender Architekt jener Klangwelt, die Pink Floyd unverwechselbar machte.

Auch Nick Mason verdient besondere Aufmerksamkeit. Sein Schlagzeugspiel ist niemals aufdringlich, aber stets präzise und musikalisch durchdacht. Mason versteht es, die Dynamik der Kompositionen zu unterstützen, statt sie mit übertriebener Virtuosität zu dominieren. Besonders in „Echoes“ beweist er ein bemerkenswertes Gespür für musikalische Spannungsbögen. Roger Waters wiederum entwickelt sich auf diesem Album zunehmend zum konzeptionellen Denker der Band. Seine Texte beschäftigen sich bereits mit Fragen menschlicher Existenz, Isolation und gesellschaftlicher Beziehungen. David Gilmour schließlich prägt mit seinem unverwechselbaren Gitarrenton die emotionale Ausdruckskraft des Albums. Sein Spiel ist melodisch, kontrolliert und zugleich voller Leidenschaft. Gerade diese vier unterschiedlichen musikalischen Persönlichkeiten bilden auf „Meddle“ eine bemerkenswerte Einheit.

Eine besondere Würdigung verdient auch die Livegeschichte von „Echoes“. Die Komposition wurde zu einem zentralen Bestandteil der Pink-Floyd-Konzerte und erfuhr durch ihre Aufführung im Konzertfilm „Pink Floyd: Live at Pompeii“ von Adrian Maben eine zusätzliche Dimension. In den Ruinen des antiken Amphitheaters von Pompeji, ohne das übliche Konzertpublikum, entfaltet die Musik eine beinahe mystische Wirkung. Die monumentale Architektur, die menschenleeren Ränge und die experimentellen Kameraeinstellungen verbinden sich mit dem Klang der Band zu einem außergewöhnlichen audiovisuellen Erlebnis. Diese Aufnahmen gehören zu den faszinierendsten Dokumenten der Rockgeschichte und haben entscheidend dazu beigetragen, „Echoes“ als eines der großen Werke von Pink Floyd zu etablieren.

Auch das Albumcover von „Meddle“ verdient Beachtung. Das von Hipgnosis gestaltete Motiv zeigt in verfremdeter Form ein Ohr unter Wasser, das von konzentrischen Wellen umgeben ist. Die Gestaltung wirkt zunächst rätselhaft und erschließt sich erst bei genauerer Betrachtung. Damit passt sie hervorragend zur Musik, die ebenfalls mit Wahrnehmung, Klang und ungewöhnlichen Perspektiven spielt. Das Cover gehört zwar nicht zu den ikonischsten Entwürfen der Band, besitzt aber gerade durch seine geheimnisvolle Bildsprache einen besonderen Reiz. Es ist ein visuelles Versprechen, dass den Zuhörer hinter der Plattenhülle eine ungewöhnliche akustische Erfahrung erwartet.

Rückblickend ist „Meddle“ weit mehr als ein Übergangsalbum. Hier vollzieht Pink Floyd den entscheidenden Schritt von einer experimentellen Psychedelic-Rock-Band zu einer Gruppe, die große musikalische Ideen in geschlossene, emotional berührende Werke verwandeln konnte. Die Erfahrungen aus „Echoes“ flossen unmittelbar in die Entwicklung von „The Dark Side of the Moon“ ein, das 1973 erscheinen und die Band endgültig in den Olymp der Rockmusik führen sollte. Die langen Spannungsbögen, die fließenden Übergänge, die Verbindung von elektronischen Effekten und traditionellen Instrumenten sowie die philosophisch geprägten Texte sind auf „Meddle“ bereits in bemerkenswerter Reife vorhanden.

Vielleicht liegt die besondere Schönheit dieses Albums aber gerade darin, dass Pink Floyd hier noch nicht unter dem Druck ihrer späteren gigantischen Erfolge standen. „Meddle“ besitzt eine Freiheit, eine Neugier und eine spielerische Experimentierfreude, die auf den konzeptionell strengeren Nachfolgewerken teilweise zurücktreten sollten. Die Band sucht noch, probiert aus, wagt Umwege und entdeckt dabei Möglichkeiten, die andere Musiker kaum zu denken wagten. Nicht jede Idee ist vollkommen ausgearbeitet, nicht jedes Stück besitzt dieselbe Qualität. Doch gerade diese Unvollkommenheit macht das Album menschlich und lebendig.

Mehr als fünf Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung hat „Meddle“ nichts von seiner Faszination verloren. Im Gegenteil: In einer Zeit, in der Musik häufig auf wenige Sekunden Aufmerksamkeit und möglichst schnelle Wiedererkennbarkeit reduziert wird, wirkt ein Werk wie „Echoes“ beinahe wie ein künstlerischer Gegenentwurf. Pink Floyd verlangen Zeit, Geduld und die Bereitschaft, sich auf eine musikalische Reise einzulassen. Wer diese Bereitschaft mitbringt, wird mit einer Klangwelt belohnt, die weit über das hinausgeht, was gewöhnliche Rockmusik leisten kann.

„Meddle“ ist deshalb nicht einfach nur die Vorstufe zu „The Dark Side of the Moon“. Es ist ein eigenständiges Meisterwerk, das die schöpferische Kraft einer Band auf dem Höhepunkt ihrer experimentellen Entwicklung dokumentiert. Die Platte vereint düstere Energie, lyrische Schönheit, musikalischen Humor und monumentale Klangarchitektur. Vor allem aber enthält sie mit „Echoes“ eine Komposition, die zu den größten Leistungen des Progressive Rock gehört. Hier haben vier Musiker einen musikalischen Kosmos erschaffen, in dem Zeit und Raum für einen Moment ihre Bedeutung verlieren.

Wer verstehen möchte, warum Pink Floyd zu einer der bedeutendsten Bands der Rockgeschichte wurden, sollte nicht nur „The Dark Side of the Moon“ oder „Wish You Were Here“ hören. Er sollte sich „Meddle“ auflegen, die Augen schließen und sich auf die Reise begeben. Am besten auf Vinyl, mit etwas Zeit und ohne Ablenkung. Denn wenn die ersten geheimnisvollen Klaviertöne von „Echoes“ erklingen, beginnt eine musikalische Erfahrung, die auch nach mehr als einem halben Jahrhundert noch immer einzigartig ist. „Meddle“ ist der Moment, in dem Pink Floyd ihren eigenen musikalischen Kosmos nicht mehr nur suchten, sondern endgültig fanden.

Asia von Asia

Mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum „Asia“ gelang der britischen Supergroup 1982 ein beeindruckender Start. John Wetton, Steve Howe, Geoff Downes und Carl Palmer verbanden ihre Erfahrungen aus Bands wie Yes, King Crimson und Emerson, Lake & Palmer mit dem eingängigen, radiotauglichen Rocksound der frühen Achtziger.

Das Ergebnis ist weniger klassischer Progressive Rock als vielmehr eine elegante Mischung aus AOR, Art Rock und Pop, geprägt von großen Melodien, üppigen Keyboards, präzisen Gitarren und Wettons markanter Stimme. Der Welthit „Heat of the Moment“ eröffnet das Album mit einem unwiderstehlichen Refrain, doch Stücke wie „Only Time Will Tell“, „Sole Survivor“, „Wildest Dreams“ oder das atmosphärische „Time Again“ zeigen, dass Asia musikalisch weit mehr zu bieten hatte als einen einzelnen Hit.

Besonders reizvoll ist die Balance: Die vier Musiker stellen ihre enorme Virtuosität nie demonstrativ in den Vordergrund, sondern ordnen sie konsequent den Songs unter. Geoff Downes liefert die typischen Keyboardflächen der Epoche, Steve Howe setzt charakteristische Akzente, während Carl Palmer und John Wetton für ein kraftvolles Fundament sorgen. Wetton ist zugleich das emotionale Zentrum der Platte.

Auch das ikonische Cover von Roger Dean trägt zum Mythos des Albums bei. „Asia“ klingt unverkennbar nach 1982 und ist gerade deshalb heute ein faszinierendes Zeitdokument. Bombastisch, melodisch, perfekt produziert und mit einem bemerkenswert hohen Hitanteil gehört das Debüt zu den prägenden AOR- und Melodic-Rock-Alben der frühen Achtziger. Ein Album, bei dem sich Progressive-Rock-Tradition und der kommerzielle Sound einer neuen Ära nahezu ideal begegnen.

und zum Schluss ein paar Singles