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Selbstbildnis von Horst Janssen, für mich ein faszinierendes Kunstwerk

7. November 2026

Bei meinen Weg ins Arbeitszimmer gehe ich an dieser Zeichnung von Horst Jansen vorbei. Immer wieder bleibe ich stehen und meine Gedanken drehen sich um dieses Bild. Als Kunstfan kann ich mich in diese Kunst eintauchen.

Das auf den 28. November 1982 datierte Selbstbildnis von Horst Janssen (1929–1995) zeigt viele jener Elemente, die Janssens Kunst so unverwechselbar machen: einen virtuosen, scheinbar beiläufigen Strich, schonungslose Selbstbeobachtung, Melancholie, schwarzen Humor und eine starke autobiografische Dimension. Bei Janssen verschwimmen Kunst und Leben immer wieder miteinander – seine Zeichnungen können wie Seiten eines sehr persönlichen Tagebuchs wirken.

Im Mittelpunkt der Zeichnung steht Janssen selbst. Er sitzt an einem Tisch und hat den Kopf darauf abgelegt. Seine charakteristische Brille ist deutlich zu erkennen, ein Arm liegt angewinkelt unter oder neben seinem Kopf. Die Körperhaltung vermittelt Erschöpfung und Resignation und lässt zugleich die Möglichkeit offen, dass Alkohol im Spiel ist. Gerade diese Mehrdeutigkeit passt zu Janssens Selbstinszenierungen. Er zeigt sich nicht als souveränen Künstlerfürsten, sondern als verletzlichen, erschöpften und mitunter tragikomischen Menschen.

Ein besonders interessantes Detail ist eine feine Linie, die offenbar vom Rücken beziehungsweise Nacken des Künstlers zur Lehne des hinter ihm stehenden Stuhls führt und dort befestigt scheint. Diese Fesselung lässt sich symbolisch lesen: Janssen erscheint als Gefangener seiner selbst, seiner Leidenschaften, seiner Beziehungen oder auch seines unablässigen künstlerischen Schaffens. Die Zeichnung bekommt dadurch trotz ihrer scheinbaren Leichtigkeit eine beklemmende Dimension. Der Künstler ruht nicht einfach am Tisch – er scheint an seine Situation gebunden zu sein.

Vor ihm steht ein kleines Glas, das durch einen roten Akzent hervorgehoben wird. Angesichts von Janssens Biografie liegt die Assoziation mit Alkohol nahe. Gleichzeitig wird dieses unscheinbare Glas durch die zeichnerische Hervorhebung fast zu einem zweiten Protagonisten der Szene. Es steht dem erschöpften Künstler gegenüber und kann als Hinweis auf Rausch, Selbstzerstörung, Trost oder Abhängigkeit verstanden werden. Wie häufig bei Janssen verbinden sich dabei Komik und Tragik.

Links findet sich die handschriftliche Datierung „28 / 11 / 82“, die das Blatt sehr konkret in Janssens Biografie verankert. Noch persönlicher ist die Widmung in der Mitte: „Liebste [Maus] : Mein Kampf“. Das Wort „Maus“ wird nicht ausgeschrieben, sondern durch eine kleine, minimalistisch gezeichnete Maus mit Ohren und langem Schwanz ersetzt. Die Anrede verweist auf Birgit Jacobsen, Janssens damalige Lebensgefährtin und Muse, die in seinem Werk und seiner Korrespondenz eine wichtige Rolle spielte. Janssen widmete ihr zahlreiche Zeichnungen und Briefe. Dadurch erhält das Blatt den Charakter einer sehr privaten bildlichen Nachricht.

Bemerkenswert ist auch die Formulierung „Mein Kampf“. Im Zusammenhang mit der dargestellten Szene dürfte sie vor allem als drastische, selbstironische Beschreibung seines eigenen Ringens zu verstehen sein: des Kampfes mit sich selbst, mit seinen Beziehungen, seinen Exzessen und möglicherweise auch mit dem künstlerischen Schaffensprozess. Gerade diese Mischung aus Übertreibung, Provokation und persönlicher Offenlegung entspricht Janssens häufig schonungsloser Art der Selbstdarstellung.

Unten rechts befindet sich schließlich ein mit rotem Stift ausgeführtes Zeichen beziehungsweise Monogramm, das die Zeichnung zusätzlich akzentuiert. Die sparsame Verwendung der roten Farbe ist wirkungsvoll: Sie unterbricht die ansonsten zurückhaltende Linienzeichnung und setzt gezielte optische Schwerpunkte.

Das Blatt lässt sich damit hervorragend in Horst Janssens Gesamtwerk einordnen. Selbstporträts, spontane Skizzen, Widmungsblätter und zeichnerische Botschaften gehören zu den charakteristischen Bestandteilen seines Œuvres. Janssen machte sein eigenes Gesicht, seinen Körper, seine Beziehungen, Ängste, Leidenschaften und Abstürze immer wieder zum Gegenstand seiner Kunst. Die Grenze zwischen autonomem Kunstwerk, privatem Brief und persönlichem Tagebucheintrag ist dabei häufig kaum zu ziehen.

Gerade darin liegt der besondere Reiz dieses Selbstbildnisses von 1982. Mit wenigen Linien entsteht eine kleine autobiografische Szene, die gleichzeitig komisch, traurig und intim wirkt. Janssen präsentiert sich als erschöpften und möglicherweise berauschten Menschen, der buchstäblich an seine Situation gefesselt erscheint. Die liebevolle Widmung an seine „Maus“ steht dabei in einem spannungsvollen Gegensatz zur resignierten Körperhaltung. So wird aus einer scheinbar spontanen Skizze ein sehr persönliches Zeugnis eines Künstlers, für den Zeichnen nicht nur künstlerische Arbeit, sondern eine Form der Selbstbefragung und Selbstentblößung war.
Ich habe die Zeichnung im Lübecker Kunsthaus erworben, das leider für immer geschlossen ist.