Mit ICE CREAM MAN kehrt Eli Roth zu jenem kompromisslosen Horrorkino zurück, das ihn einst berühmt gemacht hat. Die Grundidee ist herrlich makaber: Ein mysteriöser Eisverkäufer verwandelt Kinder nach dem Verzehr seiner Süßigkeiten in mordlustige Bestien. Was wie die perfekte Mischung aus schwarzem Humor, Kleinstadt-Horror und satirischem Splatter klingt, entwickelt sich jedoch zu einem Film, der vor allem auf Schockeffekte setzt – und dabei leider seine Geschichte zunehmend aus den Augen verliert. Dennoch sind für Filmfreunde wunderbare Anspielungen auf Hitchcocks Vögel und Romeros Zombie zu finden.

Eli Roth war nie ein Regisseur subtiler Horrorfilme. Seine Werke wie Hostel oder Cabin Fever leben von expliziter Gewalt, provokanten Bildern und dem bewussten Überschreiten geschmacklicher Grenzen. ICE CREAM MAN führt diese Handschrift konsequent fort. Bereits nach wenigen Minuten wird klar, dass der Film keine Rücksicht auf empfindliche Gemüter nimmt. Kinder werden hier nicht als Opfer, sondern als Bedrohung inszeniert – eine Idee, die an Klassiker wie Children of the Corn oder Cronenbergs die Brut erinnert, gleichzeitig aber mit Roths typisch überzogenem Splatter-Humor kombiniert wird.
Visuell überzeugt der Film zunächst mit einer starken Atmosphäre. Die sonnige amerikanische Vorstadtkulisse bildet einen reizvollen Kontrast zum immer weiter eskalierenden Wahnsinn. Auch Ari Millen verleiht dem titelgebenden Eisverkäufer eine angenehm unheimliche Präsenz. Seine Figur lebt weniger von Dialogen als von ihrer verstörenden Erscheinung und sorgt für einige der stärksten Momente des Films.

Problematisch wird es jedoch, sobald die eigentliche Handlung Fahrt aufnehmen soll. Statt Spannung oder psychologischen Horror aufzubauen, reiht ICE CREAM MAN eine blutige Sequenz an die nächste. Die kreativen Ideen hinter den Gewaltszenen mögen mich als eingefleischter Gore-Fan unterhalten, doch die Figuren bleiben oberflächlich und austauschbar. Emotionale Bindung entsteht kaum, wodurch viele Schocks ihre Wirkung verlieren. Es mangelt einfach an erzählerischer Substanz und die originelle Ausgangsidee wird zugunsten immer extremerer Splatter-Einlagen verschenken.
Auch tonal wirkt der Film unausgeglichen. Zwischen schwarzer Komödie, Satire und kompromisslosem Horror findet Roth keinen dauerhaft funktionierenden Rhythmus. Manche Szenen sind bewusst grotesk und fast schon cartoonhaft inszeniert, während andere kompromisslos auf Ekel setzen. Dieser ständige Wechsel verhindert, dass sich eine nachhaltige Bedrohung entwickelt und das langweilt.
Technisch liefert ICE CREAM MAN dennoch solide Arbeit ab. Das Make-up, zahlreiche praktische Splatter-Effekte und die bewusst überzeichnete Inszenierung erinnern an klassische Horrorfilme der 1980er-Jahre. Gerade Fans kompromisslosen Gore-Kinos werden hier einiges finden, das handwerklich überzeugt. Wer dagegen auf Spannung, Figurenentwicklung oder gesellschaftliche Tiefenschärfe hofft, dürfte enttäuscht werden.

Am Ende bleibt ICE CREAM MAN ein Film mit einer großartigen Horror-Prämisse, der jedoch fast ausschließlich auf seine visuellen Extreme vertraut. Eli Roth liefert genau das, was seine Anhänger erwarten: viel Blut, drastische Gewalt und schwarzen Humor. Für ein breiteres Publikum fehlt dem Film jedoch die erzählerische Balance, um mehr zu sein als ein weiterer Splatter-Ausflug des Regisseurs.
Damit steht fest: ICE CREAM MAN ist kompromissloses Funsplatter-Kino für Fans extremer Horrorfilme. Die originelle Idee, starke Atmosphäre und einige kreative Gore-Sequenzen können den Mangel an Figurenentwicklung und dramaturgischer Tiefe jedoch nicht vollständig ausgleichen. Wer Eli Roths bisherige Filme liebt, dürfte bestens unterhalten werden. Wer intelligenteren Horror mit nachhaltiger Spannung sucht, wird hier vermutlich nur eine blutige, aber schnell vergessene Achterbahnfahrt erleben.

