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Stummfilmpianist Richard Siedhoff sorgt für den richtigen Ton bei der Zwölften Stunde

9. März 2017
Richard Siedhoff Macht Quatsch mit mir. Dabei ist er ein seriöser Musiker.

Richard Siedhoff Macht Quatsch mit mir. Dabei ist er ein seriöser Musiker.

Als Fan des deutschen Expressionsmus im Film war ich nervös, als mein Kollege Christopher Link mir erzählte, dass im Münchner Filmmuseum eine seltene Kopie des Vampir-Films „die zwölfte Stunde“ gezeigt wird. Den Streifem musste ich sehen. Am Ende war ich vom Film total enttäuscht – und dennoch war der Abend ein voller Gewinn. Zum Film gab es Live-Klaviermusik von Stummfilmpianist Richard Siedhoff aus Weimar. Virtuos begleitete Siedhoff den Film und wir trafen uns nach der Vorstellung zu einem kleinen Videointerview.

Nicht autorisierter Klassiker
Der Film „die zwölfte Stunde“ ist im Grunde eine Art erweiterte Raubkopie. Er kam 1930 in die Kinos. Ihm liegt der legendäre Film von Friedrich-Wilhelm Murnau „Nosferatu – eine Symphonie des Grauens“ zu Grunde, einer meiner Lieblingsfilme. Die zwölfte Stunde ist dagegen eine nicht autorisierte Bearbeitung von Murnaus „Nosferatu“ aus dem Jahr 1922.
1930 kam der Tonfilm auf und die „die zwölfte Stunde“ bediente den Wunsch des Publikums nach mehr Toneffekte. Die Stummfilmteile wurden mit Geräuschen und Musik unterlegt, Szenen wurden vertauscht und entfernt, neue Tonfilmszenen wurden von Waldemar Roger hinzugefügt, die Rollenbezeichnungen wurden geändert. Für mich steht fest: Der großartige Murnau Film wurde einfach nur verstümmelt. Die ergänzenden Szenen waren belanglos und dauerten viel zu lange, wie die Szene aus dem Gasthaus, das Hochamt, die Hafenszene oder Impressionen aus dem Südtirolurlaub von Waldemar Roger. Der Rhythmus des Meisterwerks von Murnau wurde zerstört. Naja, am Ende hatte ich die „die zwölfte Stunde“ eben auch gesehen.

Stummfilmpianist Richard Siedhoff
Viel wichtiger für mich im Nachhinein war die Filmmusik. Am Abend im Filmmuseum spielte Stummfilmpianist Richard Siedhoff. Er improvisierte neben der Leinwand und schaffte es, dass aus dem schlechten Film ein unvergesslicher Abend wurde.


Der Film hatte ursprünglich eine eigene Tonspur. Sie bestand aus der nicht mehr erhaltenen Musik von Georg Fliebiger, die auf Schallplatte synchron zum Film angespielt wurde.
Richard Siedhoff hatte die Sache virtuos im Griff und ließ den schlechten Film zu einem Kulturgenuss werden. Seine Website von Richard Siedhoff gibt umfangreich über den Künstler Auskunft. Mehr als 200 Filmklassiker hat Richard Siedhoff mit eigenen Kompositionen und Improvisationen sowie einigen adaptierten Originalmusiken begleitet. Richard Siedhoff ist Hauspianist im Lichthaus Kino Weimar, dessen Stummfilmprogramm er kuratiert. Zudem ist er als Komponist für Film, Theater und Kabarett tätig. Leider gibt es noch keine CD von ihm.


Ich traf Richard Siedhoff nach der Aufführung der Zwölften Stunde zu einem Kurzinterview in München. Christopher Link, erfolgreicher Dokumentarfilmer, filmte unser Gespräch mit meiner Lingra. Siedhoff ist seine Begeisterung für die alten Werke anzumerken. Er lebt für die Klassiker. Er hat Nosferatu schon einige Male gespielt und einige Motive selbst komponiert. Diese Motive variiert er immer wieder während des Spiels. Für die Zwölfte Stunde wurde es komplett adaptiert.