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Buchtipp: Wie die siebziger Jahre von morgen träumten

4. Juli 2026

„Die Zukunft kann man am besten voraussagen, wenn man sie selbst gestaltet“ – der große Informatiker Alan Kay hat dies einmal gesagt und ich finde Aussagen über die Zukunft faszinierend.
Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb ich Science Fiction so mag: Bücher, Filme, Ideen, Visionen. Und ich bin fasziniert vom Beruf der Zukunftsforscher. Die einen sehen in die Glaskugel, die anderen rechnen Statistiken weiter ohne das Innovator’s Dilemma zu berücksichtigen.
Ich habe ein Buch mit dem schlichten Titel „Zukunft – das Bild der Welt von morgen“ gefunden, verfasst von Ulrich Schippke. Meine Ausgabe von Bertelsmann stammt aus dem Jahre 1974 und ist Bestandteil einer ganzen Reihe, die damals von Roland Göock herausgegeben wurde. Meine Eltern hatten ein paar Ausgaben der Reihe, ich habe meine Zukunft-Ausgabe allerdings aus einem Bücherschrank.

Ulrich Schippkes „Zukunft – Das Bild der Welt von morgen“ ist heute weniger ein Zukunftsbuch als ein faszinierendes Zeitdokument und versteht sich ausdrücklich als Bilddokumentation. Schon dieser Anspruch prägt die Lektüre: Nicht die nüchterne Prognose steht im Mittelpunkt, sondern die große, oft staunende Schau auf eine Welt, die technisch machbar, planbar und grundsätzlich verbesserbar erscheint.

Das Inhaltsverzeichnis liest sich aus heutiger Sicht wie ein Panorama der Zukunftshoffnungen der frühen siebziger Jahre: Energie als „Schlüssel zum Paradies“, Nahrung aus der Retorte, Städte wie Raumstationen, fliegende Untertassen im Verkehr, denkende Maschinen, Wetterlenkung, Unterwasser-Siedlungen, Raumfahrtfabriken, Retortenzeugung und die Vision eines geeinten Planeten. Gerade diese thematische Breite macht den Reiz des Buches aus. Schippke erzählt Zukunft nicht als einzelne Erfindung, sondern als umfassende Umgestaltung des Lebens.

Dabei ist der Ton unverkennbar von Fortschrittsglauben getragen. Technik erscheint häufig als Antwort auf nahezu jedes Problem: Hunger, Krankheit, Energieknappheit, Verkehrschaos, Umweltgrenzen. Heute wirkt manches naiv, manches erstaunlich hellsichtig. Die „denkenden Maschinen“ sind längst Alltag geworden, wenn auch anders, als man es sich damals vorstellte. Die globale Medienwelt, im Buch als überschaubares Dorf beschrieben, ist mit Internet, Satellitenkommunikation und sozialen Netzwerken tatsächlich Realität geworden. Andere Visionen – etwa die massenhafte Besiedlung der Meere oder Wetter nach menschlichem Willen – sind eher Mahnungen daran, wie optimistisch, aber auch wie technokratisch Zukunft damals gedacht wurde.

Die Stärke des Bandes liegt gerade in dieser Mischung aus Treffer, Irrtum und Zeitkolorit. Schippkes Buch zeigt, welche Sehnsüchte eine Epoche bewegten: Kontrolle über Natur, Überwindung von Mangel, Verlängerung des Lebens, Globalisierung des Denkens. Zugleich offenbart es blinde Flecken. Fragen nach ökologischen Folgen, sozialer Ungleichheit, politischem Missbrauch von Technik oder ethischen Grenzen werden zwar berührt, treten aber hinter der Faszination des Machbaren zurück. Besonders Kapitel wie „Kinder mit Qualitätsgarantie“ oder „Der beste Kopf, den es je gab“ lesen sich heute mit Unbehagen, weil sie an Debatten über Genetik, Optimierung und Menschenbild rühren.

Als Sachbuch im engeren Sinn ist „Zukunft“ daher überholt. Als historisches Dokument ist es umso wertvoller. Es zeigt nicht nur, was man 1974 über morgen dachte, sondern auch, wie stark Zukunftsbilder von ihrer Gegenwart geprägt sind. Der Band ist ein Spiegel der Bundesrepublik im technischen Aufbruch: Raumfahrt, Computer, Atomenergie und globale Planung schienen Horizonte zu öffnen, die kaum Grenzen kannten.

Ulrich Schippkes „Zukunft – Das Bild der Welt von morgen“ ist keine zuverlässige Prognose, aber ein reizvolles, bildstarkes und manchmal verblüffendes Dokument des Fortschrittsoptimismus. Wer wissen will, wie sich die siebziger Jahre das 21. Jahrhundert ausmalten, findet hier eine Fundgrube – mit großem Staunwert und gelegentlichem Kopfschütteln.