Posts Tagged ‘Amiga MCC’

Gerettete Computergeschichte: Mario Schweder bewahrt das Erbe von Commodore und Amiga

6. September 2026

Es ist eine Geschichte von Leidenschaft, Erinnerung und dem Willen, ein wichtiges Stück Computergeschichte vor dem Verschwinden zu bewahren. Auf der Retro Family Area der Gamescom 2026 sprach Mario Schweder über das Commodore Werksmuseum 2.0, seine persönliche Verbindung zu Commodore und Amiga und über außergewöhnliche Exponate, die heute nur deshalb noch existieren, weil Enthusiasten rechtzeitig gehandelt haben.



Schweder ist IT-Unternehmer, aber seine Begeisterung für Computer begann lange vor seinem Berufsleben. „Mein Herz schlägt halt für die Computerei“, sagte er auf der Bühne. Schon als Jugendlicher faszinierten ihn die Systeme von Commodore und später besonders der Amiga. Einen eigenen Rechner konnten ihm seine Eltern allerdings nicht einfach kaufen. Seine ersten Erfahrungen sammelte er deshalb bei Freunden, zunächst mit Commodore-Systemen und schließlich mit dem Amiga 500.



Schnell war für ihn klar: Einen solchen Rechner wollte er selbst besitzen. Dafür musste er allerdings arbeiten. Für fünf D-Mark pro Stunde verdiente sich der Jugendliche im Supermarkt das notwendige Geld zusammen, zusätzlich floss ein Teil seines Konfirmationsgeldes in den Traumcomputer. Mit 14 Jahren kaufte er schließlich seinen ersten eigenen Amiga – einen Amiga 2000.
Allein der Rechner kostete damals rund 2.600 D-Mark, dazu kamen Monitor, Software und Spiele. Mehr als 3.000 D-Mark waren schnell investiert. Für einen Jugendlichen eine enorme Summe. Doch genau dort begann eine Leidenschaft, die Schweder bis heute begleitet.

Anfangs wurde natürlich gespielt. Rennspiele gehörten zu seinen Favoriten, darunter „Power Drift“. Doch bald genügte es ihm nicht mehr, die Spiele lediglich zu benutzen. „Ich habe dann am Anfang nicht nur gespielt, sondern auch hinterfragt: Wieso funktioniert dieses Spiel?“, erinnerte sich Schweder. Es folgten BASIC, Assembler und immer mehr Interesse an der Technik hinter dem Computer.


Diese Neugier prägte schließlich auch seinen beruflichen Weg. Der Computer wurde nicht mehr nur zum Spielzeug, sondern zum Werkzeug, mit dem sich eine neue Welt erschließen ließ. „Ich bin kein guter Handwerker, ich bin ein Kopfwerker“, sagte Schweder augenzwinkernd.

Für ihn war der Amiga seiner Zeit technisch weit voraus. Multitasking, Grafik und Sound beeindruckten ihn nachhaltig. Während PC-Besitzer zusätzliche Soundkarten einbauen mussten, brachte der Amiga viele Möglichkeiten bereits mit. „Der Amiga war immer out of the box“, erinnerte er sich. Gerade diese Kombination aus Zugänglichkeit, technischer Leistungsfähigkeit und Kreativität habe eine ganze Generation geprägt.
Doch die Erfolgsgeschichte von Commodore endete Mitte der 1990er-Jahre. 1994 ging das Unternehmen in die Insolvenz. Für Schweder war das auch persönlich ein Einschnitt, denn nach dem Abitur hatte er eigentlich mit dem Gedanken gespielt, sich bei Commodore zu bewerben.

Trotzdem blieb er dem Amiga treu. Neben seinen PCs stand weiterhin der Amiga 2000. Und aus dieser jahrzehntelangen Verbundenheit entstand schließlich eine Aufgabe, die weit über das Sammeln alter Computer hinausgeht.
Eine entscheidende Rolle spielte dabei der frühere Commodore- und Amiga-Manager Petro Tyschtschenko, mit dem Schweder seit Jahren verbunden ist. Über ihn kam der Kontakt zu einem ehemaligen Commodore-Standort in Braunschweig zustande. Dort existierte noch ein Werksmuseum mit historischen Rechnern, Dokumenten und zahlreichen Erinnerungsstücken. Doch die Ausstellung musste aufgelöst werden.


Die Frage lautete: Wohin mit den Exponaten? Schweder entschied sich zu handeln. Innerhalb von nur rund zwei Wochen organisierte er gemeinsam mit Freunden, Unternehmern und Mitarbeitern den Abbau. Mit Lastwagen wurden die historischen Stücke aus dem ehemaligen Werksmuseum gerettet und eingelagert.

Damit entstand das Commodore Werksmuseum 2.0. Gerettet wurden nicht nur Computer. Zum Bestand gehören auch technische Dokumentationen, Schaltpläne, Presseunterlagen und Materialien aus der Unternehmensgeschichte. Darunter befinden sich beispielsweise Unterlagen von der CeBIT, auf der neue Commodore- und Amiga-Systeme vorgestellt wurden.

Besonders wertvoll sind interne Dokumente wie die frühere Mitarbeiterzeitung „Commodore News“. Darin lässt sich nachvollziehen, welche Personen innerhalb des Unternehmens welche Aufgaben übernahmen, welche Produkte geplant wurden und wie die Produktions- und Lieferstrukturen funktionierten. Schweder möchte solche Quellen langfristig auch einer größeren Öffentlichkeit zugänglich machen.


Doch das Werksmuseum 2.0 ist bislang kein klassisches Museum mit festen Öffnungszeiten. Es ist ein Wandermuseum. Die Exponate reisen zu Veranstaltungen, Retrotreffen, Börsen und Messen. Auch die Gamescom gehört inzwischen zu den Stationen.

Und unter den Exponaten befinden sich echte Schätze der Computergeschichte.

Schweder berichtete auf der Bühne von frühen Amiga-1000-Prototypen und außergewöhnlichen Versuchssystemen aus Commodore-Laboren. Einige Geräte galten jahrzehntelang als verschollen und konnten erst nach langer Suche wiedergefunden und nach Europa zurückgebracht werden.

Besonders stolz ist Schweder auch auf den Amiga MCC, ein System, das Ende der 1990er-Jahre im Zusammenhang mit den damaligen Zukunftsplänen für die Marke Amiga entstand. Auch dieses Gerät war über viele Jahre verschwunden, bevor es wieder aufgespürt werden konnte.

Für Schweder geht es dabei nicht um möglichst hohe Sammlerwerte. Es geht um die Bewahrung von Geschichte. „Wäre ja auch schlecht, wenn das verloren geht für die Community“, brachte es das Gespräch treffend auf den Punkt. Gleichzeitig soll das Museum keineswegs nur rückwärtsgewandt sein. Schweder beobachtet mit Freude, dass die Amiga-Szene wieder lebendiger wird. Neue Hardware, Erweiterungen, Software und Retro-Systeme sorgen dafür, dass jüngere Menschen die Plattform neu entdecken können.

Genau darin sieht er eine große Chance. „Ich wünsche mir halt, dass der Amiga vielleicht auch wieder diesen Stellenwert bekommt bei der neuen Generation“, sagte Schweder. Denn der Amiga sei eben nicht nur ein nostalgischer Spielecomputer. Man könne programmieren, experimentieren, Technik verstehen und lernen, wie Hard- und Software zusammenspielen. Gerade darin erkennt Schweder einen Unterschied zu vielen modernen Geräten, die für ihre Nutzer zunehmend zu geschlossenen Systemen geworden sind.

Für die Generation, die in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren mit diesen Rechnern aufgewachsen ist, war das ein prägendes Erlebnis. „Für uns war das unbegreiflich, dass so etwas mit Animationen und Bild funktioniert“, erinnerte sich Schweder. Noch faszinierender sei die Erkenntnis gewesen, dass man den Computer selbst programmieren konnte: Der Rechner machte plötzlich das, „was ich ihm eingebe“.

Diese Erfahrung führte viele Jugendliche zu BASIC, Assembler und schließlich in technische Berufe. Commodore 64 und Amiga waren damit weit mehr als Spielmaschinen. Sie waren für eine ganze Generation der Einstieg in die digitale Welt.

Das Commodore Werksmuseum 2.0 soll genau diese Geschichte bewahren und weitererzählen. Mittlerweile gibt es Anfragen aus ganz Deutschland und darüber hinaus. Das Wandermuseum ist auf Retroveranstaltungen und großen Messen unterwegs und soll künftig noch häufiger auch international zu sehen sein. Langfristig aber verfolgt Schweder einen noch größeren Traum: Aus dem Wandermuseum soll eine permanente Ausstellung werden. Historische Rechner, Prototypen, Dokumente und Zeitzeugen sollen dann dauerhaft an einem Ort zusammenkommen.

Und eine zentrale Figur dieser Geschichte bleibt Petro Tyschtschenko. Schweder bezeichnete ihn als wichtiges „Aushängeschild“ des Projekts und als wertvollen Zeitzeugen, dessen Geschichten und Erinnerungen für die Community von unschätzbarem Wert seien. Das Panel auf der Gamescom zeigte deshalb eindrucksvoll: Bei Commodore und Amiga geht es längst nicht nur um alte Computer.

Es geht um persönliche Erinnerungen, um technische Pionierarbeit und um eine Generation, die zum ersten Mal erlebte, dass sie mit einem Computer nicht nur konsumieren, sondern selbst etwas erschaffen konnte.

Mario Schweder und seine Mitstreiter sorgen mit dem Commodore Werksmuseum 2.0 dafür, dass diese Geschichte nicht auf einem Dachboden, in einem Lager oder schlimmstenfalls im Elektroschrott endet.

Sie retten Geräte. Sie retten Dokumente. Vor allem aber retten sie ein Stück digitale Kulturgeschichte.