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Die Frau hinter der Legende: Marilyn Monroes letzte Worte und verschollene Fotografien

27. Oktober 2026

Nur wenige Wochen vor ihrem Tod sprach Marilyn Monroe so offen wie selten zuvor über Ruhm, Einsamkeit und den Kampf um ihre künstlerische Selbstbestimmung. Mehr als sechs Jahrzehnte später führt ein neuer Bildband dieses Gespräch erstmals vollständig mit Hunderten lange unveröffentlichten Aufnahmen zusammen.

Der zunächst unter dem Arbeitstitel Untitled on Marilyn Monroe: The Lost Photographs, the Last Interview angekündigte Band erschien im Mai 2026 unter dem endgültigen Titel Marilyn: The Lost Photographs, the Last Interview. Das 256 Seiten umfassende Buch enthält das vollständige Transkript von Monroes letztem ausführlichen Interview sowie mehr als 400 restaurierte Fotografien des LIFE-Fotojournalisten Allan Grant. Ein Großteil des Materials war zuvor nie öffentlich zu sehen.

Im Sommer 1962 befand sich Marilyn Monroe beruflich und persönlich an einem Wendepunkt. Die 36-Jährige war in einen Konflikt mit dem Filmstudio 20th Century Fox um die unvollendet gebliebene Komödie Something’s Got to Give geraten. Zugleich versuchte sie, sich von dem Bild der unzuverlässigen, austauschbaren „Blondine“ zu lösen und mehr Kontrolle über ihre Karriere zu gewinnen. In dieser Situation traf sie den LIFE-Journalisten Richard Meryman zu einem Gespräch, das ursprünglich lediglich vom Leben mit dem Ruhm handeln sollte. Aus dem geplanten Porträt entwickelte sich jedoch eine insgesamt etwa vierstündige Unterhaltung über ihre Kindheit, ihre Ehen, Hollywood, Arbeit, Alter, Sexualisierung und Einsamkeit.

Monroe bestand darauf, möglichst in ihren eigenen Worten wiedergegeben zu werden. Gerade darin liegt die historische Bedeutung des Materials: Es zeigt sie nicht nur als Gegenstand fremder Erinnerungen oder späterer Spekulationen, sondern als aktive Erzählerin ihres eigenen Lebens. Sie spricht über ihre Kindheit in Pflegefamilien, über ihren frühen Aufstieg und über die Erfahrung, von der Filmindustrie zugleich begehrt und unterschätzt zu werden. Auch ihr Unbehagen darüber, als Sexsymbol eher wie ein Objekt denn wie ein Mensch behandelt zu werden, zieht sich durch das Gespräch.

Die Fotografien entstanden während Monroes letzter formeller Porträtsitzung in ihrem Haus im Los-Angeles-Stadtteil Brentwood. Allan Grant fotografierte sie nicht in einem Filmstudio oder auf einem roten Teppich, sondern in privater Umgebung und legerer Kleidung. Die Bilder zeigen wechselnde Stimmungen: Monroe erscheint ausgelassen, nachdenklich, konzentriert und gelegentlich verletzlich. Lediglich acht Aufnahmen wurden damals zusammen mit dem gekürzten LIFE-Text veröffentlicht; der weitaus größere Teil des Archivs blieb jahrzehntelang verwahrt.

Der ursprüngliche LIFE-Artikel erschien am 3. August 1962. Nur zwei Tage später wurde Monroe tot in ihrem Haus gefunden; als Todesursache wurde eine akute Barbituratvergiftung festgestellt und ihr Tod offiziell als wahrscheinlicher Suizid eingestuft. Das vollständige Interview und die Tonaufnahmen verschwanden anschließend in Merymans Archiv, während Grants Fotografien größtenteils in dessen Besitz blieben. Erst die spätere Zusammenführung und Restaurierung beider Bestände ermöglichte die Veröffentlichung des heutigen Bandes.

Die zeitliche Nähe zu Monroes Tod verleiht dem Werk zwangsläufig eine düstere Wirkung. Dennoch sollte das Interview nicht ausschließlich als Abschiedsdokument gelesen werden. Vieles darin weist nicht auf Resignation, sondern auf beruflichen Ehrgeiz und den Wunsch nach Veränderung hin. Monroe äußert sich selbstbewusst über ihr schauspielerisches Handwerk, kritisiert die Machtverhältnisse der Studios und macht deutlich, dass sie ernst genommen werden wollte. Die Aufnahmen vermitteln deshalb nicht nur Verletzlichkeit, sondern auch Humor, Wachheit und Widerstandskraft.

Genau hier liegt der besondere Wert von The Lost Photographs, the Last Interview. Der Band widerspricht der verbreiteten Tendenz, Marilyn Monroe fast ausschließlich durch ihren frühen Tod zu betrachten. Bilder und Gespräch dokumentieren eine Künstlerin, die sich der Mechanismen ihres eigenen Ruhms sehr bewusst war und gegen die von Hollywood geschaffene Kunstfigur anzukämpfen versuchte.

Allerdings bleibt auch diese Veröffentlichung Teil der fortdauernden Vermarktung Monroes. Die Bezeichnung der Materialien als „verloren“ ist vor allem im Sinne von lange unveröffentlicht oder unzugänglich zu verstehen: Die Aufzeichnungen und Negative waren nicht spurlos verschwunden, sondern in privaten Archiven aufbewahrt worden. Zudem ersetzt das Interview keine umfassende historische Biografie. Es zeigt Monroes Perspektive in einer bestimmten Lebensphase – außergewöhnlich unmittelbar, aber dennoch geprägt von der Interviewsituation, der späteren redaktionellen Bearbeitung und der heutigen Präsentation.

Als Quellenband und fotografisches Zeitdokument eröffnet das Buch dennoch einen seltenen Zugang. Es lässt Marilyn Monroe für einen Moment aus dem Schatten der Legenden, Verschwörungserzählungen und nachträglichen Deutungen hervortreten. Was sichtbar wird, ist keine vollständig entschlüsselte Ikone, sondern eine intelligente, widersprüchliche und ehrgeizige Frau, die darum kämpfte, nicht länger nur angesehen, sondern tatsächlich gehört zu werden.