Rückblick auf meine Matinee: Herr der Ringe (1978)

Es gibt Geschichten, die uns ein Leben lang begleiten. Geschichten, deren Figuren irgendwann zu alten Freunden werden, deren Orte wir kennen, obwohl wir niemals dort gewesen sind. Das Auenland gehört dazu. Bruchtal. Moria. Mordor. Und natürlich Mittelerde selbst. J.R.R. Tolkien hatte mit „Der Herr der Ringe“ nicht einfach einen Fantasyroman geschrieben – er hatte eine Welt erschaffen, in die Generationen von Leserinnen und Lesern immer wieder zurückkehrten. Im Scala Kino Fürstenfeldbruck öffnete sich bei unserer Matinee noch einmal das Tor zu dieser Welt. Die nächste Matinee dreht sich um den Katastrophenklassiker Erdbeben von 1974. am Sonntag, 20. September im Scala Fürstenfeldbruck. Karten gibt es hier.

Wir zeigten und besprachen Ralph Bakshis „Der Herr der Ringe“ aus dem Jahr 1978 – einen Film, der vielleicht nicht perfekt war, aber etwas besaß, das man bei vielen perfekt durchgestylten Produktionen unserer Tage schmerzlich vermisst: Mut, Eigenwilligkeit und eine geradezu wilde filmische Fantasie. Lange bevor Peter Jackson Mittelerde mit seiner monumentalen Filmtrilogie endgültig zum weltweiten Kinoereignis machte, wagte sich Ralph Bakshi an das scheinbar Unmögliche. Hier die Aufzeichnung meines Vortrags.

1978 wollte er Tolkiens gewaltiges Epos auf die Leinwand bringen. Ohne digitale Armeen, ohne computergenerierte Landschaften und ohne jene technischen Möglichkeiten, die für uns heute selbstverständlich sind. Was Bakshi dafür hatte, waren Zeichnungen, Farben, Schauspieler, eine Kamera – und eine Vision. Und was für eine Vision! Bakshi verband klassische Zeichentrickanimation mit der damals spektakulären Rotoskopie-Technik. Schauspieler wurden zunächst real gefilmt, ihre Bewegungen anschließend Bild für Bild in Animation übertragen und verfremdet. Dadurch entstand ein visueller Kosmos, der unverwechselbar blieb. Manchmal wunderschön, manchmal düster, manchmal beinahe gespenstisch. Besonders die Schwarzen Reiter, die Orks und die großen Schlachten wirkten wie Gestalten aus einem fiebrigen Traum.

Dieser „Herr der Ringe“ sah nicht aus wie Peter Jacksons Mittelerde. Er wollte es auch gar nicht. Bakshis Welt besaß ihre ganz eigene Seele. Und gerade deshalb lohnte es sich, diesen Film wiederzuentdecken. Im Mittelpunkt stand natürlich Frodo Beutlin. Ein kleiner Hobbit, dem eine Aufgabe zufiel, die eigentlich viel zu groß für ihn war. Der Eine Ring musste vernichtet werden. Gemeinsam mit seinen Gefährten verließ Frodo die Sicherheit des Auenlandes und machte sich auf den Weg in eine Welt, die immer bedrohlicher wurde. Doch hinter Orks, Ringgeistern, Zauberern und gewaltigen Schlachten steckte jene Geschichte, die Tolkiens Werk so berührend machte. Es ging um Freundschaft und Loyalität. Um Versuchung und Macht. Um die Frage, ob ein Einzelner überhaupt etwas gegen eine scheinbar überwältigende Dunkelheit ausrichten konnte. Und es ging um Hoffnung.

Vielleicht war genau das der Grund, warum „Der Herr der Ringe“ nie wirklich alt wurde. Frodo war kein strahlender Superheld. Sam war kein großer Krieger. Die Hobbits waren kleine Wesen aus einem friedlichen Land, die plötzlich mit Dingen konfrontiert wurden, die ihre Vorstellungskraft überstiegen. Und trotzdem gingen sie weiter. Schritt für Schritt. Gerade darin lag die ungeheure emotionale Kraft dieser Geschichte. Bakshis Film besaß allerdings auch eine tragische Seite. Eigentlich sollte seine Adaption weitergehen. Doch dazu kam es nicht. Der Film endete, bevor Tolkiens große Geschichte abgeschlossen war. Jahrzehntelang wurde ihm genau das vorgeworfen. Doch vielleicht machte gerade dieses Unvollendete einen Teil seiner Faszination aus. Bakshis „Der Herr der Ringe“ wirkte wie ein gewaltiger Entwurf, wie ein Traum von Mittelerde, der plötzlich abbrach. Was geblieben war, hatte Filmgeschichte geschrieben.

Viele Bilder und Inszenierungsideen wirkten erstaunlich vertraut, wenn man später Peter Jacksons Filme gesehen hatte. Bakshi bewies bereits 1978, dass Tolkiens Welt auf die Kinoleinwand gehörte. Sein Film wurde damit zu einem wichtigen Wegbereiter für das moderne Fantasykino. Und deshalb gehörte dieses Werk auch genau dorthin zurück: ins Kino. Nicht auf den kleinen Bildschirm eines Smartphones. Nicht nebenbei auf einem Tablet. Sondern in einen dunklen Kinosaal, auf eine große Leinwand, gemeinsam mit anderen Menschen. Genau das machte unsere Matinee im Scala Fürstenfeldbruck zu einem besonderen Erlebnis. Wenn die Landschaften Mittelerdes auf der großen Leinwand aufleuchteten, wenn die Gefährten ihre Reise begannen und die bedrohlichen Schatten Mordors näher rückten, zeigte sich wieder einmal, was nur Kino wirklich kann: Für einige Stunden verschwand die Welt vor der Tür. Für Tolkien-Fans war diese Matinee deshalb mehr als eine nostalgische Begegnung mit einem Film von 1978. Sie war eine Reise zurück zu einer Zeit, in der Fantasy im Kino noch ein Wagnis bedeutete. Eine Zeit, in der Filmemacher Lösungen erfinden mussten, weil es die technischen Möglichkeiten unserer Gegenwart schlicht noch nicht gab. Und für diejenigen, die Bakshis Film zum ersten Mal sahen, bot sich die Gelegenheit, eine andere Version von Mittelerde kennenzulernen: rauer, fremder, experimenteller und manchmal geradezu psychedelisch – aber voller Leidenschaft für Tolkiens Welt.

Fast fünf Jahrzehnte nach seiner Entstehung besaß Ralph Bakshis „Der Herr der Ringe“ noch immer diese eigentümliche Magie. Vielleicht gerade deshalb, weil er nicht perfekt war. Man sah das Experiment, man spürte das Risiko und man erkannte hinter jedem Bild den Versuch, etwas eigentlich Unverfilmbares sichtbar zu machen. Unsere Matinee im Scala Kino Fürstenfeldbruck war deshalb nicht einfach nur die Vorführung eines alten Animationsfilms. Sie war eine Begegnung mit einem Stück Filmgeschichte – und eine gemeinsame Reise in eine Welt, die seit Generationen unsere Fantasie beflügelt. Für einen Vormittag hatten wir das Auenland unseres Alltags verlassen. Der Weg war lang. Mordor war weit. Aber wir waren wieder in Mittelerde.

Die nächste Matinee dreht sich um den Katastrophenklassiker Erdbeben von 1974. am Sonntag, 20. September im Scala Fürstenfeldbruck. Karten gibt es hier.

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen


Entdecke mehr von redaktion42's Weblog

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen