Ausstellungtipp Moebius – jetzt virtuell

Die Moebius Ausstellung in Brühl war der Hammer.

Die Moebius Ausstellung in Brühl war der Hammer.

Nachdem die Schule ausfällt, wollte ich euch eigentlich den Tipp geben, sich die absolut geniale Moebius Ausstellung im Max Ernst Museum Brühl des LVR anzusehen. Doch nix da. Das Museum wurde gestern aufgrund Corona geschlossen. Ich wollte die sehenswerte Ausstellung jedem Comic- und Kunstinteressierten ans Herz legen. Was nun bleibt, ist ein virtueller Streifzug durch diese Ausstellung.
Der französische Comiczeichners und Szenaristen Jean Giraud (1938–2012) ist unter dem Namen Moebius international bekannt geworden. In Brühl war die bisher umfangreichste Ausstellung zum Werk dieses Multitalents zu sehen. Moebius erforschte die Sphären der Träume und der Science-Fiction und inspirierte zahlreiche Filme etwa von George Lucas, Ridley Scott oder Hayao Miyazaki. In der Ausstellung hingen beispielsweise verschiedene Entwürfe von Abyss, die aber aus rechtlichen Gründen leider nicht fotografiert werden durften.

Bei Moebius verschwimmen die Grenzen zwischen Comicstrip und bildender Kunst. In seinen Geschichten treffen utopische Architekturen und futuristische Megametropolen auf Wüstenlandschaften und schamanistische Reisen durch Raum und Zeit.
Die Ausstellung widmete sich dem umfangreichen Werk von Moebius in thematisch gegliederten Bereichen: Ausgehend von grundlegenden Ideen in seinen Notizbüchern („Carnets“) über kolorierte Zeichnungen, Comicfolgen, abstrakte Gemälde bis hin zu populären Druckgrafiken und Objekten wird das Spektrum seiner Zeichenkunst ausgebreitet.

Moebius erfand und entwickelte über Jahre hinweg ikonische Figuren wie den stummen Krieger Arzak, Major Grubert, John Difool aus L’Incal (zusammen mit Alejandro Jodorowsky) oder die Raumfahrer Stell und Atan. Mit ihnen zusammen lässt er auch die Betrachtenden in die unendlichen Welten seiner Imagination reisen. Außerdem malte Moebius abstrakte Kompositionen, die aufgrund ihres ungewöhnlichen Formenrepertoires und der zeichnerischen Dichte eine eigenständige Werkgruppe bilden.
Die Ausstellung widmete sich Jean Girauds umfangreichem Schaffen. Sie versammelte rund 450 Arbeiten aus dessen zumeist unter der Signatur „Moebius“ entstandenen Bildgeschichten und ordnet sie verschiedenen Themenbereichen zu (wie »Natur und Metamorphose«, »Der Traum vom Fliegen und Fallen«, »Die innere Wüste und ihre Darstellung«, »Wanderer zwischen den Welten« oder »Die Utopie kolorierte Zeichnungen, szenisch gegliederte Comicfolgen, Skizzen, abstrakte Gemälde bis hin zu populären Druckgrafiken und Objekten wird das Spektrum seiner Zeichenkunst ausgebreitet.

Begleitend zur Ausstellung erschien ein Katalog mit 272 Seiten, über 260 Abbildungen und Beiträgen von Patrick Blümel, Isabelle Giraud, Jean Giraud, Achim Sommer, Friederike Voßkamp und Jürgen Wilhelm. Er ist als gebundene, zweisprachige Museumsausgabe (Deutsch/Englisch) zum Preis von 49,90 € erhältlich. Ich kann diesen Katalog ausdrücklich empfehlen.

Zu den acht Themenbereichen in der Ausstellung gibt es je ein großformatiges Foto an den Wänden, das sich mit dem Smartphone und der Augmented Reality App Artivive digital animieren lässt. Die interaktive App lässt sich kostenlos im Google Playstore und im Apple iTunes Store downloaden.

Natur und Metamorphose
„Wir wandeln uns kontinuierlich, meist in Reaktion auf verschiedenste Reize, sichtbare wie unsichtbare, innere wie äußere, die zu einer Bewegung des Lebens, einer physischen und psychischen Metamorphose in uns führen. Für mich ist das Prinzip der plastischen Metamorphose, das meine Zeichnungen prägt, kein Fetisch oder zeichnerischer Einfall, sondern ein Sinnbild für den Wandel, der sich in unserem Inneren fortwährend vollzieht.“

Spiritualität und Alchemie
„Man sollte sein ganzes Leben damit verbringen, alle Facetten des eigenen Seins und Wesens zu entdecken und alles, was es darstellt: Feuer, Luft, Erde und Wasser, die Grundelemente, aber auch die animalischen und gefühlsmäßigen Archetypen, sowie insbesondere den physiologischen Funktionstypus. Gleichermaßen die mehr engelhaften Strukturen.“

Der Traum vom Fliegen und Fallen
„Die eigentliche Geburtsstunde von Moebius als einem etablierten Phänomen schlug mit Arzach. Als Junge hat mich im Alter von etwa 14 oder 15 Jahren die Entdeckung der Science-Fiction ungeheuer beeindruckt. Inzwischen ist sie Teil meiner Bildsprache und meines geistigen Gemeinguts, und das ganz spontan. So ähnlich verhielt es sich mit dem Western auch. Western und Science-Fiction kamen dann zusammen: Das in Arzach beschriebene Universum ähnelt in starkem Ausmaß einer Art imaginärem Wilden Westen, versetzt auf einen nicht weniger imaginären Planeten. Mit der Figur des Gestalt mit hoher phrygischer Mütze in Kegelform, versehen mit Ohrlaschen und Mützenschirm. Ihr wurde Tribut gezollt, indem es verschiedene Versionen, Wiederholungen, subtile Veränderungen gab, die hinzukamen und für eine Weiterentwicklung des Charakters sorgten: Mal war er richtiggehend bösartig und beängstigend, extraterrestrisch und reptilienhaft. Dann wieder gab er sich engelsgleich. Oder er warf sich in symbolisch aufgeladene Posituren, entlehnt von den Präraffaeliten oder dem Darstellungskanon klassischer griechischer Statuen. Er wurde ein Mann, androgyn, eine Frau. So hat sich die Persönlichkeit von Arzac im Laufe der Jahre leicht gewandelt. Es gab eine Zeit, da wurde er sogar zum Starwatcher.“

Die innere Wüste und ihre Darstellung
„Ich hatte wirklich ein inniges Verhältnis, eine ganz starke Neigung zur Wüste, vor allem zur nordamerikanischen, die sehr eigentümlich ist, ab und an getupft mit in regelmäßigen Abständen wachsenden Grasbüscheln, mit Kakteen, die wie reglose Wesen dastehen, und Felsblocken in unwirklichen, fast schon organischen Formen.“

Wanderer zwischen den Welten
„Mein Ausgangspunkt liegt in der Science Fiction der 1960er Jahre und ihren vorherrschenden Theorien rund um die Zeit: Alle kreisen um die Idee, dass Zeit in verschiedene Ströme unterteilt werden kann, dass jeder Moment zu jedem Zeitpunkt zahlreiche Möglichkeiten birgt. Diese Zeitströme trocknen aus oder laufen weiter, sie finden allerdings immer gleichzeitig statt. Ich habe das aber immer in einem sehr literarischen, traumähnlichen Licht betrachtet: So als ob wir im Traum dazu in der Lage sind, Tangenten zwischen diesen verschiedenen Zeiten und Räumen zu betreten.“

Abstraktionen
„Eines der Abenteuer der zeitgenössischen Kunst besteht darin, in den Teil seiner selbst abzutauchen, der nicht vollständig belegt ist von sozialer Domestizierung, Höflichkeitsformen und der Notwendigkeit, in einer komplex strukturierten Gesellschaft zu überleben. Beim Betrachten lösen die kleinformatigen Werke ungeheuer starke Gefühle in mir aus, weil ich unmöglich erkennen kann, was sie darstellen.
[Es gibt] Momente, da denkt man, das ist organisch, könnte aber auch mineralisch sein, vielleicht ja Basaltablagerungen oder halbtransparente Steine, in Lehmkrusten eingeschlossene Schmucksteine, mit Luftblasen, zwiebelförmigen Einschlüssen, teils auch Schlangen, allerdings mit keinen echten, denn sie besitzen keine Schuppen, bilden vielmehr röhrenartige Formen, so genau lässt sich das nicht sagen. Vielleicht sind es auch Organe.“
„Das ist nichts weiter als eine chaotische Anordnung völlig beliebiger Formen. Und dann, im Bestreben, Elemente auszumachen, manövriert man sich allmählich in eine ausweglose Situation und stellt sich die Frage: Was mag das wohl sein? Also beginnt man, Formen zusammenzuführen, sie zu schließen, manche von ihnen auch zu erweitern, aber nicht so sehr aus einem Abenteuergeist heraus als vielmehr im Bemühen um Strukturierung, um Einordnung, um Sinnstiftung, um einen ästhetischen Sinn, der natürlich meinem eigenen Geschmack entsprechen soll, denn ich möchte mich nach keiner Schule richten.

Da bin ich dann in der Blase meiner vollständigen persönlichen Zufriedenheit, egoistisch, dem Egoismus verfallen, total. Aber stets mit der Fähigkeit, diese seltsame Ursuppe in etwas durchaus Lebendiges für diejenigen zu verwandeln, die sie betrachten und sich sagen: ›Eigenartig ist das schon, aber da steckt etwas dahinter, denn es ist gut gemacht. Man sieht, das ist in sich stimmig, das passt.
Das ist genauso, wie es sein soll.‹ Was aber dort dargestellt ist, weiß man nicht. Etwas nicht Erkennbares, dafür aber wiedergegeben in vollendeter Weise. Das finde ich wunderbar. Vergleichbares findet sich etwa auch in der Arbeit der Surrealisten, im Bereich der Literatur und bei Texten. Die großen Dichterinnen und Dichter dieser Zeit experimentierten in diese Richtung. Den Automatismus erhoben sie zu ihrem Ausgangspunkt und schauten dann, in welchem Abenteuer sie gelandet waren. Sie kamen aus der Taucherglocke hervor und ließen – schwupp – den Schmetterling fliegen. Das gefällt mir.“

Die Utopie des Wunderbaren
„Ich denke, dass meine Kunst mein Leben widerspiegelt, und nicht umgekehrt, so wie das bei anderen Künstlern der Fall ist. Deren Leben spiegelt ihre Kunst wider. Aber das ist nichts für mich, obwohl es sehr verlockend sein kann. Es war eine bewusste Entscheidung, und für mich eine sehr große Ent- scheidung, da mein Leben in gewisser Weise zu einer Reflektion meiner Kunst wurde.“

Der doppelte Mensch
„Ich bin ein Anhänger der kontrollierten Schizophrenie. Die Schizophrenie ist ein vollkommen positiver menschlicher Zustand. Man beginnt, sie Schizophrenie zu nennen, wenn es entgleist, wenn man es nicht mehr kontrolliert. Dann wird es zu etwas, was man behandeln muss. […] Die Schizophrenie, das heißt, die Fähigkeit, getrennte, unterschiedliche Register in sich zu haben und sie zu nutzen, nicht um zu manipulieren, sondern um das zu tun, was man zu tun hat, um in der Welt zu überleben, das ist essentiell.“

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