Müssen Lehrer digitale Kompetenzen vermitteln? Digitalisierung in der Schule

Ich will mich nicht an einem allgemeinen Lehrerbashing beteiligen, aber ernst nehme ich die aktuelle Umfrage von Microsoft schon. In punkto Digitalkompetenz stellen deutsche Schüler ihren Lehrern ein schlechtes Zeugnis aus: Nur acht Prozent halten die Mehrheit ihrer Lehrer für sehr kompetent im Umgang mit digitalen Medien. Lediglich 17 Prozent der Schüler fühlen sich von ihren Lehrern auf die Anforderungen einer digitalen Arbeits- und Lebenswelt vorbereitet.

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Ich bin in der Regel zwei Tage pro Woche an deutschen Schulen mit meinen Schulungen zur Medienkompetenz unterwegs. Dort unterrichte ich Schüler, Lehrer und Eltern zu diesem wichtigen Thema. In der Vorbereitung spreche ich immer wieder mit Direktoren zum Thema Digitalisierung. Ich kann die Ergebnisse der Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag von Microsoft bestätigen. Demnach sind Lehrer zwar zunehmend bereit, digitale Medien im Unterricht einzusetzen, schöpfen die Möglichkeiten neuer Technologien jedoch längst nicht voll aus. Allerdings muss auch gesagt werden: Die Digitalisierung als Vorbereitung für die digitale Arbeits- und Lebenswelt steht nicht auf dem Lehrplan der Schulen. Insoweit ist die Kritik der Schüler zwar verständlich, aber nur bedingt gerechtfertigt. Die Frage in der Umfrage von Microsoft ist damit falsch gestellt.
Aber Microsoft hat vollkommen recht, wenn das Unternehmen schreibt: „Bildung ist die Voraussetzung für ein Digitales Wirtschaftswunder.“ Es ist richtig: Schon bald erfordern rund 90 Prozent aller Berufe digitale Kompetenzen, betont die EU-Kommission. Darauf muss sich unser Bildungssystem einstellen und Schülern das notwendige Rüstzeug vermitteln. Lehrer spielen hier eine Schlüsselrolle. Aber Leute, die Lehrer müssen den Lehrplan durchbekommen. Wichtiger wäre, die Lehrpläne der einzelnen Kultusministerien in Richtung Digitalisierung zu reformieren.
Doch wie gut können Lehrer diese Digitalisierung im Moment ausfüllen? Dazu hat das Meinungsforschungsinstitut YouGov im Auftrag von Microsoft 500 Schüler aller Altersklassen befragt. Demnach setzen immerhin 69 Prozent der Lehrer mehrmals pro Woche digitale Medien im Unterricht ein, und 59 Prozent der Schüler sagen, dass ihre Lehrer zunehmend zum Einsatz digitaler Medien im Unterricht bereit sind. Das bedeutet jedoch nicht das Ende der „Kreidezeit“. 58 Prozent der Schüler finden, dass Lehrer ihren Unterrichtsstil kaum oder gar nicht verändern, wenn sie mit digitalen Medien arbeiten. Und nur 28 Prozent sagen, dass Lehrer ihnen helfen, selbständig den Umgang mit digitalen Medien zu lernen.

Mehr Kreativität im Umgang mit digitalen Medien
„In der Lehrerausbildung muss mehr Gewicht auf den kreativen Umgang mit neuen Technologien gelegt werden“, fordert Renate Radon, Senior Director Public Sector und Mitglied der Geschäftsleitung bei Microsoft Deutschland. „Digitale Medien ermöglichen lebendigere Lernerfahrungen, nachhaltigere Lernerfolge und vor allem auch eine Individualisierung des Lernens. Damit könnten digitale Technologien viel zur Motivation der Schüler und letztlich zu mehr Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit in Deutschland beitragen.“ Da hat MS völlig recht, aber die Realität in deutschen Lehrplänen sieht leider anders aus.

Ein neues Rollenverständnis für Lehrer
Lehrer sind durchaus digital affin, meint Prof. Dr. Stefan Aufenanger, Professor für Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik an der Universität Mainz, doch es fehlt vielfach an Sensibilität für das Potential neuer Technologien. Er fordert deshalb einen höheren Stellenwert der Didaktik in der Hochschule und ein neues Rollenverständnis von Lehrern: „Letztlich geht es nicht um ‚Lernen mit neuen Medien‘, sondern um ‚neues Lernen mit Medien‘. Dabei muss sich die Rolle des Lehrers vom Wissensvermittler hin zum Begleiter individueller Lernprozesse wandeln“, so Aufenanger. Auch sollten sich nach seiner Meinung Lehrer untereinander viel mehr vernetzen und austauschen. Damit hat auch Miriam Gronert, Lehrerin an der Gesamtschule im Gartenreich, Oranienbaum-Wörlitz, sehr gute Erfahrungen gemacht. Sie vermittelt ihren Schülern Unterrichtsinhalte auch über Social Media Kanäle, per Skype oder mit Computerspielen, ist mit digital-affinen Kollegen auf der ganzen Welt vernetzt und schreibt einen Blog über ihre Unterrichtserfahrungen. Die eigene Präsenz im Netz verleihe ihr gegenüber ihren Schülern durchaus mehr Glaubwürdigkeit, meint Gronert. Anderen Kollegen trauen Schüler nicht so viel zu: Laut YouGov-Umfrage sagen 71 Prozent, dass sich ihre Lehrer nicht mit Social Media auskennen, 62 Prozent meinen, dass ihre Lehrer kein Smartboard bedienen können. Generell halten 43 Prozent der Schüler ihre Lehrer für wenig oder gar nicht kompetent im Umgang mit neuen Medien.

Kognitive Grundlage für die Gesellschaft 4.0
Die Bedeutung digitaler Bildung nicht nur für den Einzelnen, sondern für die gesamte Gesellschaft betont Dr. Irene Seling, stellvertretende Abteilungsleiterin Bildung/Berufliche Bildung bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Ihr ist es wichtig, dass die kognitive Grundlage gelegt wird, um den Wandel zur Industrie 4.0 und zur Gesellschaft 4.0 erfolgreich zu meistern. Beim Thema bessere Bildung und lebenslanges Lernen besteht nach ihrer Ansicht „noch ein erheblicher Qualifizierungs- und Anpassungsbedarf auf allen Stufen des Bildungssystems“. Das empfinden auch die Schüler so: Nur 17 Prozent fühlen sich von ihren Lehrern auf die Anforderungen der digitalen Arbeits- und Lebenswelt vorbereitet.

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4 Antworten to “Müssen Lehrer digitale Kompetenzen vermitteln? Digitalisierung in der Schule”

  1. damianduchamps Says:

    Im großen Ganzen stimmt das Bild, welches die Studie von Microsoft zeichnet. Leider hat sich in den letzten Jahren auch nicht wirklich viel geändert. Ich denke schon, dass Lehrer digitale Kompetenzen vermitteln müssen. Wo bitte soll es denn sonst geschehen? Wer Auto fahren möchte, geht in die Fahrschule und macht den Führerschein. Anschließend wendet er seine erworbenen Kompetenzen im Straßenverkehr an und erweitert sie in der Praxis fortlaufend. Nicht viel anders verhält es sich mit den digitalen Kompetenzen. Sie werden in der Schule vermittelt als Instrumente, individuelle Lernwege zu gestalten, sich die Welt anzueignen, sein Leben zu gestalten und an der Gesellschaft teilzuhaben. Ein Unterschied zur Analogie mit dem Auto fahren und den Fahrstunden besteht jedoch darin, dass die erworbenen digitalen Kompetenzen in der Schule bereits praktisch eingesetzt werden, um damit andere Kompetenzen zu erwerben. In der Fahrschule dient das Fahren hingegen lediglich dem Üben und nicht wirklich, um eine Person von A nach B zu befördern. Schüler erwerben digitale Kompetenzen und nutzen sie, um sich Wissen und andere Kompetenzen anzueignen, wobei sie gleichzeitig ihre digitalen Kompetenzen erproben und erweitern.
    Viele Lehrer in unseren Schulen haben leider noch nicht verstanden, welchen Stellenwert digitale Kompetenzen tatsächlich haben. Für sie reduzieren sich die oft noch immer als „neue Medien“ digitalen Werkzeuge auf sehr wenige Inhalte. Völlig überdimensioniert ist dabei das Thema Prävention. Ein Grund dafür liegt vermutlich auch in der sehr mangelhaften digitalen Kompetenz vieler Lehrkräfte. Für sie ist das Thema oft angstbesetzt und man fürchtet Kontrollverlust. Was von der anderen Seite übrig bleibt, wenn grundlegende Techniken wie Textverarbeitung und Tabellenkalkulation und vielleicht auch noch die Recherche im Internet, eventuell auch noch das Thema Präsentationen. Dass es aber nicht nur um die Substitution traditioneller Medien wie Stift und Heft und Tafel geht und auch nicht um den vielfach beschworenen Mehrwert, den so viele gar nicht erkennen können, das ist vielen überhaupt nicht klar. Eine große Zahl von Lehrkräften nutzt digitale Werkzeuge zu Hause zur Vorbereitung des Unterrichts. Aus der Schule möchte man sie aber am liebsten fernhalten, wie auch das beliebte Streitthema Smartphone-Verbote in der Schule zeigt.
    Keiner käme wohl heute auf die Idee, Autos verbieten zu wollen, weil sie gefährlich sind, weil es jedes Jahr unzählige Verkehrstote gibt. Wäre das der Fall, hätten wir in Deutschland sicher viele Städte, die Autoverbote aussprechen würden. Würden Lehrkräfte die tatsächlichen Dimensionen der digitalen Kompetenzen für das Leben ihrer Schülerinnen und Schüler erkennen, und würden sie darüber hinaus auch noch die Unterstützung erfahren, die sie benötigen, um diese digitalen Kompetenzen der Schule zu vermitteln und gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern zu nutzen, dann sähe die Sache sicherlich völlig anders aus. Davon sind wir jedoch leider noch weit entfernt. Und durchschlagende Veränderungen sind allen Lippenbekenntnissen der Politik und diversen Initiativen zum Trotz in naher Zukunft nicht zu erwarten.

  2. Florian Roßmeisl Says:

    Digitale Kompetenzen gehören für mich ebenso wie Kompetenzen in Lesen, Schreiben und Rechnen zum Handwerkszeug was ein Mensch jeden Tag braucht.
    Aber unter digitalen Kompetenzen verstehe ich jetzt mehr als nur ein iPhone zu haben und damit Bilder zu machen und diese per WhatsApp zu verschicken. Für mich gehören auch Kenntnisse in einer Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationssoftware dazu, aber auch Kenntnisse im Umgang mit Internet und Sozialen Netzwerken. Was für mich nicht dazugehört sind Kenntnisse in Programmierung, Hardware und Betriebssystemen. Das ist meiner Ansicht nach eine Aufgabe für Spezialisten.
    Die Schwierigkeiten mit den digitalen Kompetenzen in der Schule ist meiner Ansicht nach nicht das Vermitteln der Kompetenzen. Dazu gibt es genügend Lehrer, die sich privat für sowas interessieren bzw. eine IT-Technische Weiterbildung haben. Die Schwierigkeit ist die Kompetenzen auch zu pflegen und immer wieder zu fordern. In der Schule ist man jeden Tag gefordert zu Lesen, zu Schreiben und zu Rechnen. Dadurch denkt man über diese Kompetenzen nicht mehr weiter nach, sondern jeder hat dafür einen Automatismus entwickelt.
    Aber wann werden die digitalen Kompetenzen gefordert? Im Frontalunterricht mit Sicherheit nicht.
    Daher bedeutet für mich eine verstärkte Digitalisierung an den Schulen auch ein Umdenken in den Unterrichtsformen. Gibt genügend Fächer, wo die Schüler sich durch den Einsatz neuer Medien sich selber was erarbeiten können.

  3. Vernetzung virtuell und real | GiGantisch Says:

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